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Veröffentlicht am 20.04.2026

Existentiell, aber nicht feministisch

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Wenn man in den letzten Wochen von diesem Buch gehört hat, wurde mit den verschiedensten Wörtern um sich geworfen. Feministisch sei es, existentiell, Vergleiche mit Margaret Atwoods Romanen wurden angeführt, ...

Wenn man in den letzten Wochen von diesem Buch gehört hat, wurde mit den verschiedensten Wörtern um sich geworfen. Feministisch sei es, existentiell, Vergleiche mit Margaret Atwoods Romanen wurden angeführt, die das Buch, wenn wir ehrlich sind, nicht ganz halten kann. Aber solche Werbekniffe finde ich den Neuveröffentlichungen gegenüber auch immer sehr unfair, schüren sie doch Erwartungen, die das Buch gar nicht halten kann, die es aber auch nie erfüllen wollte!

Dabei ist "Ich, die ich Männer nicht kannte" für sich allein betrachtet wirklich kein schlechtes Buch. In vielen Aspekten hat es mich zu recht beeindruckt und gefesselt.

"Die Kleine" wächst als einziges Mädchen unter 39 fremden frauen in einem Käfig auf. Vor dem Gitter patroullieren drei Wärter, das Licht erlischt nie in diesem Keller und Zuneigungsbekundungen wie Körperkontakt sind streng verboten. Bis eines Tages ein Alarm ertönt, die Männer verschwinden und die Frauen plötzlich auf sich gestellt sind, in einer Welt, die sie nicht mehr kennen.

Das Buch ist ein wahrer Dystopietraum und weckt gerade am Anfang teilweise sehr beklemmende Gefühle in mir. Am Beispiel dieser jungen Frau, die Zeit ihres Lebens nie einen eigenen Namen erhält, kann man sehr genau beobachten, was der Entzug von menschlichen Einflüssen auf den Körper und Geist bewirken.

Mir gefielen sowohl die Innensichten der "Kleinen" als auch die Dynamik der Frauengruppe und ihre Wanderungen durch diese so fremde Welt. Insgesamt entsteht so ein Roman, der uns sehr viel über Menschlichkeit erzählt. Als feministisches Manifest würde ich es hingegen nicht unbedingt bezeichnen.

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Komm an Bord

Flut aus schwarzem Stahl
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Anthony Ryan entführt uns immer wieder in fremde Welten, diesmal geht es nach Ascarlia. Wer seine Reihe "Der stählerne Bund" gelesen hat, dem wird dieses Buch ein wenig wie Heimkommen sein, denn "Flut ...

Anthony Ryan entführt uns immer wieder in fremde Welten, diesmal geht es nach Ascarlia. Wer seine Reihe "Der stählerne Bund" gelesen hat, dem wird dieses Buch ein wenig wie Heimkommen sein, denn "Flut aus schwarzem Stahl" knüpft lose daran an.

Ascarlia ist das Reich der Schwesterköniginnen, ein loser Inselverbund, der von Stammesoberhäuptern regiert und durch die direkten Beauftragten der Königinnen, ihre Vellihre, kontrolliert wird. Dieser mehr oder weniger sicherer Frieden wird von einer unbekannten Macht bedroht, die sich aus dem Westen anschleicht- dort, wo es angeblich nichts mehr gibt.

Anthony Ryan hat es einfach drauf, den Leser in mehreren Perspektiven in eine unheimlich komplexe, brutale und doch fesselnde Welt zu entführen, ihn förmlich einzusaugen und 600 Seiten später vollkommen emotional zerstört aber gücklich wieder auszuspucken.

Ja, es sind anfangs unheimlich viele Namen, an die man sich gewöhnen muss (keine Sorge, nicht alle bleiben lange relevant oder am Leben) und das gesellschaftliche und Glaubenssystem ist nicht ganz leicht zu verstehen. Aber dafür liebt man die High Fantasy doch, oder?

Für diejenigen, die seine vorhergehenden Bücher gelesen haben, verbirgt die Geschichte auch einiges an mehr oder weniger versteckten Hinweisen und Anknüpfungspunkten. Aber alle werden zum Schluss mit einem gigantischen Showdown und dem übelsten Cliffhanger aller Zeiten belohnt!

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Einatmen, loslesen

Einatmen. Ausatmen.
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Nachdem mich Maxim Leos erster Roman "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" so begeistert hat, konnte ich an seinem neuen Buch natürlich nicht vorbei. Auch, wenn es nicht ganz die Stärken seines Vorgängers ...

Nachdem mich Maxim Leos erster Roman "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" so begeistert hat, konnte ich an seinem neuen Buch natürlich nicht vorbei. Auch, wenn es nicht ganz die Stärken seines Vorgängers erreicht, so ist es doch im Großen und Ganzen eine unterhaltsame Lektüre.

Diesmal geht es um Marlene, die kurz vor der ersehnten Beförderung zur Vorstandsvoristzenden steht, würde ihr nicht ihre unterkühlte Art im Wege stehen. Deshalb wird sie zum Achtsamkeitsseminar in die ruhigen Wälder Brandenburgs geschickt, wo Coach Alex Grow sie auf ihre kommende Aufgabe vorbereiten soll. Für den steht nebenbei die gesamte Existenz seiner Coachingagentur auf dem Spiel. Vermasselt er diesen Job, ist er pleite. So prallen zwei vollkommen unterschiedliche Welten und Typen aufeinander und müssen zusehen, dass sie miteinander klar kommen.

Der Zwist zwischen Karrierezielen und Entschleunigung ist unterhaltsam, könnte allerdings ein wenig mehr Aufmerksamkeit vertragen. Mit Alex und Marlene haben wir zwar zwei sehr interessante Charaktere, die im Laufe der Geschichte jedoch etwas stereotyp wirken. Aufgelockert wird das Ganze zum Glück durch die Nebenfiguren, die die Story zwar vom eigentlichen Thema ablenken, gleichzeitig aber die Emotionalität pushen.

Ist der Roman in seiner Gesamtheit originell? Nicht wirklich. Trotzdem bekommt man hier eine Wohlfühlgeschichte, die einen über die eigenen Werte und den Sinn seines (beruflichen) Strebens nachdenken lässt.

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Atmosphäre kann er

Die Geister von La Spezia
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Wenn man sich das Cover dieses Buches ansieht, weiß man eigentlich schon ganz genau, was man bekommt. Wenn Oliver Plaschka eines kann, dann ist es Stimmung und Atmosphäre!

Gemeinsam mit seiner Hauptfigur ...

Wenn man sich das Cover dieses Buches ansieht, weiß man eigentlich schon ganz genau, was man bekommt. Wenn Oliver Plaschka eines kann, dann ist es Stimmung und Atmosphäre!

Gemeinsam mit seiner Hauptfigur Agentin Pat Colombari reisen wir ins Jahr 1822 zu Mary Shelley. Sie befindet sich gerade in Trauer, nachdem ihr Mann bei einem Unwetter auf See umgekommen ist. Pat ist gekommen, um die Umstände seines Todes zu untersuchen und reist mithilfe ihrer Technologie in die Erinnerungen des Paares.

Es ist düster, es ist tragisch- und gerade zu Beginn auch ziemlich verwirrend. Und trotzdem hat es mich einfach nicht losgelassen. Von Mary erfährt man zwar weniger als erhofft, dafür bekommt man sehr intime Einblicke in die Gemeinschaft der Shelleys und Lord Byron.

Mit Pat hat der Autor darüber hinaus eine starke Frauenfigur geschaffen, die die vielen Schichten und Stränge dieser Geschichte zusammenhält und zum Schluss Geheimnisse aufdeckt, die einerseits kaum vorstellbar anmuten, sich aber gleichzeitig auch so nahtlos in die historischen Hüllen der Personen einfügen.

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Altern ist schwer

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Das Thema dieses Romans ist ein hartes, schweres, das schnell in Richtung Melancholie abdriften kann. Und doch schafft es Lisa Ridzén dem ganzen etwas Leichtigkeit und stille Freude zu verleihen.

Bo lebt ...

Das Thema dieses Romans ist ein hartes, schweres, das schnell in Richtung Melancholie abdriften kann. Und doch schafft es Lisa Ridzén dem ganzen etwas Leichtigkeit und stille Freude zu verleihen.

Bo lebt mit seinem Hund Sixten allein im Haus, seit seine Frau an Demenz erkrankt ist und ins Heim ziehen musste. Regelmäßige Besuche erhält er nur von seinem Sohn Hans und dem Pflegepersonal, das sich um ihn kümmert. Während er denkt, den Alltag anz gut zu meistern, erzählt das Pflegetagebuch eine etwas andere Geschichte. Als Hans darüber nachdenkt, ihm den Hund wegzunehmen, kippt die Lage.

Dass Alt werden keine Kleinigkeit ist und selten mit Leichtigkeit verkraftet wird, war mir schon bewusst. Aber so hautnah zu erleben, wie der Alltag immer beschwerlicher wird und sich auch die Gedankenwelt mehr auf die Vergangenheit konzentriert als in der Gegenwart verankert zu bleiben, ist stellenweise wirklich hart.

Dabei scheint Bo kein sonderlich emotionaler Mensch zu sein. Zuneigung zu zeigen, gerade seinem Sohn gegenüber, fällt ihm schwer. Nur in seinen Erinnerungen bekommt man die starke Liebe mit, die er für seine Familie empfindet.

Ganz leise hat sich dieses Buch in mein Herz geschlichen und es gerade mit dem Ende schmerzhaft fest gepackt.

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