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Veröffentlicht am 11.01.2018

Menschliche Tragödie in Tanum

Die Eishexe
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„Er war das Opfer unserer Angst, unserer Schuld und Egozentrik. Wir haben zugelassen, dass unser eigener Schmerz alles zerstörte, was wir hatten und was er hatte. Wie mache ich den Leuten begreiflich, ...

„Er war das Opfer unserer Angst, unserer Schuld und Egozentrik. Wir haben zugelassen, dass unser eigener Schmerz alles zerstörte, was wir hatten und was er hatte. Wie mache ich den Leuten begreiflich, dass nichts davon seine Schuld ist?“


Inhalt


Patrick Hedström ermittelt in einem neuen Fall in Fjällbacka. Ein 4-jähriges Mädchen ist verschwunden und wurde wahrscheinlich ermordet. Besonders dramatisch ist die scheinbare Wiederholung des Verbrechens, denn schon vor 30 Jahren verschwand die kleine Stella Strand und wurde leblos im Wasser gefunden. Die Parallelen zwischen den Verbrechen sind auffallend, allein weil die beiden Kinder auf ein und demselben Hof lebten und die damals Beschuldigten immer noch vor Ort sind. Gibt es eine Verbindung zwischen den Fällen oder handelt es sich um einen Nachahmungstäter? Und warum fehlen den beiden Hauptverdächtigen stichhaltige Alibis aber andererseits auch schlüssige Motive. Die Polizei ermittelt fieberhaft, um den Täter aufzuspüren, doch derweil braut sich an anderer Stelle ein noch größeres Drama zusammen, bei dem es nicht nur um Fremdenfeindlichkeit geht, sondern auch um Rache, Rache an Taten, die Seelenqualen ausgelöst haben …


Meinung


Ich bin mit einer hohen Erwartungshaltung an den 10. Band der Falck/ Hedström-Reihe aus der Feder der schwedischen Erfolgsautorin Camilla Läckberg herangetreten, die Leseprobe konnte mich überzeugen und lies mich auf spannende Unterhaltung hoffen. Andere Romane der Autorin konnten mich bereits begeistern und obwohl ich längst nicht alle Bücher dieser Reihe kenne, habe ich mich doch mit Überzeugung ins Leseabenteuer gewagt. Leider musste ich feststellen, dass der gute Start nicht von Dauer war und bereits nach 100 Seiten ließ sich absehen, dass es sich um einen zähen, nicht übermäßig fesselnden Kriminalroman handelt.


Zunächst einmal fand ich die Vielzahl der Protagonisten und ihre ausufernd beschriebene Verbindung zueinander sehr störend. Gerade am Anfang bereitete mir eine Zuordnung von Namen und Taten einige Probleme. Doch dieser Umstand verliert sich im Laufe der Erzählung. Dafür tritt die Handlung dann ungemein auf der Stelle. Mir kam es so vor, als würde den zahlreichen Nebenhandlungen wesentlich mehr Spielraum eingeräumt, als dem eigentlichen Plot. Angefangen von privaten Ausflügen, hin zu Streitigkeiten auf der Dienststelle, dann wieder sprunghaft zu den bedenklichen Ereignissen einer neuen Flüchtlingsunterkunft im beschaulichen Fjällbacka – von Stella und Linnea, den beiden ermordeten Mädchen hört man nur noch wenig. Außerdem wiederholt die Autorin ganze Sätze fast wortgleich auf den nächsten 10 Seiten nochmals. Nachdem man bereits wusste, dass die Arbeit anstrengend, das Wetter brütend heiß und die Kollegen übernächtigt sind, wird man kurz darauf nochmals darüber aufgeklärt. Dieses Muster stößt mich fast schon ab, entsteht dadurch doch der Eindruck, dass man problemlos 20 Seiten später weiterlesen kann, ohne Grundlegendes verpasst zu haben.


Ganz eindeutig hat mir dieser Kriminalroman zu viele Baustellen, denen zwar mit viel schriftstellerischer Hingabe Tribut gezollt wird, die mich als Leser aber nicht alle gleichermaßen ansprechen konnten. Als dann auch noch eine weitere Geschichte eingebaut wird, die sich im 17. Jahrhundert abspielte und eine traurige Handlung von Liebe/ Verrat und Hexerei aufgreift, musste ich mich zum Weiterlesen zwingen. Viel zu überladen und zerfasert war mir mittlerweile die Handlung.


Positiv beurteile ich in erster Linie die schriftstellerische Ausarbeitung, man spürt als Leser das Vorhandensein einer komplexen Handlung, kann zu fast jeder handelnden Person eine Beziehung entwickeln, sieht die Menschen vor dem inneren Auge und spürt auch das intensive Recherchieren im Vorfeld. Das Buch verfolgt einen Plan und könnte mich als Verfilmung möglicherweise sogar ansprechen, nicht jedoch auf scheinbar endlosen 741 Seiten Text.


Fazit


Ich vergebe wohlwollend 2,5 Lesesterne für diesen Kriminalroman der Erfolgsautorin, die versucht ein weiteres spannendes Verbrechen zu konstruieren und sich leider irgendwo im Erzählen verliert. Vielleicht können die Liebhaber der Falck/ Hedström- Reihe dem vorliegenden Buch mehr abgewinnen, mich hat es abschließend nur noch gelangweilt und ich habe begonnen einige Seiten zu überfliegen, was ich normalerweise sehr ungern mache. Nicht mein Buch, nicht mein Fall und trotz guter Ansätze keine Top-Lektüre.

Veröffentlicht am 06.01.2018

Sehnsucht nach Größe, Sehnsucht nach Nähe

Olga
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Sie sah, dass die Rolle, die sie in Herberts Leben spielte, an die Rolle der Geliebten im Leben eines verheirateten Mannes erinnerte. Der verheiratete Mann lebt in seiner Welt und geht seinen Dingen nach, ...

Sie sah, dass die Rolle, die sie in Herberts Leben spielte, an die Rolle der Geliebten im Leben eines verheirateten Mannes erinnerte. Der verheiratete Mann lebt in seiner Welt und geht seinen Dingen nach, und gelegentlich spart er aus seinem Leben ein Stück aus und verbringt es mit der Geliebten, die an seiner Welt und seinen Dingen keinen Anteil hat. Aber Herbert war kein verheirateter Mann, es gab keine Frau und keine Kinder, zu denen er zurückgekehrt wäre.“

Inhalt

Am Vorabend des ersten Weltkrieges beginnt die Liebesbeziehung zwischen dem ambitionierten Herbert und der unangepassten Olga. Nachdem sie bereits in Kinderjahren gute Freunde waren, entwickelt sich nun eine echte Liebesbeziehung, die allerdings in Familienkreisen nicht gutgeheißen wird. Für Herbert wäre eine deutsche, tugendhafte Frau, die sich anpasst und ins Familienleben einfügt genau die richtige Partie, doch Olga besucht das Lehrerinnenseminar und meistert ihr Leben sehr konsequent. Auf einen Beschützer ist sie nicht angewiesen. Unbeirrt meistern sie gemeinsam ein Stück des Weges, überzeugt von der Funktionalität ihrer Beziehung und der Echtheit ihrer Liebe. Doch Herbert strebt nach Größerem und kann Olgas Sehnsucht nach Nähe nur spärlich erfüllen. Schon bald ist ihr klar, dass es mit diesem Mann kein normales Familienglück geben wird. Und als Herbert schließlich eine Expedition ins arktische Eis antritt, wird es für Olga immer schwerer, an ein glückliches Ende zu glauben …

Meinung

Bernhard Schlink, der sich mit seinem beeindruckenden Debütroman „Der Vorleser“ in die Herzen der Leserschaft geschrieben hat, greift auch in dieser Erzählung eine sehr ungewöhnliche, definitiv nicht alltägliche Liebesbeziehung auf und seziert sie auf ihre tatsächlichen Bestandteile. Die, je genauer man hinschaut, immer weiter zerfasern und wenig Substanz besitzen, dafür umso mehr Nachhaltigkeit und Beständigkeit. Eine Beziehung, die zwar auf Liebe basiert, in der die Gefühle aber nicht wirklich zum Ausdruck kommen, eine Paarbeziehung, bei der die starken Einzelcharaktere die Weichheit und Freude abschleifen und der es mehr um Durchhalten, als um Zusammenhalten geht.

Während Olga die zentrale Figur der Geschichte ist und der Leser sehr genau in ihr Gefühlsleben aber auch in ihren Alltag Einblick gewinnt, bleibt Herbert, der männliche Part eine diffuse, eher blasse Figur, die zwar vom Ehrgeiz zerfressen aber gleichzeitig unfähig ist, eine zwischenmenschliche Beziehung zu führen. Sehr unterschiedlich wirken die beiden Menschen hier, bei denen der Leser nur hin und wieder spürt, warum sie in Liebe zueinander gefunden haben. Meist jedoch fragt man sich, welches Band die beiden tatsächlich miteinander verbinden konnte. Es bleibt ein kleines Mysterium, ein Fragezeichen im Raum und letztlich auch der Grund dafür, warum man als Leser sehr genau wissen möchte, welches Ende diese Liebe nimmt.

Der Autor teilt sein Buch in drei Abschnitte, im ersten erzählt Olga von ihrer Liebe zu Herbert und den Schwierigkeiten eines gemeinsamen Alltags, im zweiten erfährt der Leser aus dritter Hand von Olgas Leben nach der Expedition ihres Geliebten und im letzten Teil kann man direkt die Liebesbriefe von Olga an Herbert lesen, die über einen Zeitraum von vielen Jahren schildern, welche Beweggründe die junge Frau für ihre Handlungen hatte und welche Wünsche in ihrer Seele schlummerten. Prinzipiell eine sehr gut gewählte, vielschichtige Perspektive, die hier jedoch etwas unter der Kargheit einer unterkühlten Liebe leidet. Stellenweise kam es mir so vor, die Protagonistin füllt den Raum mit ihrer eigenen Person, weil das Gegenüber schlicht und einfach niemals da ist und die kurzen Momente dieser Liebe nicht reichen, um über Jahrzehnte die gleiche Intensität zu bewahren. Zumindest dieser Punkt wirkt sehr glaubhaft für den Leser.

Trotzdem fehlt der Erzählung einiges, um zum Lieblingsroman zu werden. Zunächst ist es die ständige Distanz, nicht nur zwischen den handelnden Personen, sondern auch zwischen dem Leser und der Geschichte an sich. Alles wirkt sehr sachlich, stellenweise zu glatt und trifft stets einen bedauernden Unterton, der kaum unterbrochen wird. Statt Liebe und Zuneigung findet man hier eher eine intellektuelle Auseinandersetzung mit zwei unterschiedlichen Menschen, die sich zwar alles bedeuten aber andererseits auch sehr gut allein leben können. Spürbar wird die Kluft allemal, auch der Wunsch nach Veränderung, im Wechsel mit dem Wunsch nach uneingeschränkter Akzeptanz - und das alles vor einem historischen Hintergrund, der mitnichten nach Verbindung und Lebensgestaltung schreit. Insgesamt wollte mir der Autor hier eindeutig zu viel. Er greift viele Fäden auf, verwebt Historisches mit Persönlichem und bleibt trotzdem irgendwo zwischen Können und Wollen hängen.

Letztlich fehlt es mir an Aussagekraft, an einer runden Geschichte, selbst wenn es sich hier um ein Drama handeln sollte, so würde ich nicht einmal das richtig spüren. Erzählerisch mag ich die schlichte, wortschöne Erzählweise des Autors sehr, die Lesestunden vergehen wie im Flug und die Geschichte hat Potential, man ist interessiert und möchte gerne mehr erfahren. Doch letztlich überwiegt diese Ungewissheit, es scheint nur die Abbildung eines Menschenlebens zu sein, wie es eben passiert sein könnte. Jede andere Wendung wäre aber auch denkbar gewesen und so fehlt mir trotz einer schönen Erzählung das gewisse Etwas, vielleicht auch nur die Antwort auf die Frage: „Warum leben wir in Paarbeziehungen, die niemals so werden, wie wir sie erträumen?“ Und wenn man schon in einer derartigen Situation ist, so muss es doch möglich sein, mehr Emotionen an die Leserschaft zu transferieren.

Fazit

Ich vergebe 3,5 (aufgerundet 4) Lesesterne für diesen Roman über unerfüllte Liebe, historische Ausnahmezustände, entschlossene Menschen und dem unabdinglichen Verlauf des Lebens. Vielversprechende Ansätze, deren Ausarbeitung mich nicht immer überzeugen konnte, dafür jedoch ein Buch mit viel Liebe zum schriftstellerischen Handwerk, mit einem unverwechselbaren Generalismus, der sich auf kleine Details ebenso wie auf weltbewegende Veränderungen konzentriert. Mit „Olga“ trifft man eine starke Frau, die sich sehr bewusst war, was es heißt zu lieben, ohne gleichermaßen zurückgeliebt zu werden. Und im Nachhinein betrachtet, ist diese Erkenntnis doch ein bitteres Los.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ganz unten gibt es noch den Keller

Kukolka
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„Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Das ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die herkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis sie einer wegklatscht. Normalerweise ...

„Ich wusste, dass ich zu niemandem gehöre und nichts wert bin. Das ich einfach da bin, so wie Kakerlaken. Niemand weiß, wo die herkommen. Niemand braucht sie. Sie leben, bis sie einer wegklatscht. Normalerweise hätte ich geheult. Ich heulte in letzter Zeit ständig. Aber diesmal nicht.“


Inhalt


Samira lebt in einem Kinderheim in der Ukraine und kennt mit ihren 7 Jahren nichts weiter als Drill, Schläge, Strafen und Einsamkeit. Erst als sie ein anderes Mädchen kennenlernt und sich mit ihr anfreundet, bekommt ihr Alltag etwas Sonne. Doch Marina, ihre neugewonnene Freundin hat Glück: kaum im Heim angekommen, findet sie eine gutsituierte Adoptivfamilie aus Deutschland und verlässt Samira einfach so, um in der Fremde eine echte Familie zu finden. Fortan wird es das oberste Ziel der kleinen Zigeunerin, ebenfalls nach Deutschland zu kommen, egal wie und mit wem. Eine Flucht aus dem Heim scheint eine erste Option, doch auf der Straße lernt sie den schwergewichtigen, stinkenden Rocky kennen, der eine Art Auffangbecken für Jugendliche betreibt. Dort bekommt Samira, die sich jetzt Kukolka nennt ein Dach über dem Kopf, muss aber erleben, wie Drogen, sexuelle Gewalt und räuberische Delikte als ganz normale Einkommensquellen betrachtet werden. Je älter sie wird, desto schäbiger erscheint ihr Rocky und so geht sie nur zu gern im Alter von 12 Jahren mit ihrer ersten großen Liebe, die ihr wie ein Märchenprinz erscheint mit, doch auch dieser entpuppt sich bald als fataler Kontakt in Richtung Straßenstrich …


Meinung


Nach zahlreichen begeisterten Leserstimmen, wollte ich mir unbedingt ein eigenes Bild von diesem Roman machen und bin mit recht hohen Erwartungen an die Lektüre herangegangen. Und mich konnte die junge, selbst aus der Ukraine stammende Autorin mit ihrem Debütroman über Menschenhandel und Zwangsprostitution mehr als beeindrucken. Zunächst einmal, weil sie Samira, ebenjenes Mädchen, die seit ihrer Geburt am Rande der Gesellschaft lebt, erzählen lässt und so eine teilweise kaum aushaltbare Nähe zwischen der Protagonistin und dem Leser heraufbeschwört und zum anderen, weil sie mit so leichter Hand durch eine Odyssee des Schmerzes, der Enttäuschung und der Abstumpfung führt, wie man sie auf Grund der geschilderten Ereignisse fast nicht nachvollziehen kann.


Den Fokus setzt Lana Lux ganz klar auf dieses kleine, heranwachsende Mädchen, welches verzweifelt nach Liebe und besseren Lebensbedingungen sucht. Von Naivität ist hin und wieder etwas zu spüren, doch Samira hat es nicht gelernt Vertrauen zu fassen und möchte dennoch nichts anderes. Verzweifelt sucht sie nicht nur menschliche Wärme und Zuneigung, sondern auch Akzeptanz und Wohlwollen. Nur zu gern möchte sie es den Erwachsenen „recht machen“, wenn diese sie dafür annehmen. Der bittere Reifeprozess, den sie durchläuft, zeigt ihr aber immer wieder, wie eigennützig andere handeln und das sie bestenfalls geduldet wird, aber selbst dieses nur, solange sie bereit ist, anderen Gefälligkeiten zu erweisen. Darüber hinaus schafft die Autorin auch einen umfassenden Bekanntenkreis von Samira, lockere und enge Kontakte, die dem Leser sehr viel über die Welt verraten, in der sich Kukolka täglich beweisen muss.


Die Geschichte wird in drei Teile gegliedert, zunächst die frühe Kindheit, dann das wilde aber doch abhängige Leben in der Kommune bei Rocky und schließlich Kukolkas Weg nach Deutschland, der sie statt ans Ziel ihrer Träume immer weiter hinein in die Prostitution führt und in dem es bald um Leben oder Tod geht. Denn wie es scheint, gibt es auf der ganzen weiten Welt keine Menschenseele, die sie kennt, niemanden der sie vermisst, niemanden der sie liebt und tatsächlich in ein freies, selbstbestimmtes Leben begleiten will. Und obwohl eine derartige Ausgangssituation nicht unbedingt typisch erscheint, empfindet der Leser dennoch eine beängstigende Realitätsnähe, die den unbedingten Wunsch weckt, dem Mädchen möge doch bitte ein Wunder helfen, wenn es sonst schon keiner tut.


Das Potential dieser Erzählung beruht auf dem geschilderten Werdegang einer verlorenen Seele, die bereits ganz unten ist, nur um dann zu erfahren, dass es statt einer Fluchtmöglichkeit nur noch einen Keller weiter unten gibt, die so oft und nachhaltig enttäuscht wird, der jegliche Emotion ausgetrieben wird und die sich schließlich eher nach dem Tod als nach einem echten Leben sehnt.


Fazit


Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne für diesen dramatischen, erschütternden Roman über den Abstiegskampf eines jungen Mädchens, der gerade wegen seiner geradlinigen, objektiven Erzählweise so bedrückend und endgültig wirkt. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass die Autorin sehr viel Wert legt, keine Schuldzuweisungen aufzubauen, dass ihre Protagonistin kein Mitleid sucht, sondern echte Hilfe, dass sie darauf besteht, zu zeigen, wieviel Kampfgeist in einer geschundenen Seele ruht und wie wichtig es ist, sich selbst in der größten Not ein übergeordnetes Ziel zu suchen. Eines meiner Jahreshighlights 2017!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Die Grenze zwischen Turbulenz und Ordnung

Schloss aus Glas
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„ Unsere Fahrten mit Elvis erinnerten mich daran, wie leicht es war, einfach seine Sachen zu packen und weiterzuziehen, wenn man den Drang dazu verspürte. Sobald man fest dazu entschlossen war, zu gehen, ...

„ Unsere Fahrten mit Elvis erinnerten mich daran, wie leicht es war, einfach seine Sachen zu packen und weiterzuziehen, wenn man den Drang dazu verspürte. Sobald man fest dazu entschlossen war, zu gehen, war wirklich nichts dabei.“


Inhalt


Die Familie Walls lebt ziemlich bewusst ein Vagabundenleben und zieht mit ihren vier Kindern und einer motorisierten Schrottkiste quer durch Amerika. Der Vater Rex ist nicht nur ein eingefleischter Alkoholiker, sondern auch ein ambitionierter Träumer, denn er verspricht seinen Kindern, sobald er mit dem selbst gebauten Goldsucher erfolgreich war, hätten sie soviel Geld, dass er für die Familie mitten in der sonnigen Wüste ein Schloss aus Glas bauen könnte, in dem sie dann friedlich leben werden. Die Mutter lebt für ihre Kunst und malt, dichtet und schreibt den lieben langen Tag. Sie tapeziert die Wände mit Bildern und taucht mehrere Stunden am Tag in ihre eigene Welt ab. Nur die 4 Kinder überlegen tagaus, tagein, wovon sie leben können, was sie essen sollen, wie sie die Miete bezahlen können. Mit Gelegenheitsjobs hält sich Familie Walls gerade so über Wasser, doch immer nur ein paar Wochen, dann ist das Geld wieder verspielt oder versoffen … Und was die Eltern kaum oder nur unwesentlich stört wird für Jeannette und ihre Geschwister zur Bürde: Wann wird es ihnen gelingen aus ihrem Zuhause, was es genau genommen gar nicht gibt, auszubrechen?


Meinung



Prinzipiell habe ich mit autobiografischen Romanen keine große Erfahrung, weil mich das Leben und Wirken echter, aber mir unbekannter Menschen nicht direkt am Herzen liegt, zwar beanspruchen Biografien oftmals einen hohen Informationswert und eröffnen neue Perspektiven, dennoch habe ich eher durch Zufall und Lesertipps zu diesem Buch gegriffen. Doch diese Erzählung konnte mich definitiv packen, denn mal abgesehen von dem autobiografischen Hintergrund trifft man hier auf Menschen, die sich irgendwie und täglich aufs Neue durchs Leben kämpfen müssen und dennoch immer einen Weg finden obenauf zu bleiben.


Jeannette, selbst die Zweitgeborene schildert dem Leser sehr realistisch und erschreckend zugleich die Erlebnisse ihrer frühen Kindheit, bis hinein in ihr Erwachsenenleben. Als Lieblingstochter ihres Vaters beschreibt sie die Höhen und Tiefen des Alltags in einer Familie mit leeren Schränken, fehlenden finanziellen Mitteln und weitreichenden Sehnsüchten. Sie kann natürlich, weil aus erster Hand erlebt, sehr differenziert und nachhaltig die Charaktere ihres Romans zum Leben erwecken. Und so heben sich die Eltern ganz deutlich von den Kindern ab, die älteren Geschwister distanzieren sich viel schneller vom elterlichen Lebensstil, während die jüngeren einfach erfinderisch die Lücke im System suchen. Sie zeigt aber auch die zwiespältigen Gefühle ihrer Eltern, die eine freie, selbstbestimmte Erziehung favoritisieren und sich lieber um die Bildung als ums Essen kümmern, die irgendwie gefangen in sich selbst und andererseits doch so ungebunden wie nur denkbar leben. Auch das Geflecht der handelnden Personen untereinander wirkt sehr dicht und zeugt von Zusammenhalt und Stärke. Denn selbst als ungeliebte, ungern gesehene Außenseiter stehen die Mitglieder der Familie geschlossen beieinander und nehmen sich gegenseitig in Schutz.



Über die Jahre hinweg begleitet der Leser die Ereignisse, sieht die Entwicklung der Familie und muss feststellen, dass die Eltern eine ungewisse Turbulenz immer der gleichbleibenden Routine vorziehen. Dort, wo sie sesshaft werden, geht es ihnen schlechter als auf den langen Reisen durchs Land. Im Gegensatz dazu versuchen die Kinder jede Bruchbude, in der sie hausen zu verschönern, die Dächer zu reparieren und die Wände zu streichen und irgendwie an Essen zu gelangen. Der Traum, von dem der Vater seinen Kindern erzählt, rückt in immer weitere Ferne und Jeannette hakt das „Schloss aus Glas“ bald als Hirngespinst ab und versucht sich auf die tatsächlichen Möglichkeiten des Lebens zu besinnen. Und so erziehen Eltern Kinder, denen größter Wunsch es wird, ihrer Familie den Rücken zu kehren, um ein anderes, sorgenfreieres Leben zu führen.



Die große Stärke des Romans liegt an der Intensität der aufgegriffenen Beziehungen, an Begriffen wie Zuneigung, Liebe, Gemeinsamkeit aber auch generell an Dramatik, Enttäuschung und Rissen in der Gefühlswelt zwischen Eltern und Kindern. Stets hat der Leser das Gefühl, all die Einschränkungen und fehlenden Gesetzmäßigkeiten sind für die Kinder durchaus zumutbar. Denn anders als man es vielleicht von einer assozialen Bettlerfamilie erwartet, bekommt hier jeder Zuspruch, gibt es die kleinen alles wieder gutmachenden Gesten, gibt es Hoffnung und Perspektiven, die sich Kinder in jungen Jahren noch nicht vorstellen können und doch so nötig haben. Und so kann man das Elternpaar zwar nicht wirklich verstehen, doch man nimmt ihnen ihr Handeln auch nicht so übel.


Fazit



Ich vergebe 5 Lesesterne und eine unbedingte Leseempfehlung für diesen ungewöhnlichen, bewegenden Roman über die Kindheit, das Erwachsenwerden und die Möglichkeiten Einzelner sich aus misslichen Situationen durch puren Überlebenswillen zu befreien. Dieses Buch hallt lange nach und stimmt nachdenklich, zeigt differenzierte Lebensmodelle und ganz unterschiedliche Empfindungen von Glück. Allen voran stellt es aber die unausgesprochene, einfach vorhandene und unbesiegbare Liebe zwischen den Mitgliedern einer Familie ins Zentrum der Erzählung, die ihr Alltag derart zusammengeschweißt hat, dass sie Jahrzehnte später immer noch von gemeinsamen Erlebnissen, bitteren Erfahrungen und lustigen Anekdoten schwärmen. Berührend, anders, chaotisch und mit viel Lebensweisheit gespickt präsentiert uns hier Jeannette Walls die Wahrheiten ihrer Familie.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Mein Sommer, mein Freund, meine Berge

Acht Berge
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„Denn ein Ort bewahrt immer auch die eigene Geschichte, damit man sie bei jedem Besuch aufs Neue Revue passieren lassen kann. Und solche Berge kann es nur einmal im Leben geben. Im Vergleich dazu sind ...

„Denn ein Ort bewahrt immer auch die eigene Geschichte, damit man sie bei jedem Besuch aufs Neue Revue passieren lassen kann. Und solche Berge kann es nur einmal im Leben geben. Im Vergleich dazu sind alle anderen bedeutungslos, sogar der Himalaja.“


Inhalt



Pietro und Bruno lernen sich als Heranwachsende in den Alpen kennen, während der erste jedes Jahr mit seinen Eltern den Sommer in den Bergen und die restlichen Jahreszeiten in der Stadt verbringt, lebt Zweiterer immer dort und wächst als Sohn eines Bergbauern auf. Gemeinsam erkunden sie die Natur, unternehmen Ausflüge auf die Berge und teilen Geheimnisse. Bruno ist unschlagbar, was die Ortskenntnis und das Verhalten der Natur betrifft und Pietro hat immer wieder neue Ideen, so dass ihre Freundschaft, wenn auch zeitlich begrenzt jedes Jahr in eine neue Spielzeit wechselt und nicht abbricht. Doch Pietro beginnt ein Studium, zieht nach Turin, lebt in Mailand und führt als junger Mann ein allzu städtisches Leben, während Bruno eine klassische Maurerausbildung absolviert und seine Heimat nicht verlässt. Als Pietros Vater stirbt und ihm eine Schutzhütte in den Bergen von Grana vermacht, finden die beiden erneut zueinander. Denn Pietro möchte die Hütte gerne bewohnbar machen und Bruno weiß, wie das geht. Noch einmal verbringen sie viel Zeit gemeinsam und müssen doch erkennen, dass jeder ein eigenes Leben hat und ganz andere Ansprüche an die Menschen stellt …


Meinung



Dieses Buch prägt nicht nur ein ganz besonders stimmungsvolles Coverbild und ein interessanter Titel sondern es verspricht auch eine Antwort auf eine philosophische Lebensfrage: Ist es besser dort zu bleiben, wo man alles kennt oder liegt der größte Nutzen darin, sich ins Ungewisse zu wagen und Neuland zu erschließen. Der Leser begegnet in diesem italienischen Bestsellerroman, der sich allein in seinem Heimatland mehr als 70.000 mal verkauft hat zwei Freunden, die versuchen einen richtigen Weg zu finden, jeder für sich erkennt, was ihn ausmacht und muss gleichzeitig Abschied nehmen, von dem was er nicht vermag, obwohl ein Gefühl der Unzulänglichkeit dadurch bestehen bleibt.


Sehr positiv aufgefallen ist mir das ausführliche Vorwort zum Roman, in dem man nicht nur ein Interview mit dem Autor präsentiert bekommt, sondern auch erfährt, wie viel Wahrheitsgehalt in der folgenden Erzählung steckt und welche Handlungsschwerpunkte gesetzt werden. Eine wirklich gelungene Einführung in die Thematik Mensch und Natur, Selbstfindung und Abgrenzung, Gemeinschaft und Alleinsein.


Der Autor arbeitet intensiv an seinen beiden Hauptcharakteren, er beschränkt sich nicht nur auf die Schilderung ihrer jeweiligen Lebensumstände, sondern grenzt sie deutlich voneinander ab. Er beschwört eine Männerfreundschaft herauf, die kontinuierlich gewachsen ist und auch von Rückschlägen nicht außer Kraft gesetzt wird. Trotzdem legt er besonderes Augenmerk auf die Entwicklung des Individuums, zeigt wie Herzen, die einst im gleichen Takt geschlagen haben, nun eher holprig nebeneinander schlagen. Werte wie Lebenserfahrung, persönliche Einsichten, differenzierte Wahrnehmung nehmen einen immer größeren Stellenwert ein, so dass der Leser zwei sehr unterschiedliche Männer vorfindet, die zwar eine gemeinsame Vergangenheit haben, denen es aber nur mäßig gut gelingt, ihre Unvoreingenommenheit aus jungen Jahren in ihre Gemeinschaft der Gegenwart mitzunehmen.


Es ist ein Buch der leisen Töne, unaufgeregt und beständig, mit wenig Spannung und seltenen Highlights. Damit fügt sich die Erzählung fast unsichtbar in die heraufbeschworene Bergwelt ein, eine Natur voller schroffer Felsen, endloser Schneefelder und saftiger Wiesen. Unantastbar, majestätisch und über alles Irdische erhaben. Menschen werden wieder klein im Angesicht der Bergwelt und sind nur winzige Rädchen im großen Getriebe. Und so wie sich der Bergbach über die Jahre verändert, tun es auch die Menschen – manchmal mit Getöse, meist jedoch im Vorbeigehen ohne genau sagen zu können, warum derjenige genau an dieser Stelle in ebenjene Richtung gegangen ist.


Kritikpunkt


Was mir an diesem naturinspirierten Roman gefehlt hat, waren eindeutig die Emotionen, das Zwischenmenschliche, die Gespräche, die Nähe mittels Worten. Dadurch, dass man die Charaktere nur in ihren Handlungen beobachten kann, war es mir nicht möglich eine echte Bindung zu ihnen aufzubauen. Zu vieles bleibt ungesagt, weil es nie angesprochen wurde. Es gibt kaum Streit, keine Versöhnung, keine Aufregung, kein echtes Gefühl zwischen den Protagonisten. Meist schweigen sie sich an und versuchen durch ihre Handlungen etwas auszudrücken. In der Realität mag das vielleicht funktionieren, doch in einem Roman, der sich mit Freundschaft auseinandersetzt, war es mir eindeutig zu wenig.


Paolo Cognetti schafft es dennoch einen aussagekräftigen Roman zu schreiben, der einfach und beständig daherkommt und viele Werte aufnimmt, sie aus diversen Perspektiven betrachtet und ein abschließendes Urteil fällt. Mit diesem Buch schließt sich ein Kreis, zeigt sich der Lauf des Lebens, die verschlungenen Pfade der Menschen und die Unabänderlichkeit des Einzelnen. Man kann sich anpassen, sich verbiegen oder ausbrechen, kann suchen oder akzeptieren, kann neugierig bleiben oder in sich ruhen – man wird einander nicht ändern, auch wenn das bedeutet sich irgendwann fremder zu werden und allein weiterzugehen, wenn eine allumfassende Gemeinsamkeit nicht mehr möglich scheint.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen ruhigen, naturverbundenen Roman, in dem Menschen agieren, deren Liebe zur Bergwelt ganz elementar und umfassend ist und die sich in Hochgebirgen bewegen wie die dort lebenden Zeitgenossen – einsam, schweigsam, zufrieden, genügsam und auf dem Sprung, immer auf der Suche nach einem guten Versteck vor sich selbst und der Kraft der Natur. Wenn man mit etwas weniger Zwischenmenschlichkeit leben kann und sich in eine Szenerie hineinversetzen möchte, ist dieses Buch sehr empfehlenswert, wer mehr Gefühlsnähe sucht, könnte etwas enttäuscht werden.