Cover-Bild Miroloi

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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Hanser, Carl
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 464
  • Ersterscheinung: 19.08.2019
  • ISBN: 9783446261716
Karen Köhler

Miroloi

Roman
"So eine wie ich ist hier eigentlich nicht vorgesehen." - Karen Köhlers erster Roman über eine junge Frau, die sich auflehnt. Gegen die Strukturen ihrer Gesellschaft und für die Freiheit

Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit. Eine Geschichte, die an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte; ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.09.2019

Großartig!!

1

Ich möchte über "Miroloi" sprechen. Muss darüber sprechen.
Muss darüber diskutieren und laut herausschreien wie großartig dieses Buch ist.
Wie klug.
Wie wegweisend.
Wie umtreibend.
Wie wichtig.
So ...

Ich möchte über "Miroloi" sprechen. Muss darüber sprechen.
Muss darüber diskutieren und laut herausschreien wie großartig dieses Buch ist.
Wie klug.
Wie wegweisend.
Wie umtreibend.
Wie wichtig.
So fundamental, wenn es um ein Umdenken vorhandener Strukturen geht, dass ich mich frage, warum es solch eine Geschichte nicht schon mindestens fünfmal mal gibt.

"Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt's hier nicht." (S.9)

Schon die ersten Sätze wirken wie eine Reibe, die meine Emotionen aufkratzt. Köhler hat mich vom ersten Moment. Ich reise in das Dorf auf die Insel, die aufgrund Vegetation und Landwirtschaftlichen Erzeugnissen im Mittelmeer liegen könnte, inmitten vieler Kulturen, zusammengesetzt aus vielen Kulturen, könnte aber auch irgendwo anders sein. Die Dorfgemeinschaft lebt abgeschottet, hat eigene Gesetze, lehnt jeglichen Fortschritt ab, lebt nach jahrhundertealten Traditionen. Die Dorfgemeinschaft hat etwas von einer Sekte, die nichts von außen herandringen lässt, ist aber gleichzeitig auch ein Mix aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Die Dorfgemeinschaft ist beängstigend und bedrückend und gleichzeitig gibt sie durch enge Strukturen einen gewissen Rahmen, der seine eigene Form von Sicherheit bietet. Und auch der Fortschritt, dem sich die Dorfgemeinschaft verwehrt, ist nicht immer positiv zu betrachten. Arbeitsabläufe werden erleichtert, aber auf wessen Kosten?

Die Protagonistin, das Mädchen ohne Namen, ist der Teufel der Dorfgemeinschaft. Alle negativen Ereignisse werden ihr zugeschrieben, jede*r lädt die eigene Schuld auf ihr ab. Ich muss an den Glauben an Hexenkinder denken, der in einigen afrikanischen Ländern besteht. Kinder jeglichen Alters werden von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen, müssen alleine überleben, weil sie Schuld am Unglück des Dorfes tragen.

"Miroloi" ist ein Spiegel verschiedener Gesellschaftsformen. Auch unserer eigener, die uns so klug und fortschrittlich erscheint und in Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht so primitiv ist. Wie im Roman auch, gibt es Diskriminierung, veraltete Denkmuster, Ausgrenzung und Gewalt wo Intelligenz fehlt. Köhler schreibt so geschickt davon wie Denkmuster entstehen, wie Traditionen geboren werden und wachsen, dass die Kritik daran so offensichtlich wird, dass ein Brechen von veralteten und unsinnigen Traditionen (gerade im Namen von Religion) geradezu als Muss erscheint. Und doch fahren wir überall auf der Welt weiter in der Schiene, die Menschen herabwürdigt, verletzt oder tötet. Und trotz aller Kritik ist klar, dass ein schwarz-weiß Denken das Übel vieler Probleme ist.

Die Sprache des Romans ist naiv. Ein Stilmittel, das für mich perfekt passt. Wer den Inhalt des Romans jedoch als naiv betrachtet, sollte beim Lesen darauf achten die Augen zu öffnen. "Miroloi" ist eine moderne Parabel. Zeitgemäß. Kritisch. Brilliant konstruiert. Flüssig zu lesen und rund bis zum letzten Satz. Ich habe mir direkt nach dem Lesen auch noch das Hörbuch heruntergeladen. Ich muss nochmal in die Geschichte eintauchen. Bin mir sicher, dass ich noch einiges übersehen habe. "Miroloi" hat mich nicht nur zum Nachdenken angeregt, sondern einen ganz neuen Mut, eine neue Energie in mir geweckt. Ich wünsche dem Buch ganz viele Leserinnen und Leser, die mit offenen Augen durch die Seiten wandern. Die verstehen wollen, was da passiert. Die sich damit auseinandersetzen wollen, dass wir täglich mit Ungerechtigkeiten konfrontiert werden. Die wollen, dass sich etwas ändert. Eine Veränderung kommt erst dann in Bewegung, wenn wir erkennen. Manchmal ist es eben einfacher dies im fiktiven zu finden, als in einer realen Erzählung. Und deshalb hat Karen Köhler alles richtig gemacht.

Veröffentlicht am 21.08.2019

Mein Miroloi muss ich mir selber singen

1

Auf einer abgeschiedenen Insel lebt eine Dorfgemeinschaft nach ihren eigenen strengen Regeln, die der Ältestenrat basierend auf der heiligen Khorabel vorgibt. Frauen dürfen nicht lesen und schreiben lernen, ...

Auf einer abgeschiedenen Insel lebt eine Dorfgemeinschaft nach ihren eigenen strengen Regeln, die der Ältestenrat basierend auf der heiligen Khorabel vorgibt. Frauen dürfen nicht lesen und schreiben lernen, Männer dürfen nicht kochen und singen. Moderne Geräte gibt es nur wenige, denn der Rat entscheidet, welche vom Händler gebrachten Waren auf der Insel bleiben dürfen. Auch dass die junge Frau, die einst vom Bethaus-Vater gefunden wurde, keinen Namen haben darf, wurde von ihm bestimmt. Die Dorfgemeinschaft grenzt sie aus und lässt sie ihre Verachtung spüren, denn sie soll Unglück bringen. Doch ihre Neugier ist groß und sie beginnt heimlich, die Regeln zu brechen.

Der Roman ist aus der Sicht namenlosen Frau geschrieben, die beim Bethaus-Vater aufgewachsen ist. Ihre Tage sind angefüllt mit harter Arbeit: Felder müssen bestellt, Gärten gepflegt, Holz gesammelt, Gerichte gekocht und Kleider genäht werden. Sie gibt dem Leser zahlreiche Einblicke in das Dorfleben, das an die Amish People erinnert, denn jeglicher Fortschritt wird abgelehnt. Zudem besteht der Ältestenrat nur aus Männern und die Gesetze unterdrücken die Frauen auf verschiedenste Weise.

Die Dorfbewohner kennen kein anderes Leben, denn es ist nicht gestattet, die Insel zu verlassen. Die Erzählerin ist gefangen in einem Leben als Außenseiterin. Sie wird beschimpft, beschuldigt und immer wieder abgewiesen. Und es bleibt nicht immer bei Worten, das musste sie schon vor Jahren schmerzlich erfahren. In ihre Welt einzutauchen und sie zu begleiten tut weh und brachte mich als Leser ins Nachdenken über Recht und Ungerechtigkeit.

Die Frau gibt jedoch nicht auf, denn sie ist klug und neugierig und hat zum Glück einige wenige Menschen, die sie nicht abweisen. Der Bethaus-Vater als ihr Finder lässt sie bei sich wohnen, versucht sie zu schützen und teilt heimlich verbotenes Wissen mit ihr. Das gleiche gilt für Mariah, die für den Bethaus-Vater kocht. Offene Gespräche mit ihnen sind immer wieder kleine Hoffnungs-Inseln im Alltag der Protagonistin.

Das Dorfleben wird ausführlich beschrieben. Für mich hätten einige Parts straffer erzählt sein können, da ich mir das Leben in solch einer Gemeinschaft bald gut vorstellen konnte. Was sich hingegen schleichend ändert ist das Leben der Erzählerin. Neues Wissen und eine überraschende Begegnung lassen sie immer stärker die Regeln hinterfragen. Sie lehnt sich still und immer umfassender auf, während Ereignisse im Dorf die Situation weiter verschärfen. Wie lange kann das noch gut gehen?

„Mein Miroloi muss ich mir selber singen“, das sind die Worte der Protagonistin. Denn sie will nicht auf ihren Tod warten, nach dem die Hinterbliebenen üblicherweise das Leben des Verstorbenen besingen. Und wer sollte das dann schon für eine Namenlose tun? Deshalb legt sie in Form dieses Romans ein Miroloi für sich selbst vor. Ihre Sprache ist einfach und gleichzeitig sehr poetisch und berührend. Das steht in Kontrast zu den beklemmenden Ereignissen im Dorf. Ich bangte mit der Erzählerin und meine Wut wuchs immer weiter, denn was passiert ist nicht fair und lässt sich trotzdem nicht aufhalten. Ein wichtiger Roman über Ausgrenzung, Feindseligkeiten und Unterdrückung ebenso wie Mitgefühl, Zusammenhalt und Auflehnung.

Veröffentlicht am 02.02.2020

Ich singe mir mein Miroloi

0

"Wenn Menschen die heilige Schrift der Götter so einfach umschreiben können, heißt das dann, dass die Khorabel gar nicht heilig ist?"

Zu einer nicht näher benannten Zeit, auf einer weit entfernten griechischen ...

"Wenn Menschen die heilige Schrift der Götter so einfach umschreiben können, heißt das dann, dass die Khorabel gar nicht heilig ist?"

Zu einer nicht näher benannten Zeit, auf einer weit entfernten griechischen Insel, in einem Bergdorf, das „das schöne Dorf“ genannt wird. Hier spielt „Miroloi“ von Karen Köhler. Eine strenge patriarchalische Gesellschaft, die von der Welt abgeschnitten ist und nach ihren eigenen Regeln funktioniert. Hier gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine eigene Meinung. Hier wächst die sechzehnjährige namenlose Protagonistin auf. Sie wurde als Säugling gefunden und vom Bethaus Vater aufgenommen und aufgezogen. Ihre Wurzeln kennt sie nicht, weshalb sie von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. „Alles hat hier einen Namen, nur ich habe keinen“, sagt die Protagonistin. Wir begleiten sie, auf ihrem Weg zum Erwachsen werden, bei der ersten Liebe, beim Brechen von Regeln, bei ihrer Befreiung.

Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen. Die Sprache ist etwas speziell, vor allem da das Buch in Strophen wie eine Art Lied angeordnet ist, außerdem entspricht die Sprache einer sechzehnjährigen, die gerade Lesen und Schreiben lernt. Für mich hat diese Sprache gut gepasst. Ich finde das Buch ausgezeichnet aufgebaut, in dieser eigenen Gesellschaft, die uns so fremd ist und erst nach und nach etwas klarer wird. Die Protagonistin hat mich in ihren Bann gezogen. Köhler hat aus den großen Weltreligionen eine Art neue Religion gebastelt, die auf der „Khorabel“ basiert. Trotz, dass das Buch in so einer fernen Welt spielt sind die meisten Themen hochaktuell – sexuelle Unterdrückung, Fremdenhass, das Patriarchat, und vieles mehr. Dieses Buch hat sehr viele schlechte Bewertungen erhalten, welche ich nicht nachvollziehen kann. Auch ein Vergleich mit „Der Report der Magd“ verstehe ich nicht, da die Unterdrückung der Frauen und die tiefe Religiosität die einzigen Parallelen scheinen. Ich finde dieses Buch sehr gut aufgebaut und durchaus lesenswert.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.01.2020

Über das Außenseitertum

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Eine junge Frau wächst als Findelkind auf einer Insel auf. Hier ist alles abgeschottet vom Rest der Welt, die Männer bestimmen das Leben, Frauen dürfen nicht lesen, Traditionen und Gesetze werden heiliggehalten. ...

Eine junge Frau wächst als Findelkind auf einer Insel auf. Hier ist alles abgeschottet vom Rest der Welt, die Männer bestimmen das Leben, Frauen dürfen nicht lesen, Traditionen und Gesetze werden heiliggehalten. Die junge Frau bleibt Außenseiterin in der Gemeinschaft, auch wenn ihr Ziehvater einer der großen Männer des Dorfes ist. Er lehrt sie heimlich lesen und schreiben, und bald öffnet sich ihr eine unbekannte Welt, sie macht sich Gedanken – und verliebt sich. Doch wie soll das gehen in einer Gesellschaft, die das nicht zulassen möchte?

Ganz langsam und in einem ganz besonderen Sprachstil entwickelt sich dieser Roman um die junge namenlose Frau, erzählt von ihren Versuchen, ihren Peinigern aus dem Weg zu gehen, und von der Entwicklung, die einsetzt, sobald sich ihr mit dem Lesen die Welt öffnet. Erst da beginnt sie die Enge zu begreifen, in der sie lebt, und die Unterdrückung der Frauen in dieser patriarchalischen Gesellschaft. Sie beginnt sich Gedanken um ihr Miroloi zu machen, ihr Totenlied, die Geschichte ihres Lebens. Und sie lehnt sich auf gegen die engen Strukturen auf der Insel, sehnt sich nach der Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es ist die Geschichte einer Emanzipation, wie sie auch an jedem anderen Ort und zu einer anderen Zeit spielen könnte. Es ist kein einfaches Buch, es wühlt Emotionen auf, oft las ich wütend über die Ausgrenzung, die an dieser jungen Frau ungehindert zeit ihres Lebens stattfand.

Die Rezension zu dieser Geschichte ist mir überhaupt nicht leicht gefallen, zu sperrig empfinde ich das Buch selbst. Und dennoch möchte ich es gerne weiter empfehlen, weil es aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.01.2020

Dystopie im Kreislauf, leider schwer zu lesen

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Klappentext:
Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, ...

Klappentext:
Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit. Eine Geschichte, die an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte; ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt.

Das Cover:
Das Highlight des Covers ist wohl der Umschlag, der das Miroloi auch über die Seiten legt. Vornehmlich deshalb wirkte das Cover auf mich so besonders. Das kräftige Blau in Kombination mit dem Titel strahlt für mich aber gleichzeitig Stärke und auch Ruhe aus. Wie das Wasser eben. Dadurch sticht es auf jeden Fall heraus.

Der Schreibstil:
Anfangs war es für mich recht schwierig, in die Geschichte hineinzufinden. Der Schreibstil ist sehr einfach gehalten – kurze Sätze, einfache Wörter, nichts kompliziertes. Die Protagonistin ist in ihren Gedanken sehr einfach gestrickt. Teilweise gibt es Seiten, auf denen sie Wörter aufzählt, die sie schon kennt. Das ist natürlich etwas befremdlich für uns Leser, ich habe es dann einfach übersprungen. Ansonsten wiederholt sich der Stil auch in der Handlung. So war es anfangs echt nicht leicht, sich in die Geschichte ziehen zu lassen. Ich empfand es eher als langweilig und eben befremdlich.
Nach und nach entwickelt sich die Protagonistin jedoch durch und in der Handlung und sie lernt immer mehr dazu – neue Wörter, neue Tatsachen, generell mehr vom Leben. Das merkt man auch sehr schön anhand des Schreibstils, der dann immer komplexer und elaborierter wird. Es ist auch am Ende immer noch kein meisterlicher Schreibstil, aber er findet doch zurück zu dem, was wir gewöhnt sind. Es lohnt sich also, solange durchzuhalten.

Zu den Charakteren:
Zu Anfang wird dem Leser nur ein Mädchen vorgestellt. Sie hat keinen Namen. Das ist ein zentraler Aspekt des Buches und sagt viel über sie und auch die Gesellschaft, in der sie lebt, aus. Denn sie hat keinen Namen, weil sie nicht dazugehört. Sie ist weniger wert als alle anderen und wird bewusst in ihrer Entwicklung gebremst. So begegnet einem zunächst ein Mädchen, das recht primitiv ist. Ihre Handlungen sind von Routine geprägt, ihre Gedanken gleichförmig, ihr Wissen begrenzt. Mit ihrem Charakter muss man sich deshalb eine Zeitlang arrangieren. Langsam wird es dann besser. Das Mädchen macht sich Gedanken, fernab von dem, was sie kennt und diese formen sie mehr und mehr zu einem starken Charakter, der während der Handlung sehr viel erlebt. So kommt sie schließlich zu einem Namen: Alina. Es ist der Umschwung, der Punkt, an dem aus dem Mädchen ein Mädchen mit Namen und damit ein Mensch mit einer eigenen Persönlichkeit wird, der auch bereit ist, darum zu kämpfen.
Gegen Ende hat mir Alina so sehr viel besser gefallen. Ich konnte sie viel besser verstehen und viel besser mitfühlen als zu Anfang, denn da war sie noch jemand, der so weit weg von mir persönlich schien, dass ich sie quasi in ein anderes Universum einordnete.

Zur Geschichte allgemein:
Eine Gesellschaft, die so unendlich weit zurück zu unserer Gegenwart scheint. Alina lebt in einer Welt, in der die Menschen sich noch nach einigen wenigen richten müssen, Religion eine große Rolle spielt und auch als Beeinflussungsmittel für die Menschen genutzt wird und in einer Welt, in der die Frauen so gut wie nichts zu sagen haben. Wie alle anderen Frauen im Dorf auf der Insel arbeitet Alina ihr ganzes bisheriges Leben lang für die Männer und wird bestraft, wenn sie gegen eine Vorgabe der Khorabel verstößt.
Ich habe oft gelesen, dass diese Welt zu unrealistisch wirkt. Dieser Gedanke ist mir persönlich jedoch nie gekommen, da es für ich von vorneherein alles fiktiv war. Natürlich gibt es Anknüpfungspunkte an die Realität, aber das bedeutet doch noch lange nicht, dass wir die Figuren aus den Büchern beispielsweise auch im wahren Leben treffen werden können.
Ganz allgemein fand ich es anfangs echt schwer in die Geschichte reinzukommen bzw. sie nicht abzubrechen, denn zunächst trifft der Leser einfach nur auf eine sehr naive, ungebildete Figur, die wieder und wieder ihr beschauliches Leben schildert. Nichts neues, nichts interessantes, höchstens erschreckendes, denn man muss sich schon an die Zustände dort gewöhnen. Nach und nach schreitet es aber voran. Ich musste immer wieder an ein Jugendbuch denken. Die genaue Genreverortung hatte ich nicht im Kopf, aber aufgrund des Alters der Protagonistin und der Handlung, die wesentlich von ihrer Entwicklung abhängig ist, passte diese Genre einfach sehr gut für mich dazu. So wird es auch für den Leser immer interessanter, obwohl es nie so ganz spannend wurde.
Irgendwie stand ich die ganze Zeit zwischen zwei Meinungen: einerseits fand ich die Darstellung des Patriarchats und die erschreckenden Szenen und Entwicklungen interessant und auch irgendwie poetisch, denn sie haben mich zum Denken angeregt, gleichzeitig konnte mich dieses Buch nie so ganz gefangen nehmen. Es war kein Sog da, kein: ich muss weiterlesen. Stattdessen gab es immer wieder Längen oder auch einfach langweilige Passagen, die die Geschichte für mich sehr gezogen haben. Beachtet man, dass das Buch fast 500 Seiten hat, war es also auch ein ordentliches Stück Arbeit, es zu lesen.
Am Ende bin ich mit dem Gefühl aus dem Buch herausgegangen, dass wir sehr froh darüber sein können, diese Zustände überwunden zu haben. Ich habe es nicht als Kritik an unserer Gesellschaft gesehen, denn dafür wirkte es für mich zu weit weg und damit zu fiktiv. Es ist aber zumindest angedeutet, dass die Geschichte sich für die Protagonistin wieder zu wiederholen und dann wäre das Resultat dieses Buch ziemlich erdrückend: egal was wir machen, wir kommen nicht heraus. Ich hoffe wirklich nicht, dass es so gemeint ist.

Fazit:
Ein Buch, das viele interessante Aspekte liefert und eine tolle Entwicklungsgeschichte beschreibt. Es ist aber auch nicht leicht zu lesen, denn zu der Länge von fast 500 Seiten kommen die Fakten, dass es einfach nicht zieht und dadurch sehr sehr lang wirkt.

3 von 5 Sterne von mir.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere