Profilbild von jenvo82

jenvo82

Lesejury Star
offline

jenvo82 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit jenvo82 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.06.2018

Zurück auf den amischen Weg

Tödliche Wut
0

„Aber in diesem Fall geht es vor allem um Kinder, die verloren sind, die durchs Netz fallen, amische wie englische. Manche von ihnen wurden geliebt, manche ignoriert. Anderen wiederum wird von ihren Eltern ...

„Aber in diesem Fall geht es vor allem um Kinder, die verloren sind, die durchs Netz fallen, amische wie englische. Manche von ihnen wurden geliebt, manche ignoriert. Anderen wiederum wird von ihren Eltern oder der Gesellschaft nur Gleichgültigkeit oder Geringschätzung entgegengebracht.“


Inhalt


Kate Burkholder beschäftigt sich in ihrem 4. Fall mit dem Verschwinden mehrerer amischer Jugendlicher in einem begrenzten Radius um ihre Stadt Painters Mill in Ohio. Zunächst gibt es keine Leiche, nur einige verdächtige Tatorte, an denen größere Mengen Blut gefunden wurden. Die Serie der verschollenen Teenager reicht schon etliche Jahre zurück, was Parallelen zum aktuellen Fall aufwirft, denen man nicht mehr problemlos nachgehen kann, weil zum Beispiel Zeugen verstorben sind. Doch Kate setzt alles daran, das Motiv des Entführers herauszufinden, denn die weiblichen amischen Mädchen waren alle sehr aufmüpfig und haben sich über die strengen Regeln der Gemeinde hinweggesetzt. Auf dem Hof der Familie Mast findet sie schließlich eine mögliche Erklärung, doch der Täter, der mittlerweile auch zum Mörder geworden ist, ist ihr schon viel zu nah …


Meinung


Nach wie vor bin ich von dieser Thrillerserie überzeugt, denn es gelingt der Autorin mit jedem neuen Fall einen anderen Aspekt ins Zentrum der Geschichte zu rücken und so wird es für den Leser nie langweilig. Obgleich man sehr schnell die Hintergründe und Zusammenhänge aus vorangegangenen Texten abrufen kann, weil sich gerade in der persönlichen Rahmenhandlung um die Polizistin Kate Burkholder einiges doppelt, erhält jeder Band auch einen individuellen Anstrich, der zum Lesen animiert.

Positiv überrascht hat mich hier ein eher verschlungener Pfad zum tatsächlichen Verbrechen, denn lange ist gar nicht klar, ob es hier um Tötungsdelikte geht, oder eher um das Verschwinden diverser Jugendlicher, die nicht bereit dazu sind, sich den Regeln ihrer Glaubensgemeinschaft zu unterwerfen. Es bleibt auch im folgenden Text eher unblutig, denn hier liegt der Fokus besonders auf den Befindlichkeiten der Jugendlichen, die weder vom Elternhaus die notwendige Unterstützung empfangen, noch dazu in der Lage sind, ohne weiteres ihr Zuhause zu verlassen.

Dieser Gewissenskonflikt, den gerade Kate Burkholder als ehemalige Amische bestens nachvollziehen kann, wirft hier einige Schatten über das ansonsten so idyllische Leben der Gläubigen. Ein Dasein voller Entbehrungen lockt die jungen Leute nicht und wenn sie der Gemeinde den Rücken kehren bedeutet das zwangsläufig den Verlust ihrer familiären Bindungen. Der Aspekt dieser Ausgrenzung lässt diesen Fall sehr wichtig erscheinen, vielleicht auch weil man ihn gut auf andere Lebensumstände übertragen kann, die Jugendliche generell beschäftigen.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen spannenden Thriller, der sehr erfrischend und allgemeingültig daherkommt. Nicht nur die gemächliche Entwicklung der Beziehung zwischen Chief Burkholder und ihrem Kollegen Tomasetti bleibt glaubhaft, sondern auch der Fall an sich. Mir hat der vorliegende Band sogar etwas besser gefallen als der Vorgängerroman „Blutige Stille“, gerade weil hier eher das tägliche Grauen im Vordergrund steht und die Dinge, die Fanatiker bereit sind, ihren Nächsten anzutun. Ich freue mich auf den nächsten Band und empfehle die Autorin mit ihrer Reihe uneingeschränkt weiter, denn die Amischen stecken anscheinend voller Rätsel und Offenbarungen.

Veröffentlicht am 07.06.2018

Das Leben geht einfach weiter

Häuser aus Sand
0

„Als sie ihm die Hand an die Wange legt, überwältigt ihn die Sehnsucht nach damals. Nach dem hier. Nach diesem Augenblick – nach jener Zeit, nach der Hand seiner jungen Frau. Nach Kuwait. Nach allem, was ...

„Als sie ihm die Hand an die Wange legt, überwältigt ihn die Sehnsucht nach damals. Nach dem hier. Nach diesem Augenblick – nach jener Zeit, nach der Hand seiner jungen Frau. Nach Kuwait. Nach allem, was früher war. Denn er weiß, dass der Traum gleich enden und alles in Sekunden vorbei sein wird.“


Inhalt


Erzählt wird hier die Geschichte der wohlhabenden Familie Yacoub, begonnen bei Salma, der Großmutter, die in jungen Jahren ihre Heimat Jaffa verlassen musste. Hinein in das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder, die alle im Laufe ihres Lebens erkennen müssen, dass sie die Heimat, mit der sie sich verbunden fühlen nicht immer frei wählen können und das sie die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Verbundenheit mit den Menschen und Kulturen mehr im Herzen tragen müssen. Obwohl es die politischen Unruhen, die gewaltsamen Kriege waren, die einst dafür verantwortlich waren, dass eine Flucht unabdingbar wurde, so bleibt es Jahrzehnte später die ungewisse Lage, die Alia und ihren Mann Atef bindet. Mit dem Blick auf die Kinder, der Sicherheit vor Augen bleibt eine Rückkehr ausgeschlossen. Und für die Enkelkinder stellt sich die Frage nach einem Leben in Palästina nicht mehr, findet ihr Leben doch jenseits dieser Welt statt, denn plötzlich ist Amerika das Herkunftsland und nur die älteren Familienmitglieder erinnern an eine andere Abstammung.


Meinung


Die palästinensisch-amerikanische Autorin Hala Alyan fokussiert in ihrem Debütroman nicht nur die Entwurzelung von Menschen, deren Heimatland keine Sicherheit bietet, sondern erzählt in erster Linie einen groß angelegten Familienroman, der sich mit dem Leben an sich, den normalen und unberechenbaren Entwicklungen beschäftigt und räumt dabei den Gedanken ihrer Protagonisten einen immensen Stellenwert ein. Die ursprüngliche Aussage, die darin liegen mag, dass es keinen Ort gibt, der für immer und ewig Bestand hat, wandelt sich schnell in eine epische Erzählung über Mütter, Töchter und Söhne, ihre Probleme, ihre Wünsche und Hoffnungen aber auch die Enttäuschungen auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Ursprünglich habe ich etwas mehr Bedrohung von außen erwartet, um dann festzustellen, dass es vielmehr um die Ängste aus dem Inneren geht. Denn ein weiteres Augenmerk stellt auch der Widerstand der Kinder dar, die sich nicht in die alten Rollenmuster ihrer Eltern flüchten möchten, sondern so, wie es ihre Zeit vorschreibt, Neuerungen und Änderungen anzunehmen.


Ein flüssiger Schreibstil, der manchmal leider von unnötigen Fremdworten begleitet wird (das Glossar am Buchende gibt Auskunft, dennoch habe ich nicht viel darin geblättert), nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Untiefen einer Gemeinschaft, die Blutsbande und Freunde gleichermaßen sind. Sehr schön aufgefächert ist die Gliederung zwischen den traditionsbewussten Eltern, den rebellischen Kindern, den autonomen Enkeln. Und dadurch, dass die Autorin eine Kapiteleinteilung nach ihren diversen Protagonisten vornimmt, gelingt es dem Leser auch, sich in alle Köpfe hineinzuversetzen und immer die zwei Seiten der Medaille wahrzunehmen. Diesen Schachzug finde ich sehr clever und angenehm abwechslungsreich für diese Art der Erzählung.


Zum Lieblingsbuch fehlte mir dann aber doch etwas, manchmal hätte ich mir einen strafferen Handlungsrahmen gewünscht, ganz sicher auch mehr Einblicke in die politischen Hintergründe und nicht zuletzt eine tatsächliche Aussage, eine über die man auch nach dem Lesen des Buches noch nachsinnen kann. So bleibt es doch ein persönlicher, ein durchaus normaler Familienroman, ohne herausragende Persönlichkeiten, geprägt vom ganz alltäglichen Wahnsinn, von Abschieden und Ankünften von Liebe und Aufopferung, von Verlusten und Gewinnen.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen umfassenden Familienroman, der viele Generationen miteinander verbindet, der sich psychologisch in die jeweiligen Mitglieder der Gemeinschaft hineinversetzt und sie zu etwas Besonderem macht. Das Buch würdigt die Arbeit aller Mütter und Väter in der Erziehung ihrer Kinder, es lobt das Engagement und die Liebe der Großeltern zu ihren Kindern und Kindeskindern und zeigt durch den ganz normalen Verlauf des Lebens, das jedes Menschenalter seine Möglichkeiten aber auch Verbindlichkeiten mit sich bringt, ganz egal wo auf der Welt man sich heimisch fühlt. Ich spreche eine Leseempfehlung aus, die Geschichte konnte mich gut unterhalten und bestärkt mich in einigen Gedankenspielen über den Wert menschlicher Beziehungen.

Veröffentlicht am 07.06.2018

Der Mann, der Briefe dachte

Der Gedankenspieler
0

„Ich habe die Liebe verlernt. Das war ein einfacher, aber ihm nicht angenehmer Satz. Oder sollte er denken: Ich fürchte mich vor Gemeinsamkeit und ziehe Einsamkeit vor. Ich bin am Ende und habe schon den ...

„Ich habe die Liebe verlernt. Das war ein einfacher, aber ihm nicht angenehmer Satz. Oder sollte er denken: Ich fürchte mich vor Gemeinsamkeit und ziehe Einsamkeit vor. Ich bin am Ende und habe schon den Anfang nicht gekonnt.“


Inhalt


Johannes Wenger ist nach einem Sturz auf den Rollstuhl und auf die Hilfe zahlreicher Pflegekräfte angewiesen. Leicht verdrossen ergibt er sich in sein Schicksal, da ihm ohnehin die Alternativen fehlen. Sein Hausarzt Dr. Mailänder kümmert sich kompetent um ihn und ist nicht nur für sein körperliches Wohlbefinden zuständig, sondern mittlerweile zum einzigen Vertrauten und Freund des alten Mannes geworden. Frau und Kinder hat Wenger keine und so nimmt ihn Dr. Mailänder als „Opa“ in seine eigene kleine Familie mit. Gemeinsam verbringen sie viele schöne Stunden, ja sogar einen Urlaub an der See und Johannes blüht durch die Ersatzfamilie mit der quirligen „Enkeltochter“ regelrecht auf. Doch allzu bewusst ist sich der ehemalige Architekt, seiner Endlichkeit, seiner immer schlechter werdenden Gesundheit und mit Argwohn betrachtet er seinen Verfall. Zur Last fallen möchte er niemanden, erst recht nicht seinem Arzt und Vertrauten. Nach einem akuten Nierenversagen landet Wenger im Krankenhaus, diesmal vollkommen ausgeliefert an seine Krankheit mit wirren Träumen, die ihn bereits an der Schwelle des Todes begrüßen und nur noch mit einem Bein im Diesseits. Wenger erholt sich auch von diesem Schicksalsschlag und kehrt nach Hause zurück, doch die Müdigkeit, die Last der vielen Lebensjahre, die er mit sich herumträgt, legt sich immer schwerer und düsterer auf sein Gemüt und er sieht ein, dass er sich lieber dieser Schwere zuwenden möchte, als einem langwierigen Heilungsprozess, der ihn Kräfte kosten wird, die er nicht mehr hat.


Meinung


Dieser Roman ist der letzte, des 2017 verstorbenen Chemnitzer Autors Peter Härtling. Wie man im Nachwort erfährt, hat sein langjähriger Lektor Olaf Petersenn den Text nur noch geringfügig bearbeitet und sich dabei voll und ganz auf das Manuskript des Autors gestützt. Dieser Umstand verleiht dem vorliegenden Roman noch ein bisschen mehr Authentizität, mehr Bedeutsamkeit und zeigt, dass Herr Härtling nicht nur einen bewegenden Roman über das Alter, die Freundschaft und die Einsamkeit geschrieben hat, sondern auch selbst in ebenjener Lebensphase steckte, die es nahelegt, dass sein Leben hin und wieder zum Vorbild der Gedanken des Protagonisten wurde.


Der Schreibstil ist minimalistisch, durch kurze Sätze geprägt, sehr sachlich manchmal fast nüchtern und dennoch immer nah dran an der Figur des Johannes Wenger. Jener verarbeitet in gedachten Briefen sein Leben, schreibt gedanklich an alte Bekannte, an bereits verstorbene Architekten oder berühmte Bauherren. Gleichermaßen dankt er seinem Vertrauten im Alter für dessen Präsenz, seiner neugewonnenen Enkeltochter für ihren Ideenreichtum und der passionierten Pflegekraft für den würdigen Umgang mit seinen körperlichen Hinfälligkeiten. Besonders gelungen empfinde ich die Reflexion der eigenen Gedanken, die Einfachheit der kleinen Alltagsfreuden, den sich ständig verkleinernden Radius des Individuums und nicht zuletzt die Aussöhnung mit all den Verfehlungen, der Vergangenheit, dem Leben an sich.


Manchmal hätte ich mir etwas mehr Emotionen gewünscht, tiefgreifendere Gespräche und mehr Kontakt zu dem alten Mann, den man als Leser zwar sehr genau kennenlernt, der als Person aber nicht ganz greifbar erscheint. Das stört nicht weiter, weil er sicherlich so auftreten soll, weil diese Stille, diese gewünschte Einsamkeit sein Wesen ausmachte, doch im Zusammenhang mit der Thematik, hätte es gern etwas mehr Herzblut und Traurigkeit sein dürfen. So ist es eher Melancholie, ein langsames Abschiednehmen, ein stiller Gang auf dem letzten Weg. Aber dennoch ein sehr ergreifender Roman.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen ehrlichen, schonungslosen Roman, der einen ganz zielgerichteten Blick auf die Lebensphase des Alters wirft. Als Leser bekommt man Verständnis für all jene unausgesprochenen Wünsche, alle nicht mehr möglichen Unternehmungen, alle Unzulänglichkeiten aber auch für die Möglichkeiten, die selbst ein alter kranker Mann aus dem Rollstuhl heraus noch wahrnehmen kann, sofern er sich mit der Gegenwart und ihren Anforderungen anfreundet und die Endlichkeit eines Menschenlebens akzeptiert. Ich empfehle diesen Roman gerne weiter, er ist sicher kein Mainstream und auch sehr ruhig in seiner Erzählweise, doch man trägt den Text nach dem Lesen noch ein Weilchen im Herzen.

Veröffentlicht am 07.06.2018

Der Hüter deines Bruders

Nachsommer
0

„Ich habe sie in der Unterwelt zurückgelassen. Anstatt sie zu überreden, zu bitten, sie einzuschließen, zu entführen, zu rauben, habe ich mich hinter einer Rüstung aus Feigheit, Angst und Konventionen ...

„Ich habe sie in der Unterwelt zurückgelassen. Anstatt sie zu überreden, zu bitten, sie einzuschließen, zu entführen, zu rauben, habe ich mich hinter einer Rüstung aus Feigheit, Angst und Konventionen versteckt.“


Inhalt


Für die beiden ungleichen Brüder Olof und Carl wird das Treffen am Sterbebett der Mutter zu einer Zerreißprobe. Denn nicht nur ihre von Rivalitäten geprägte Kindheit steht zwischen ihnen, sondern auch all die Verfehlungen der letzten Jahre, die Schuldzuweisungen und das Unverständnis auf beiden Seiten. Nicht zuletzt eine Frau, die der eine geliebt, der andere geheiratet hat und die nun auch für einen kurzen, traurigen Besuch in die Heimat zurückkehrt. Die Mutter liegt im Sterben und die Söhne müssen ihren Frieden mit der alten Frau schließen, und gleichzeitig ihren eigenen Weg fortsetzen, der durch Zuwendung oder fehlende Liebe nicht mehr eben ist und das auch nicht mehr werden kann. Familienbande hin oder her – wer sind eigentlich die Leidtragenden einer unausgewogenen Lebensgeschichte?


Meinung


Der in Helsinki geborene Autor Johan Bargum setzt sich in diesem Roman mit einer belasteten Geschwisterbeziehung auseinander, in der jeder Bruder einen Part zugeteilt bekommt und diesen auch hinreichend ausfüllt. Trotzdem wird ersichtlich, dass nicht alles nur schwarz oder weiß ist und dass auch die Zeit nicht alle Wunden heilen kann. Seine Protagonisten werden auf den wenigen Seiten sehr plastisch und greifbar beschrieben, man sieht sie vor sich und kann mit ihnen Empathie empfinden. Der ältere Olof ist der Vernünftige, der sich nichts traut, Carl der Jüngere hingegen springt in die Presche und setzt sich durch. Dennoch ist Olof bei der Mutter geblieben und Carl hat bereits vor Jahren den Kontakt auf ein Minimum beschränkt.


Mit dieser fast lyrischen Erzählung, die ganz wunderbar die Stimmung und Melancholie eines Landes einfängt und noch viel mehr die aufziehenden Gewitterwolken über einer familiären Tragödie, bin ich trotz der Thematik, von der ich mir viel versprochen habe, nicht warm geworden. Prinzipiell liegt das wohl an einer anderen Erwartungshaltung, die ich an den Roman gestellt habe. Durchaus eine traurige, mitreißende Stimmung, den Schatten eines schweren Verlusts, die Traurigkeit am Sterbebett der Mutter, doch all das steht hier nicht wirklich im Mittelpunkt. Vielmehr sind es die Brüder und ihr Beziehungsgeflecht, die hier ein feinsinniges, fast psychologisches Spiel miteinander betreiben und sich dennoch kein Stück annähern.


War der Anfang noch vielversprechend, so flaut die Geschichte schnell ab, die handelnden Personen verfallen in routinierte Muster und kommen nicht mehr von der Stelle. Verletzungen bleiben bestehen, Gespräche werden nicht geführt, zumindest keine, die bewegen, alles bleibt irgendwo im Schweigen verloren, hängt bedeutungsschwanger im Raum und schwebt unschön über der Geschichte. Diese Stille, die hier von den Menschen ausgeht, dieses Unvermögen einander näherzukommen, hat mich sehr mit Unzufriedenheit erfüllt.


Der Schreibstil selbst ist minimalistisch, geprägt von kurzen, nicht immer beendeten Sätzen, weswegen sich ein Deutungsspielraum ergibt. Zwischen den Zeilen steht noch so viel mehr, so viel Ungesagtes, sofern man es hineininterpretieren möchte. Und mir war gerade dieses knappe, nur angedeutete Wort zu wenig, zumal ich verzweifelt nach irgendeiner konkreten Aussage gesucht habe. Einerseits ein getrübtes Geschwisterverhältnis, dann ein Bruder, der mit seinem Leben in der zweiten Reihe ganz und gar nicht zufrieden ist und einer, dem es trotz seiner Dominanz an Unbeschwertheit fehlt. Dazwischen noch eine Frau, die mir fremd blieb und ein Ziehvater, der dem Ganzen ein bisschen von dem Glanz verliehen hat, den ich mir wünschte. Und was ich ganz besonders vermisst habe, war die Rolle der sterbenden Mutter, ihre Persönlichkeit fehlte förmlich komplett, die Gespräche mit den Söhnen, die Aussöhnung mit der Vergangenheit, ihre Wünsche für eine Zukunft der beiden …Für mich bleibt die Ratlosigkeit im Raum stehen - was war die Idee dahinter?


Fazit


Die vielen begeisterten Rezensionen, haben mich zu diesem Buch greifen lassen, dem ich nun doch nur 3 Lesesterne gebe. Die menschliche Seite kam mir hier zu kurz, das Ungesagte machte mich unzufrieden und in die Gegenwart mitnehmen kann ich nicht viel. Sehr einprägsam hingegen die Stimmung in Anlehnung an die Natur, in Kooperation mit der Wirkung der ruhigen, einladenden Landschaften entfaltet sich die Geschichte - ihre Schönheit jedoch bleibt mir im Wesentlichen verborgen.

Veröffentlicht am 29.05.2018

Die glückliche Jugend eines friedlichen Amerikas

Die Geschichte der Baltimores
0

„Die Katastrophe des Lebens. Es gab immer Katastrophen, es wird immer Katastrophen geben, und das Leben geht trotzdem weiter. Katastrophen sind unvermeidlich. Sie haben im Grund keine große Bedeutung. ...

„Die Katastrophe des Lebens. Es gab immer Katastrophen, es wird immer Katastrophen geben, und das Leben geht trotzdem weiter. Katastrophen sind unvermeidlich. Sie haben im Grund keine große Bedeutung. Wichtig ist nur, wie wir sie überwinden.“


Inhalt


Marcus Goldman, erfolgreicher Schriftsteller, verarbeitet in diesem Buch seine eigene Lebensgeschichte oder zumindest die seiner glorreichen Kindheit und Jugend. Gemeinsam mit seinem Cousin Hillel und Woodrow, dem Ziehsohn der Familie Goldman verbringt er unvergleichliche Tage in Baltimore. Die drei Halbwüchsigen sind eine richtige Gang, sie teilen alles, unterstützen sich wo sie können und holen aus dem Gegenüber stets das Beste raus. Gemeinsam gehen sie durch dick und dünn und sind wahre Brüder im Herzen. Marcus steckt voller Bewunderung für den intelligenten Hillel und den Footballstar Woody und würde am liebsten seine eigene Familie gegen ein Leben an der Seite seiner Cousins eintauschen. Aber Marcus bleibt immer ein bisschen außen vor, muss wieder fahren, wenn die Ferien zu Ende gehen und das Anwesen seines geliebten Onkels Saul zumindest für eine Weile verlassen. Rückblickend erzählt er nun, warum die Goldmans aus Baltimore in seinen Augen so wunderbar waren aber auch, wie die Bilderbuchfamilie ihrem Untergang geweiht war, wie bald alle Mitglieder ums Leben kamen und eine Katastrophe das ganze Universum eines Menschen auf den Kopf stellen kann. Denn in der Gegenwart ist Marcus der Einzige, der Bilanz ziehen kann und in seinem Buch eine Versöhnung zwischen Menschen herstellt, die sich zu sehr liebten und zu wenig gönnten, um miteinander unbeschwert durchs Leben gehen zu können.


Meinung


Dies war mein erster Roman des prämierten Autors Joel Dicker, der auch mit diesem, seinem zweiten Roman monatelang auf den Bestsellerlisten vertreten war und ich habe ihn gern gelesen. Mit leichter Erzählstimme und äußerst genau gezeichneten Charakteren vermag er es, eine wirkliche Geschichte zu erschaffen, die obgleich ihrer fiktiven Seite, dennoch ein äußerst realistisches Familienporträt entwirft.


Auf gut 500 Seiten darf der Leser in die Welt des Marcus Goldman eintauchen, hinein in ein glückliches Idyll mit großartigen Menschen und liebevollen Elternhäusern. Die kleinen Gesten, die zahlreichen Handlungspunkte, die netten Gespräche, all das zeichnet diesen Roman aus. Immer fühlt man sich kurzweilig und gut unterhalten, nie wird es langweilig, nie unvorstellbar, sondern stets scheint das Leben selbst der Autor des Buches gewesen zu sein. Und obwohl die Handlung sehr willkürlich und oft in Zeit und Raum springt, passt auch dieser Schachzug zum Text, denn dadurch das Marcus eine Art übergeordnete Erzählperspektive vertritt, stellt sich der Leser darauf ein, von ihm nur stückchenweise die ganze Wahrheit offenbart zu bekommen. Die Anfangs erwähnte Katastrophe zeichnet sich erst im zweiten Drittel des Buches ab und auch die Vorgeschichte der Vergangenheit kommt erst dann ans Tageslicht.


Und so gern, wie ich dieses Buch auch gelesen habe, so gibt es zwei Punkte, die mich nicht vollends überzeugen konnten. Zum ersten ist es eine gewisse Banalität der Geschehnisse, denn eigentlich erfährt man hier nur von einer Freundschaft, an deren Erhalt der Zahn der Zeit nagte, die Menschen betraf, die sich verändert haben und nicht mehr wie die einstigen Teenager heere Träume hegten. Dafür benötigt man aber keine 500 Seiten Text, das kann man kürzer uns straffer erzählen. Auch die Katastrophe an sich, ist so typisch amerikanisch, dass sie mich schon wieder stört, weil sie ins Klischee verfällt. Auch die Tatsache, dass es anscheinend ewig dauert, bis man den Kern der Erzählung erreicht, hat mir nicht sonderlich gefallen und letztlich stört mich vor allem eins: es ist ein bitterer Einzelfall, eine Tragödie nur für die Baltimores, ein hausgemachtes Problem, eine recht willkürliche Sache, die mir über das Buch hinaus nur wenig Ansatzpunkte für weitere Gedankengänge offenbart. Man klappt die Geschichte zu und wird sie wieder vergessen, es ist alles gesagt, alles vergeben, alles vergessen und die Menschen, die damit leben müssten, sind tot.


Der Text hat mich darüber hinaus immer wieder an einen Film erinnert, ich könnte mir vorstellen, dass diese Geschichte als Spielfilm weit mehr in Erinnerung bleiben könnte, als in Textform. Dort würden auch die Rückblenden und Vorausgriffe besser wirken und die Charaktere könnten zur Höchstform auflaufen.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen unterhaltsamen Familienroman über eine amerikanische Familie, deren Traum von der glorreichen Zukunft im Sand verläuft. Hier findet man eine interessante Story, Protagonisten mit Herzblut und spannende Hintergründe. Menschlich gesehen konnte mich diese Geschichte nicht bewegen, blieb mir zu oberflächlich und erhebt auch nicht den Anspruch mehr vermitteln zu wollen. Sie wirkt eher beispielhaft und durchaus persönlich, doch es ist die Art und Weise der Erzählung, die hier überzeugt, wenn auch nur so lange, wie man liest. Mir hätte sie generalistischer und weniger detailliert noch etwas besser gefallen. So bleibt es die Geschichte der Baltimores, die es nicht mehr gibt.