Profilbild von julemaus94

julemaus94

Lesejury Star
offline

julemaus94 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit julemaus94 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.10.2019

Großes Verwirrspiel

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
0

Wer muss bei diesem Klappentext nicht sofort an einen wilden Genre-Mix aus Agatha Christie und Groundhog Day denken?

Die Familie Hardcastle hat eingeladen zu einem großen Maskenball auf dem Familienanwesen, ...

Wer muss bei diesem Klappentext nicht sofort an einen wilden Genre-Mix aus Agatha Christie und Groundhog Day denken?

Die Familie Hardcastle hat eingeladen zu einem großen Maskenball auf dem Familienanwesen, der tragische Höhepunkt des Abends wird die Ermordung ihrer Tochter Evelyn sein. Dieser Tag wird sich so lange wiederholen, bis einer der Gäste, der sich jeden Tag in einem anderen Körper wiederfindet, den Fall gelöst hat.

Zeitschleifen wurden bisher schon unzählige Male in Filmen, Serien und Büchern umgesetzt; man denke dabei nur an Edge of Tomorrow, Zurück in die Zukunft oder ganz klassisch H.G. Wells Die Zeitmaschine. Allerdings hat sich Stuart Turton förmlich selbst übertroffen und dieses Stilmittel auf eine neue Ebene gehoben. Selten habe ich einen solch komplexe Storyline erlebt, bei der der Leser dermaßen gefesselt und zum Mitdenken angeregt wird.

"Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle" ist definitiv kein Buch für Zwischendurch; als Bettlektüre war es (zumindest für mich) absolut ungeeignet. Man kann nicht mal eben als Lückenfüller ein paar Seiten lesen und das Buch dann wieder weglegen.
Für Evelyn muss man sich ein oder zwei Tage Zeit nehmen, dem Buch Raum zum Wirken geben. Am besten keine Ablenkung in Form von Musik, Fernsehen oder Gesprächen zulassen. Wenn man einmal auf Blackheath angekommen ist und die verwirrende Suche nach dem Mörder (und anderen Schergen) begonnen hat, vergisst man schnell alles andere um sich herum und wird dafür mit einem großartigen, überraschenden Leseerlebnis belohnt!

Veröffentlicht am 12.10.2019

Düster und tiefgründig

Melmoth
0

Im Leben von Helen geschehen seltsame Dinge:

Die junge Frau, die ein enthaltsames, zurückgezogenes Leben in Prag führt hat nur wenige Freunde. Als einer dieser Freunde ein seltsames Manuskript erbt, beginnt ...

Im Leben von Helen geschehen seltsame Dinge:

Die junge Frau, die ein enthaltsames, zurückgezogenes Leben in Prag führt hat nur wenige Freunde. Als einer dieser Freunde ein seltsames Manuskript erbt, beginnt dieser Text auch ihr Leben zu beeinflussen. Und so hört sie zum ersten Mal von Melmoth, der Zeugin...

Sarah Perry hat mit diesem Buch einen Schauerroman geschrieben, der mit vielen seiner mysteriösen Elemente und vor allem seinem Schreibstil stark an alte Größen des Genres wie Bram Stoker erinnert. Die Atmosphäre packt einen schnell und lässt nicht mehr los, man kann den Nebel in den Straßen Prags fast auf der Haut spüren.

Aber Melmoth begeistert mich nicht nur aufgrund der Stimmung. Sarah Perry hat eine sprachliche Kunstfertigkeit, die ihre Bücher zu einem besonderen Stück Literatur machen. Ihre Bücher lassen sich vielleicht nicht leicht lesen, man muss ihnen Raum und Zeit zum Wirken geben; sie verlangen die ganze Aufmerksamkeit des Lesers. Aber dafür treffen sie tief und wirken beinahe hypnotisierend.

Abgesehen von ihrem literarischen Unterhaltungswert schaffen sie es aber auch, zum Nachdenken anzuregen. Melmoth, die Zeugin, steht für die Verantwortung aller Menschen, bei Untaten, seien sie klein oder groß, nicht wegzusehen oder untätig zu bleiben. Und vor allem sollen wir uns erinnern, an alle Opfer vergangener Auseinandersetzungen.

"Nein, Thea, es gibt keine Melmoth, niemand beobachtet uns. Wir sind ganz allein, deswegen müssen wir tun, was Melmoth tun würde: Wir müssen hinsehen und bezeugen, was nicht in Vergessenheit geraten darf."

Ich befürchte, dass es "Melmoth" nicht leicht haben wird, Bewunderer zu finden. Dafür wirkt es manchmal zu sperrig und zu düster. Aber wenn man ihm die Chance gibt zu beeindrucken, wird es seine ganze Pracht entfalten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Geschichte
  • Figuren
Veröffentlicht am 10.10.2019

Trotz allem lesenswert

Miroloi
0

Wie rezensiert man ein Buch, über das gefühlt schon jeder gesprochen hat? Ich könnte jetzt darüber schwafeln, wie sehr oder auch nicht so sehr "Miroloi" wirkliche eine Ode an den Feminismus ist.

Schließlich ...

Wie rezensiert man ein Buch, über das gefühlt schon jeder gesprochen hat? Ich könnte jetzt darüber schwafeln, wie sehr oder auch nicht so sehr "Miroloi" wirkliche eine Ode an den Feminismus ist.

Schließlich geht es ja um ein Mädchen, dass sich in einer patriarchalen Gesellschaft auflehnt und für ihre Freiheit kämpft.

Stattdessen muss ich eher sagen, dass Karen Köhler hier ein wirklich umfassendes Gesellschaftsbild geschaffen hat, das mit seinen starren Strukturen nicht nur die Frauen unterdrückt, sondern sich umfassend in seiner Entwicklung hemmt und der Wilkür die Tür öffnet. Dabei bedient sie sich Anleihen aus allen möglichen Kulturen und auch Glaubensrichtungen, denn tatsächlich wird hier die Religion als das Macht(misbrauchs)instrument schlechthin dargestellt und schafft so eine universell anwendbare Parabel, die eigentlich zu jeder Zeit und an jedem Ort spielen könnte.

Das ganze ist verpackt in eine wunderbare, außergewöhnliche Bildsprache. Allein der Schriftsatz spiegelt wunderbar das Innenleben der Hauptfigur wieder, ist schlicht gehalten und bildet in seiner Struktur die Gefühle des Mädchens ab.

Man könnte jetzt sagen, dass es dieses Buch zu recht nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, zeigt es doch kleine Schwächen in der Handlung, aber das ist für mich auch gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist doch, dass es mich einfach furchtbar gut unterhalten hat und was, wenn nicht das, ist denn das Ziel eines Buches?

Veröffentlicht am 07.10.2019

Alles richtig gemacht?

Alles richtig gemacht
0

Irgendwie frage ich mich, was mir der Autor mit diesem Buch sagen wollte; besonders wenn man den Titel beachtet.

In seinem Buch erzählt er die Geschichte von Thomas und Daniel, zwei engen Freunden, die ...

Irgendwie frage ich mich, was mir der Autor mit diesem Buch sagen wollte; besonders wenn man den Titel beachtet.

In seinem Buch erzählt er die Geschichte von Thomas und Daniel, zwei engen Freunden, die in der Nachwendezeit ihre jungen Jahre voll ausleben. Bis Daniel aus Thomas Leben verschwindet und erst Jahre später plötzlich wieder auftaucht.

Parallel wird hier sowohl erzählt aus der wilden Studienzeit der beiden erzählt als auch Einblick in Thomas Erwachsenenleben geliefert. Geschmückt wird das Ganze mit Lokalkolorit und etwas Ost-Charme. An vieles erinnern sich gerade ältere Semster, die diese Zeit noch miterlebt haben, bestimmt gerne.

Doch tatsächlich bleiben mir diese Annekdoten stärker im Gedächtnis haften als die eigentliche Geschichte. Lange hatte ich das Gefühl, dass die Handlung nur schleppend vorangeht, man nur wenig über die Protagonisten erfährt und eigentlich auch nicht viel passiert.

Dafür wird man zum Ende hin dann nochmal von einer wahren Informationsflut erschlagen, die vieles in ein anderes Licht rückt, aber den Roman in seiner nichtssagenden Art nicht rettet.

Für meinen Geschmack hat Gregor Sander mit seinem Roman nicht alles richtig gemacht, sondern vielleicht sogar vieles falsch. Aber wer kann das schon von sich und seinem Leben behaupten?

Wenn das Buch sonst schon nicht viel aussagt, so doch aber wenigstens, dass man selbst dann, wenn man immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat, nicht sicher ist vor den falschen Entscheidungen seiner Mitmenschen.

Veröffentlicht am 19.09.2019

Ein heller Stern am Fantasy-Himmel

Die Spiegelreisende 2 - Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
1

Christelle Dabos verdient sich mit ihrer Reihe "Die Spiegelreisende" nach und nach einen Platz im Fantasy-Olymp!

Man sagt ja oft, dass die mittleren Bände einer Tri- oder Quadrilogie oft die schwächsten ...

Christelle Dabos verdient sich mit ihrer Reihe "Die Spiegelreisende" nach und nach einen Platz im Fantasy-Olymp!

Man sagt ja oft, dass die mittleren Bände einer Tri- oder Quadrilogie oft die schwächsten sind. Und nachdem ihr erster Band "Die Verlobten des Winters" die Messlatte schon sehr hoch gelegt hatte, waren meine Befürchtungen, was diese Theorie angeht, doch sehr stark. Aber sie waren vollkommen grundlos: "Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast" legt eher noch eine Schippe drauf!

Nachdem Ophelia ihre Maskerade nun ablegen konnte, darf sie sich frei bewegen. Doch die Gefahren werden nicht weniger. Nicht nur, dass der Kavalier sie weiterhin bedroht, auch die Konkurrentinnen um die Gunst des Familiengeistes Faruk haben sie ins Visier genommen. und als wäre das noch nicht genug, erhält sie plötzlich Drohbriefe von einem Unbekannten, der sich selbst als "Gott" bezeichnet..

Ich finde diese Geschichte so wundervoll oldfashioned, die Szenerie wirkt etwas angestaubt, obwohl sie ja eine mögliche Zukunft unserer Erde darstellt. Und doch hat sich ein viktorioanisches Gesellschaftsbild entwickelt, das durch seine Klassen- oder in diesem Fall eher Clanrivalitäten die nötigen Zwistigkeiten und Intrigen mitbringt, um die Spannung hochzuhalten.

Zudem wird die Rahmenhandlung im Vergleich zum ersten Band noch einmal etwas komplexer, indem die Entstehungsgeschichte der Familiengeister einen größeren Raum einnehmen darf und offensichtlich für die Entwicklung der Handlung eine große Rolle spielt.

Einer der größten Vorzüge dieser Reihe ist allerdings die Liebe zum Detail, die in der Entwicklung der Figuren steckt. Keine einzige wirkt eindimensional, jede entwickelt sich weiter, hat Ecken und Kanten und wirkt dadurch absolut authentisch. Besonders Ophelia und Thorn wachsen mir immer stärker ans Herz, so wie sie auch eine immer stärkere Bindung zueinander entwickeln.

Das einzige Manko ist dieser absolut fiese Cliffhanger, mit dem das Buch endet, der die Wartezeit bis zum nächsten Band fast unerträglich werden lässt!