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Veröffentlicht am 27.06.2026

Die dunkle Seite einer Instagram-Familie

Yesteryear
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In Natalies Leben ist mehr Schein als Sein bis der Schein wegfällt und sie auf mehreren Ebenen mit der gruseligen Realität ihres Lebens fertig werden muss. In der Gegenwart lebt Natalie mit ihrer Familie ...

In Natalies Leben ist mehr Schein als Sein bis der Schein wegfällt und sie auf mehreren Ebenen mit der gruseligen Realität ihres Lebens fertig werden muss. In der Gegenwart lebt Natalie mit ihrer Familie auf einer Rinderfarm in Idaho. Dieses Landleben inszeniert sie bis zur Perfektion auf Social Media, wo sie als Trad Wife viele Fans hat. Was ihre Follower:innen nicht sehen: Die beiden Nannys, die sich um Natalies 5 Kinder kümmern, die junge Assistentin, die Natalie für einen Hungerlohn bei der Content-Produktion unterstützt, die Hilfskräfte, die sich um die Landwirtschaft kümmern, oder das Gift, mit dem die Familie ihr vermeintliches Biogemüse behandelt.

Eines Tages wacht Natalie auf ihrer Farm auf - nur befindet sie sich in einer ganz anderen Zeit ohne Hilfskräfte, Waschmaschine oder Auto, aber mit Außenklo und einer völlig neuen Familie. Das vermeintlich einfache Leben, was sie online idealisiert dargestellt hat, muss sie nun in einer Extremversion leben. Und stellt dabei schmerzhaft fest, dass diese Zeit für Frauen keine Freiheit oder Rechte kennt. Gleichzeitig beschäftigt sich der Roman viel mit dem Wohl von Kindern und wie es ihnen als unfreiwilligen Protagonist:innen in den Social Media-Videos ihrer Mutter geht.

"Yesteryear" verwebt damit viele aktuelle Themen aus der Internetkultur. Am Ende bringt Caro Claire Burke diese beiden Erzählebenen auf erschreckende Weise zusammen, die ich absolut nicht erwartet hätte.

Der Roman ist wirklich mitreißend geschrieben. Obwohl er recht lang ist, fesselt er von Anfang bis Ende. Szenen in der Gegenwart und der Vergangenheit wechseln sich ab und schaffen ein hohes Erzähltempo. Natalie ist eine durch und durch unangenehme Protagonistin. Sie fühlt sich allen überlegen, tritt durch und durch arrogant auf, aber ist gleichzeitig extrem isoliert ohne Freunde und nur spartanischem Kontakt zu ihrer Mutter und Schwester. In den Kopf dieser schwierigen Ich-Erzählerin zu schauen, war spannend. Auch wenn ich viele ihrer Handlungen und Entscheidungen nicht nachvollziehen kann, habe ich doch mit der Geschichte mitgefiebert.

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Veröffentlicht am 19.06.2026

Emotionale Dreiecksbeziehung

Herz König
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Drei interessante Charaktere gefangen in einer zerstörerischen Dreiecksbeziehung: Das sind die beiden Studenten Sam und Yash, die die Ich-Erzählerin im Studium trifft. Wie genau sie heißt, erfahren wir ...

Drei interessante Charaktere gefangen in einer zerstörerischen Dreiecksbeziehung: Das sind die beiden Studenten Sam und Yash, die die Ich-Erzählerin im Studium trifft. Wie genau sie heißt, erfahren wir nie. Ihre Collegefreunde sprechen sie mit anderem Vornamen an als ihr späterer Ehemann. Die Geschichte wird stark getrieben von den Charakteren.

Die erste Hälfte des Buches erzählt die College-Zeit der Ich-Erzählerin mit Sam und Yash und ihre komplizierte Dreiecksbeziehung. Hier ist viel Drama und Herzschmerz. Man merkt schnell, dass sich alle drei möglichst erwachsen und klug geben wollen, eigentlich aber noch ziemlich unreif und unsicher sind. Das alles hat mich ein bisschen an Sally Rooneys Bücher erinnert.

Die College-Szenen sind anregend, emotional und unterhaltsam geschrieben, zwischendurch habe ich mich aber schon manchmal gefragt, wohin die Geschichte denn führen soll und wann wir endlich den Sprung in die Zukunft machen, der bereits im Klappentext angekündigt wird. Zwar ist es für den Rest des Buches absolut relevant, wie intensiv und verworren die Beziehungen unter den Dreien waren, aber ein paar Längen gab es für mein Empfinden trotzdem.

Nach etwas mehr als der Hälfte des Buches ist es soweit: Als Erwachsener besucht Yash seine Collegefreundin und ihre Familie in ihrem Haus, einen kleineren Zeitsprung später gibt es eine dramatische Entwicklung. Hier sind alle erwachsen, leben völlig andere Lebens als im College. Auch untereinander unterscheidet sich ihre Lebenserfahrung sehr - trotzdem spürt man die alte Bindung zwischen den Zeilen. Der dritte Teil hat mich emotional zerstört. Das Buch schließt mit einer wirklich krassen Wendung und sehr emotional geschriebenen Szenen. Allein dafür hat sich die Lektüre gelohnt.

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Veröffentlicht am 03.04.2026

Zurechtfinden in 2 unterschiedlichen Extremsituationen

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Hätte ich nicht gewusst, dass "Ich, die ich Männer nicht kannte" bereits 1995 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hätte ich es zweifellos für ein modernes Buch gehalten. Dazu tragen die Themen und die ...

Hätte ich nicht gewusst, dass "Ich, die ich Männer nicht kannte" bereits 1995 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hätte ich es zweifellos für ein modernes Buch gehalten. Dazu tragen die Themen und die sensible Ausarbeitung dieses schwierigen Themas genauso bei wie die tolle und flüssige Übersetzung von Luca Homburg.

Der Roman erzählt die erschreckende und beklemmende Geschichte der namenlosen Ich-Erzählerin, die mit 39 anderen Frauen in einem Keller gefangen gehalten und bewacht wird. Als einzige ist sie als Baby eingesperrt wurden und hat im Gegensatz zu den anderen Frauen keine Erinnerungen an das Leben in Freiheit. Sie kennt weder Sessel noch Busse, Bücher oder sonstigen Alltagsgegenstände, weil die Frauen nur mit dem Nötigsten am Leben gehalten werden. Eine formelle Bildung hat sie nie erhalten. Als die Frauen dem Kerker durch einen Zufall entkommen, gelangen sie in eine trostlose, karge Welt ohne Zeichen menschlicher Zivilisation. Die Ich-Erzählerin ist gezwungen, sich zusammen mit den anderen Frauen in zwei sehr unterschiedlichen Extremsituationen zurechtzufinden, ohne eine Erklärung für die Geschehnisse zu haben.

Die Handlung ist relativ überschaubar und sie stellt mehr Fragen, als dass sie Antworten gibt. Aber Jacqueline Harpman gelingt es, die dystopischen Geschehnisse anschaulich und mitreißend durch die Augen und die inneren Monologe ihrer Protagonistin zu erzählen. Mich hat das Buch absolut mitgerissen und ich konnte es kaum aus der Hand legen.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Parallelleben sensibel und poetisch erzählt

Zugwind
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An "Zugwind" hat mir am meisten die poetische, ausdrucksstarke Sprache und das aktuelle Setting gefallen. Iryna Fingerova schreibt wirklich phänomenal. Mit beeindruckendem sprachlichen Geschick lässt sie ...

An "Zugwind" hat mir am meisten die poetische, ausdrucksstarke Sprache und das aktuelle Setting gefallen. Iryna Fingerova schreibt wirklich phänomenal. Mit beeindruckendem sprachlichen Geschick lässt sie Figuren lebendig werden. Im ersten Drittel des Romans lernen wir die Protagonistin Mira kennen, die vor einigen Jahren mit ihrem Mann aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert ist und hier als Hausärztin arbeitet. Mit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges kommen immer mehr ukrainische Geflüchtete in ihre Praxis, oft suchen sie eher Trost als eine medizinische Behandlung. Diese vielen Personen, denen Mira in der Praxis begegnet, beschreibt die Autorin knapp und fast stakkatohaft mit ganz wenigen Eigenschaften und einem kurzen Einblick in Miras Diagnose. Obwohl man eigentlich kaum etwas über diese Personen erfährt und sie nur für einen Moment auftauchen, hat die Autorin ein echtes Geschick, sie lebendig werden zu lassen.

Überrascht hat mich, dass die im Klappentext angekündigte Reise nach Odesa erst so spät im Roman passiert ist und dann auch nur sehr kurz dauert. Iryna Fingerova beschreibt den absurden Kontrast zwischen Krieg und einem Alltag, der trotzdem irgendwie weitergeht. Mira besucht Familie, geht zu einer Party, auf ein Konzert und auf einen Flohmarkt. Unterbrochen wird dieses scheinbar normale Leben durch Luftangriffe und Soldaten, die sie für kurze Momente in der Stadt sieht.

Mit der Rückkehr nach Deutschland scheint Mira freudig gestimmt und plötzlich erwacht. Der Trip hat viele positive Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit ausgelöst, aber sie scheint auch die Momente mit ihrem Mann und ihrer Tochter mehr als vorher zu genießen. Der Krieg wird eher zu einem Hintergrundrauschen. Es folgt eine weitere Reise, dieses Mal nach Mallorca. Doch die gute Laune hält nicht an, schließlich kehrt Mira zur Arbeit zurück, hat dort wieder intensiven Kontakt zu vielen ukrainischen Patient:innen, sodass sie die grausame Realität des Krieges in ihrer Heimat und das schwer zu ertragende friedliche Parallelleben in Deutschland zunehmend vor Herausforderungen stellt. Die Geschichte ist so sensibel, aber gleichzeitig sehr bewegend erzählt, sodass die Lektüre eine echte Bereicherung ist!

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Eine herausfordernde, sensibel erzählte Geschichte über weibliche Gewalt

Gelbe Monster
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"Gelbe Monster" erzählt auf sensible und packende Weise die Liebesgeschichte von Charlie und Valentin, die alles andere als romantisch ist - und trotzdem können beide nicht voneinander lassen. Clara Leinemann ...

"Gelbe Monster" erzählt auf sensible und packende Weise die Liebesgeschichte von Charlie und Valentin, die alles andere als romantisch ist - und trotzdem können beide nicht voneinander lassen. Clara Leinemann nähert sich ihren Charakteren mit klarer Sprache und lässt uns tief in Charlies Psyche blicken.

In einem Punkt widerspreche ich dem Klappentext: Auf mich wirkte die Beziehung zu keinem Zeitpunkt perfekt. Von Anfang an spürt man das große Ungleichgewicht zwischen beiden. Charlie nimmt es persönlich, dass Valentin sich nach ihrer ersten Zufallsbegegnung nicht bei ihr meldet, sie ist unsicher gegenüber Valentins Ex-Freundin und scheint sich aus Eifersucht und Unsicherheit nie wirklich geborgen und sicher in der Beziehung zu fühlen. Ihre Stimmung hängt extrem davon ab, ob Valentin ihr Zuneigung zeigt oder abweisend reagiert. Dieses Ungleichgewicht eskaliert nach und nach zu verbaler und dann zu psychischer Gewalt. Die Frau als Täterin ist eine spannende und zugleich erschreckende Perspektive, die selten erzählt wird. Die Autorin hinterfragt gekonnt Geschlechterbilder und Abhängigkeiten.

Die Geschichte wird in Zweitsprüngen zwischen zwei Ebenen erzählt: der Vergangenheit, die zeigt, wie Charlie und Valentin zusammenkommen sind und wie sich ihre Beziehung entwickelt, und der Gegenwart, in der Charlie an einem Antiaggressionstraining für Frauen, die partnerschaftliche Gewalt ausgeübt haben, teilnimmt. Das finde ich sehr spannend, denn Charlie durchlebt sehr widersprüchliche Gefühle, die in den beiden parallel verlaufenden Erzählsträngen ein komplexes Bild abgeben. Es ist oft schwer, mit Charlie auch nur ansatzweise mitzufühlen, sie ist eine wahre Anti-Heldin und wird trotzdem komplex und mit Empathie beschrieben. Dadurch liest sich der Roman extrem schnell und flüssig und regt einen beim Lesen stark zum Nachdenken an.

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