Eine Tasse Tee
Im Sommer der WildbienenDie Geschichte dreht sich um Flora – und der Name ist hier wirklich Programm. Die junge Frau liebt Pflanzen und die Natur über alles. Gerade hat sie ihr Studium abgebrochen und versucht irgendwie ihren ...
Die Geschichte dreht sich um Flora – und der Name ist hier wirklich Programm. Die junge Frau liebt Pflanzen und die Natur über alles. Gerade hat sie ihr Studium abgebrochen und versucht irgendwie ihren Platz im Leben zu finden. Was allerdings nur wenige Menschen außerhalb ihrer Familie wissen: Flora ist Autistin. Bis zu ihrer Diagnose hat sie sich jahrelang angepasst, nur um nicht aufzufallen und endlich irgendwo dazuzugehören. Doch soziale Interaktionen kosten sie unglaublich viel Kraft, Mimiken und Reaktionen anderer Menschen kann sie oft nur schwer einschätzen und der Alltag fühlt sich für sie häufig wie eine permanente Überforderung an.
Nach einer Panikattacke in einem Kaufhaus zieht Flora schließlich einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben in der Großstadt. Sie zieht in das kleine, alte Haus ihrer verstorbenen Großmutter aufs Land – zu einer Frau, zu der der Kontakt schon seit Jahren abgebrochen war. Dort erwartet sie nicht nur ein wunderschöner, verwilderter Garten, sondern auch jede Menge Herausforderungen – mit der Natur, mit ihren neuen Nachbar und vor allem auch mit sich selbst.
Dies ist der erste Roman der Drehbuchautorin Nina Mayen und ich finde, man merkt der Geschichte an, dass die Autorin ein gutes Gespür für Figuren und zwischenmenschliche Situationen hat. Sie schreibt in einem lockeren und sehr unterhaltsamen Tonfall und beschreibt dabei besonders gelungen, in welchem Zwiespalt sich Flora oft befindet.
Auf der einen Seite möchte sie z.B. ihre Eltern und Geschwister nicht verletzen oder vor den Kopf stoßen, auf der anderen Seite kann sie es kaum aushalten, wenn ständig Menschen durch ihr Zimmer laufen, ihre Sachen anfassen, etwas umstellen, Krümel hinterlassen oder sie ungefragt umarmen wollen. Für Außenstehende wirkt das Verhalten von Flora manchmal befremdlich oder schwer nachvollziehbar, doch gleichzeitig macht das Buch deutlich, wie anstrengend es für sie ist, permanent über die eigenen Grenzen zu gehen. Genau deshalb beginnt Flora nach und nach überhaupt erst herauszufinden, wo diese Grenzen eigentlich liegen und wie sie diese anderen Menschen gegenüber kommunizieren kann.
Gar nicht so einfach, vor allem dann nicht, wenn plötzlich auch noch Gefühle und Verliebtheit dazukommen.
Nach ihrem Umzug aufs Land ist Flora plötzlich zum ersten Mal wirklich auf sich allein gestellt. Um ihre Ziele zu erreichen, muss sie immer wieder über sich hinauswachsen und sich Situationen stellen, die sie eigentlich komplett überfordern. Besonders schön fand ich dabei auch, wie Flora nach und nach erkennt, dass sie und ihre verstorbene Großmutter sich viel ähnlicher waren, als sie zunächst gedacht hat.
Nina Mayen beschreibt sehr schön, wie Flora langsam erkennt, was sie eigentlich vom Leben möchte, wie sie leben will und wo ihr eigener Platz sein könnte. Teilweise sind das Gefühlschaos und die permanente Überforderung der Hauptprotagonistin beim Lesen kaum auszuhalten, gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, dass genau das vermutlich sehr authentisch dargestellt ist und die Lebensrealität vieler AutistInnen oder deren Angehörigen widerspiegelt.
Besonders mochte ich außerdem die vielen herzlichen Nebenfiguren. Die Autorin erschafft eine warme Atmosphäre und Charaktere, mit denen man gerne Zeit verbringt.
Fazit:
Eine ruhige, herzerwärmende Geschichte, bei der man sich wohlfühlt und gleichzeitig selbst ein wenig ins Nachdenken kommt.