Profilbild von jenvo82

jenvo82

Lesejury Star
offline

jenvo82 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit jenvo82 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Der Geniestreich eines unwilligen Schriftstellers

Mr Gwyn
0

„Eines Tages habe ich erkannt, dass mir nichts mehr wichtig war und dass mich alles tödlich beleidigte.“
Jasper Gwyn, ein recht bekannter Autor, befindet sich an einem Wendepunkt seines Lebens und beschließt ...

„Eines Tages habe ich erkannt, dass mir nichts mehr wichtig war und dass mich alles tödlich beleidigte.“
Jasper Gwyn, ein recht bekannter Autor, befindet sich an einem Wendepunkt seines Lebens und beschließt fortan kein Schriftsteller mehr zu sein. Ganz zum Ärgernis seines Agenten, zieht er sich vollkommen aus der Welt der Literatur zurück, um ein äußerst ungewöhnliches Projekt zu starten. In nächster Zeit wird er sich ein Atelier einrichten und dort in ansprechendem Ambiente Portraits anfertigen. Doch seine Modelle werden nicht gemalt, sondern beschrieben, denn Jasper kann sich trotz anfänglichem Widerwillen der Schönheit der Worte und dem Schreiben an sich nicht entziehen. Sein erstes Modell ist eine oberflächliche Bekanntschaft aus seiner bisherigen Agentur und die Aktstudie gelingt beiderseits zur vollsten Zufriedenheit. So scheint es fast, das Mr. Gwyn eine neue, sinnbringende Berufung gefunden hat, indem er andere Menschen mittels Sprache studiert. Doch bei seinem 11. Portrait begeht er einen folgeschweren Fehler, der Jasper zwingt seine Arbeit aufzugeben und fortan in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Alessandro Baricco besticht in diesem äußerst ungewöhnlichen, kreativen Roman mit einer bezaubernden, humorvollen und gleichsam tragenden Sprache und einer fiktiven, spannenden Geschichte. Geprägt von Stille und Intensität entwickelt der Leser ein Gespür für die Handlung und den eher verschrobenen, kauzigen Charakter des Hauptprotagonisten. Auf geheimnisvolle Art und Weise wird man in den Strudel der Ereignisse hineingezogen und möchte ähnlich wie der enttäuschte, ehemalige Agent des Schriftstellers wissen, was Jasper Gwyn denn nun tatsächlich in seinen geschriebenen Portraits festhält. Die Kraft der Literatur treibt die Handlung vorwärts und steuert systematisch auf einen Höhepunkt zu. Doch bevor man diesen erreicht, fällt das Kartenhaus in sich zusammen und hinterlässt einen leicht bitteren Nachgeschmack. Denn Mr. Gwyn verschwindet auf unerhörte Art und Weise aus dem Roman und nur sein erstes Modell entdeckt eine Möglichkeit, ihm auf die Spur zu kommen.
So greift der Autor in einer zweiten, kleineren Erzählung mit dem Namen „Dreimal im Morgengrauen“ eine weitere, recht unlogische Kurzgeschichtensammlung auf und nutzt dieses Stilelement, um dem Leser eine Antwort darauf zu geben, was denn nun wirklich geschah und wer sich hinter dem Namen Jasper Gwyn tatsächlich verbirgt. Doch dieses Selbstportrait des gefeierten Autors lässt mich unbefriedigt zurück und erzeugt bei mir die Wirkung, dass ich weder den Protagonisten noch die Aussage des Buches so recht verstanden haben.
Fazit: Ich vergebe 4 Sterne für diesen ungewöhnlich, künstlerischen Roman der mit zahlreichen Stilelementen und treffenden Worten jongliert, der weise Sätze aufstellt und den Leser zum Schmunzeln bringt. Eine harmonische Ausgewogenheit durchzieht die gesamte Erzählung und Begriffe wie Identität, Selbstzweck und Lebensaufgabe bekommen einen glänzenden, bedeutenden Schein. Doch das Resümee, welches ich ziehe entzieht sich einer tatsächlichen Grundlage und bleibt sehr undeutlich, fast schwammig. Ich persönlich mag es gerne etwas realistischer und weniger abstrakt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Drei Frauen. Drei Generationen. Drei Meere.

Die Frauen vom Meer
0

„Er legte ihnen die Freiheit zu Füßen, nach der sich Ilayda so lange gesehnt hatte, denn Vertrauen war nur ein anderes Wort mit derselben Bedeutung.“

Inhalt

Die drei Frauen vom Meer verbindet weit mehr ...

„Er legte ihnen die Freiheit zu Füßen, nach der sich Ilayda so lange gesehnt hatte, denn Vertrauen war nur ein anderes Wort mit derselben Bedeutung.“

Inhalt

Die drei Frauen vom Meer verbindet weit mehr als ein gemeinsamer Stammbaum und ein Leben voller Sehnsüchte und Wünsche, sie teilen sich ein Stück weit die Geschichte einer Familie, die aus ganz verschiedenen Menschen zusammengesetzt ist und ein lebendiges Gebilde bleibt, weil sie die Besonderheit und Einzigartigkeit jedes Einzelnen anerkennt und zu integrieren weiß. Während Ferah, die Großmutter sich selbst eine Familie aufbaut, die sie in ihrer Kindheit nicht hatte, möchte Elisabeth, ihre Schwiegertochter die Zwänge des türkischen Familienlebens nicht auf sich nehmen. Und Ilayda, die Enkeltochter fühlt sich in ihrem Heimatland ausgesprochen wohl, während sie in Deutschland eine Außenseiterin bleibt. Jede von ihnen besteht eigene Lebensprüfungen, jede hegt geheime Wünsche und hängt ihren Träumen nach und jede bemüht sich, für die Angehörigen einen Kompromiss einzugehen. Denn alle drei müssen feststellen, dass die Heimat, die sie sich erträumen nicht an einem einzigen Ort zu finden ist, auch nicht in einer Partnerschaft sondern einzig und allein in ihrem Herzen.

Meinung

Dieser ausgesprochen einfühlsame, emotionale Familienroman kombiniert nicht nur zwei gegensätzliche Kulturen miteinander, sondern rückt das Leben selbst in den Mittelpunkt der Erzählung. Er thematisiert dabei ganz hervorragend die Entwicklung einer Generation und auch die der nächsten und der übernächsten. Dabei sind es vor allem die Frauen, die ihre „Jungmädchenträume“ zurückstellen, die nachdem sie selbst Kinder bekommen und eine Familie gründen, auch ein anderes Weltbild gewinnen und die sich dennoch treu bleiben und sich weder von gesellschaftlichen Zwängen noch von wohlgemeinten Ratschlägen aus der Ruhe bringen lassen. Sie folgen ihrer Intuition und ihrem Herzen und gewinnen dadurch an Authentizität und Lebenskraft. Deniz Selek lässt den Leser teilhaben an den verschiedenen Rollenbildern, der Aufgabenverteilung und den Ansichten in der Türkei und geht dabei sowohl auf die besonders innigen zwischenmenschlichen Beziehungen ein, als auch auf die kritischen Aspekte eines Lebens im Schatten der Männer.

Fazit

Ich vergebe volle Punktzahl für diesen eindringlichen, sprachlich ansprechenden Familienroman, der viele wichtige Themen, wie Sehnsüchte, Hoffnungen, dass Muttersein, die tragende Rolle innerhalb der Familie, das Heimatgefühl und nicht zuletzt die Liebe zum Leben anspricht. Starke Charaktere, tolle Schauplätze und eine intensive Erzählweise verleihen diesem Roman eine hohe schriftstellerische Qualität, die ich als Leseempfehlung sehr gern an andere weitergebe. Ein Buch fürs Herz, für die Seele und für den Glauben an ein sinnerfülltes Dasein. Top!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Das traurige Herz

Mann ohne Herz
0

Siri Bergman, ehemalige Psychologin unterstützt seit Neuestem das Profilerteam der Stockholmer Polizei. Ihr erster „Fall“ führt sie in das Schwulenmilieu der Hauptstadt. Ein prominenter Homosexueller wird ...

Siri Bergman, ehemalige Psychologin unterstützt seit Neuestem das Profilerteam der Stockholmer Polizei. Ihr erster „Fall“ führt sie in das Schwulenmilieu der Hauptstadt. Ein prominenter Homosexueller wird brutal hingerichtet und sein herausgeschnittenes Herz in einer Silberschale präsentiert. Als weitere Morde geschehen, die in direktem Zusammenhang zu stehen scheinen, versuchen Siri und ihr Team ein geeignetes Täterprofil zu erstellen. Handelt es sich um Hassverbrechen oder um einen persönlichen Rachefeldzug?

In diesem Psychothriller liegt der Fokus auf der Ermittlertätigkeit und den persönlichen Befindlichkeiten der Protagonisten. Mittels zweier Handlungsstränge entwirft das Autorenduo einen Kriminalfall um Schuld und Rache, um enttäuschte Liebe und verletzte Gefühle. Der Schreibstil ist modern, leicht zu lesen und generell ansprechend, so dass man auf reichlich 400 Seiten gut unterhalten wird.

Dennoch widmet sich ein Großteil des Buches dem Leben von Siri Bergman, ihren Ängsten und Sehnsüchten, ihren Eheproblemen und der Last einer unfreiwillig beendeten Freundschaft. Dadurch tritt der Kriminalfall immer wieder in den Hintergrund und verliert zusehends an psychologischer Raffinesse.

Fazit: Meine Ansprüche an einen spannungsgeladenen Psychothriller wurden hier nicht ganz erfüllt. Die Nebenhandlung lenkt vom eigentlichen Schwerpunkt ab und mir fehlt auch der kontinuierliche Blick in die Seele des Mörders – meist plätschert das geschriebene Wort vor sich hin. Das Buch liest sich gut und hat einen großen Unterhaltungswert, der zündende Funke konnte aber nicht überspringen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Schuld, die nicht verjährt

Kaninchenherz
0

Die ehemalige Kriminalkommissarin Gesine hat ihren kleinen Sohn Philipp durch einen tragischen Unfall im Kleinkindalter verloren. Seitdem lebt sie vollkommen zurückgezogen in einem Wohnwagen und arbeitet ...

Die ehemalige Kriminalkommissarin Gesine hat ihren kleinen Sohn Philipp durch einen tragischen Unfall im Kleinkindalter verloren. Seitdem lebt sie vollkommen zurückgezogen in einem Wohnwagen und arbeitet als Friedhofsgärtnerin. Als sie durch Zufall die Beerdigung der eigenen Schwester miterlebt, bricht die Mauer des Schweigens, die sie um sich herum errichtet hat. Als sie erfährt, dass es sich höchstwahrscheinlich um Mord handelt, beginnt Gesine die Ereignisse aus der Vergangenheit neu aufzurollen. Doch das ruft die Geister wach, die seit 10 Jahren im Verborgenen blieben … und der Mörder kommt der jungen Frau gefährlich nahe.

Bei diesem Roman handelt es sich um das Krimidebüt der Autorin und den Auftakt zu einer Reihe. Ein flüssiger Schreibstil und eine fast mystische Grundstimmung, kombiniert mit einem tragischen Ereignis in der Vergangenheit wecken mein Interesse. Der Roman erzeugt eine subtile, psychologische Wirkung und kommt auch ohne blutige Szenen aus. Vielmehr stellt er Fragen in den Raum, die man unbedingt beantwortet haben möchte. Welche Schuld haben die Verantwortlichen auf sich geladen und warum müssen immer mehr Menschen sterben? Die Indizien sprechen eine eigene Sprache und das Rätseln um die Identität des Mörders kann beginnen …

Fazit: Ein unblutiger, solider deutscher Kriminalroman der durch eine spannende Geschichte führt und dabei ein persönliches Drama offenbart. Stellenweise bleiben die Charaktere etwas blass und der Nervenkitzel auf der Strecke, dennoch spreche ich eine Leseempfehlung aus, da mich das Buch wirklich gut unterhalten hat. Wer die Kriminalromane von Petra Hammesfahr mag, wird auch Gefallen an „Kaninchenherz“ finden.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Miamas - geheimes Reich von Oma und Elsa

Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid
0

Die 7-jährige Elsa muss miterleben, wie ihre einzige und beste Freundin, die gleichzeitig auch ihre Großmutter war, an Krebs stirbt. Doch Oma ist nicht wirklich tot. Stattdessen schickt sie ihre pfiffige ...

Die 7-jährige Elsa muss miterleben, wie ihre einzige und beste Freundin, die gleichzeitig auch ihre Großmutter war, an Krebs stirbt. Doch Oma ist nicht wirklich tot. Stattdessen schickt sie ihre pfiffige Enkeltochter auf eine Mission: Elsa soll den Bewohnern ihres Mietshauses einen Brief von Oma überreichen, ein Schriftstück in dem sich Oma bei allen für irgendetwas entschuldigt. Während Elsa fleißig Briefe verteilt, lernt sie eine Menge über andere Menschen, findet neue Freunde und vervollständigt damit den Lebensplan ihrer Großmutter.

Nachdem ich „Ein Mann namens Ove“ regelrecht verschlungen habe, war ich unheimlich gespannt auf den Nachfolgeroman des jungen, schwedischen Autors Fredrik Backman. Leider reicht der Zweitling nicht ganz an das Autorendebüt heran, zu oft finden sich Parallelen, so dass man immer das Gefühl hat: „Das war schon einmal da.“ Der Humor und auch die tiefgreifenden Gefühle in der Erzählung bleiben hier etwas zurück, so dass ich doch etwas länger für die Lektüre gebraucht habe.

Dennoch spricht auch dieser Roman mein empathisches Leserherz an und vermittelt ein unterhaltsames, ansprechendes Szenario. Eine Großmutter, die auch nach ihrem Ableben noch so präsent ist, wie eh und je. Jeder kennt sie, jeder hat eine Anekdote auf Lager und jeder hat sie auf seine Art und Weise geliebt. Vor allem weil sie nicht der Typ Durchschnittsoma war, sondern eine starke, unbeugsame Persönlichkeit mit persönlichen Grundsätzen. Und dann gibt es da natürlich noch die selbstgeschaffene Phantasiewelt von Oma und Elsa. Ein Königreich mit dem Namen Miamas vermittelt Elsa alles, was sie für ihr reales Leben wissen muss. Denn Märchen haben immer einen Plan und einen Superhelden und sie enden niemals schlecht …

Fazit: Ein liebenswerter Roman, der die Phantasie des Lesers anspricht und trotz einiger Längen mit einer wundervollen Geschichte aufwartet, die im Kern eine Menge Lebensweisheit enthält.