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Veröffentlicht am 20.02.2020

Wenn der Glaube lauter schreit als die Vernunft

Ein wenig Glaube
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Peg und Lyle haben lange verzweifelt versucht ein weiteres Kind zu bekommen, nachdem ihr erster Sohn kurz nach der Geburt gestorben ist. Sie hatten schon fast aufgegeben, als sie die Möglichkeit bekamen ...

Peg und Lyle haben lange verzweifelt versucht ein weiteres Kind zu bekommen, nachdem ihr erster Sohn kurz nach der Geburt gestorben ist. Sie hatten schon fast aufgegeben, als sie die Möglichkeit bekamen ein Baby zu adoptieren, Shiloh die fortan ihre Tochter ist. Mittlerweile sind Peg und Lyle im Rentenalter und die Beziehung zu ihrer Tochter ist oftmals angespannt. V.a. seit Shiloh wieder zu ihren Eltern gezogen ist, zusammen mit ihrem Kind Isaac. Peg und Lyle lieben Isaac über alles und freuen sich, ihre Familie wieder um sich zu haben und ein bisschen frischen Wind in ihr Leben zu lassen. Doch ihr Leben wird immer stärker von Sorgen überschattet. Nicht nur, dass sich Shiloh einer sehr radikalen Glaubensgemeinschaft angeschlossen hat, die sie immer mehr vereinnahmt und von ihren Eltern entfremdet. Dann wird auch noch bei Lyles bestem Freund Hoot Krebs im Endstadium diagnostiziert, was Lyle aus der Bahn zu werfen droht.

In letzter Zeit finde ich Geschichten über andere Glaubensgemeinschaften, Sekten etc. sehr interessant. Solche Bücher geben neue Blickwinkel und regen mich v.a. zum Nachdenken an. Als ich mit "Ein wenig Glaube" angefangen habe, war ich mir jedoch zunächst nicht sicher, ob das was wird, da Butler einen sehr detailreichen Schreibstil hat, was oftmals zu viel sein kann. Hier jedoch hat es immer genau das richtige Maß getroffen, ich habe mich nie gelangweilt beim Lesen. Ganz im Gegenteil, Butler schafft es auf sehr berührende Weise, die Figuren aufleben zu lassen und sie in ihrer Umgebung zu verankern. Der Detailreichtum seiner Erzählung und die ausschweifenden Beschreibungen können einen im ersten Moment abschrecken haben am Ende aber genau zu der geshcichte gepasst und sie zu dem gemacht, was sie ist. Es passiert bis ins letzte Vierteil auch eigentlich gar nicht so viel, es ist eher der Alltag den wir erleben, die Liebe von Peg und Lyle zu ihrer Tochter und ihrem Enkelkind, ihre Verzweiflung, die Veränderungen mitansehen zu müssen, ohne etwas tun zu können und schließlich auch die Sorge um Hoot. V.a. letzteres hat mich tief getroffen, denn Butler schildert die Krankheit sehr realistisch. Auch die Überlegungen die in so einer Situation unweigerlich aufkommen, ob es sich lohnt, eine Behandlung anzustreben oder ob man doch lieber die letzten Tage mit seinen Liebsten genießen soll. Lyles Verzweiflung wurde immer deutlich spürbar, auch seine alte Trauer und der Schmerz über den Verlust seines Sohnes, der ihn auch vom Glauben abgebracht hat.

Obwohl es nicht nur darum geht, nimmt der Glaube in diesem Buch natürlich eine sehr große Rolle ein, schwebt er doch über allem anderen. Man fragt sich als Leser selbst, was man in solchen Situationen tun würde, ob man selbst glauben kann an etwas Größeres, an eine höhere Macht. Aber man fragt sich auch, was passieren muss, dass man sich einer solchen Sekte, wie sie hier beschrieben ist, anschließt. Wie es sein kann, dass man sich so im Glauben verliert, dass die Vernunft ausgeschaltet wird. Wie es sein kann, dass man an so etwas wie Gesundbeten oder andere Praktiken glaubt und dabei sogar das Leben anderer Menschen riskiert. Wie man als Mutter so blind sein kann gegenüber den Schmerzen seines eigenen Kindes. Wie man sich als Frau so dem Mann unterordnen kann und dabei sogar seine eigene Persönlichkeit aufgibt. Und wie es sein kann, dass man es zulässt, dass der eigene Glaube die Familie entzweit, nur weil nicht jeder dort den gleichen starken Glauben hat wie man selbst.

"Ein wenig Glaube" ist aber auch ein Familienroman und der Zusammenhalt von Peg und Lyle aber auch von ihren Freunden hat mir sehr imponiert. Sie sind füreinander da, auch wenn es mal nicht gut läuft und stehen stets mit Rat und Tat zur Seite - selbst mitten in der Nacht oder wenn sie gar nicht wissen, was eigentlich los ist. Sie sind einfach da, damit der andere nicht alleine sein muss mit seinen Gedanken. Auch diese Zuneigung und Liebe hat Butler wunderbar beschrieben und man kann sie als leser förmlich fühlen. Alle Figuren fand ich sehr glaubwürdig, selbst, wenn manche nur am Rande auftauchen. Sie haben das Gesamtkonstrukt perfekt ergänzt.

Fazit: Butler hat mit "Ein wenig Glaube" ein tolles Buch geschaffen, dem ich viele leser wünsche. Es lenkt den Blick des Lesers auf andere Glaubensgemeinschaften und bringt ihn zum Nachdenken. Das Buch basiert auf einer wahren Begebenheit, was es noch viel eindringlicher gemacht hat für mich.

Veröffentlicht am 17.02.2020

schwierige Themen und ein ungewöhnlicher Aufbau

Je tiefer das Wasser
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Edith und Mae sind Schwestern, sie leben bei ihrer Mutter Marianne, bis sie nach deren Suizidversuch zu ihrem Vater nach New York ziehen müssen. Die beiden erleben die Welt sehr unterschiedlich. Mae hat ...

Edith und Mae sind Schwestern, sie leben bei ihrer Mutter Marianne, bis sie nach deren Suizidversuch zu ihrem Vater nach New York ziehen müssen. Die beiden erleben die Welt sehr unterschiedlich. Mae hat sich von ihrer Mutter immer eingeengt gefühlt und sieht nun bei ihrem Vater die Möglichkeit, ein neues, freies Leben zu führen. Edith hingegen fühlt sich von ihrem Vater verraten, der sie als Kind verlassen hat, was sie ihm nicht verzeihen kann. Sie buhlte immer um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter und versucht sie verzweifelt am Leben zu halten und ihre Liebe erwidert zu wissen.

Die gesamte Familie hat einen Knacks, jede Figur ist getrieben und dieses Getriebensein äußert sich in verschiedenen Formen. Mae will sich von ihrer Mutter befreien und wirft sich dabei doch nur in eine weitere Abhängigkeit, in dem sie versucht, ihrem Vater zu gefallen und seine Liebe zu erhalten. Doch der ist noch immer gefangen in seiner Liebe zu Marianne und sieht in der Tochter nur deren Ebenbild, nicht jedoch das Mädchen, das sie ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungute Beziehung denn Mae würde alles tun, um die Zuneigung und Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich zu lenken, selbst wenn sie dafür in die Rolle ihrer Mutter schlüpfen muss. Edith hingegen versucht ihre Mutter zu retten und will nicht wahrhaben, dass ihr dies womöglich nie gelingen wird. Sie hebt Marianne in den Himmel und sieht ihre Schattenseiten nicht, sucht eher die Schuld bei sich oder bei anderen. Doch auch die anderen Familienmitglieder und Figuren haben mit den Schattenseiten des Lebens zu kämpfen und fühlen sich oftmals machtlos.

"Je tiefer das Wasser" ist kein klassischer Roman, es ist viel mehr eine Sammlung von Rückblenden der verschiedenen Figuren, die mitunter an Verhörmitschnitte oder Protokolle erinnern. V.a. in der ersten Hälfte hatte ich das Gefühl, einem Film zu folgen, bei dem Außenstehende versuchen eine lang vergangene Situation nachzuvollziehen. Diesen Stil muss man mögen, mir hat er jedoch gut gefallen. Gerade durch die vielen verschiedenen Blickwinkel wird die Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit der Erlebnisse deutlich. Jede der Personen, die zu Wort kommen, hat das Vergangene unterschiedlich erlebt, was ich sehr faszinierend fand. Der Schreibstil war oft sehr klar und nüchtern und hielt mich gedanklich auf Abstand, doch dann gab es wieder Passagen, die wie ein Messer unter die Haut fahren und mich aufweckten und erschütterten. Manches wird nicht ausgesprochen, sondern nur angedeutet und am Ende kann sich der Leser eigentlich bei nichts so richtig sicher sein. Durch die Rückblenden hatte ich auch manchmal das Gefühl, etwas übersehen zu haben, da einige Ereignissen vorgegriffen wird. Dennoch entwickelt es auch irgendwie einen Sog, dem ich mich nicht ganz entziehen konnte. Katya Apekina blickt tief in die menschlichen Abgründe und auf psychische Probleme sowie den Umgang mit diesen. Darauf wird der Leser jedoch nicht wirklich vorbereitet und manches Mal wurde ich überrascht von der Wendung und der Intensität, die ich so nicht erwartet hatte an diesen Stellen. Viele Themen tauchen zunächst unterschwellig auf um dann an die Oberfläche zu brechen und den Leser zu schockieren und verstören. Damit muss man umgehen können, was "Je tiefer das Wasser" sicherlich nicht zu einem Buch für jeden macht und was man vor dem Lesen bedenken sollte.

Veröffentlicht am 04.02.2020

Lässt leider ziemlich nach

Die Bagage
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Josef und Maria leben zusammen mit ihren Kindern am Rande eines Dorfes, sie zählen als Außenseiter sind jedoch allgemein akzeptiert, auch wenn Maria von den Frauen beneidet wird, da sie als die Schönste ...

Josef und Maria leben zusammen mit ihren Kindern am Rande eines Dorfes, sie zählen als Außenseiter sind jedoch allgemein akzeptiert, auch wenn Maria von den Frauen beneidet wird, da sie als die Schönste gilt. Doch dann muss Josef ind en Krieg und Maria bleibt allein zurück. Und wird schwanger.

"Die Bagage" erzählt die Geschichte einer Familie zu Zeiten des Krieges, wie es ist als Frau alleine zurückzubleiben und nichts zu essen zu haben. Aber auch was der Krieg mit den Soldaten macht schimmert immer wieder zwischen den Zeilen durch. Die Zeiten des Heimaturlaubs, in denen Josef zurückkehrt, haben mich sehr berührt. Die Veränderungen, die er durchlebt konnte man förmlich spüren. Leider muss ich jedoch sagen, dass sich die Geschichte ziemlich schnell in den alltäglichen Belanglosigkeiten der Bagage verliert. Die Sprache ist manchmal sehr sperrig, aber alles in allem lies sich das Buch recht flüssig lesen. Aber irgendwie konnten mich vieel Passagen nicht richtig packen, das Leben von Maria und ihren Kindern blieb mir gleichgültig. Lediglich die Szenen mit dem Bürgermeister oder wenn Josef nach Hause kam haben mich erreicht, da sie sehr intensiv beschrieben waren.

Auch ist der Klappentext etwas irreführend, da er die vermutung nahelegt, es ginge in dem Buch um Grete. Dabei spielt sie eher eine untergeordnete Rolle und wie es war in einer solchen Familie zu leben bleibt weitesgehend ungesagt. Die Erzählerin springt immer wieder in den Zeitebenen, greift vor um dann wieder an einem früheren Handlungsstrang zurückzukehren. Das hat mich jedoch nicht sehr gestört, da es gut in den Fluss der Geschichte eingebaut hat. Allerdings las sich die geschichte v.a. ab der Hälfte immer wieder sehr episodenhaft und der rote Faden schien stellenweise ein bisschen verloren zu gehen.

"Die Bagage" war für mich ein interessantes Buch, dass jedoch viel Potential nach oben ungenutzt gelassen hat.

Veröffentlicht am 26.01.2020

Eine Reise durch die Geschichte

Das Evangelium der Aale
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Das ganze Leben von Patrik Svensson aber v.a. seine Kindheit war geprägt von den Aalen. Er verbindet diese seltsamen Lebewesen mit seinem Vater, mit dem er beim Aalfischen die schönsten gemeinsamen Stunden ...

Das ganze Leben von Patrik Svensson aber v.a. seine Kindheit war geprägt von den Aalen. Er verbindet diese seltsamen Lebewesen mit seinem Vater, mit dem er beim Aalfischen die schönsten gemeinsamen Stunden verbracht hat. Jetzt im Erwachsenenalter befasst er sich im "Evangelium der Aale" erneut mit ihnen und versucht zu ergründen, was es mit dem Mysterium Aal auf sich hat. Dabei kehrt er zurück an den Ursprung der Welt und stellt sich auch der Frage nach dem Menschsein. In diesem Buch geht es aber auch immer wieder um den Tod und das Töten von Tieren. Wer damit also nicht zurecht kommt, sollte hier vielleicht lieber Abstand nehmen.

Patrik Svensson ist an der schwedischen Aalküste aufgewachsen und studierte anschließend Sprachen und Literatur, was man seinem Buch auch anmerkt. Mit einer sprachlichen Leichtigkeit und fundiertem Wissen schlägt er Brücken zwischen Wissenschaft und Kunst, führt den Leser durch die Geschichte großer Philosophen, lenkt das Auge auf verschiedene Kulturen und Religionen, schweift durch literarische Werke verschiedener Epochen und untermalt dasalles mit seiner ganz persönlichen Geschichte. Er schafft es, dem Leser Wissen zu vermitteln ohne dass es diesem bewusst ist. Wie nebenbei erfährt man Ungeahntes, taucht ein in die Wissenschaft und streift mit Svensson durch die gewaltige Natur. "Das Evangelium der Aale" regt zum Nachdenken und Reflektieren an. Die Frage nach dem Entstehen des Aals beschäftigte schon viele Menschen über viele Jahrhunderte und ist eng verbunden mit der Frage nach dem Menschsein und wie sich der Mensch in seiner Umgebung bewegt. Der Aal wird zum Symbol für Leben aber auch für den Tod, denn beides ist noch immer ein ungelöstes Rätsel.

Veröffentlicht am 23.01.2020

Eine Privatdetektivin ermittelt in einem London voller Geheimnisse und Überraschungen

Die Ewigkeit in einem Glas
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Bridie Devine ist eine Privatdetektivin und Expertin für allerlei medizinischeund chirurgische Probleme. Beides ist im London des Jahres 1863 doch sehr ungewöhnlich aber Bridie ist auch keine gewöhnliche ...

Bridie Devine ist eine Privatdetektivin und Expertin für allerlei medizinischeund chirurgische Probleme. Beides ist im London des Jahres 1863 doch sehr ungewöhnlich aber Bridie ist auch keine gewöhnliche Frau. Sie erhält den Auftrag, die Tochter eines Adligen wiederzufinden, die scheinbar entführt wurde. Doch um das Kind ranken sich Geheimnisse und auch ihr Auftraggeber veräät Bridie nicht alles. Auf ihrer Suche nach dem Kind wird sie unterstützt von Ruby, einem Geist, und Cora, ihrer Assistentin bzw. Hausmädchen.

Der Schreibstil und die Art Dinge zu beschreiben aber auch die Welt an sich erinnerte mich bisweilen stark an die Reihe um Peter Grant von Ben Aaronovitch, was mich jedoch nicht wieter störte, da ich diese ebenfalls mag. Jess Kidd lässt ein London entstehen in dem Geister und andere Kuriositäten nichts besonderes sind, auch wenn nicht jeder sie sehen kann. Die Figuren sind mir alle recht schnell ans Herz gewachsen, denn Kiddbeschreibt sie sehr lebendig. Die Suche nach dem Kind entwickelt sich schnell tiefer als erwartet, Bridie muss neben dem aktuellen Fall auch noch mit ihrer Vergangenheit kämpfen. Erzählt wird die Geschichte nämlich in zwei Zeitebenen: 1863 und 1843. Die beiden Zeitebenen überlagern sich immer mehr und nach und nach entdeckt der Leser zusammen mit Bridie die Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Der Wechselzwischen den zwei Ebenen fand ich sehr gelungen und übersichtlich, es hat die Handlung spannend gemacht und ihr nicht geschadet,wie das manchmal der Fall ist.

Jess Kidd hat mit "Die Ewigkeit in einem Glas" ein schönes Stück Literatur geschaffen, das mich durchweg gut unterhalten hat. Lediglich die Namen fand ich manches Mal etwas gewöhnungsbedürftig und sperrig. So habe ich z.B. bis zum Schluss immer wieder Birdie statt Bridie gelesen.