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Veröffentlicht am 15.01.2025

»Mich verstört oft der – recht alltägliche – Gedanke, dass etwas Erwartetes wegbricht«

Getäuscht
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»Mich verstört oft der – recht alltägliche – Gedanke, dass etwas Erwartetes wegbricht«

Dieses Buch ist weniger ein Roman, als ein akribisch gefülltes Tagebuch der Gefühle.
Der namenlose Ich-Erzähler, ...


»Mich verstört oft der – recht alltägliche – Gedanke, dass etwas Erwartetes wegbricht«

Dieses Buch ist weniger ein Roman, als ein akribisch gefülltes Tagebuch der Gefühle.
Der namenlose Ich-Erzähler, der täglich seine Erlebnisse, Beobachtungen und insbesondere seine unzähligen Gedanken aufschreibt ist verliebt und das schon, bevor er seine Angebetete überhaupt kennt.
Es ist verhält sich nämlich folgendermaßen: Die Nichte Ljolja Gerdt seiner Berliner bekannten Katerina Wiktorowna N., welche ihn damals in Berlin knapp verpasst hat, reist nun nach Paris. Dort lebt der Protagonist zur Zeit der 1920er Jahre als exilierter Russe, ohne Geld und noch dazu todunglücklich, traurig und einsam.
Die beiden irren sich aneinander, sei es liebestrunken oder so beabsichtigt. Ljolja hat kein großes Interesse an ihm, doch er wiederum ist penetrant und lässt sie nicht in Ruhe.
Mit welcher Besessenheit er das möchte, ist fast schon wieder beachtenswert, würde sein gekränktes Ego nicht zu misogynen Ansichten tendieren.

Für mich war es, trotz der mit Sicherheit herausragenden Übersetzung von Rosemarie Tietze, leider ein trockener Roman mit vielen Längen und relativ wenig Handlung. Die Gefühlswahrnehmungen des nicht eben sympathischen Protagonisten waren mir persönlich zu arg ausgeschlachtet und erinnerte mich zunehmend an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.
Trotzdem muss man sagen, dass Juri Felsen ein begnadeter Beobachter war, so detailliert wie dieses Buch geschrieben ist, schafft es kaum ein anderer Autor, geschweige denn auf diese psychologische, tiefgründige Art.

Diese seitenlangen psychologischen Beobachtungen werden im Nachwort von Dana Vowinckel mit Proust verglichen. Dazu kann ich leider nichts sagen, da mir Proust noch bevorsteht, aber meine Einschätzung, dass mir der ausschweifende Stil voller Zweifel leider nicht gefallen hat, kann ich offenbaren.

Dennoch bin ich froh, dieses Buch entdeckt zu haben. Ansonsten wäre mir der Autor und dessen tragisches Schicksal verborgen geblieben.

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Veröffentlicht am 10.01.2025

«Sie können stolz auf sich sein, dass Sie sich aufgerafft haben. Keine Angst: Sie schaffen das.«

Zauberberg 2
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«Sie können stolz auf sich sein, dass Sie sich aufgerafft haben. Keine Angst: Sie schaffen das.«

Puh, ja, tatsächlich – ich hab’s geschafft.
Aber erstmal von vorne!

Der 36 jährige Unternehmer Jonas ...

«Sie können stolz auf sich sein, dass Sie sich aufgerafft haben. Keine Angst: Sie schaffen das.«

Puh, ja, tatsächlich – ich hab’s geschafft.
Aber erstmal von vorne!

Der 36 jährige Unternehmer Jonas Heidbrink begibt sich, da es ihm nicht gut geht, in eine Klinik in Mecklenburg-Vorpommern und bleibt dort länger als erwartet, bis er schließlich alle anderen Patienten überdauert.
Dabei ist sein dortiger Alltag ziemlich langweilig und trist. Von einem Essen geht es zum nächstem Therapieprogramm, von denen es haufenweise gibt, z.B. Gruppen-, Foto-, Kunst-, Musik-, Biblio-, Theater- oder Bewegungstherapie. All diese aufgezählten Aktivitäten stellen die Haupthandlung, zumindest der ersten Hälfte des Romans, dar. Mit Ausnahme der Beschreibung einzelner merkwürdiger Eigenheiten anderer Patienten passiert sonst nicht viel.
Dabei ist zu bemerken, dass nicht nur der Protagonist Jonas Heidbrink, sondern auch Heinz Strunk selbst ein guter Beobachter ist, wie es sich an den Szenen erkennen lässt.
Dennoch konnte mich das Buch so gar nicht überzeugen.

Es war mein erstes Buch von Heinz Strunk und was soll ich anderes sagen? Wahrscheinlich auch mein letztes. Schade, schließlich hatte ich mir von diesem Buch, wenn es sich schon provokativ „Zauberberg 2“ nennt und sich somit neben Manns „Der Zauberberg“ stellt, einiges erwartet!
Was mich jedoch am meisten schockiert hat, waren einige sexistische, machomäßige vulgäre Äußerungen – von Bodyshaming gar nicht zu sprechen!
Zwar lassen sich vereinzelte Parallen zum Zauberberg, bspw. das „Schnee“-Kapitel, erkennen, doch sind diese sehr erzwungen. So leid es mir tut, wenn das eine Hommage sein soll, weiß ich auch nicht mehr.
Aus scheinbar belanglosen Nichtigkeiten Literatur entstehen zu lassen, muss man können – Thomas Mann ist es mit dem Zauberberg, der noch über hundert Jahre später gelesen wird, gelungen und Strunk ist daran gescheitert, sofern er es überhaupt wirklich versucht hat.

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Veröffentlicht am 08.01.2025

»Natürlich kann, soll, darf man alles erfinden, denn die Kunst muss alles dürfen.«

Sorgt, dass sie nicht zu zeitig mich erwecken
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»Natürlich kann, soll, darf man alles erfinden, denn die Kunst muss alles dürfen.«

Trotz der Tatsache, dass ich mit Kehlmanns Romanen – ich wünsche mir selbst, es wäre anders – überhaupt nichts anfangen ...

»Natürlich kann, soll, darf man alles erfinden, denn die Kunst muss alles dürfen.«

Trotz der Tatsache, dass ich mit Kehlmanns Romanen – ich wünsche mir selbst, es wäre anders – überhaupt nichts anfangen kann, lese ich seine Essays und Reden gerne und bin froh diese, als ich vor drei Jahren seine sämtlichen bis dato veröffentlichten Werke las, entdeckt zu haben.
Insgesamt 27 mehr oder weniger neue und aktuelle Texte Kehlmanns versammeln sich in diesem Buch.
Leicht, locker, bereichernd und manchmal zum eigenen Nachdenken anregend sowie durchaus süffisant lassen sich diese Texte lesen, wenn sie auch manchmal zu theoretisch ausfallen. Eins steht jedoch fest – an Kehlmann ist ein großartiger Literaturwissenschaftler verloren gegangen!

Kehlmanns Reden und Essays bringen allemal neue Erkenntnisse. So wusste ich nicht, dass Heimito von Doderer einst Mitglied der NSDAP und überzeugter Antisemit war.
Fängt Kehlmann an bspw. über Kafkas Zeichnungen oder bestimmte literarische Werke zu sinnieren, hört man seine Gedanken sprechen, weil er seine Leidenschaft zur Literatur offenbart und diese mitunter ansteckend ist!
Seine akribischen Abhandlungen über verschiedene Schriftsteller, darunter Franz Werfel, Ernst Lothar, Hölderlin, etc. bereiten einfach nur Freude.
Doch auch das Zeitgeschehen wird beachtet. Parallelen wie Kehlmann sie zu Beginn des ersten Amtsantritts Donald Trumps bezüglich George Orwells „1984“ zieht, sind treffend! Ganz zu schweigen von seinen präzisen Einschätzungen hinsichtlich in Zukunft drohender Gefahren der Künstlichen Intelligenz oder Grenzen des Romans.

Kehlmann ist ein haargenauer Beobachter, der detailliert und differenziert schreibt und sich nicht davor scheut zu kritisieren, selbst wenn es sich um von ihm angesehene Autoren handelt.
Ausschließlich seine Beiträge über verschiedene Filme haben mich weniger interessiert und ich empfand diese als etwas langatmig.

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Veröffentlicht am 08.01.2025

»Ich will nicht der Grund dafür sein, dass ein anderer sein Lebtag lang denkt: Was wäre gewesen, wenn ... Ich will es nicht.«

Teufels Bruder
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»Ich will nicht der Grund dafür sein, dass ein anderer sein Lebtag lang denkt: Was wäre gewesen, wenn ... Ich will es nicht.«

Heinrich Mann ist auf dem Weg seinen Traum zu verwirklichen, er möchte Schriftsteller ...

»Ich will nicht der Grund dafür sein, dass ein anderer sein Lebtag lang denkt: Was wäre gewesen, wenn ... Ich will es nicht.«

Heinrich Mann ist auf dem Weg seinen Traum zu verwirklichen, er möchte Schriftsteller werden. Dagegen weiß sein jüngerer Bruder Thomas noch nicht recht, wohin sein Leben ihn führen wird. Soll er eine bürgerliche Ehe mit Ilse Martens eingehen? Und wird er sich ebenfalls als Schriftsteller durchsetzen können?
Der frühe Tod des Vaters verbindet die Brüder miteinander und doch trennen grundlegend verschiedene Erwartungen ihre Lebensweisen.
Als sie 1896 gemeinsam für längere Zeit nach Italien aufbrechen, ergeben sich unerwartete Unsicherheiten und Herausforderungen sowie positive Veränderungen voller Sehnsüchte und Wünsche.
Auf dieser Reise verliebt sich Heinrich und Thomas begegnet in Venedig einem traurig wirkenden Jüngling. Er ist fasziniert von ihm und als sich deren Wege wiederholt kreuzen, möchte er seinem Geheimnis auf die Schliche kommen und ihm gar eine Novelle widmen. Doch das, was Thomas Mann in Italien dann passierte, konnte er nicht erahnen und wird sich, weil es so prägend für ihn war, scheinbar in seinem späteren Werk wiederfinden.

Eine wirklich spannende Fiktion! Zu gerne würde ich wissen, was sich damals in Italien wirklich zugetragen hat oder ob es überhaupt so ein prägendes Erlebnis gab. Dabei verfolgt dieser Roman eine ähnliche Spur eines traumatisches Erlebnis Thomas Manns wie Michael Maars „Das Blaubartzimmer“.

Matthias Lohre ist ein großartiger Erzähler, der nicht nur die Lesenden innerhalb weniger Sätze für sich einnehmen kann, sondern nicht weniger geschickt Leben und Werk der Brüder miteinander verwebt, insbesondere die Bezüge zu einigen der früheren Erzählungen Thomas Manns. Dabei erwischt man sich fast dabei, diesen Roman als eine lebendige Biografie der beiden Brüder wahrzunehmen, anstelle der Fiktion, die sie darstellt.

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Veröffentlicht am 08.01.2025

»Jetzt dürfen Sie aber nicht auch noch mit den Verschwörungstheorien anfangen.«

Für immer
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Nach dem Klimaquartett entspinnt Maja Lundes neuester Roman ein fiktives Gedankenexperiment. Was wäre, wenn auf einmal keine Menschen mehr sterben und es ebenfalls keine Geburten mehr gibt, weil die menschliche ...

Nach dem Klimaquartett entspinnt Maja Lundes neuester Roman ein fiktives Gedankenexperiment. Was wäre, wenn auf einmal keine Menschen mehr sterben und es ebenfalls keine Geburten mehr gibt, weil die menschliche Zellteilung ausbleibt? Währenddessen bleibt die Natur davon unbeachtet.
Dabei katapultiert einen bereits der fesselnde Romananfang mitten ins Geschehen.
Um dieses Szenario anschaulich zu gestalten, begegnen wir verschiedenen Figuren und Familien, die sich an unterschiedlichen Abschnitten ihres Leben befinden und Hoffnungen sowie Wünsche haben. Darunter Menschen, die ein Kind erwarten, die wissen, dass sie nicht mehr lange leben werden und andere, die täglich mit Tod konfrontiert werden. Nicht zuletzt eine Fotografin, welche diesen nicht greifbaren Stillstand einfangen möchte.
Andere wiederum sehen mögliche Erklärungen der merkwürdigen Umständen als Lügen an und verbreiten, auf der Suche nach der wirklichen Wahrheit, Verschwörungstheorien. So bringt dieser Zeitgewinn einige unerwartete Veränderungen mit sich.
Trotz der vielen Perspektiven sind diese keineswegs überfordernd, sondern gut verständlich, vielschichtig und gelungen.

Der Roman ist eine Liebeserklärung an das Leben und zeigt sogleich, wie wertvoll dieses ist und wie schnell es vorbei sein kann. Die geschilderten teils emotionalen Schicksale sind als Plädoyer anzusehen, die jeweilige Zeit zu nutzen und wichtige Veränderungen anzugehen, anstelle zu bereuen, etwas nicht getan zu haben.

Andererseits habe ich nicht ganz verstanden habe, warum der menschliche Kreislauf unterbrochen wird, wie es begann und endete. Aber wahrscheinlich bleibt es schlichtweg unerklärlich.

Trotz dieses Kritikpunkts, habe ich den Roman regelrecht inhaliert und sehr geliebt! Maja Lunde hat mich auch mit diesem Buch (wieder mal) überzeugt.

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