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Veröffentlicht am 08.07.2018

Persönliche Entscheidungen lenken deinen Weg

Das weibliche Prinzip
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„Wenn sie für das kämpfen, was ihnen wichtig ist, werden sie auf Widerstände stoßen, und das kann nicht nur verstörend sein, sondern auch dafür sorgen, dass sie aus der Bahn geworfen werden. ...

„Wenn sie für das kämpfen, was ihnen wichtig ist, werden sie auf Widerstände stoßen, und das kann nicht nur verstörend sein, sondern auch dafür sorgen, dass sie aus der Bahn geworfen werden. Die Wahrheit lautet, dass sie nicht nur Zustimmung ernten werden.“


Inhalt


Die junge Studentin Greer Kadetzky, die selbst ihren Weg im Leben sucht, da ihre Eltern für sie keine Vorbildfunktion haben, begegnet der charismatischen Feministin Faith Frank, die eine Vorreiterin der Frauenbewegung ist und mit Herzblut für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts kämpft. Tatsächlich gelingt es Greer mit der im Rahmenlicht stehenden Faith Kontakt zu knüpfen und kurze Zeit später erhält sie sogar die absolut fantastische Möglichkeit, für ihr Idol zu arbeiten. Faith Frank arbeitet nun für eine Stiftung, die Frauen aus ihrer sexuellen Abhängigkeit holt und ihnen zeigt, wie man mit ganz normaler Arbeit auf eigenen Beinen stehen kann. Greer schreibt Reden und hält diese auch selbst, voller Freude und Engagement ist sie bei der Sache, bis sie einen heißen Tipp bekommt, dass die Finanzierung des Projektes Unregelmäßigkeiten aufweist und längst nicht mehr die ausgebeuteten Frauen im Fokus stehen, sondern nur der Profit. Desillusioniert und betreten trifft Greer eine eigene Entscheidung und stellt dabei fest, dass auch große Vorbilder keinen Heiligenschein tragen.


Meinung


Dieser aktuelle Roman aus der Feder der amerikanischen Schriftstellerin Meg Wolitzer ist mein erstes Buch von ihr. Bereits die Vorgängerromane haben mein Interesse geweckt und ich wollte nun endlich einmal herausfinden, welche Art der zeitgenössischen Belletristik mich erwartet. Doch zugegeben, „Das weibliche Prinzip“ hat meinen Lesegeschmack nicht ganz getroffen. Die Geschichte an sich klingt sehr vielversprechend, allein weil es faszinierend ist, jungen Menschen beim Finden ihrer eigenen Überzeugung zuzuschauen, auch weil es spannend ist, sie durchs Leben zu begleiten und ihre Entscheidungen wahrzunehmen – doch die Umsetzung hier, brachte mir zu wenig Dynamik, eine nur geringe innere Beteiligung und streckenweise sehr langatmige Passagen, die mich dazu verleitet haben, das Buch immer wieder beiseite zu legen und andere Schmöker vorzuziehen. Der Funke ist bis zuletzt nicht übergesprungen und es ist mehr dem vielschichtigen, erzählendem Schreibstil zu verdanken, dass ich drangeblieben bin, als der Erzählung an sich.


Der Ansatz von Meg Wolitzer konzentriert sich auf das Menschsein in der reinsten Form. Deshalb ist es auch nicht Greer allein, die hier als Hauptprotagonistin auftritt, sondern auch Faith und darüber hinaus noch Greers Freund Cory und ihre Kommilitonin Zee. Jeder hat gute und weniger gute Charakterzüge, alle handeln gleichbleibend menschlich und treffen weise aber auch falsche Entscheidungen. Es gelingt ihnen, sich im Leben zurechtzufinden und mit mehr oder weniger Einsatz, ihren Platz zu behaupten. Dazu nutzt die Autorin viele kleine Nebenhandlungen, die sich mit den jeweiligen Personen beschäftigen, die aber auf mich einen zerfaserten, unsteten und unbestimmten Eindruck hinterlassen. Cory trifft ein persönlicher Schicksalsschlag, Zee wird sich ihrer Homosexualität bewusst, Faith kämpft mit dem fortschreitenden Alter und Greer sieht ihre einstigen Wunschvorstellungen und Überzeugungen davondriften. Was nach Unzufriedenheit klingt, ist nichts anderes als der Lauf des Lebens, den alle erfahren und mit dem sie unterschiedlich umgehen.


Der Autorin gelingt es, mit einprägsamen Sätzen und einer guten Übersichtsstruktur die verschiedenen Charaktere in diversen Lebensphasen zu zeichnen, alles wirkt überaus realistisch und nachvollziehbar, doch leider empfinde ich beim Lesen kaum emotionale Beteiligung, die Banalität der Handlung und die vielen Hochs und Tiefs wirken so mühsam und langatmig auf mich, dass ich mir hin und wieder ein kleines Highlight gewünscht habe, doch vergebens. Greer Kadetzky und ihre ganz persönliche Entwicklung konnte mich einfach nicht fesseln.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne (die ich dennoch eher auf 3 reduziere) für einen Roman, der sich vielschichtig mit wichtigen Lebensfragen auseinandersetzt. Thematisch findet man emanzipierte Frauen, hohe Idealvorstellungen, bittere Enttäuschungen und einiges an Lebensweisheit, die sich mit den entsprechenden Erfahrungen manifestiert. Dennoch, dieses Buch war vielleicht nicht das richtige Stück Literatur zur richtigen Zeit für mich. Der Handlung hätte ich mehr Entwicklungspotential, mehr Emotionalität und eine striktere, bissigere Erzählweise gewünscht. So blieb das Buch ein durchschnittliches Leseerlebnis. Dennoch werde ich gerne noch mindestens ein anderes Werk von Meg Wolitzer zur Hand nehmen, weil es doch die Erzählung selbst war, die mich nicht überzeugt hat, weniger die Erzählstimme.

Veröffentlicht am 24.06.2018

Die moralische Einsamkeit im ewigen Eis

Nordwasser
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„Der Bär schnaubt, sein heißer Atem streicht über Sumners Gesicht und Lippen. Einen Moment lang spürt Sumner Angst, und im Kielwasser, als die Angst nachlässt und ihre Kraft verliert, einen unerwarteten ...

„Der Bär schnaubt, sein heißer Atem streicht über Sumners Gesicht und Lippen. Einen Moment lang spürt Sumner Angst, und im Kielwasser, als die Angst nachlässt und ihre Kraft verliert, einen unerwarteten Anflug von Einsamkeit und Bedürftigkeit.“


Inhalt


Der Walfang vor Grönland hat schon bessere Zeiten erlebt, dennoch begibt sich die Volunteer auf eine gefährliche Expedition ins ewige Eis, um Wale, Robben und Eisbären zu jagen, deren Rohstoffe sie in der britischen Heimat zu Geld machen können. Die Mannschaft diesmal ist nicht zimperlich, die Männer an Bord alle erfahren und bar jeglicher Illusion. Nur der Arzt Patrick Sumner, passt nicht so recht ins Bild. Unehrenhaft würde er aus der Armee entlassen und heuert nun an, um überhaupt wieder eine Beschäftigung zu haben. Doch in der kargen Eiswelt angekommen, wird ihm schnell klar, dass seine Vorstellungen über mögliche Zwischenfälle und menschliche Entbehrungen, viel zu gering angesetzt waren. Denn nicht nur das grausame, kräftezehrende Töten der Beute, gehört zum rauen Alltag, sondern auch Hungergefühl, die frostige Luft, die unwirtliche Lebensweise und damit einhergehende Erkrankungen. Aber was sich als wesentlich fataler herausstellt, ist die Tatsache, dass sich ein Mörder an Bord des Schiffes befindet. Ein Mann, fähig zu absonderlicher Gewalt und Heimtücke, gewissenlos und brutal. Und Sumner ist nicht nur der Außenseiter, sondern auch der einzige Gerechtigkeitsfanatiker an Bord. Die Frage ist nur, wer ihm dort oben unterstützen könnte, insbesondere, nachdem die Mannschaft in Seenot geraten ist, und nur noch das Sterben oder Überleben die Gedanken der Männer beherrscht …


Meinung


Dieser Roman aus der Feder des britischen Autors Ian McGuire, wurde 2016 für den Man Booker Prize nominiert und konnte mich von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur fesseln und schockieren, sondern ebenso gut unterhalten und mehr und mehr begeistern. Eigentlich bietet er nicht nur einen ausgereiften Plot, mit ausreichend dramatischen Elementen, die allein durch die Kraft der Naturgewalt erzeugt werden, sondern vor allem ein ausgereiftes psychologisches, teilweise sogar philosophisches Betrachten der menschlichen Verhaltensweisen jenseits der Zivilisation. Mit unerschütterlichem Willen, dem Ablegen der Menschlichkeit, dem Vermissen jedweden Mitgefühls sieht sich hier der Leser konfrontiert. Die Männer verhandeln nicht mehr, sie zögern nicht, sie lügen, töten und lassen alles hinter sich. Denn wer sollen schon ihre Rächer sein, wenn sie befürchten, niemals wieder in die Heimat zurückzukehren?


Zwei Dinge machen diesen historisch inspirierten Pageturner zu etwas ganz Besonderen. Zum einen ist es die plastisch beschriebene Kulisse im lebensverachtenden Packeis jenseits menschenfreundlicher Bedingungen, zum anderen die klassische Einteilung, die sich gezielt mit dem Protagonisten und dem Antagonisten beschäftigt und ihnen ganz typische Charaktereigenschaften gibt. Nichts weiter als der ewige Kampf zwischen Gut und Böse steht hier im Zentrum der Erzählung und mit ihm die vielschichtigen Möglichkeiten, wer hier welche Untaten zu verantworten hat, oder seiner Schuld möglicherweise für immer entkommen kann.


Selten hat mich dieses Thema so gepackt wie in diesem Buch, welches sich stellenweise regelrecht zum Thriller mausert und dann doch wieder in die gedanklichen Spuren einer erfundenen Handlung wechselt. Dennoch empfand ich jeden Gedankengang als schlüssig und nachvollziehbar und während des Lesens hat mich oft die Frage beschäftigt, ob es nicht einfacher wäre, sich einfach hinzulegen und mit der Kälte zu verschmelzen oder ob der Kampf bis zum letzten Atemzug tatsächlich die Starken von den Schwachen trennt.


Fazit


Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne und habe hier ein echtes Lesehighlight gefunden, welches ich wärmstens weiterempfehlen möchte. Der Roman mag brutal, grausam und sehr maskulin wirken, doch vor allem einprägsam und mit einer überraschend andersartigen Erzählung. Ein spannender Mix aus Fiktion, Historie und Psychologie. Düstere Geheimnisse, menschliche Verfehlungen, und das Glück der Tüchtigen erscheint ebenso diskussionswürdig wie bösartige Menschen, korrupte Zeitgenossen und hungrige Bären. Möge der Stärkere gewinnen!

Veröffentlicht am 21.06.2018

M.A.R.Y.

Die Farbe von Milch
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„Aber ich habe mir geschworen die Wahrheit aufzuschreiben und die Dinge wie sie passiert sind. Das werde ich tun. Und mein Haar hat die Farbe von Milch.“


Inhalt


Mary wächst als die jüngste von insgesamt ...

„Aber ich habe mir geschworen die Wahrheit aufzuschreiben und die Dinge wie sie passiert sind. Das werde ich tun. Und mein Haar hat die Farbe von Milch.“


Inhalt


Mary wächst als die jüngste von insgesamt 4 Töchtern auf einem Bauernhof auf. Von Kindesbeinen an sind die Mädchen harte, körperliche Arbeit gewöhnt. Im Sommer des Jahres 1831 bekommt Marys Vater aber ein verlockendes Angebot: Eine seiner Töchter soll im Haushalt des Pfarrers ihren Dienst antreten und bekommt dafür Kost und Logis gestellt, der Vater nimmt freudestrahlend an und schickt seine Jüngste, ist sie es doch die seit der Geburt eine körperliche Behinderung hat und auf dem Hof ohnehin nicht jede Arbeit so schnell und gut erfüllen kann, wie er es sich erhofft. Im Haushalt von Mr. Graham wird es Marys Aufgabe, sich um die herzkranke Frau des Pfarrers zu kümmern und den Haushalt zu organisieren. Gemeinsam mit der der Zugehfrau Edna arrangiert sie sich irgendwie, obwohl sie sich von Anfang an nicht wohl fühlt. Als nach kurzer Zeit im Dienst der Familie Graham die Pfarrersfrau verstirbt, entlässt Mr. Graham die zweite Angestellte, behält aber Mary bei sich. Und schon bald schrubbt sie nicht nur die Böden, poliert das Geschirr, kocht das Essen und wäscht die Sachen, sondern muss es auch ertragen, dass der gottesfürchtige Hausherr jeden Abend in ihr Zimmer kommt und sich zu ihr legt …


Meinung


Die englische Autorin Nell Leyshon thematisiert in ihrem zweiten Roman den Missbrauch Schutzbefohlener, in einer Zeit, in der Begriffe wie Recht und Unrecht nicht für alle Personen, nicht für alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen verfügbar waren. In diesem Roman zeigt sie nicht nur, wie das alltägliche Leben auf einem ganz normalen Bauernhof aussah, sondern auch, welche Willkür den Menschen - den Kindern insbesondere - jeden Tag widerfahren ist. Dabei geht sie darauf ein, wie abgebrüht und objektiv die Heranwachsenden die Welt um sich herum wahrnehmen, ohne gegen die Umstände, in denen sie aufwachsen zu rebellieren. Denn es fehlt nicht nur an Alternativen, sondern im Wesentlichen auch an Bildung und Entwicklungschancen. Für die Protagonistin Mary entsteht dadurch ganz schnell und ohne ihr Einverständnis ein ungesundes Abhängigkeitsverhältnis. Denn egal, wie sehr sie auch Mr. Graham verachtet, er ist es, der ihr das Lesen und Schreiben beibringt und diese Möglichkeit erfüllt sie mit innerer Zufriedenheit, mit Stolz und einer Einzigartigkeit, die sie sich um alles in der Welt wünscht. Dafür erträgt sie lange, was sie nicht ändern kann und redet sich ein, dass ihr Aufenthalt im Hause Graham einem höheren Zweck dient.


Dennoch konnte mich dieser intensive Roman nicht vollends überzeugen. In erster Linie schreibe ich das der sehr einseitigen Erzählperspektive zu, die darüber hinaus so schlicht und einfach gehalten ist, wie es sich wohl für ein Bauernmädchen des 19. Jahrhunderts gehört. Denn Mary selbst ist es, die den Leser durch ihre persönliche Geschichte führt und ihn alle Umstände aus erster Hand kennenlernen lässt. Ich hätte mir an dieser Stelle mehr Vielfalt und andere Erzählstimmen gewünscht, weil dadurch vielleicht eine andere Intension entstanden wäre. Gerade die Beweggründe des Mr. Graham bleiben irgendwo zwischen Einsamkeit, Schuldgefühlen und Lebensaufgabe hängen, so dass an dieser Stelle einiges an Interpretatiosspielraum bleibt. Auch die Hauptprotagonistin erscheint mir stellenweise sehr abgebrüht und durch nichts zu schockieren, allerdings weiß ich nicht, ob das an ihren Lebensumständen oder ihrem Charakter selbst liegt.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen eindringlichen, doch ungewöhnlichen Roman, der mit einer klar umrissenen Handlung und einer dominanten Erzählfigur aufwartet und den Leser mit hinein ins Jahr 1831 nimmt und ihm zeigt, wie sich der Alltag einer ungebildeten, ausgebeuteten jugendlichen Arbeitskraft anfühlte. Weder stilistisch noch emotional konnte mich der Text wirklich fesseln, er liest sich gut und schnell, auch eine gewisse Grundspannung kann man ihm nicht absprechen, doch es fehlt einfach das gewisse Etwas, so dass ich hier zur Ansicht gelangt bin, dass sich nicht viel Allgemeingültigkeit, nicht viele Denkansätze nach der Lektüre aufbauen und das ich eine Bewertung des Inhalts unter den heutigen gesellschaftstauglichen Gesichtspunkten nicht vornehmen kann, sie würden Mary und ihrer Lebensgeschichte nicht gerecht werden.

Veröffentlicht am 21.06.2018

Den Lebenstraum träumt man zu Ende

Von Mäusen und Menschen
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George schüttelte sich wieder. „Nein“, sagte er. „Ich will, dass du hier bei mir bleibst.“ Schlau sagte Lennie: „Erzähl mir wie früher!“

„Was soll ich dir erzählen?“ „Über die anderen Kerle und über uns.“


Inhalt


Der ...

George schüttelte sich wieder. „Nein“, sagte er. „Ich will, dass du hier bei mir bleibst.“ Schlau sagte Lennie: „Erzähl mir wie früher!“

„Was soll ich dir erzählen?“ „Über die anderen Kerle und über uns.“


Inhalt


Der einfältige aber bärenstarke Lennie und sein Begleiter George ziehen durchs Land und verdingen sich als Erntehelfer. Lange können sie nicht an einem Ort bleiben, denn Lennie gerät immer wieder in Schwierigkeiten, aus deren Konsequenz ihnen nur die Flucht bleibt. Und George hat es sich zur Aufgabe gemacht, so wie er es seiner verstorbenen Tante versprochen hat, sich um Lennie zu kümmern, selbst wenn das bedeutet, dass er sich nicht frei und ungezwungen bewegen kann, dass er Tag und Nacht den Aufpasser für einen erwachsenen Mann spielt, der allein nicht zurechtkommen würde. Manchmal erfüllt ihn diese Verantwortung mit Schrecken, dann kommt er ihr wieder gerne nach, denn Lennie ist ein herzensguter Mensch, der wenig Ansprüche stellt und sich nur nach Gesellschaft sehnt. Für Lennie hat George einen Lebenstraum entworfen, ein Idealbild, welches eines schönen Tages sicher in Erfüllung gehen wird. Und davon erzählt er ihm immer und immer wieder. Von einem eigenen Stück Land, einer kleinen Farm mit angebauter Scheune, vielen Tieren, auch den weichen Kaninchen und den zutraulichen Hündchen – er und Lennie werden dort leben und alles wird gut. Doch George ist zu sehr Realist um zu glauben, dass dieser Wunsch sich noch umsetzten lässt, nachdem Lennie vollkommen ahnungslos eine mörderische Dummheit begangen hat, und so beschließt er, dass wenigstens Lennie diesen Traum zu Ende träumen darf.


Meinung


Dieses Meisterwerk amerikanischer Erzählkunst aus der Feder des 1968 verstorbenen Autors John Steinbeck war einst Schullektüre und ich habe mich nun erneut an dieser dichten, emotionalen und doch sehr schlichten Erzählung erfreut. Klar wird hier vor allem eins, um eine bewegende Geschichte zu erzählen braucht es nicht viele Seiten, nicht viele Protagonisten, noch nicht einmal ein außergewöhnliches Szenario, sondern in erster Linie das Geschick, sich auf Greifbares zu berufen und Emotionen dort einzufangen, wo sie sinnvoll und nachvollziehbar werden. Und das passiert hier mit leichter Hand und absolut kompromisslos.


Dem Autor gelingt es, klare Sachverhalte zu äußern, diese in einen glaubwürdigen Kontext zu setzen und schließlich nichts weiter zu tun, als die Menschlichkeit und die diversen Charaktereigenschaften Einzelner in einen kleinen Gruppenverband zu integrieren. Und plötzlich ist man mittendrin in einer sinnhaften, aussagekräftigen Geschichte, die betroffen und trotzdem glücklich macht. Dabei streift er unwahrscheinlich viele Themen, ohne ihnen tatsächlich auf den Grund zu gehen. Er beleuchtet Freundschaften, offenbart Loyalitäten, zeigt unveränderliche Verbindlichkeiten und lässt seine Protagonisten vor allem menschlich und fehlbar erscheinen. Ich denke, dieser Gedanke hinter der eigentlich kurzen inhaltlichen Geschichte, die zudem eine willkürliche ist, schenkt diesem Roman seine Bedeutsamkeit.


Nach der Lektüre aber auch währenddessen hatte ich stets das Gefühl, mich gedanklich mit den Inhalten beschäftigen zu wollen, ungesagte Worte auszusprechen und die Beweggründe der handelnden Personen nachvollziehen zu wollen. Und immer wieder erschließt sich ein neuer Gedankengang, mit anderen Aussagen. Wirklich eine grandiose Geschichte, die wahrscheinlich die Interaktion des Lesers mit anderen geradezu fördert und vielleicht deshalb ein optimales Beispiel für interessanten Schulstoff bietet.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen bewegenden Roman, der erst in seiner gedanklichen Fülle zu einer konkreten und doch verbindlichen Aussage führt. Es sind die leisen, verborgenen Zwischentöne, die hier wichtig sind, die wenigen überschaubaren Ereignisse, die gezielte Fokussierung auf eine Art Gruppendynamik und nicht zuletzt die Möglichkeiten, die in jedem Menschen stecken, der nicht nur auf sich selbst fixiert ist, sondern bereit, andere so anzunehmen wie sie sind. Ein wirklich beeindruckendes Buch und ein literarisches Porträt über das Menschsein. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 21.06.2018

Die Philosophie einer aberwitzigen Begegnung

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
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„Du stellst dir das alles ein bisschen zu einfach vor, sagte ich, ein literarischer Text braucht eine Form, eine Folgerichtigkeit, die unser Leben nicht hat, Glück macht keine guten Geschichten.“


Inhalt


Christoph ...

„Du stellst dir das alles ein bisschen zu einfach vor, sagte ich, ein literarischer Text braucht eine Form, eine Folgerichtigkeit, die unser Leben nicht hat, Glück macht keine guten Geschichten.“


Inhalt


Christoph begegnet Magdalena, einer Frau, die er vor zwanzig Jahren geliebt hat, nur das sie immer noch so jung ist wie damals und sich nun Lena nennt. Doch wie er feststellt hat sie einen Freund und der ist kein anderer als sein eigenes jüngeres Ich. Er spricht die junge Frau an und möchte ihr seine Geschichte, die bald auch die ihre sein wird erzählen. Lena hört ihm aufmerksam zu, macht sogar die beiden Männer miteinander bekannt und stellt doch immer wieder fest, dass es zwischen dem Leben ihres Geliebten Chris und jenes fremden Mannes Christoph zwar viele Parallelen gibt, aber auch unüberbrückbare Unterschiede. Christoph schwankt ständig zwischen Unglauben und Sicherheit, zwischen dem Wunsch in das Leben der beiden jungen Menschen einzugreifen, um sich oder vielmehr dem anderen Paar die Chance zu geben dauerhaft miteinander glücklich zu werden. Denn das ist sein größter Verlust an der eigenen Lebensgeschichte, die Trennung von jener Frau, die er einst liebte und eigentlich immer noch liebt. Doch lässt sich das Leben wirklich auf zweite Chancen dieser Art ein?


Meinung


Vergangenes Jahr habe ich mit „Weit über das Land“ mein erstes Buch des Autors gelesen und war davon derart fasziniert, dass ich nun auch voller Neugier in sein aktuelles Buch gestartet bin. Dieser Roman bietet eine sehr ungewöhnliche, experimentelle Sicht auf den Lauf des Lebens und lässt sich auf die Möglichkeit ein, einem Menschen die Chance zu geben, seine vergangenen Entscheidungen durch sein Wissen der Gegenwart zu beeinflussen. Allein dieser angedeutete Handlungsschwerpunkt im Klappentext regt die Fantasie an und lässt eine Unmenge hypothetischer Fragen zu. Durchaus ein Ansatzpunkt, den ich in literarischen Texten zu schätzen weiß.


Nur leider wird schon nach wenigen Seiten klar, dass es diesmal nicht gelingt, meine hohe Erwartungshaltung zu befriedigen, allein schon, weil der Text zu viele Unsicherheiten, zu viele Unvorstellbarkeiten in den Vordergrund rückt. Es hat mich zum Beispiel sehr verstört, dass sich Lena, so ohne weiteres auf dieses Gespräch mit dem Fremden einlässt, das auch der junge Chris, in den Fokus rückt, sich aber überhaupt nicht dafür erwärmt. Auch die Verflechtung der beiden Handlungsstränge Vergangenheit versus Gegenwart wechselt willkürlich und unübersichtlich, oft nur durch die andere Namensbezeichnung abgegrenzt, so dass ich stellenweise Passagen zweimal gelesen habe, weil sich gedanklich ein anderes Bild aufgebaut hatte.


Ganz anders habe ich hingegen den Schreibstil zu bewerten. Ich glaube, der macht vieles wieder gut, was der Inhalt dieses Buches nicht geraderücken kann. Ich mag generell den klaren, schnörkellosen Erzählstil, der aussagekräftige Sätze mit Lebensweisheiten koppelt und sich nicht nur auf die Ebene des Erlebens stellt, sondern gedankliche Schlussfolgerungen des Lesers provoziert. Für mich ist auch dieser zweite Text von Peter Stamm ein wahrer Lesegenuss, der mich auch dazu veranlasst, noch weitere Erzählungen aus seiner Feder kennenlernen zu wollen.


Am meisten vermisst habe ich die psychologische Komponente des Romans, denn dieses Gedankenexperiment lebt doch gerade dadurch, dass sich der Hauptprotagonist Fragen stellt und Antworten sucht. Leider unternimmt Christoph diesen Schritt nicht und sein Verhalten ist für mich unvorstellbar. Seltsam unbeteiligt und sehr frustriert begegnet er seiner obskuren Situation, erlebt eine bunte Gefühlspalette, distanziert sich aber vom Geschehen. Manchmal beobachtet er nur, dann ist er wieder sehr aktiv. Nur Antworten auf seine Fragen sucht er nicht, möchte sie vielleicht nicht finden und ergibt sich betroffen seinen Erinnerungen, die nun nicht mehr ganz ungetrübt sind.


Fazit


Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Roman, der voller Ideen steckt und ein wahres Meisterwerk an Erzählkunst hätte werden können, doch er bleibt im Konjunktiv stecken. Zu wirr, zu aberwitzig, zu wenig überzeugend handelt der Hauptcharakter, auch die Nebencharaktere bleiben seltsam blass und es fehlt eine klare, konkrete Aussage am Ende des Buches. Tatsächlich kann man von „sanfter Gleichgültigkeit“ sprechen, der Titel ist hier Programm, viel wird nicht bleiben vom Inhalt und die Welt dreht sich trotzdem weiter. Mein Interesse an Romanen dieser Art bleibt jedoch entsprechend hoch, weil es die existentiellen Fragen sind, die ich mir nicht nur oft stelle, sondern auf die ich auch gern Antworten bekomme, insbesondere in der Gegenwartsliteratur.