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Veröffentlicht am 13.06.2018

Annas Kindheit 2.0

Elternteile
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„Spiel das Kind, spiel die Mutter. Füll die Charaktere mit Leben. Gib ihnen eine Aufgabe. Führe sie in einen Konflikt, bring sie enger zusammen oder lass eine Spaltung zu, durch den gemeinsamen Feind.“


Inhalt


Für ...

„Spiel das Kind, spiel die Mutter. Füll die Charaktere mit Leben. Gib ihnen eine Aufgabe. Führe sie in einen Konflikt, bring sie enger zusammen oder lass eine Spaltung zu, durch den gemeinsamen Feind.“


Inhalt


Für Karen ist es eine schwere Zeit, denn als ihre Tochter Anna 3 Jahre alt ist, zerbricht die Beziehung zum Vater des Kindes. Ganz bewusst zieht die junge Frau einen Schlussstrich unter die Partnerschaft, in der es nur noch Konflikte und Streit gab. Das Sorgerecht werden sich die Eltern teilen, zunächst übernimmt Karen den Löwenanteil, in den Jahren darauf, wird sich die Betreuungszeit beim Vater zu gleichen Teilen entwickeln. Doch für Karen ist es eine Zerreißprobe, kann sie sich doch nicht an der „kinderfreien“ Zeit erfreuen, weil sie ihre Tochter vermisst – andererseits ist sie auch nicht immer geistig präsent, wenn Anna bei ihr ist. Ein wahrer Drahtseilakt, bei dem sie sich zunehmend fragt, was eine Mutter zur „guten Mutter“ macht und ob sie ihrer Tochter nicht doch lieber ein Leben in der Einheit einer Kleinfamilie geschenkt hätte. Was für den Vater und die Tochter nicht dramatisch erscheint, wächst sich zu einem Dilemma aus, dem Karen nur Herr werden kann, wenn sie sich fragt, welche Rolle sie selbst als Tochter, Frau und Mutter spielt …


Meinung


Die norwegische Autorin gewann mit dem vorliegenden Roman den Brage-Preis, den wichtigsten Literaturpreis ihres Landes und setzt sich in diesem kurzen aber intensiven Roman mit einem sehr alltäglichen und doch tabuisiertem Thema auseinander. Es geht um nichts anderes als um die Gefühle einer Mutter, die ihr Kind in die Obhut des Vaters gibt, für den sie selbst nichts mehr empfindet.

Das beste daran ist der einfühlsame, offene Ton, den die Ich-Erzählerin anschlägt. Denn einerseits ist es ihr durchaus bewusst, dass die Regelung eine berechtigte ist, dass auch der Vater gemeinsame Zeit mit der Tochter verbringen möchte und doch steckt der Stachel des Neides ziemlich tief in ihrem Herzen. Jede Stunde, jedes Weihnachten, welches Anna getrennt von ihr verbringt, wirft sie in eine Waagschale, die um keinen Preis zu Gunsten des Vaters kippen darf. Und so plagt sie sich mit dem Gedanken, dass Annas Kindheit 2.0 zwar kein Wettbewerb ist, sie ihn aber dennoch gewinnen möchte.

Die intensive, emotionale Sicht auf die Dinge, bringt dem Leser die Gefühlswelt der verletzten Mutter sehr nah und man kann sich bestens in ihren Kopf hineinversetzen, selbst wenn man mit der Sachlage nicht vertraut ist, wenn man kein Scheidungskind besitzt.

Es sind sehr ehrliche Worte, einfache Konflikte und doch weltbewegende Themen für die Betroffenen. Und obgleich der Bekanntenkreis anscheinend patente Ratschläge und Tipps auf Lager hat, wird man sich schnell bewusst, dass jede Mutter in dieser Situation ein eigenes Konzept finden muss, einen Gedankengang, mit dem sie sich abfinden kann. Sehr positiv beurteile ich die klare, eindeutige Orientierung auf die Kernaussage des Buches, denn Karen flüchtet sich nicht sofort wieder in eine neue Beziehung, sie durchlebt intensiv die Phasen der Trennung und kämpft immer wieder mit den eigenen Ängsten.

Ein kleines stilistisches Manko habe ich trotzdem anzumerken, vor allem weil sich mir die Bedeutung davon irgendwie nicht erschließt. Manche Seiten sind komplett bedruckt, manche nur zur Hälfte, andere gar nur mit einem Satz. Ich empfinde das als Verschwendung, sollen die leeren Seiten vielleicht die innere Leere reflektieren? Eine Kapitelunterteilung wäre mir lieber gewesen, so habe ich mich einfach nur gewundert.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen diskussionswürdigen, nachvollziehbaren Roman über die verletzte Mutterschaft und den Schmerz einer verlorenen Idylle. Das Buch selbst ist ein stilles, möglicherweise nur der Versuch der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen, doch es besticht durch seine Aussagekraft und lässt die vielen Grauschattierungen des Lebens deutlich werden, die Machtkämpfe, die Niederlagen aber auch die Gewinne, die Kindererziehung mit sich bringt. Letztlich hat man als Leser das Gefühl, dass es nicht die zerbrochene Partnerschaft ist, die Karen so beschäftigt, sondern, dass es ein eigenes Erwachsenwerden darstellt, dem sie sich nicht entziehen kann und es vielleicht auch nicht sollte. Empfehlenswert für alle Mütter, die sich fragen, wie wichtig ihre Rolle im Leben des Kindes ist und welchen Stellenwert die eigene Gemütsverfassung hat.

Veröffentlicht am 12.06.2018

Zurück auf den amischen Weg

Tödliche Wut
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„Aber in diesem Fall geht es vor allem um Kinder, die verloren sind, die durchs Netz fallen, amische wie englische. Manche von ihnen wurden geliebt, manche ignoriert. Anderen wiederum wird von ihren Eltern ...

„Aber in diesem Fall geht es vor allem um Kinder, die verloren sind, die durchs Netz fallen, amische wie englische. Manche von ihnen wurden geliebt, manche ignoriert. Anderen wiederum wird von ihren Eltern oder der Gesellschaft nur Gleichgültigkeit oder Geringschätzung entgegengebracht.“


Inhalt


Kate Burkholder beschäftigt sich in ihrem 4. Fall mit dem Verschwinden mehrerer amischer Jugendlicher in einem begrenzten Radius um ihre Stadt Painters Mill in Ohio. Zunächst gibt es keine Leiche, nur einige verdächtige Tatorte, an denen größere Mengen Blut gefunden wurden. Die Serie der verschollenen Teenager reicht schon etliche Jahre zurück, was Parallelen zum aktuellen Fall aufwirft, denen man nicht mehr problemlos nachgehen kann, weil zum Beispiel Zeugen verstorben sind. Doch Kate setzt alles daran, das Motiv des Entführers herauszufinden, denn die weiblichen amischen Mädchen waren alle sehr aufmüpfig und haben sich über die strengen Regeln der Gemeinde hinweggesetzt. Auf dem Hof der Familie Mast findet sie schließlich eine mögliche Erklärung, doch der Täter, der mittlerweile auch zum Mörder geworden ist, ist ihr schon viel zu nah …


Meinung


Nach wie vor bin ich von dieser Thrillerserie überzeugt, denn es gelingt der Autorin mit jedem neuen Fall einen anderen Aspekt ins Zentrum der Geschichte zu rücken und so wird es für den Leser nie langweilig. Obgleich man sehr schnell die Hintergründe und Zusammenhänge aus vorangegangenen Texten abrufen kann, weil sich gerade in der persönlichen Rahmenhandlung um die Polizistin Kate Burkholder einiges doppelt, erhält jeder Band auch einen individuellen Anstrich, der zum Lesen animiert.

Positiv überrascht hat mich hier ein eher verschlungener Pfad zum tatsächlichen Verbrechen, denn lange ist gar nicht klar, ob es hier um Tötungsdelikte geht, oder eher um das Verschwinden diverser Jugendlicher, die nicht bereit dazu sind, sich den Regeln ihrer Glaubensgemeinschaft zu unterwerfen. Es bleibt auch im folgenden Text eher unblutig, denn hier liegt der Fokus besonders auf den Befindlichkeiten der Jugendlichen, die weder vom Elternhaus die notwendige Unterstützung empfangen, noch dazu in der Lage sind, ohne weiteres ihr Zuhause zu verlassen.

Dieser Gewissenskonflikt, den gerade Kate Burkholder als ehemalige Amische bestens nachvollziehen kann, wirft hier einige Schatten über das ansonsten so idyllische Leben der Gläubigen. Ein Dasein voller Entbehrungen lockt die jungen Leute nicht und wenn sie der Gemeinde den Rücken kehren bedeutet das zwangsläufig den Verlust ihrer familiären Bindungen. Der Aspekt dieser Ausgrenzung lässt diesen Fall sehr wichtig erscheinen, vielleicht auch weil man ihn gut auf andere Lebensumstände übertragen kann, die Jugendliche generell beschäftigen.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen spannenden Thriller, der sehr erfrischend und allgemeingültig daherkommt. Nicht nur die gemächliche Entwicklung der Beziehung zwischen Chief Burkholder und ihrem Kollegen Tomasetti bleibt glaubhaft, sondern auch der Fall an sich. Mir hat der vorliegende Band sogar etwas besser gefallen als der Vorgängerroman „Blutige Stille“, gerade weil hier eher das tägliche Grauen im Vordergrund steht und die Dinge, die Fanatiker bereit sind, ihren Nächsten anzutun. Ich freue mich auf den nächsten Band und empfehle die Autorin mit ihrer Reihe uneingeschränkt weiter, denn die Amischen stecken anscheinend voller Rätsel und Offenbarungen.

Veröffentlicht am 07.06.2018

Das Leben geht einfach weiter

Häuser aus Sand
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„Als sie ihm die Hand an die Wange legt, überwältigt ihn die Sehnsucht nach damals. Nach dem hier. Nach diesem Augenblick – nach jener Zeit, nach der Hand seiner jungen Frau. Nach Kuwait. Nach allem, was ...

„Als sie ihm die Hand an die Wange legt, überwältigt ihn die Sehnsucht nach damals. Nach dem hier. Nach diesem Augenblick – nach jener Zeit, nach der Hand seiner jungen Frau. Nach Kuwait. Nach allem, was früher war. Denn er weiß, dass der Traum gleich enden und alles in Sekunden vorbei sein wird.“


Inhalt


Erzählt wird hier die Geschichte der wohlhabenden Familie Yacoub, begonnen bei Salma, der Großmutter, die in jungen Jahren ihre Heimat Jaffa verlassen musste. Hinein in das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder, die alle im Laufe ihres Lebens erkennen müssen, dass sie die Heimat, mit der sie sich verbunden fühlen nicht immer frei wählen können und das sie die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Verbundenheit mit den Menschen und Kulturen mehr im Herzen tragen müssen. Obwohl es die politischen Unruhen, die gewaltsamen Kriege waren, die einst dafür verantwortlich waren, dass eine Flucht unabdingbar wurde, so bleibt es Jahrzehnte später die ungewisse Lage, die Alia und ihren Mann Atef bindet. Mit dem Blick auf die Kinder, der Sicherheit vor Augen bleibt eine Rückkehr ausgeschlossen. Und für die Enkelkinder stellt sich die Frage nach einem Leben in Palästina nicht mehr, findet ihr Leben doch jenseits dieser Welt statt, denn plötzlich ist Amerika das Herkunftsland und nur die älteren Familienmitglieder erinnern an eine andere Abstammung.


Meinung


Die palästinensisch-amerikanische Autorin Hala Alyan fokussiert in ihrem Debütroman nicht nur die Entwurzelung von Menschen, deren Heimatland keine Sicherheit bietet, sondern erzählt in erster Linie einen groß angelegten Familienroman, der sich mit dem Leben an sich, den normalen und unberechenbaren Entwicklungen beschäftigt und räumt dabei den Gedanken ihrer Protagonisten einen immensen Stellenwert ein. Die ursprüngliche Aussage, die darin liegen mag, dass es keinen Ort gibt, der für immer und ewig Bestand hat, wandelt sich schnell in eine epische Erzählung über Mütter, Töchter und Söhne, ihre Probleme, ihre Wünsche und Hoffnungen aber auch die Enttäuschungen auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Ursprünglich habe ich etwas mehr Bedrohung von außen erwartet, um dann festzustellen, dass es vielmehr um die Ängste aus dem Inneren geht. Denn ein weiteres Augenmerk stellt auch der Widerstand der Kinder dar, die sich nicht in die alten Rollenmuster ihrer Eltern flüchten möchten, sondern so, wie es ihre Zeit vorschreibt, Neuerungen und Änderungen anzunehmen.


Ein flüssiger Schreibstil, der manchmal leider von unnötigen Fremdworten begleitet wird (das Glossar am Buchende gibt Auskunft, dennoch habe ich nicht viel darin geblättert), nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Untiefen einer Gemeinschaft, die Blutsbande und Freunde gleichermaßen sind. Sehr schön aufgefächert ist die Gliederung zwischen den traditionsbewussten Eltern, den rebellischen Kindern, den autonomen Enkeln. Und dadurch, dass die Autorin eine Kapiteleinteilung nach ihren diversen Protagonisten vornimmt, gelingt es dem Leser auch, sich in alle Köpfe hineinzuversetzen und immer die zwei Seiten der Medaille wahrzunehmen. Diesen Schachzug finde ich sehr clever und angenehm abwechslungsreich für diese Art der Erzählung.


Zum Lieblingsbuch fehlte mir dann aber doch etwas, manchmal hätte ich mir einen strafferen Handlungsrahmen gewünscht, ganz sicher auch mehr Einblicke in die politischen Hintergründe und nicht zuletzt eine tatsächliche Aussage, eine über die man auch nach dem Lesen des Buches noch nachsinnen kann. So bleibt es doch ein persönlicher, ein durchaus normaler Familienroman, ohne herausragende Persönlichkeiten, geprägt vom ganz alltäglichen Wahnsinn, von Abschieden und Ankünften von Liebe und Aufopferung, von Verlusten und Gewinnen.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen umfassenden Familienroman, der viele Generationen miteinander verbindet, der sich psychologisch in die jeweiligen Mitglieder der Gemeinschaft hineinversetzt und sie zu etwas Besonderem macht. Das Buch würdigt die Arbeit aller Mütter und Väter in der Erziehung ihrer Kinder, es lobt das Engagement und die Liebe der Großeltern zu ihren Kindern und Kindeskindern und zeigt durch den ganz normalen Verlauf des Lebens, das jedes Menschenalter seine Möglichkeiten aber auch Verbindlichkeiten mit sich bringt, ganz egal wo auf der Welt man sich heimisch fühlt. Ich spreche eine Leseempfehlung aus, die Geschichte konnte mich gut unterhalten und bestärkt mich in einigen Gedankenspielen über den Wert menschlicher Beziehungen.

Veröffentlicht am 07.06.2018

Der Mann, der Briefe dachte

Der Gedankenspieler
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„Ich habe die Liebe verlernt. Das war ein einfacher, aber ihm nicht angenehmer Satz. Oder sollte er denken: Ich fürchte mich vor Gemeinsamkeit und ziehe Einsamkeit vor. Ich bin am Ende und habe schon den ...

„Ich habe die Liebe verlernt. Das war ein einfacher, aber ihm nicht angenehmer Satz. Oder sollte er denken: Ich fürchte mich vor Gemeinsamkeit und ziehe Einsamkeit vor. Ich bin am Ende und habe schon den Anfang nicht gekonnt.“


Inhalt


Johannes Wenger ist nach einem Sturz auf den Rollstuhl und auf die Hilfe zahlreicher Pflegekräfte angewiesen. Leicht verdrossen ergibt er sich in sein Schicksal, da ihm ohnehin die Alternativen fehlen. Sein Hausarzt Dr. Mailänder kümmert sich kompetent um ihn und ist nicht nur für sein körperliches Wohlbefinden zuständig, sondern mittlerweile zum einzigen Vertrauten und Freund des alten Mannes geworden. Frau und Kinder hat Wenger keine und so nimmt ihn Dr. Mailänder als „Opa“ in seine eigene kleine Familie mit. Gemeinsam verbringen sie viele schöne Stunden, ja sogar einen Urlaub an der See und Johannes blüht durch die Ersatzfamilie mit der quirligen „Enkeltochter“ regelrecht auf. Doch allzu bewusst ist sich der ehemalige Architekt, seiner Endlichkeit, seiner immer schlechter werdenden Gesundheit und mit Argwohn betrachtet er seinen Verfall. Zur Last fallen möchte er niemanden, erst recht nicht seinem Arzt und Vertrauten. Nach einem akuten Nierenversagen landet Wenger im Krankenhaus, diesmal vollkommen ausgeliefert an seine Krankheit mit wirren Träumen, die ihn bereits an der Schwelle des Todes begrüßen und nur noch mit einem Bein im Diesseits. Wenger erholt sich auch von diesem Schicksalsschlag und kehrt nach Hause zurück, doch die Müdigkeit, die Last der vielen Lebensjahre, die er mit sich herumträgt, legt sich immer schwerer und düsterer auf sein Gemüt und er sieht ein, dass er sich lieber dieser Schwere zuwenden möchte, als einem langwierigen Heilungsprozess, der ihn Kräfte kosten wird, die er nicht mehr hat.


Meinung


Dieser Roman ist der letzte, des 2017 verstorbenen Chemnitzer Autors Peter Härtling. Wie man im Nachwort erfährt, hat sein langjähriger Lektor Olaf Petersenn den Text nur noch geringfügig bearbeitet und sich dabei voll und ganz auf das Manuskript des Autors gestützt. Dieser Umstand verleiht dem vorliegenden Roman noch ein bisschen mehr Authentizität, mehr Bedeutsamkeit und zeigt, dass Herr Härtling nicht nur einen bewegenden Roman über das Alter, die Freundschaft und die Einsamkeit geschrieben hat, sondern auch selbst in ebenjener Lebensphase steckte, die es nahelegt, dass sein Leben hin und wieder zum Vorbild der Gedanken des Protagonisten wurde.


Der Schreibstil ist minimalistisch, durch kurze Sätze geprägt, sehr sachlich manchmal fast nüchtern und dennoch immer nah dran an der Figur des Johannes Wenger. Jener verarbeitet in gedachten Briefen sein Leben, schreibt gedanklich an alte Bekannte, an bereits verstorbene Architekten oder berühmte Bauherren. Gleichermaßen dankt er seinem Vertrauten im Alter für dessen Präsenz, seiner neugewonnenen Enkeltochter für ihren Ideenreichtum und der passionierten Pflegekraft für den würdigen Umgang mit seinen körperlichen Hinfälligkeiten. Besonders gelungen empfinde ich die Reflexion der eigenen Gedanken, die Einfachheit der kleinen Alltagsfreuden, den sich ständig verkleinernden Radius des Individuums und nicht zuletzt die Aussöhnung mit all den Verfehlungen, der Vergangenheit, dem Leben an sich.


Manchmal hätte ich mir etwas mehr Emotionen gewünscht, tiefgreifendere Gespräche und mehr Kontakt zu dem alten Mann, den man als Leser zwar sehr genau kennenlernt, der als Person aber nicht ganz greifbar erscheint. Das stört nicht weiter, weil er sicherlich so auftreten soll, weil diese Stille, diese gewünschte Einsamkeit sein Wesen ausmachte, doch im Zusammenhang mit der Thematik, hätte es gern etwas mehr Herzblut und Traurigkeit sein dürfen. So ist es eher Melancholie, ein langsames Abschiednehmen, ein stiller Gang auf dem letzten Weg. Aber dennoch ein sehr ergreifender Roman.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen ehrlichen, schonungslosen Roman, der einen ganz zielgerichteten Blick auf die Lebensphase des Alters wirft. Als Leser bekommt man Verständnis für all jene unausgesprochenen Wünsche, alle nicht mehr möglichen Unternehmungen, alle Unzulänglichkeiten aber auch für die Möglichkeiten, die selbst ein alter kranker Mann aus dem Rollstuhl heraus noch wahrnehmen kann, sofern er sich mit der Gegenwart und ihren Anforderungen anfreundet und die Endlichkeit eines Menschenlebens akzeptiert. Ich empfehle diesen Roman gerne weiter, er ist sicher kein Mainstream und auch sehr ruhig in seiner Erzählweise, doch man trägt den Text nach dem Lesen noch ein Weilchen im Herzen.

Veröffentlicht am 07.06.2018

Der Hüter deines Bruders

Nachsommer
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„Ich habe sie in der Unterwelt zurückgelassen. Anstatt sie zu überreden, zu bitten, sie einzuschließen, zu entführen, zu rauben, habe ich mich hinter einer Rüstung aus Feigheit, Angst und Konventionen ...

„Ich habe sie in der Unterwelt zurückgelassen. Anstatt sie zu überreden, zu bitten, sie einzuschließen, zu entführen, zu rauben, habe ich mich hinter einer Rüstung aus Feigheit, Angst und Konventionen versteckt.“


Inhalt


Für die beiden ungleichen Brüder Olof und Carl wird das Treffen am Sterbebett der Mutter zu einer Zerreißprobe. Denn nicht nur ihre von Rivalitäten geprägte Kindheit steht zwischen ihnen, sondern auch all die Verfehlungen der letzten Jahre, die Schuldzuweisungen und das Unverständnis auf beiden Seiten. Nicht zuletzt eine Frau, die der eine geliebt, der andere geheiratet hat und die nun auch für einen kurzen, traurigen Besuch in die Heimat zurückkehrt. Die Mutter liegt im Sterben und die Söhne müssen ihren Frieden mit der alten Frau schließen, und gleichzeitig ihren eigenen Weg fortsetzen, der durch Zuwendung oder fehlende Liebe nicht mehr eben ist und das auch nicht mehr werden kann. Familienbande hin oder her – wer sind eigentlich die Leidtragenden einer unausgewogenen Lebensgeschichte?


Meinung


Der in Helsinki geborene Autor Johan Bargum setzt sich in diesem Roman mit einer belasteten Geschwisterbeziehung auseinander, in der jeder Bruder einen Part zugeteilt bekommt und diesen auch hinreichend ausfüllt. Trotzdem wird ersichtlich, dass nicht alles nur schwarz oder weiß ist und dass auch die Zeit nicht alle Wunden heilen kann. Seine Protagonisten werden auf den wenigen Seiten sehr plastisch und greifbar beschrieben, man sieht sie vor sich und kann mit ihnen Empathie empfinden. Der ältere Olof ist der Vernünftige, der sich nichts traut, Carl der Jüngere hingegen springt in die Presche und setzt sich durch. Dennoch ist Olof bei der Mutter geblieben und Carl hat bereits vor Jahren den Kontakt auf ein Minimum beschränkt.


Mit dieser fast lyrischen Erzählung, die ganz wunderbar die Stimmung und Melancholie eines Landes einfängt und noch viel mehr die aufziehenden Gewitterwolken über einer familiären Tragödie, bin ich trotz der Thematik, von der ich mir viel versprochen habe, nicht warm geworden. Prinzipiell liegt das wohl an einer anderen Erwartungshaltung, die ich an den Roman gestellt habe. Durchaus eine traurige, mitreißende Stimmung, den Schatten eines schweren Verlusts, die Traurigkeit am Sterbebett der Mutter, doch all das steht hier nicht wirklich im Mittelpunkt. Vielmehr sind es die Brüder und ihr Beziehungsgeflecht, die hier ein feinsinniges, fast psychologisches Spiel miteinander betreiben und sich dennoch kein Stück annähern.


War der Anfang noch vielversprechend, so flaut die Geschichte schnell ab, die handelnden Personen verfallen in routinierte Muster und kommen nicht mehr von der Stelle. Verletzungen bleiben bestehen, Gespräche werden nicht geführt, zumindest keine, die bewegen, alles bleibt irgendwo im Schweigen verloren, hängt bedeutungsschwanger im Raum und schwebt unschön über der Geschichte. Diese Stille, die hier von den Menschen ausgeht, dieses Unvermögen einander näherzukommen, hat mich sehr mit Unzufriedenheit erfüllt.


Der Schreibstil selbst ist minimalistisch, geprägt von kurzen, nicht immer beendeten Sätzen, weswegen sich ein Deutungsspielraum ergibt. Zwischen den Zeilen steht noch so viel mehr, so viel Ungesagtes, sofern man es hineininterpretieren möchte. Und mir war gerade dieses knappe, nur angedeutete Wort zu wenig, zumal ich verzweifelt nach irgendeiner konkreten Aussage gesucht habe. Einerseits ein getrübtes Geschwisterverhältnis, dann ein Bruder, der mit seinem Leben in der zweiten Reihe ganz und gar nicht zufrieden ist und einer, dem es trotz seiner Dominanz an Unbeschwertheit fehlt. Dazwischen noch eine Frau, die mir fremd blieb und ein Ziehvater, der dem Ganzen ein bisschen von dem Glanz verliehen hat, den ich mir wünschte. Und was ich ganz besonders vermisst habe, war die Rolle der sterbenden Mutter, ihre Persönlichkeit fehlte förmlich komplett, die Gespräche mit den Söhnen, die Aussöhnung mit der Vergangenheit, ihre Wünsche für eine Zukunft der beiden …Für mich bleibt die Ratlosigkeit im Raum stehen - was war die Idee dahinter?


Fazit


Die vielen begeisterten Rezensionen, haben mich zu diesem Buch greifen lassen, dem ich nun doch nur 3 Lesesterne gebe. Die menschliche Seite kam mir hier zu kurz, das Ungesagte machte mich unzufrieden und in die Gegenwart mitnehmen kann ich nicht viel. Sehr einprägsam hingegen die Stimmung in Anlehnung an die Natur, in Kooperation mit der Wirkung der ruhigen, einladenden Landschaften entfaltet sich die Geschichte - ihre Schönheit jedoch bleibt mir im Wesentlichen verborgen.