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Veröffentlicht am 07.04.2021

Kanadas verschwundene und ermordete Frauen

Frostmond
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In den letzten 30 Jahren sind mehr als 1.200 indigene Frauen verschwunden oder ermordet worden, wobei die Dunkelziffer sehr wahrscheinlich viel höher liegt. Von einigen dieser Verbrechen handelt das Buch ...

In den letzten 30 Jahren sind mehr als 1.200 indigene Frauen verschwunden oder ermordet worden, wobei die Dunkelziffer sehr wahrscheinlich viel höher liegt. Von einigen dieser Verbrechen handelt das Buch Frostmond, in dem gleich zu Beginn in Montreal die Leiche einer 15jährigen Indianerin gefunden wird. Aufgrund der vielen ungelösten Morde gibt es großen Druck auch von Seiten der Presse, sodass der Profiler Garner aus dem 6.000 km entfernten Regina hinzugezogen wird. Gemeinsam mit der ortsansässigen Polizei machen sie sich auf die Suche, die sich nicht nur wegen der mangelnden Bereitschaft zur Zusammenarbeit der Indigenen schwierig gestaltet, sondern auch aufgrund der sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden verantwortlichen Ermittler.
Die Untersuchung des Mordfalles entwickelt sich allmählich, ca. bis zur Hälfte liegt der Schwerpunkt eher bei der Beschreibung der beiden Polizisten sowie den Lebensverhältnissen im Reservat, aus dem das ermordete Mädchen stammt. Garner wie auch sein aus Montreal stammender Partner LeRoux erzählen abwechselnd von ihren Nachforschungen wie auch von ihrem Privatleben, wobei bei LeRoux fast die Privataktivitäten überwiegen, mit denen er seinen Frust über die Arbeit vergeblich zu vergessen sucht. Als dritte Stimme kommt ein Cousin und guter Freund der Toten hinzu, Leon, der als Cree und Ich-Erzähler seine Sicht der Dinge schildert.
Die Autorin beschreibt in ihrem Erstling die Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse der indigenen EinwohnerInnen sowie das Verhältnis zum Rest der Bevölkerung überzeugend und glaubwürdig. Es ist nicht verwunderlich, wenn die Indigenen kein Vertrauen zur Polizei haben, die offensichtlich geprägt ist von Vorurteilen und Rassismus. Etwas weniger überzeugend wirkten die Figuren der beiden Ermittler auf mich, wobei insbesondere LeRoux mehrfach Kopfschütteln bei mir auslöste, aber die gute Geschichte ließ mich leicht darüber hinwegsehen.
Doch leider gerät das letzte Viertel des Buches für meinen Geschmack zu sehr in den Bereich der Phantasie. Die beiden Polizisten werden zum Superhelden bzw. zur tragischen Gestalt und wenn schon nicht das Recht siegt, dann zumindest die Gerechtigkeit - was nicht unbedingt das Schlechteste ist 😉. Auf jeden Fall bietet es so schon fast zwangsläufig den Raum für eine Fortsetzung - mit einem vielleicht (oder hoffentlich?) etwas glaubwürdigerem Ende.

  • Cover
  • Erzählstil
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.04.2021

Kein schlechtes Debüt, aber mit Potential nach oben

Der gekaufte Tod
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Nach einem Jahr Auszeit kehrt August Snow, Ex-Cop, Multimillionär, zurück nach Mexicantown in Detroit, dem Viertel in dem er aufgewachsen ist, um neu zu beginnen. Doch kurz nach seiner Ankunft wird er ...

Nach einem Jahr Auszeit kehrt August Snow, Ex-Cop, Multimillionär, zurück nach Mexicantown in Detroit, dem Viertel in dem er aufgewachsen ist, um neu zu beginnen. Doch kurz nach seiner Ankunft wird er von einer der vermögendsten und einflussreichsten Frauen der Gegend beauftragt, sich um die Vorgänge in ihrer Bank zu kümmern. August lehnt ab, doch als sie kurz danach tot aufgefunden wird, lässt ihm sein schlechtes Gewissen keine Ruhe. War es wirklich Selbstmord? August beginnt zu ermitteln und stößt in ein Wespennest.

Zu Beginn ist schnell klar: Heimlicher Mittelpunkt dieses Krimis ist die Stadt Detroit. Stephen Mack Jones lässt seinen Protagonisten August Snow ausführlich und durchaus witzig über den Verfall der Stadt und seine Ursachen erzählen, was ihm überzeugend gelingt. Der eigentliche Fall jedoch gestaltet sich für mein Empfinden recht verwirrend, was vielleicht daran liegen könnte, dass eine vergangene Geschichte, die August die sagenhafte Summe von 12 Millionen Dollar Schadensersatz eingebracht hat, immer wieder mit neuen Details erwähnt wird. Dazu die Geschichten zu Augusts Familie, seinen Freunden und das Leben in Detroit – der Krimi gerät fast ein bisschen ins Hintertreffen.

Zuguterletzt gibt es einen Showdown, bei dem vermutlich bereits an die Verfilmung gedacht wurde. Die Helden kämpfen gegen eine Überzahl und und unter Einsatz aller ihrer Kräfte und Feuerwaffen und bleiben natürlich siegreich, denn es gibt eine Fortsetzung. Das Ende wirkt zudem ein bisschen zerfasert, denn aus einem Fall werden plötzlich zwei, wobei beide nur für August mehr oder weniger gelöst sind.

Insgesamt ein politisch sehr korrekter Krimi, denn der Held hat einen afroamerikanischen Vater und eine mexikanische Mutter; er verteilt sein Geld großzügig an die Schwachen und Armen und setzt Gerechtigkeit auch da durch, wo es vor dem Recht keine gibt. Für ein Debüt nicht schlecht, aber Potential nach oben ist durchaus vorhanden.

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Veröffentlicht am 07.04.2021

Lustig, traurig, ernst, absurd - alles in einem

Dinge, die so nicht bleiben können
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An der Uni ist Tag der offenen Tür. Sebastian, 16 Jahre, extrem schüchtern und hoffnungslos romantisch, wartet im Foyer eines Kinos ohne wirklichen Grund auf ein bestimmtes PWW – ein perfektes weibliches ...

An der Uni ist Tag der offenen Tür. Sebastian, 16 Jahre, extrem schüchtern und hoffnungslos romantisch, wartet im Foyer eines Kinos ohne wirklichen Grund auf ein bestimmtes PWW – ein perfektes weibliches Wesen. Statt dessen lernt er Frida kennen: frech, schlagfertig und ziemlich schräg. Wie auch Sebastian ist sie meisterhaft im Geschichtenerfinden, doch bald wird es immer nebulöser, was von dem, was sie über sich selbst erzählt, tatsächlich stimmt. Aber auch Sebastian ist zurückhaltend mit der Wahrheit …

Es sind ernste Dinge, die die beiden Jugendlichen zu verarbeiten haben; es geht um Trauer, Verletzung, Gewalt, Einsamkeit. Doch keiner von Beiden will (natürlich) offen darüber reden und so liefern sie sich statt dessen einen verbalen Schlagabtausch voller Witz, Intelligenz und Schlagfertigkeit, der jedoch über ihre Verletzlichkeit nicht hinwegtäuschen kann. Gemeinsam mit Sebastians Freund Tolly, der auf der Sonnenseite des Lebens steht, nähern sie sich sehr vorsichtig einander an, was trotzdem für eine/n noch immer zu schnell geht.

Michael Gerard Bauer hat hier ein tolles Jugendbuch geschrieben, dass mit den Problemen in diesem Alter (und noch ganz anderen) nicht hinterm Berg hält, diese jedoch geschickt unter mehr oder weniger geistreichen, aber stets witzigen Wortspielen und Frotzeleien verbirgt, die von Ute Mihr grandios übersetzt sind. Ich bin mir sicher, Jugendliche werden das Buch lieben – Erwachsene auf jeden Fall auch 😉

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 07.04.2021

Spannend und rätselhaft, nur am Ende bleiben Fragen

Leichenblume
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Gerade als die erfolgreiche Journalistin Heloise Kaldan durch einen Skandal schwer angeschlagen ist, erhält sie von einer Frau, die seit Jahren als Mörderin zur Fahndung ausgeschrieben ist, einen Brief. ...

Gerade als die erfolgreiche Journalistin Heloise Kaldan durch einen Skandal schwer angeschlagen ist, erhält sie von einer Frau, die seit Jahren als Mörderin zur Fahndung ausgeschrieben ist, einen Brief. Aufgrund des teils persönlichen Inhaltes wird sie auf diesen Fall angesetzt und bringt damit nicht nur sich ungeahnt in Lebensgefahr.

Die Geschichte ist ausgesprochen rätselhaft und ich habe vergleichsweise lange gebraucht, bis mir die Zusammenhänge klar waren. Zwar werden häufig Krimilesende vermutlich bald einen Verdacht haben in welche Richtung es geht, aber so richtig löst sich das Ganze erst später auf.

Schwerpunkt ist die Recherchearbeit in Bezug auf die gesuchte Mörderin, bei der Heloise auch Kommissar Erik Schäfer zur Seite steht. Obwohl sie nicht viel gemeinsam haben, entsteht schnell ein Vertrauensverhältnis zwischen den Beiden.

Der Krimi ist bemerkenswert wenig brutal, es gibt kaum blutige und/oder grausame Szenen, was kein Manko darstellt. Hingegen fällt der zum Ende hin zunehmende Mangel an Logik deutlich mehr auf: Wieso werden einem Verurteilten keine Fragen zu seinen Hintermännern gestellt? Wieso führen Schuldgefühle, die ganz offensichtlich schon früher vorhanden waren, erst jetzt zur Bereitschaft, Dinge offenzulegen?

Doch die Ausgangslage ist gut gewählt – ich habe eine Weile gebraucht, bis ich den Überblick hatte 😉

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Veröffentlicht am 20.03.2021

Wunderschön - nur das Ende hätte etwas besser sein können

Hard Land
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Im Sommer 1985 findet der 15jährige Sam nicht nur einen Ferienjob in einem Kino, sondern auch Freunde und er verliebt sich zum ersten Mal. Obwohl seine Mutter schwer krank ist, erlebt er die schönsten ...

Im Sommer 1985 findet der 15jährige Sam nicht nur einen Ferienjob in einem Kino, sondern auch Freunde und er verliebt sich zum ersten Mal. Obwohl seine Mutter schwer krank ist, erlebt er die schönsten Monate seines Lebens. Zum ersten Mal ist er anerkannt und kein Sonderling wie in der Schule. Doch dann trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag, der alles wieder zunichte zu machen scheint.
Es ist keine außergewöhnliche Geschichte, die Benedict Wells uns erzählt, sondern vielmehr ein typischer Jugendlichensommer wie er sein sollte, angereichert mit jeder Menge Beigaben aus den 80ern. Nicht zuletzt auch mit einer Playlist der im Buch erwähnten Songs, von der man im Anhang erfährt, wo man sie finden kann.
Wunderschön ist die Sprache, in der der Autor Sam als Ich-Erzähler von dieser Zeit berichten lässt. Einerseits gibt es tragische Ereignisse, die einem als Lesenden fast das Herz zerreißen (ich gebe zu, ich habe hin und wieder ein Tränchen verdrückt), aber kurz danach schildert er selbstironisch Szenen, bei denen man laut lachen muss. Wells trifft den Ton wie auch die Gedanken und Gefühle des später 16jährigen so gut, dass einem Sam schnell ans Herz wächst und man mit ihm leidet, sich freut, ärgert und jubelt.
Auch wenn die Zielgruppe Erwachsene zu sein scheinen und das Umfeld die Südstaaten der USA Mitte der 80er sind, werden sich vermutlich auch heutige Jugendliche in Europa schnell mit Sam identifizieren und mitfühlen können, was ihn bewegt. Denn diese Dinge sind universell und nicht auf Zeit oder Raum begrenzt.
Mit dem letzten Teil hadere ich etwas, denn hier ist der Hang zum Happyend selbst mir 😉 einfach zu groß. Auch dass der Schwerpunkt auf dem Gedicht ruht, das dem Buch den Titel verleiht, ist nicht so ganz mein Fall - mir war es ein bisschen zu poetisch und zu weit hergeholt.
Trotzdem: Es ist eine wirklich gelungene Unterhaltungslektüre mit viel Zeitkolorit der 80er Jahre.

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