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Veröffentlicht am 07.06.2017

Das Privileg der Schmetterlinge

Der Club
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„An diesem Morgen gab ich mir ein Versprechen, es schien mir wichtig, und eigentlich war es einfach: Ich werde nie wieder lügen.“

Inhalt

Nach dem Tod seiner Eltern wechselt Hans auf die Universität in ...

„An diesem Morgen gab ich mir ein Versprechen, es schien mir wichtig, und eigentlich war es einfach: Ich werde nie wieder lügen.“

Inhalt

Nach dem Tod seiner Eltern wechselt Hans auf die Universität in Cambridge und folgt damit einer Einladung seiner einzig verbleibenden Angehörigen, seiner Tante Alexandra. Ihr Verhältnis ist zwar leicht unterkühlt, doch die Ausbildung in altehrwürdigen Mauern erscheint dem jungen Mann durchaus reizvoll. Hinzu kommt die Möglichkeit den Boxclub der Schule aufzusuchen, sofern Hans zu dieser eingeschworenen Gemeinschaft Zutritt bekommt. Tante Alex gelingt es, mit Hilfe ihrer Studentin Charlotte, deren Vater ein alteingesessenes Mitglied ist, ihren Neffen in den legendären „Pitt Club“ unterzubringen. Schon bald erweist sich Hans als sehr guter Boxer und ebenbürdiges Mitglied der Gemeinschaft, findet Gleichgesinnte und feiert mondäne Partys. Doch bei all diesen gesellschaftlichen Verführungen vergisst er nicht, was sein eigentlicher Auftrag ist: Er soll ein Verbrechen aufdecken, welches schon einige Zeit zurückliegt und den Schuldigen wird er in den Reihen seiner neuen Freunde finden …

Meinung

Der 1985 geborene Autor Takis Würger ist selbst Boxer und Mitglied diverser Clubs an der Universität Cambridge, wie das Nachwort des Buches verrät. Und tatsächlich merkt man dem Roman eine gewisse Innerlichkeit und Kenntnis der örtlichen Rahmenbedingungen an. Gerade die Atmosphäre in den Clubs, die hippen Dinnerpartys, die vielen Drinks und die von Rauchschwaden geschwängerte Luft, Frauen die sich erfolgreichen Männern an den Hals werfen und Hinweise auf Intrigen und Absprachen die möglicherweise knapp an der Legalität vorbeischrammen, findet der Leser hier eindrucksvoll in Wort und Tat umgesetzt. Gerade dieser Aspekt konnte mich von dem Roman überzeugen, der sich auch gründlich und interessant mit der Boxermentalität, mit Begriffen wie Ehre, Freundschaft und Rückhalt beschäftigt. Insgesamt ein richtig gutes, rundes Buch, welches nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern auch Kopfkino bietet.

Erzählt wird aus diversen Perspektiven, die gerade für den Leser einen Wissensvorsprung darstellen und ein sehr umfassendes Porträt liefern, welches durch die Erlebnisse der einzelnen Charaktere beschrieben wird. Opfer und Täter treffen sich auf der Bühne des Pitt Clubs oder an dessen verborgenen Hintertüren. Man spürt Wut, ebenso wie Rachgelüste, wie Gönnerhaftigkeit und Unschuldsbekundungen – Gewalt gibt es kaum und wenn, dann nur sehr endgültig und als scheinbar logische Folge eines geplanten Vorgangs.

Außerdem ist es dem Autor gelungen einen Roman zu schreiben, der kein klassischer Krimi ist und doch viele Parallelen aufweist. Gekonnt entsteht eine subtile Spannung hinter der man diverse Verbrechen vermutet, die man so genau gar nicht festmachen kann. Die Männer in sündhaft teuren Smokings verbergen mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Und unter ihnen ein unbescholtener Hauptprotagonist, der ganz im Gegensatz zu anderen ehrenhafte Absichten hegt und nur im Sinne seines eigenen Gewissens handelt. Dadurch wird die Figur von Hans Stichler noch greifbarer und seine Position als Spion schwelt unter der Oberfläche. Werden die anderen entdecken, was er zu verbergen versucht?

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen facettenreichen, anschaulichen Roman über einen Boxer und seine Rolle in einem Spiel, bei dem es um Gerechtigkeit, Aufklärung und Wiedergutmachung geht. Diese Lektüre präsentiert eine dichte Story auf relativ engem Raum und wirkt wunderbar ausgleichend, so dass man sich als Leser freuen kann, dem Schauspiel beizuwohnen und eigene Rückschlüsse auf menschliche Verhaltensweisen und unentschuldbare Fehler zu ziehen. Ein richtig kleines Juwel.

Veröffentlicht am 06.06.2017

Die Kollision zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Als wir unbesiegbar waren
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„Das war das Ethos unserer Generation? Statt aufzustehen und für etwas zu kämpfen, an das wir geglaubt haben, sind wir einfach abgedackelt und haben uns um unser eigenes kleines Stückchen Welt gekümmert?

Inhalt

Eva, ...

„Das war das Ethos unserer Generation? Statt aufzustehen und für etwas zu kämpfen, an das wir geglaubt haben, sind wir einfach abgedackelt und haben uns um unser eigenes kleines Stückchen Welt gekümmert?

Inhalt

Eva, Benedict, Sylvie und Lucien kennen sich seit dem Studium und sind beste Freunde. Sie alle haben Träume, Hoffnungen und Wünsche für ihre Zukunft und malen sich ihr Leben in bunten Farben aus. Fest steht allerdings, dass sich nach ihrer Studienzeit vieles verändern wird, dass jeder irgendwo sein Glück versucht und es an ihnen selbst liegt, ihre Freundschaft aufrechtzuerhalten oder die gemeinsam verbrachte Zeit so weit zu dezimieren, dass sie sich schließlich nichts mehr zu sagen haben.

Schon bald schleicht sich der Teufel mit dem Namen „echtes Leben“ in den Umgang miteinander ein und sie sehen sich nur noch sporadisch oder ohne große Emotionen, was in erster Linie daran liegt, dass ihre Lebenswege weit auseinanderdriften. Denn während Eva Karriere macht und das große Geld scheffelt, Benedict als junger Familienvater in den Hafen der Ehe schippert, Sylvie sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs über Wasser hält und Lucien immer weiter ins Drogenmilieu eintaucht, vergehen die Jahre, viele einsame Jahre. Doch es kommt auch eine Zeit, in der sie neu entdecken, was echte Freundschaft ausmacht, warum die Menschen, die man in der Jugend mochte, auch noch Jahre später interessante Persönlichkeiten sind und warum es sich lohnt, Kontakte aufrecht zu erhalten und Menschen nicht danach zu beurteilen, was sie aus ihrem Leben gemacht haben, sondern danach, welche Bereicherung sie für den Einzelnen ausmachen.

Meinung

In ihrem Debütroman beschäftigt sich die junge Autorin Alice Adams mit den elementaren Fragen der Freundschaft und mit dem Erwachsenwerden ganz allgemein. Sie entwirft einen viele Jahrzehnte umfassenden Roman, der sich detailliert mit dem Leben von vier Menschen auseinandersetzt, insbesondere mit ihren Lebensentscheidungen, ihren Ansichten und Hoffnungen, ihren alltäglichen Kämpfen und der Bürde des persönlichen Scheiterns. Jeder der Protagonisten vollzieht eine Wandlung, muss sich mit den Umständen arrangieren und aus Schicksalsschlägen eigene Erfahrungen schöpfen. Dazu nimmt sie den Leser an die Hand und führt ihn durch die Jahre, durch verschiedene Orte, zu diversen Ereignissen und zeigt, wie wandelbar Jugendfreunde sind und wie statisch ihr Charakter dennoch bleibt.

Gerade dieses Beleuchten zwischenmenschlicher Beziehungen, aber auch die Spiegelung der eigenen Emotionen im Umgang miteinander kombiniert Frau Adams sehr anschaulich, realistisch und absolut nachvollziehbar. Trotz der individuellen Geschichte entsteht eine generalistische Lektüre, deren Grundaussagen sich problemlos auf viele Freundschaften übertragen lassen und die zeigt, wie vielfältig Freundschaften sein können, selbst wenn sie zeitweise fast eingefroren die Jahre überstehen müssen. Damit schlägt sie auch den Bogen zu ganz persönlichen Ansichten und lässt den Leser immer wieder Parallelen zum eigenen Leben ziehen. Ich habe mich hier in einigen Überlegungen wiedererkannt und kann ebenso wie die Protagonisten auf Freundschaften zurückblicken, die einem ständigen Wandel unterworfen waren und trotzdem bestehen, selbst wenn sie nicht mehr den gleichen Stellenwert besitzen, wie in jungen Jahren.

Als kleines Manko dieses ansonsten sehr guten Romans sehe ich den Hang zur Sentimentalität, dadurch erahnt man schon früh, wie sich die Geschichte entwickeln wird und diese Vorhersehbarkeit tritt dann auch tatsächlich ein. Es gibt keine wirklichen Überraschungen, dafür aber eine Menge Herzschmerz, viele Tränen, tiefgreifende Reue und große Emotionen. All das finde ich normalerweise ansprechend, jedoch hätte ich mir bei diesem Roman etwas mehr Unabänderlichkeit gewünscht, etwas mehr Schwere und ein Ende welches nicht so glücklich und zufrieden den Text beschließt.

Fazit

Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen ansprechenden, umfassenden Roman über Freundschaft, Liebe, Schicksal und dem beschreiten verschiedener Lebenswege. Aufgehübscht durch eine tiefgründige Sprache mit vielen Lebensweisheiten gespickt und voller ausgeschöpfter oder verstrichener Möglichkeiten. Eine lesenswerte Sommerlektüre, die ebenso unbeschwert wie aussagekräftig daherkommt und den Leser mitnimmt auf eine Art Resümee über die persönlichen Prämissen im Leben.

Veröffentlicht am 01.06.2017

Das Periodensystem des Jenseits

Das Leben nach Boo
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„Wären wir beide schon dort Freunde gewesen, hätte Johnny sich vielleicht nicht die Pulsadern aufgeschnitten, und ich hätte vielleicht nicht Onkel Seymours Revolver gestohlen. Wir hätten uns in Amerika ...

„Wären wir beide schon dort Freunde gewesen, hätte Johnny sich vielleicht nicht die Pulsadern aufgeschnitten, und ich hätte vielleicht nicht Onkel Seymours Revolver gestohlen. Wir hätten uns in Amerika so helfen können, wie wir uns im herrlichen Jenseits halfen.“

Inhalt

Oliver Dalrymple, der wegen seiner Blässe und seines geisterhaften Wesens von allen nur „Boo“ gerufen wird, ist in seiner Schule ein absoluter Außenseiter. Seine Mitschüler hänseln und drangsalieren ihn, wo sie nur können und der Junge mit dem Loch im Herzen, zieht sich immer mehr in sein Schneckenhaus zurück. Hochintelligent aber einsam verbringt er seine Schultage mit wissenschaftlichen Projekten und dem Auswendiglernen des Periodensystems der Elemente. Eines Tages jedoch erwacht er im Himmel der 13-Jährigen Amerikaner und erfährt, dass er dort nun für weitere 50 Jahre sein Alter halten wird, bevor er wirklich stirbt. Als kurz nach seiner Ankunft ein ehemaliger Mitschüler im Himmel aufkreuzt, erfährt er, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist, sondern ermordet wurde, von einem Täter, den die beiden Jungen fortan „Gunboy“ nennen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach ihrem Mörder und hoffen ihn, in ihrem Jenseits anzutreffen. Doch bald schon stellt sich heraus, dass es nur zwei Opfer gab und einer davon war der Mörder. Für Boo jedoch wird es nebensächlich Rache zu üben und Gerechtigkeit zu erlangen. Er möchte einzig die Freundschaft mit Johnny bewahren, eine Kameradschaft, die er sich zu Lebzeiten immer wünschte und nie bekam. Doch sein neuer Freund wird zum „Wiedertod“ verurteilt und kann nicht mehr lange im Himmel bleiben, es sei denn sie finden ein Portal zur Diesseitigen Welt …

Meinung

Auf diesen innovativen, andersartigen Roman war ich sehr gespannt, weil er ausgesprochen gute Kritiken bekommen hat und als ein gelungener Debütroman ins Auge fiel. Die Geschichte selbst klingt auch wirklich toll und interessant, denn der Mix aus Jugendroman und phantastischer Geschichte, die im Jenseits spielt, weckte mein Interesse ungemein. Tatsächlich hat mir der Beginn des Buches auch sehr gut gefallen, weil allein die Idee einer Welt nach unserem Tod, selbst so wie sie der Autor beschreibt einen großen Reiz auf mich hat. Zu schön wäre doch die Vorstellung, dass es so etwas tatsächlich geben könnte …

Trotzdem ist es Neil Smith nicht gelungen, mich so richtig in den Bann der Geschichte zu ziehen. Einige Textstellen haben ungewöhnliche Längen, während andere mir viel zu kurz erschienen. Auch die Suche nach dem potenziellen Mörder konnte mich nicht überzeugen und mich hat die Erzählung teilweise sogar gelangweilt. Der Autor setzt den Fokus ganz zielstrebig auf die persönliche Entwicklung des Hauptprotagonisten, dem es im Jenseits tatsächlich gelingt, sein Leben in den Griff zu bekommen, der endlich all das erreicht, was er sich im Diesseits bereits wünschte. Eine gewisse Trauer schleicht sich aber auch dazwischen. Trauer darüber, die Chancen verpasst zu haben, Trauer darüber sich nicht verabschieden zu können und nun für weitere 50 Jahre in einer Welt zu leben, in der es normalerweise nur begrenztes Entwicklungspotential gibt.

Der Schreibstil ist jugendlich frisch und gut zu lesen, die gewählte Erzählperspektive in der Ich-Form bringt dem Leser einen gewissen Mehrwert, denn so kann man die Empfindungen von Boo besser teilen und seine Ansichten verstehen. Boo wird mit fortschreitender Lektüre zu einem immer liebenswerteren Menschen, den man von Herzen endlich mal etwas Glück und Erfolg wünscht.

Fazit

Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen warmherzigen Roman mit sehr alternativer, erfrischender Handlung, der mich zwar nicht ganz begeistern konnte, aber sicherlich eine lesenswerte Geschichte erzählt. Meine Erwartungshaltung war wohl schlicht eine andere, die sich hier nicht ganz erfüllen ließ, weil mir der emotionale Bezug gefehlt hat. Ich habe mich weder köstlich amüsiert, was für eine humorvolle Variante gesprochen hätte, noch konnte ich Tränen vergießen, was ich mir vielleicht sogar gewünscht hätte. Das Buch und ich sprechen wohl einfach nicht die gleiche Sprache. Die Variante, einen Roman im Jenseits spielen zu lassen fand ich trotzdem top und sehr ansprechend – gern würde ich die Thematik weiterverfolgen und auch der Autor wäre noch ein zweites Buch wert.

Veröffentlicht am 28.05.2017

Dunkle Geheimnisse verborgen unter Wüstensand

Palast aus Staub und Sand
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„Karma, so hatte Baptiste irgendwann einmal gelesen, bedeutete entgegen seines früheren Glaubens nicht Schicksal, sondern Ursache und Wirkung. Welche Ursache jedoch für die Wendung dieser Tage verantwortlich ...

„Karma, so hatte Baptiste irgendwann einmal gelesen, bedeutete entgegen seines früheren Glaubens nicht Schicksal, sondern Ursache und Wirkung. Welche Ursache jedoch für die Wendung dieser Tage verantwortlich war, würde ihm wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.“

Inhalt

Mit dem Tod seiner über alles geliebten Frau Claire muss sich Baptiste fragen, wie es nun mit ihm selbst weitergehen wird. Das fortgeschrittene Alter zwingt ihn dazu sich ernsthaft zu überlegen, ob er in ein Altersheim zieht oder ob er dem Ruf seines Herzens folgt. Frankreich war nur durch Claire seine Wahlheimat, während seine Wurzeln in Algerien liegen und dort zieht es ihn wieder hin. Durch eine zufällige Bekanntschaft mit der jungen engagierten Ella, die für ein Hilfsprojekt einsamer Waisenkinder in Afrika auf der Suche nach finanzieller Unterstützung ist, erkennt Baptiste seine Chance, in die Heimat zurückzukehren. Er rettet Ella aus ihrer finanziellen Misere und begleitet sie und ihre Freunde mit nach Afrika. Mit Ella verbindet ihn zunächst nur eine normale Freundschaft, doch als die junge Frau schwer erkrankt und niemand Ihnen helfen kann, da sie auf Grund einer dramatischen Wetterlage eingeschlossen sind, erzählt Baptiste ihr seine wahre Lebensgeschichte. Eine Geschichte über Freundschaft, Sehnsucht und Verlust, über das Ende der Unschuld und die Qualen der menschlichen Seele. Baptiste erzählt ihr, wer er wirklich ist und warum er zu dem wurde, was er ist …

Meinung

In seinem Debütroman beschäftigt sich der Autor Haroon Gordon in erster Linie mit der Menschlichkeit, mit der Fähigkeit Empathie zu empfinden, anzunehmen und an andere Menschen weiterzugeben. Dieser Roman lebt durch intensive, tiefgründige Betrachtungsweisen, entwirft vielschichtige Charaktere, die zahlreiche Facetten in sich beherbergen und dadurch sehr fehlbar aber äußerst authentisch wirken. Die Betrachtung des Menschen als Individuum im Zusammenspiel mit seiner Herkunft und den Möglichkeiten seiner Entwicklung wird hier ausgesprochen realistisch und nachvollziehbar geschildert.

Auf zwei Erzählebenen verweben sich die Einzelschicksale von Ella, einer Frau mit traumatischer Vergangenheit und klaren Zielvorstellungen und die von Baptiste, einem Mann dessen Gegenwart durch seine Vergangenheit immer klarer wird und der den Leser teilhaben lässt an einer dramatischen Familiengeschichte, die ihre Anfänge in Abda, einem algerischen Frauengefängnis hat. Immer tiefer taucht der Leser in die Geschichte ein, immer ersichtlicher werden die Zusammenhänge und immer schwerer die Last, die Verzweiflung, die man mit dem Hauptprotagonisten teilt.

Dem Autor ist mit dieser Erzählung nicht nur ein sehr atmosphärischer Roman gelungen, der die Lebensumstände in einem algerischen Frauengefängnis, detailliert und anschaulich beschreibt, sondern darüber hinaus ein generalistischer Streich, der so viele Fragen des menschlichen Lebens aufwirft, dass man nur zu gern darüber nachdenken möchte, welche tieferen Grundsätze dahinter verborgen liegen. Besonders die Frage nach dem Sinn, nach dem Schicksal, nach der Selbsteinschätzung hat mich fasziniert. Es gibt hier durchaus Schuldige, doch man kann ihr Handeln nachvollziehen. Es gibt die immer wiederkehrende Frage nach Gottes Wille, ja nach seiner Präsenz im Alltäglichen. Es gibt Menschen mit Fehlern, es gibt Menschen mit Wünschen, die sich nicht verwirklichen lassen aber gleichermaßen keimt die Hoffnung des Lebens, der Wille einen neuen Weg einzuschlagen und irgendwo von vorn zu beginnen. Diese Kernaussage macht die Lektüre des Buches so besonders und hebt sich deutlich vom Mainstream ab, gerade weil sie sich auf innere Werte konzentriert.

Fazit

Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne für diesen abwechslungsreichen, gesellschaftsorientierten Roman, der lange nachhallt und wichtige Fragen des menschlichen Lebens aufwirft und teilweise auch beantwortet. Ich empfehle ihn für Leser, die sich gerne mit Gefühlen, Gedankengängen und Innerlichkeit befassen und die eine Geschichte mit Tiefgang suchen. Sprachlich auf hohem Niveau, sieht man sich hier mit der Frage konfrontiert: „Was macht einen Menschen aus?“

Veröffentlicht am 22.05.2017

Jack und June und die Jahre dazwischen

June
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„Deine Großmutter war unglaublich geduldig. Wenn es Jack und ihr bestimmt war, auf dieser Welt zusammen zu sein, dann würde die Zeit dafür kommen, davon war sie überzeugt.“

Inhalt

In der Provinz ...

„Deine Großmutter war unglaublich geduldig. Wenn es Jack und ihr bestimmt war, auf dieser Welt zusammen zu sein, dann würde die Zeit dafür kommen, davon war sie überzeugt.“

Inhalt

In der Provinz St. Jude in Ohio ist die Hölle los, als bekannt wird, dass gerade diese beschauliche Kleinstadt auserwählt wurde, um als Schauplatz für eine aktuelle Hollywoodverfilmung zu dienen. In Heerscharen strömen die Bewohner zum Filmset, um nicht nur einen Blick auf die Berühmtheiten zu erhaschen, sondern möglichst noch eine Statistenrolle zu ergattern. In erster Reihe die kleine Linda Sue, die auch ihre jugendliche Freundin mit vermitteln möchte. Doch besagte June, hat an Hollywood kein Interesse und bereitet sich derweil auf ihre anstehende Vermählung vor. Als sie den berühmten Hauptdarsteller Jack Montgomery durch Zufall begegnet, gerät ihre Welt aber aus den Fugen, denn schon bald ist sie sich sicher ihn zu lieben und auch er möchte nur noch bei June sein. Und während Linda Kupplerin spielt, um das junge Glück wahr werden zu lassen. Ereignen sich diverse Intrigen und Ränkespiele am Set, die deutlich zeigen wie ungewiss diese Liebelei sein wird. Für June und Jack gibt es keine Zukunft, doch ihre Enkeltochter Cassie rollt nach Jahrzehnten alles wieder auf und wird zur überraschenden Alleinerbin eines Hollywoodstars auserkoren …

Meinung

Zunächst einmal finde ich die Idee hinter der Geschichte wirklich sympathisch und absolut erzählenswert. Sie lädt so richtig zum Träumen ein, wenn wir uns in eine unerfüllte Liebesromanze zwischen einem Mädchen und einer Hollywoodgröße hineinversetzen können. Hinzu kommt ein idyllischer Schauplatz, eine längst vergangene Zeit und ein Leben zwischen Familientradition, gesellschaftlicher Beobachtung und unterdrückter Gefühle. Der Stoff aus dem dieser Roman gewebt ist, gefällt mir außerordentlich gut und konnte mich über 500 Seiten hinweg bestens unterhalten.

Es ist weniger ein tiefschürfendes, beeindruckendes Leseerlebnis als eine hübsch erzählte Liebesgeschichte, die dennoch einen besonderen Reiz hat. Miranda Beverly-Whittemore lässt in dieser Erzählung ein Flair aufkommen, welches auf einen guten Film zutrifft, so dass ich mir das Geschehen bildlich und umfassend vorstellen konnte. Man fühlt sich als Leser hineinversetzt in eine Story, die an „Titanic“ oder „Dirty Dancing“ erinnert, obwohl es inhaltlich kaum Parallelen dazu gibt.

Die Autorin agiert auf zwei Erzählebenen. Zunächst ist da die Vergangenheit aus dem Jahre 1955, in der Linda erzählt, wie es zur Begegnung zwischen Jack und June kam und welche Abenteuer die Beteiligten erleben durften. Und dann gibt es noch die Gegenwart, in der sich Junes Enkeltochter Cassie damit konfrontiert sieht, ihre Herkunft zu erforschen, weil sie laut Testament die Erbin eines Hollywoodstars sein soll.

Leider macht dieser zweite Handlungsstrang vieles kaputt, weil er sehr oberflächlich und mit reichlich unsympathischen Protagonisten aufwartet. Cassie, die ziel-und erfolglose Enkeltochter, die in der Bruchbude ihrer Großmutter den ganzen Tag verschläft, Tate, die ambitionierte, erfolgreiche Tochter von Jack, die ihr Erbe sichern möchte und Nick, ihr beflissener Manager, der sich zu allem Überfluss in die graue Maus, die bald in Geld schwimmen wird verguckt. All das wirkt sehr aufgesetzt und teilweise überflüssig, so dass ich mich während des Lesens auf den Sommer 1955 konzentriert habe und andere Stellen weniger gern konsumiert habe.

Fazit

Dieser Roman bekommt von mir 3,5 Sterne, die ich gerne zu 4 Lesesternen aufrunde, weil es ein klassischer Unterhaltungsroman mit einer warmherzigen, interessanten Familiengeschichte ist, die sich erst langsam aus dem Kontext ergibt und deren Geheimnisse bis zum Schluss spannend und aufregend bleiben. Die Idee zum Buch ist toll, eine Verfilmung könnte ich mir sehr gut vorstellen, nur an der Umsetzung müsste man noch etwas feilen. Ich spreche eine Leseempfehlung für unbeschwerte Sommertage aus, an denen man in einer Erzählung vor allem versinken und mit den Protagonisten mitfiebern möchte und den Alltag einfach einmal ausblenden will.