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Veröffentlicht am 14.04.2021

Wer keinen Schatten wirft, existiert nicht

Roman d’amour
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„Am Meer lernt man am besten, dass man die Welt nicht halten kann, nichts kann man halten, nichts, nichts, nichts.“

Inhalt

Charlotte Moire hat einen Roman geschrieben, in dem sie die Liebschaft zwischen ...

„Am Meer lernt man am besten, dass man die Welt nicht halten kann, nichts kann man halten, nichts, nichts, nichts.“

Inhalt

Charlotte Moire hat einen Roman geschrieben, in dem sie die Liebschaft zwischen einem verheirateten Mann und seiner Affäre beschreibt, natürlich endet es tragisch, natürlich gibt es nicht nur den Betrüger, sondern auch die hintergangene Ehefrau und die unglückliche Zweitfrau, die ihren Geliebten niemals für sich allein haben wird.

Und Charlotte hat ganz bewusst ihre eigenen Erfahrungen mit in die Thematik einfließen lassen, aber so geschickt, dass ein Außenstehender nur mutmaßen kann, wieviel Wahrheit in der fiktiven Erzählung steckt. Dieser Frage geht nun die Journalistin Frau Sittich nach, die die Künstlerin in einem Interview anlässlich einer Preisverleihung genauer charakterisieren möchte. Die beiden Frauen sind sich nicht unbedingt sympathisch und doch scheint es eine besondere Verbindung zwischen ihnen zu geben, denn die eine fragt immer mehr als sie wissen muss und die andere fühlt sich bemüßigt Dinge zu erklären, bei denen kein Erklärungsbedarf besteht. Ein offenes Gespräch über die Liebe und deren Verästelungen nimmt seinen Lauf, bei dem es nicht um die Frage der Schuld, sondern um die Möglichkeiten der Liebe geht …

Meinung

Dies war mein erster Roman der deutsch-französischen Autorin Sylvie Schenk, die hier auf kurzen 128 Seiten ein sehr besonderes Leseerlebnis bietet, welches ganz anders gestrickt ist, als eine Vielzahl der Bücher mit der Thematik des Ehebruchs.

Gerade der Aufbau einer zweiten Geschichte innerhalb eines Romans, mit ähnlichen Protagonisten, bekannten Situationen und verständlichen Entwicklungen, lässt vieles verschmelzen und macht es dem Leser nicht immer einfach, die Situationen auseinander zu halten. Doch hier ist dieses Konstrukt gelungen, denn es spielt überhaupt keine Rolle wer hier wen betrügt und aus welchem Grund – alles sind nur Erinnerungen an eine längst vergangene Liebschaft, die dennoch immer aktuell sein wird, weil sie so universell und altbekannt scheint, wie die Liebe selbst.

Positiv beurteile ich die Aussagekraft der Geschichte, die sich eher nebenbei ergibt, denn man findet zwischen den Zeilen eine Vielzahl philosophischer Gedanken über die Liebe an sich und im Besonderen, man spürt die Lebensweisheit der Erzählenden und genießt außerdem, die Eindrücke der Protagonisten, die kurzzeitig in dieser Affäre aufgehen, sie genießen, sie verachten und schließlich mit ihr vergehen, denn das diese Liebelei endlich sein wird, ist von Anfang an klar. Ohnehin bekommt die Gefühlsebene hier eine wesentliche Rolle, sie ist es, die Menschen in die Verwirrungen der Liebe stürzt und sie dann straucheln lässt, weil sie sich voll und ganz auf den Moment konzentriert haben und sich fortan mit der schnöden Realität abfinden müssen, die es ihnen unmöglich macht für immer den Ausnahmezustand zu genießen. Wie fühlt man sich in dieser Situation, die man zwar von Anfang an durchdacht hat, sie aber dennoch anders erlebt, wenn man sie durchlebt?

Der Sprachstil ist gehoben, wirkt ästhetisch und lädt zum Träumen ein, zum Nachdenken und zum Innehalten, denn es macht wirklich Freude hier ganze Sätze gleich noch mal zu lesen, um sie in ihrer vollen Schönheit zu erfassen. Der Text ist faszinierend dicht geschrieben, die Handlungen greifen wie kleine Rädchen ineinander und dabei können die Gedanken des Lesers wunderbar schweifen. Auf wenig Raum konzentriert sich hier eine vielschichtige Handlung, bei der das Kalkül weniger auf der Anklage liegt als auf den Emotionen, die auch Jahre nach dieser Amour fou noch so präsent sind, dass sie schmerzen. Bei den Charakteren liegen die Sympathien meinerseits bei den weiblichen Figuren, während der Mann doch sehr blass bleibt und für meinen Geschmack zu austauschbar wirkt – vielleicht ein klitzekleiner Kritikpunkt in der sonst so niveauvollen, formschönen Erzählung.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen autofiktionalen Roman, der die Identitäten der handelnden Personen aufweicht und deshalb weniger Nähe und Emotionalität erzeugt als andere Bücher mit ähnlicher Thematik. Dafür liegt die Stärke des Textes darin, Hintergründe und Ursachen viel deutlicher und universeller hervorzuheben und einen höchst interessanten Plot zu entwerfen, der am Ende mit einer Überraschung aufwartet, die gleich dazu animiert, nochmals von vorne zu beginnen, um diesmal alle/ andere Nuancen aufzunehmen. Ein weiteres Buch der Autorin würde ich sehr gerne lesen und kann dieses hier empfehlen.

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Veröffentlicht am 14.04.2021

Die Erdkugel auf ihrer richtigen Bahn

Löwen wecken
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Du begreifst nie, wie komplex die Wirklichkeit ist, solange du nicht versuchst, dir eine alternative Wirklichkeit zu schaffen. Und da war schon was dran, an dem, was er erzählte, etwas, das ihn vom klaren ...

Du begreifst nie, wie komplex die Wirklichkeit ist, solange du nicht versuchst, dir eine alternative Wirklichkeit zu schaffen. Und da war schon was dran, an dem, was er erzählte, etwas, das ihn vom klaren Territorium der Lüge entfernte.“

Inhalt

Etan Grien ist Arzt, liebender Ehemann und Familienvater und war Zeit seines Lebens immer prinzipientreu. Doch als er eines Nachts auf dem Nachhauseweg einen Menschen überfährt, gerät seine so alltägliche, normale Welt vollkommen durcheinander. Etan begeht Fahrerflucht, nachdem er sich kurz versichert hat, dass er dem Eritreer, der vor ihm im Wüstensand liegt nicht mehr helfen kann. Schlagartig wird ihm bewusst, dass er nun lügen muss oder für sein Vergehen alles verliert, was ihm lieb und teuer ist. Als am nächsten Morgen eine dunkelhäutige Frau vor seiner Tür steht und ihm seine verlorene Geldbörse überreicht, die sie bei ihrem tödlich verletzten Mann gefunden hat, begreift Etan, dass er so leicht nicht aus der Situation herauskommen wird, denn die Fremde hat alles, was sie braucht, um ihn zu erpressen und Etan beginnt ein gefährliches Doppelleben, welches ihn bald schon an seine Grenzen bringt …

Meinung

Viel zu lange schon lag dieses Buch auf meinem SUB und nun habe ich es im Rahmen einer Challenge endlich zur Hand genommen und mich in die ferne und auch nahe Welt der Lügen, des Betrugs und der schicksalhaften Begegnungen vorgewagt und mich gemeinsam mit den Hauptprotagonisten auf eine psychologische Reise in ihr Inneres gewagt.

Dieser Roman benötigt nicht allzu viele Zutaten, um seine Durchschlagskraft zu entwickeln, denn eigentlich ist es nur dieser kurze Moment, der Katalysator, den es braucht, um eine Kette an Ereignissen auszulösen, die dieses Buch in vielschichtigen Gedankengängen nach und nach freilegt.

Es sind zwei wesentliche Merkmale, die diese Erzählung so verstörend und gleichzeitig menschlich machen: zunächst ist es das Dilemma eines bisher nie negativ in Erscheinung getretenen Mannes, der sich plötzlich mit der vernichtenden Frage konfrontiert sieht, wieso er zu so einer Tat überhaupt fähig ist, er der nie gelogen hat, der immer auf der Seite der Guten stand und selbst viel Wert auf Integrität und Ehrlichkeit legt. Und dann ist es noch die Gegenseite, die zu Wort kommt, in Form einer Fremden, die bisher niemand wahrgenommen hat, die eine von tausenden Flüchtlingen ist, die in der Masse verschwinden, deren Leben noch nie einfach, schön und voller kleiner Wunder war.

Beide Gegenpole treffen aufeinander und müssen feststellen, dass es dieses Dogma zwischen Recht und Gerechtigkeit nicht gibt. Doch während Etan mit der Entwicklung seines eigenen Charakters zum vermeintlich schlechteren hadert, besinnt sich Sirkit, die Unfallzeugin eines anderen, wohlwissend, dass ihr Handeln immer eine Reaktion beim anderen auslösen wird und sie damit erstmals in ihrem Leben die Macht hat, eine Veränderung willentlich herbeizuführen.

Die in Tel Aviv lebende Autorin Ayelet Gundar-Goshen formt hier ein äußerst interessantes, leicht nachvollziehbares Gedankenkonstrukt zweier Menschen, die ein dunkles Geheimnis teilen, aus dem bald schon neue Entwicklungen entstehen. Dabei wechselt sie gekonnt die Erzählperspektiven, mal aus der männlichen, dann wieder der weiblichen Sicht und sie verwebt die Ereignisse so dicht und massiv, dass auch die Nebenprotagonisten unfreiwillige Zuschauer werden bzw. dazu verdammt sind, unwissend zu bleiben, ungeachtet ihrer Fähigkeit die zahlreichen Veränderungen wahrzunehmen. Im Hintergrund läuft beim Leser ein ganzer Film ab, der sich weniger auf die einzelnen Szenen konzentriert, sondern vielmehr auf die emotionale Ebene, die ungesagten Worten, die nur erdachten Möglichkeiten und den Wunsch, zumindest einem der Protagonisten beizustehen und sei es nur moralisch, selbst wenn das auf Grund der eindeutigen Indizien unverantwortlich erscheint.

Fazit

Ich bin begeistert von dieser Charakterstudie, die ganz nebenbei ein buntes Spektrum an Gedanken und Gefühlen wachrüttelt und vergebe gerne 5 Lesesterne für diese Ausnahmegeschichte. Das Beste daran – sie ist universell, übertragbar und egal wie realitätsnah sie auch sein mag, die Handlungen aller sind nachvollziehbar, empathisch und längst nicht so undenkbar, wie vermutet.

Der Kerngedanke hinter der manchmal abenteuerlichen Erzählung ist wie ein Fels, zunächst steht man vor einer schier unüberbrückbaren Wand, aber je länger man hinschaut, desto mehr Wege werden sichtbar und irgendwann scheint es sogar möglich das Massiv zu umgehen oder zu erklimmen. Es muss einfach wieder möglich sein, dass sich die Erdkugel eines Menschen in der richtigen Bahn bewegt, auch wenn man vorher glaubte, in einem vollkommen anderen Universum gelandet zu sein. In diese Situation darf man als Leser auf gut 400 Seiten eintauchen und wenn man das Buch zuklappt, bleibt nachhaltige Begeisterung für eine kleine Idee und ihre mannigfaltige Entwicklung.

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Veröffentlicht am 14.04.2021

Meine Geschichte zu ihren Ideen

Die Geschichte eines Lügners
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„Ich hatte zu allen eine Meinung und hielt auch nie damit hinter dem Berg, war äußerst zufrieden mit mir, wenn eine meiner wohlplatzierten Herabwürdigungen gelegentlich für Zündstoff sorgte und ich dann ...

„Ich hatte zu allen eine Meinung und hielt auch nie damit hinter dem Berg, war äußerst zufrieden mit mir, wenn eine meiner wohlplatzierten Herabwürdigungen gelegentlich für Zündstoff sorgte und ich dann bei der nächsten Begegnung mit dem jeweiligen Autor behaupten konnte, die Bemerkung sei völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden.“

Inhalt

Achtung enthält Spoiler

Maurice Swift hat zwei Ziele im Leben: ein erfolgreicher Romanautor zu werden und Vater eines Kindes. Beides gelingt ihm, allerdings nicht auf dem herkömmlichen Weg, sondern mittels seines Talents, sich anderen erfolgreich zu verkaufen und ihr Vertrauen zu erschleichen, nur um sie dann, nach dem Erreichen des Etappenziels fallenzulassen und sich nach der nächsten lukrativen Möglichkeit umzuschauen. Schon in jungen Jahren schmuggelt er sich förmlich in die Literaturszene, indem er einfach die pikante Lebensgeschichte eines bereits anerkannten Autors aufschreibt und sie ohne dessen Wissen, gewinnbringend vermarktet.

Immer wieder braucht er andere, um sein eigenes künstlerisches Schaffen voranzutreiben, denn ihm fehlen einfach die Ideen für neuen Romanstoff. Dabei ist es ihm gleichgültig, wen er verletzt und ausnimmt, er folgt konsequent seinen Zielen und geht dabei auch über Leichen. Sein skrupelloses Vorgehen kennt keine Grenzen und er verspielt seine Lorbeeren nach und nach, denn irgendwann kommen neue Autoren, die besser sind als er und Kritiker, die seine Vorgehensweise durchschauen. Für Maurice bleibt irgendwann nur noch die Einsamkeit und der Alkohol übrig und sein letzter Wunsch, endlich jene Anerkennung zu finden, nach der er Zeit seines Lebens lechzte …

Meinung

Der irische Bestsellerautor John Boyne gehört zu meinen Lieblingsautoren, denn er vermag es fiktive Geschichten so lebensnah und emotional zu gestalten, wie ich es mag. Deshalb war ich auf sein neuestes Buch sehr gespannt und bin natürlich mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung an die Lektüre gegangen.

Aber schon im ersten Drittel des Buches wurde mir klar, dass die Geschichte um den aalglatten und berechnenden Maurice, nicht in der Liga seiner anderen Romane mitspielen würde. Dabei liegt das nicht mal an dem durch und durch unsympathischen Protagonisten, sondern zunächst an dem scheinbar willkürlichen Aufhänger der Homosexualität. Viel Zeit vergeht im Handlungsverlauf, die mir nur veranschaulicht, wie die Literaturszene gestrickt ist und warum junge, attraktive Männer ein leichtes Spiel haben, zu Emporkömmlingen zu werden. Ganz klar, hier hätte ich mir einen anderen Einstieg gewünscht, zumal die sexuelle Präferenz im Folgenden keine wesentliche Rolle mehr spielt.

In der Folge erzählen dann diverse Protagonisten über ihr Leben in der unmittelbaren Nähe zu Maurice, sie schildern ihn in zahlreichen Facetten und lassen das ganze Ausmaß seiner vernichtenden Ambitionen deutlich werden – dennoch bleibt die zentrale Figur seltsam blass, obwohl mir die Perspektivenvielfalt anderer Erzählstimmen ganz gut gefallen hat. Nach der Hälfte des Romans hätte ich am liebsten das Prädikat – langweilig - vergeben, auch wenn es das nicht ganz trifft, aber die Gründe weiterlesen zu wollen, haben nur indirekt mit dem Roman zu tun. Eher die Hoffnung auf eine klare Wende im Buch haben mich bei der Stange gehalten.

Nach wie vor bin ich großer Fan des Erzählstils des Autors, seine Wortwahl, seine bildhaften Szenen, seine detaillierten und anschaulichen Darstellungen sowohl von Menschen als auch von Situationen gefallen mir ausgesprochen gut, sicherlich ein Bonus, der sich über die Zeit entwickelt hat, aber auch hier in der schriftstellerischen Umsetzung positiv erwähnt werden sollte, eben deshalb, weil der Plot um Maurice Swift so wenig vereinnahmend ist.

Fazit

Das war mein bisher schwächstes Buch von John Boyne und ich kann wirklich nur 3 Lesesterne vergeben, zu Vieles hat nicht gepasst. Vielleicht kann man mit dem Text mehr anfangen, wenn man ein echtes Interesse am Funktionieren des Literaturbetriebes hat oder wenn man einem Menschenfeind durch sein Leben folgen möchte und dessen Handlungsmuster verstehen will. Dadurch das ich schon zahlreiche Bücher mit der Thematik des Betrugs gelesen habe, bringt mir dieses hier keine neuen Erkenntnisse und spricht mich in seiner behäbigen, ausufernden Umsetzung auch nicht an.

Handlung und Charaktere sind wenig ansprechend umgesetzt und wirklich gefesselt hat mich das Gelesene nicht. Ein klarer Fall von: Kann man lesen, muss man aber nicht. Leider komme ich mir selbst etwas betrogen vor, hatte ich doch eine ganz andere Vorstellung von dieser Lektüre - nun gut damit schließt sich der Kreis: ein Betrüger betrügt auch den Leser, in diesem Fall um eine gute Geschichte.

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Veröffentlicht am 14.04.2021

Der Mensch muss ertragen, was er nicht ändern kann

Die Unschuldigen
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„Inzwischen wusste sie, dass sie allein sich selbst belogen hatte. Doch das machte es am Ende noch schlimmer. Freude und Scham. Scham und Freude. Das waren die Währungen der Welt. Und beide wurden gleichermaßen ...

„Inzwischen wusste sie, dass sie allein sich selbst belogen hatte. Doch das machte es am Ende noch schlimmer. Freude und Scham. Scham und Freude. Das waren die Währungen der Welt. Und beide wurden gleichermaßen ausgezahlt.“

Inhalt

Everett und Ada Best sind noch Kinder als ihre Eltern kurz nacheinander sterben und die beiden als Waisen an der einsamen Küste Neufundlands zurücklassen. Bisher führten sie schon ein bescheidenes Leben, mit klaren Strukturen, viel Arbeit und allerhand Entbehrungen, doch nun stellt sich bald heraus, wie behütet sie doch waren, als Everett noch der Handlanger seines Vaters war, während er nun allein mit seiner jüngeren Schwester zusehen muss, wie sie überleben können. Nur zweimal im Jahr hält die Hope, der einzige Handelspartner seiner Eltern an der zerklüfteten Küste und tauscht Grundnahrungsmittel aller Art gegen den gefangenen Fisch der Saison. Everett und Ada bemühen sich aus Leibeskräften, irgendwie in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten und das Abkommen weiterzuführen. Und so trotzen sie in den folgenden Jahren allen Widrigkeiten, entkommen manchmal nur knapp dem Verhungern, und bekommen mehr zufällig und kurzfristig Unterstützung von Fremden, die an ihrer Küste Halt machen. Doch als Everett und Ada immer älter werden, beide mittlerweile zu Jugendlichen gereift sind, wird ihr Verhältnis zueinander bedeutsamer, schamvoller und stiller – längst können sie nicht mehr so frei miteinander kommunizieren und ohne Hintergedanken im gleichen Bett schlafen …

Meinung

Der kanadische Autor Michael Crummey stammt selbst aus Neufundland und entwirft in diesem Roman ein beeindruckendes Porträt über das entbehrungsreiche Leben zweier Kinder, bestimmt von Naturgewalten. In der Einöde wird menschlicher Kontakt einerseits so dringend benötigt und andererseits bleibt kaum Zeit dafür, denn jeder Tag ist ein erbarmungsloser Kampf gegen die Natur, um die elementarsten menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Doch hier bekommt die Dramatik der Stunde noch eine weitere Dimension, wenn man bedenkt, in welcher erbärmlichen Lage die Kinder tatsächlich feststecken. Sie können niemanden um Hilfe bitten, sie müssen sich ihr komplettes Wissen selbst aneignen und können nur durch unzählige Versuche einen Erfolg erreichen, weil ihnen für alles die Anleitung fehlt. Der Leser begleitet die beiden dabei über viele Jahre hinweg und erfährt, wie sie es dennoch schaffen, sich ganz ohne Eltern durchzuschlagen. Der ständig gleichbleibende Faktor ist dabei nur die Wiederkehr der Hope und damit vielleicht eines fernen Tages die Möglichkeit in zivilisiertere Gebiete überzusiedeln.

Der Handlungsverlauf des Romans gestaltet sich absolut spannend und nervenaufreibend, gerade weil die mühevollen Arbeiten detailliert beschrieben werden, ebenso wie die neu gewonnenen Fähigkeiten der Kinder, die im Laufe der Zeit tatsächlich nicht nur körperlich reifen, sondern durch diverse Besucher ihrer Küste auf andere Dinge aufmerksam gemacht werden. Everett lernt das Fallenstellen und Schießen und dadurch sind sie wesentlich unabhängiger vom Fischfang und gefährlichen Manövern auf hoher See. Sehr feinfühlig wird auch die Gefühlsebene der beiden betrachtet, die anfangs nur einander hatten und alles für den anderen getan hätten und letztlich feststellen müssen, welche Bürde tatsächlich auf ihnen liegt, wenn sie die einzigen Menschen auf diesem Fleckchen Erde sind. Keinem darf etwas zustoßen, keiner darf krank werden und die Nähe, die sie einst so unbefangen teilen konnten, gerät ins Wanken, nachdem Everett immer größeres körperliches Verlangen nach seiner Schwester verspürt, ohne genau zu wissen, woher diese emotionale Achterbahnfahrt kommt.

Dieser Roman besticht in erster Linie durch die unglaublichen Bedingungen, unter denen Everett und Ada sich beweisen müssen, dadurch kommt ein sehr hohes Tempo und ein fesselnder Plot zustande. Als Leser schaut man einerseits voller Bewunderung zu den Kindern andererseits aber auch voller Mitleid und Sorge, stets in der Erwartung, dass etwas Schlimmes passieren wird, etwas Lebensbedrohliches, Unabwendbares und sei es nur in Form von Unwettern oder wilden Tieren. Sehr gut dazu passt auch die Gliederung des Textes, in längere Kapitel, die aber ihrerseits in kleinere Abschnitte unterteilt sind – die Sprache selbst ist klar, sachlich und präzise, mehr beschreibend als erzählend und vollkommen wertungsfrei.

Dennoch hat mir beim Lesen irgendetwas gefehlt und ich glaube zu wissen was es ist, nachdem ich das Buch durchaus zufrieden zugeklappt habe. Diese so emotionale Ausnahmestory wird durch den auktorialen Erzähler durch eine Art Glasscheibe betrachtet: man sieht alles, weiß worauf es hinausläuft und nimmt jedes Ereignis unmittelbar wahr, was man aber nicht zu greifen bekommt ist die tatsächliche Gefühlsebene der Protagonisten. Und das ist eigentlich mein einziger Kritikpunkt, der die Gesamtwertung um einen Lesestern schmälert. Wäre diese Geschichte aus zwei Erzählperspektiven in wechselnder Abfolge erzählt wurden, dann hätte ich sowohl Ada als auch Everett erleben können, wäre ihnen und ihrer emotionalen Sicht sicherlich ganz schnell nahegekommen, so ist mir die Distanz einfach zu groß geblieben.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne und eine unbedingte Leseempfehlung für diese Ausnahmegeschichte, die alle Vorzüge einer Gesellschaft fast nebenbei erwähnt, gerade weil sie das Leben in der Einsamkeit so ungeschönt präsentiert. Beim Lesen des Textes wird deutlich, wie komfortabel und sicher das Leben sein kann, wenn man entsprechend aufwächst und wie unberechenbar und schwer, wenn Kinder weder eine Anleitung bekommen noch die Möglichkeit mehr zu entdecken, weil sie der Härte des Alltags ausgeliefert sind. Dieser Roman lässt die Zeit wie Flug vergehen und eröffnet interessante Perspektiven auf das harte Dasein in der Einöde, mit dem Vorsatz alles zu ertragen, was man nicht ändern kann.

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Veröffentlicht am 06.04.2021

Die Summe aller Unwahrheiten

Die Wahrheit der Dinge
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„Manchmal hat er den Eindruck, als steckten zwei Menschen in ihm …Er ist weder der eine noch der andere, gerade in den letzten Tagen wird das deutlich. Bleibt die Frage: Wer ist er eigentlich?“

Inhalt

Frank ...

„Manchmal hat er den Eindruck, als steckten zwei Menschen in ihm …Er ist weder der eine noch der andere, gerade in den letzten Tagen wird das deutlich. Bleibt die Frage: Wer ist er eigentlich?“

Inhalt

Frank Petersen ist Strafrichter in Hamburg, einer mit Erfahrung und gesundem Menschenverstand, ein zuverlässiger, korrekter Mann, dem es nicht um Gefühle geht, sondern um Objektivität. Aber derzeit steckt er in einer handfesten Lebenskrise: seine Frau Britta hat ihn verlassen, um die vielen Ehejahre Revue passieren zu lassen und sie kommt nur dann zurück, wenn Petersen einsieht, was in ihrer Partnerschaft alles schiefläuft, sein Sohn Jannis spricht nicht mehr mit dem Vater und beruflich wird es für ihn immer enger, nachdem der BGH mehrere seiner Urteile revidiert hat. So begibt er sich mühselig auf Spurensuche in sein eigenes Leben, um vielleicht den Punkt zu finden, an dem alles in die falsche Richtung lief. Eigentlich ist er sich sicher ihn zu kennen, denn vor 4 Jahren hat eine Nebenklägerin kurz vor der Verurteilung den Angeklagten erschossen, während Petersen nur danebenstand und sein Urteil nicht mehr verkünden brauchte – und diese Frau, die er zu gerne verstehen möchte, wird nun aus der Haft entlassen. Der Richter in Nöten sucht Antworten auf seine vielen Lebensfragen und stattet der Entlassenen einen Besuch ab, vielleicht liegt darin ein Neuanfang für ihn …

Meinung

Der deutsche Autor Markus Thiele, selbst Jurist, widmet sich in diesem Roman den vielen Graustufen zwischen Recht nach dem Gesetz und Gerechtigkeit nach dem menschlichen Empfinden. Dabei entwirft er eine sehr menschliche Charakterstudie, die gerade dem Strafrichter Petersen eine entscheidende Schlüsselrolle zukommen lässt. Wie fühlt sich ein Mann, der vollkommen überzeugt ist von den Gesetzten und ihrer Gültigkeit und dennoch miterleben muss, wie wenig Bestand ebendiese in manchen Situationen haben?

Im Nachwort des Buches zeigt der Autor die Parallelen zu wahren Kriminalfällen, auf denen diese Geschichte, wenn auch zweckentfremdet basiert. Aber die Verbindung zwischen Fiktion und Realität ist hier absolut überzeugend gelungen, so dass der Leser für die vielen kleinen Nuancen sensibilisiert wird und immer tiefer in die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten eintaucht.

Die Handlung des Buches erstreckt sich auf zwei Handlungsstränge, zunächst die gegenwärtige Lage, in der Frank Petersen sein ganz persönliches Dilemma offenlegt und immer wieder eine Rechtfertigung für seinen Charakter und seine Entscheidungen gibt, während er verzweifelt zu verstehen versucht, warum gerade die Familie seine „Unfehlbarkeit“ kritisiert und sich konsequent zurückzieht. Und dann geht der Leser gemeinsam mit Corinna Maier den Weg in die Vergangenheit. Lernt eine glückliche junge Frau kennen, die binnen weniger Monate alles verliert, was sie liebte und bei Gelegenheit zur Mörderin wurde, die im Gerichtssaal Selbstjustiz übte, weil ihr Vertrauen in die Gerichtsbarkeit zerstört war. Das Zusammentreffen der beiden Charaktere, die sich so unähnlich gar nicht sind, bringt letztlich die entscheidende Wende im Geschehen.

Von diesem Roman bin ich positiv überrascht und sehr angetan, weniger wegen einer anspruchsvoll gehobenen Sprache oder einer grandiosen Idee, als vielmehr von der moralischen Umsetzung und differenzierter Betrachtungen zum Thema Schuld, Aufarbeitung, Strafe und Schicksal. Die Geschichte bleibt sehr nah an der Realität, die Charaktere sind vielschichtig und gewissenhaft gezeichnet und die Thematik lädt den Leser dazu ein, sich intensiv mit der Entwicklung zu beschäftigen. Nicht zuletzt das Seelenleben des Richters, der sich ununterbrochen nach der individuellen Verantwortung für sein Handeln fragt und objektiv keine Schuld bei sich finden kann, wird hier in allen Schattierungen wahrnehmbar.

Fazit

Sehr gern vergebe ich 5 Lesesterne für diesen besonders menschlichen Roman, dessen Protagonist genauso gerne Kaffee trinkt, wie Gedanken eruiert und sowohl privat als auch beruflich bereit ist, die Dinge ehrlich zu hinterfragen und sich offen, aber nicht schutzlos seinen Zweifeln aussetzt. Das große Plus dieser Erzählung ist neben der interessanten Gerichtsthematik und den Parallelen zu tatsächlichen Verbrechen das intensive Auseinandersetzen mit juristischer Entscheidungsfindung, die niemals losgelöst von dem jeweiligen Menschen geschehen kann, selbst wenn dieser sich verpflichtet hat, vorurteilsfrei und gesetzestreu zu entscheiden. Die Lektüre bietet sehr viele Ansatzpunkte für Diskussionen und führt den Leser zurück auf sein eigenes Selbstverständnis über die Unfehlbarkeit Einzelner in einer funktionierenden Gesellschaft, die großen Wert auf ihre Rechtssprechung legt. Vom Autor möchte ich sehr gerne ein weiteres Buch lesen und setze „Das Echo des Schweigens“ direkt auf meine Wunschliste.

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