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Veröffentlicht am 22.02.2026

Wenn Zeit zur Verhandlungssache wird

Das Ministerium der Zeit
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Die britische Regierung hat einen Weg gefunden, durch die Zeit zu reisen. Was zunächst nach Science-Fiction klingt, verfolgt ein nüchternes Ziel: Bedeutende Persönlichkeiten aus der Vergangenheit sollen ...

Die britische Regierung hat einen Weg gefunden, durch die Zeit zu reisen. Was zunächst nach Science-Fiction klingt, verfolgt ein nüchternes Ziel: Bedeutende Persönlichkeiten aus der Vergangenheit sollen ins 21. Jahrhundert geholt werden, damit ihr Wissen nicht verloren geht. Den sogenannten „Ankommenden“ werden Menschen aus der Gegenwart zur Seite gestellt, quasi als Brücke zwischen damals und heute, als Orientierung in einer fremden Zeit.
Die namenlose Ich-Erzählerin übernimmt genau diese Aufgabe. Sie soll den 1847 verstorbenen Polarforscher Graham Gore im heutigen London begleiten. Während sie ihm erklärt, wie Streamingdienste funktionieren, welche Regeln die moderne Welt bestimmen und wie sich der Alltag verändert hat, entsteht zwischen den beiden eine leise, vorsichtige Nähe. Eine Freundschaft, die sich nicht nur zwischen zwei Menschen entwickelt, sondern zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Doch noch bevor sich abzeichnet, was diese ungewöhnliche Verbindung für die Zukunft bedeuten könnte, wird deutlich, dass das Regierungsprojekt eigenen Interessen folgt. Pläne werden neu bewertet, Entscheidungen hinterfragt und das Experiment mit der Zeit erhält eine politische Dimension, die weit über persönliche Begegnungen hinausgeht.

Der Roman wurde aus dem Englischen von Sophie Zeitz übersetzt.

Der Debütroman von Kaliane Bradley überzeugt vor allem dort, wo Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar aufeinandertreffen. Besonders die Szenen, in denen der Polarforscher Graham Gore aus dem 19. Jahrhundert im heutigen London ankommt und mit den modernen Gegebenheiten konfrontiert wird, wird sehr unterhaltsam dargestellt. Das Erleben von alltäglichen Gegebenheiten aus historischer Sicht haben mich einige Mal zum Lachen gebracht.
Auch der Genremix aus Fantasy-Elementen und zeitgenössischer Gegenwartsliteratur funktioniert zu Beginn erstaunlich gut. Die Idee des Zeitreiseprojekts ist eine tolle Idee, die zu Beginn erstaunlich gut funktioniert. Im weiteren Verlauf verliert der Roman jedoch an erzählerischer Klarheit. Der rote Faden scheint sich stellenweise aufzulösen, einzelne Geschehnisse werden unnötig ausgedehnt, ohne die Handlung oder die Figurenentwicklung entscheidend voranzubringen. An diesen Stellen hat mich die Geschichte leider verloren.

Fazit:
Ein Debütroman, der die Leserschaft mit gemischten Gefühlen zurücklässt.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Drei Namen, drei Lebenswege

Die Namen
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Cora und Gordon sind verheiratet, sie haben eine Tochter im Grundschulalter, ein scheinbar gefestigtes Familienleben. Er ist angesehener Hausarzt, zuverlässig, fürsorglich, nach außen hin der Inbegriff ...

Cora und Gordon sind verheiratet, sie haben eine Tochter im Grundschulalter, ein scheinbar gefestigtes Familienleben. Er ist angesehener Hausarzt, zuverlässig, fürsorglich, nach außen hin der Inbegriff des perfekten Ehemanns und Familienvaters. Cora hingegen blickt auf ein ganz anderes früheres Leben zurück: Als junge Frau war sie eine erfolgreiche Balletttänzerin, bis eine Verletzung ihre Karriere abrupt beendete.
Was als Verliebtheit begann, ist längst dem Alltag gewichen. Und mit ihm tritt etwas zutage, das lange gut verborgen war. Gordon ist cholerisch, manipulativ, zunehmend gewalttätig gegenüber Cora – ein Mann, der sein wahres Gesicht nur dort zeigt, wo niemand hinsieht. Nach außen bleibt er makellos, verständnisvoll, fast überbesorgt. Gerade diese Diskrepanz macht die Situation für Cora so ausweglos.
Als ein weiteres Kind zur Welt kommt, ein Sohn, entzündet sich der Konflikt an etwas scheinbar Einfachem: seinem Namen. Für Gordon steht außer Frage, dass der Sohn seinen Namen tragen soll – als Zeichen von Kontinuität, von familiärer Linie, von Macht. Doch in Cora regt sich Widerstand. Sie möchte ihrem Kind die Möglichkeit geben, frei zu sein, sich selbst zu entfalten, nicht von Geburt an in eine Rolle gedrängt zu werden, die längst festgeschrieben scheint.
Cora steht vor einer Entscheidung, die größer ist als sie selbst. Wird sie sich erneut dem Willen ihres Mannes beugen, oder wagt sie es, sich öffentlich gegen ihn zu stellen, indem sie ihrem Sohn einen anderen Namen gibt?
An diesem Punkt verzweigt sich die Geschichte. Drei Namen, drei Lebenswege. Wir begleiten Bear, Julian und Gordon durch unterschiedliche Versionen derselben Familie. Jeder dieser Wege ist anders, jeder folgt einer eigenen Dynamik – und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sind intensiv, schmerzhaft, eindringlich. Florence Knapp zeigt, wie eine einzige Entscheidung ein ganzes Leben verändern kann, und wie tief die Folgen reichen, selbst dann, wenn sie zunächst klein erscheinen.

Gleich vorne weg, „Die Namen“ wurde von Lisa Kögeböhn aus dem Englischen übersetzt. Ihre Übersetzungsarbeit verdient besondere Erwähnung sowie aller größten Respekt.
Lisa Kögeböhn ist es gelungen den Roman mit großer sprachlicher Sensibilität ins Deutsche zu übertragen. Die Härte der Szenen, aber auch die leisen, emotionalen Zwischentöne bleiben vollständig erhalten, ohne jemals künstlich oder überzogen zu wirken. Eine Übersetzung, die sich dem Text mit großer Achtung nähert und ihm eine deutsche Stimme schenkt, die lange nachhallt.

Dem Debütroman von Florence Knapp merkt man zu keinem Zeitpunkt an, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Der Roman ist handwerklich meisterhaft erzählt und entwickelt von Beginn an einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Die Lektüre gleicht einem Unfall: Man möchte nicht hinsehen, kann sich dem Anblick aber nicht entziehen.
Diese Geschichte hat mich spürbar aus meiner Wohlfühlzone geholt. Was man vor der Lektüre unbedingt wissen sollte: Im Zentrum steht häusliche Gewalt. Cora ist sowohl körperlicher als auch psychischer Gewalt ausgesetzt, dauerhaft, alltäglich, ohne Schutzraum. Die Autorin beschönigt nichts, sie beschreibt die Gewalt präzise und schonungslos, und genau darin liegt ihre Wirkung. Coras Angst, ebenso wie die ihrer Kinder, wird beim Lesen fast körperlich spürbar. Manche Bilder haben sich so bei mir festgesetzt, dass sie mich selbst noch Tage später nicht losgelassen haben. Rückblickend weiß ich: Hätte ich vorher gewusst was mich erwartet, hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Und doch konnte ich mich der Geschichte nicht entziehen. Trotz oder vielleicht gerade wegen des Schreckens wollte ich wissen, wie es weitergeht, was aus den Figuren wird.
Die Namen ist ein herausfordernder Roman, grandios inszeniert und klug aufgebaut. Ein großes Debüt, dessen Thematik man kennen sollte, bevor man sich bewusst über die eigenen Grenzen hinaus begibt.

Fazit:
Ein eindrucksvoller, verstörender Roman mit klarer Triggerwarnung.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Zurück nach Nürnberg, zurück zu den Wundern

Books & Coffee - An Wunder muss man glauben
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Emilia ist Schauspielerin, Ende zwanzig, und lebt eigentlich in Köln. Doch gerade läuft einfach alles schief. Ihre Rolle in der Serie, in der sie mitspielt, wird ersatzlos gestrichen, die Mitbewohner:innen ...

Emilia ist Schauspielerin, Ende zwanzig, und lebt eigentlich in Köln. Doch gerade läuft einfach alles schief. Ihre Rolle in der Serie, in der sie mitspielt, wird ersatzlos gestrichen, die Mitbewohner:innen setzen sie kurzfristig vor die Tür und auch ihr Freund entscheidet sich ganz plötzlich dafür, zu seiner Exfrau zurückzukehren. Also bleibt Emilia nichts anderes übrig, als in ihre Heimatstadt Nürnberg zurückzukehren – zurück zu ihren Eltern. Doch was nun? In der Anwaltskanzlei ihres Vaters Kaffee kochen? Die alte Jugendliebe Markus wieder „aufwärmen“? Oder ohne Job und ohne Wohnung zurück nach Köln fahren?
Zum Glück begegnet sie Lucy und Klara, zwei Frauen, die bald mehr als nur Bekannte für sie werden. Und sie entdeckt Lucys Café Zuckerzeit – einen Ort voller Erinnerungen, denn hier hat sie schon als kleines Mädchen mit ihrer Oma glückliche Stunden verbracht. Vielleicht ist also doch nicht alles so hoffnungslos, wie es zunächst scheint. Und vielleicht bietet Nürnberg ihr die Chance auf einen echten Neuanfang.

„An Wunder muss man glauben“ ist der zweite Teil der Books & Coffee-Reihe. Im Mittelpunkt steht diesmal Emilia, die wir im ersten Band bereits kurz kennenlernen durften. Besonders gut gefällt mir an dieser Reihe, dass jeder Teil einer anderen Figur gewidmet ist, während Schauplätze und Nebenfiguren vertraut bleiben.
Ein echtes Highlight sind für mich die kurzen Rückblicke in die Vergangenheit: Szenen aus dem ersten Teil werden erneut aufgegriffen, diesmal jedoch aus einer anderen Perspektive. Das sorgt für spannende Aha-Momente und verleiht der Geschichte das gewisse Extra.
Ella Lindberg zeichnet ihre Figuren insgesamt sehr authentisch. Mit ihren Interessen, Empfindungen, Träumen und Sorgen wirken sie nahbar und lebensnah, sodass man sich meist gut in sie hineinversetzen kann. Gleichzeitig muss ich gestehen, dass die Protagonistin Emilia mich diesmal durchaus an die Grenzen meiner Geduld gebracht hat. Ihre eher jammernde, leidende Art zeigt sich nicht nur zu Beginn, sondern zieht sich durch die gesamte Geschichte. Doch nicht jede Figur muss einem durch und durch am Herzen liegen.

Das gleichnamige Hörbuch wird auch diesmal wieder von der Schauspielerin Rebecca Veil eingesprochen. Mit ihrer angenehmen, ruhigen Stimme trägt sie die Geschichte und verleiht ihr genau die richtige Stimmung. Durch ihre feinfühlige Intonation gelingt es ihr, die Hörerschaft mitzunehmen, sodass selbst ruhigere Passagen durchgehend fesselnd bleiben.

Fazit:
Eine unterhaltsamer zweiter Teil der Serie, der neugierig auf den nächsten Band macht.

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Veröffentlicht am 28.01.2026

Arthur und der andere Arthur

Der andere Arthur
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Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp hat sich in seinem Haus von der Welt zurückgezogen – und ein Stück weit auch von sich selbst. Er verschanzt sich hinter Bücherbergen und betäubt seine Sinne ...

Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp hat sich in seinem Haus von der Welt zurückgezogen – und ein Stück weit auch von sich selbst. Er verschanzt sich hinter Bücherbergen und betäubt seine Sinne mit belanglosen Fernsehsendungen. Nur gelegentlich wird sein monotoner Alltag durch einen Lieferdienst oder durch gedankliche Blitzlichter an seine frühere große Liebe Charlene unterbrochen.
Als Charlene sich eines Tages tatsächlich telefonisch bei ihm meldet, gerät diese erstarrte Ordnung ins Wanken. Sie braucht seine Hilfe: Arthur soll ihrem Sohn Kel Keller – der sich selbst Arthur nennt – bei seinen Collegebewerbungen helfen. Doch wie soll das gehen? Arthur Opp und auch sein Haus sind verwahrlost. Und trotzdem stellt sich die Frage: Kann man einer Liebe von früher einen solchen Wunsch abschlagen? Manchmal muss man sich, trotz größter Angst, auf Veränderung einlassen.

„Der andere Arthur“ ist ein Roman von Liz Moore, der bereits 2012 in den USA erschienen ist. Im Zentrum stehen zwei Außenseiter, die jeweils auf ihre eigene Weise mit ihrem Schicksal hadern, der eine mit 17, der andere jenseits der 50.
Die Autorin erzählt ihre Geschichten empathisch und feinfühlig aus den jeweiligen Perspektiven. Dadurch kommt man beiden Arthurs sehr nahe. Mir fiel es oft schwer, die Lektüre überhaupt für eine Pause aus der Hand zu legen.

Ganz ohne Einschränkung bleibt es für mich allerdings nicht. Das mag auch an meiner Erwartung gelegen haben: Ich hatte damit gerechnet, dass sich die beiden Protagonisten früher begegnen und man sie gemeinsam begleitet. (Hier ein kleiner Spoiler: Das ist nicht der Fall.) Das fand ich sehr schade.
Gleichzeitig lässt sich an diesem Roman sehr schön „sehen“, wie sich Liz Moores Schreibstil weiterentwickelt hat. So gut „Der andere Arthur“ auch geschrieben ist – „Der Gott des Waldes“ ist stilistisch noch einmal eine andere Hausnummer.

Fazit:
Eine leise, bewegende Geschichte mit Figuren, die einen auch nach dem letzten Kapitel noch eine Weile begleiten.

Veröffentlicht am 25.01.2026

Vanillekipferl

Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung
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Bereits im ersten Band durften wir die Buchhändlerin und ihre Familie beim Kauf der Wiener Traditionsbuchhandlung im 18. Bezirk begleiten. Nun steht Weihnachten vor der Tür – und mit ihm das alljährliche ...

Bereits im ersten Band durften wir die Buchhändlerin und ihre Familie beim Kauf der Wiener Traditionsbuchhandlung im 18. Bezirk begleiten. Nun steht Weihnachten vor der Tür – und mit ihm das alljährliche Weihnachtsgeschäft. Eine anstrengende Zeit, nicht nur für Kundinnen und Kunden, die Geschenke und Festessen organisieren müssen. Auch für die Autorin und ihre Belegschaft bleibt zwischen Wünschen, Erwartungen und gelegentlichen Mäkeleien kaum Zeit, sich selbst auf das heilige Fest einzustimmen.

Besonders gefallen haben mir Petra Hartliebs kurzweilige und sehr nahbare Schilderungen des Literaturbetriebs. Man fühlt sich schnell selbst wie ein Teil der Belegschaft. Dieses kleine Büchlein eignet sich perfekt für zwischendurch: Man kann es häppchenweise lesen oder auch einfach in einem Rutsch „wegsnacken“.

Ein Backlist-Titel, den man nicht vergessen darf.

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