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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.06.2025

Gut an einem Nachmittag in einem Zug zu lesen

In einem Zug
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In einem Zug hat mich von der ersten Seite an abgeholt – im wahrsten Sinne des Wortes. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte einer zufälligen Begegnung zwischen einem erfolgreichen, aber ausgebrannten ...

In einem Zug hat mich von der ersten Seite an abgeholt – im wahrsten Sinne des Wortes. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte einer zufälligen Begegnung zwischen einem erfolgreichen, aber ausgebrannten Autor und einer Therapeutin während einer Zugfahrt von Wien nach München. Was auf den ersten Blick wie ein Kammerspiel anmutet, entpuppt sich schnell als fein komponierter Dialogroman über Kreativität, Lebensfragen und emotionale Nähe.

Besonders gefallen hat mir die episodenhafte Struktur des Buches. Jedes Kapitel ist nach einem Bahnhof entlang der Strecke benannt, was dem Roman nicht nur ein klares Gerüst gibt, sondern auch das Gefühl vermittelt, man reise mit – nicht nur geografisch, sondern auch emotional. Die Zugfahrt wird so zur Metapher für einen inneren Prozess der Veränderung.

Glattauers Markenzeichen – pointierte, lebendige Dialoge – kommen hier besonders zur Geltung. Die Gespräche wirken authentisch, sind manchmal witzig, oft berührend und regen zum Nachdenken an. Ich habe mich dabei immer wieder selbst gefragt, wie ich wohl auf bestimmte Aussagen oder Situationen reagiert hätte.

Auch wenn das Ende für meinen Geschmack etwas konstruiert wirkt, tut das dem Gesamtbild keinen Abbruch. In einem Zug ist ein kluges, charmantes und dialogstarkes Buch, das man gut an einem Nachmittag in einem Zug lesen kann. Ein kurzweiliges Lesevergnügen mit Tiefe.

Veröffentlicht am 01.05.2025

Philosophischer Tiefgang und märchenhafte Stimmung

Der geheime Wert der Zeit
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Friedrich Karmann ist Uhrensammler und wohlhabend. Also macht er sich auf den Weg, um die älteste Uhr des Schwarzwalds zu finden. Doch so einfach, wie er es sich vorgestellt hat, ist es nicht – die Uhr ...

Friedrich Karmann ist Uhrensammler und wohlhabend. Also macht er sich auf den Weg, um die älteste Uhr des Schwarzwalds zu finden. Doch so einfach, wie er es sich vorgestellt hat, ist es nicht – die Uhr ist nicht verkäuflich. Statt Geld zu verlangen, stellt ihm ihr Besitzer, ein sturer alter Bauer, drei Aufgaben. Diese zwingen Karmann dazu, über sein bisheriges Leben und seine Prioritäten nachzudenken.
Thomas Erle verwebt in seinem Roman "Der geheime Wert der Zeit" philosophische Themen mit einem märchenhaften Erzählstil. Die Geschichte erinnert an klassische Entwicklungsromane, in denen die Hauptfigur durch äußere Herausforderungen innere Wandlung erfährt.
Erle beschreibt die Landschaft auf mystische Weise und hüllt die Geschichte in einen erzählerischen Nebel, der eine geheimnisvolle Atmosphäre schafft. Eine perfekte Kulisse für einen ruhigen, poetischen Roman, die gleichzeitig dazu einlädt, über die eigenen Werte, den Umgang mit Zeit und den Sinn des Lebens nachzudenken.
Wer gerne Geschichten mit philosophischem Tiefgang und märchenhafter Stimmung liest, wird an diesem Buch viel Freude haben

Veröffentlicht am 01.05.2025

Still und tiefgründig

Das kleine Café der zweiten Chancen
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Himari besucht ein Internat in England, wo sie zur Pianistin ausgebildet werden soll. Nach einem Unfall, bei dem sie sich schwer an der Hand verletzt, kehrt sie nach Japan zurück und besucht dort wieder ...

Himari besucht ein Internat in England, wo sie zur Pianistin ausgebildet werden soll. Nach einem Unfall, bei dem sie sich schwer an der Hand verletzt, kehrt sie nach Japan zurück und besucht dort wieder eine normale Schule. Vor ihrem ersten Schultag ist sie voller Gedanken und Zweifel. Auf dem Schulweg trifft sie auf Sugiura-san, eine ältere Dame, die ihr von einem besonderen Café im Moerenuma-Park erzählt. Dort, so sagt man, ermöglicht die Barista Frau Hayari ihren Gästen eine kurze Reise in die Vergangenheit – während sie ihren Kaffee zubereitet Neugierig und innerlich aufgewühlt macht Himari sich auf den Weg dorthin.

Shiori Ota hat mit Das kleine Café der zweiten Chancen einen wunderbar ruhigen, nachdenklichen Roman geschrieben. Sanft und einfühlsam begleitet sie Himari auf ihrer Suche nach einem neuen Platz im Leben. Diese Suche ist geprägt von Begegnungen, Trauer, Hoffnung und der vorsichtigen Rückkehr zu eigenen Träumen.

Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet, besonders Himari. Sie ist ein sensibles Mädchen, das zwischen den Erwartungen ihrer Mutter und ihren eigenen Wünschen hin- und hergerissen ist. Sie findet in Frau Hyari und ihrem Café sowas wie eine zweite Heimat.

Das kleine Café der zweiten Chancen ist eine stille, tiefgründige Erzählung, die Raum für Nachdenklichkeit lässt – und für die Hoffnung, dass es nie zu spät ist, noch einmal neu anzufangen. Klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 16.04.2025

Ein stilles Lesevergnügen

Die dritte Hälfte
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„Die dritte Hälfte“ von Sabine Peters ist ein stilles, kluges Buch über das Leben – über das Altern, das Erinnern und das Suchen nach Sinn. Im Mittelpunkt steht Hermann Dik, von allen nur Doc genannt. ...

„Die dritte Hälfte“ von Sabine Peters ist ein stilles, kluges Buch über das Leben – über das Altern, das Erinnern und das Suchen nach Sinn. Im Mittelpunkt steht Hermann Dik, von allen nur Doc genannt. Arzt mit eigener Praxis, jemand, der den Ablauf kennt: Patient folgt auf Patient und danach kommen Hausbesuche. Was bleibt, ist oft wenig – und doch eine Menge.

Abends sitzt Doc meist allein in seiner Wohnung. Seine Frau ist verstorben, ihre Abwesenheit spürt man auf jeder Seite. Seine Schwester versucht ihn mit Einladungen zum Familienfest in Bewegung zu halten. Ein Studienfreund, Brummer, ist geblieben – die Gespräche mit ihm sind ruhig, fast beiläufig, aber voller Tiefe: über das Älterwerden, die Müdigkeit, das, was war, und das, was vielleicht noch kommt.

Sabine Peters erzählt in einer klaren, zurückhaltenden Sprache von vier Generationen. Von den kleinen Unterschieden im Blick auf das Leben – und von den Reibungen, wenn diese aufeinandertreffen. Sie gibt Raum für Beobachtungen, für Gedanken, für leise Zwischenklänge. Es gibt keine großen Gesten, keine dramatischen Wendungen. Und genau das macht den Reiz dieses Romans aus.

Besonders Doc ist eine Figur, die lange nachhallt. Er steht im Zentrum, und doch bleibt er oft randständig in seinem eigenen Leben. Nur in kleinen Momenten – im Gespräch, im blauen Notizheft, das wie ein Echo durch das Buch klingt – blitzt etwas von seinem Inneren auf.

„Die dritte Hälfte“ ist kein Buch, das laut um Aufmerksamkeit bittet. Es geht seinen eigenen Weg – ruhig, behutsam und mit einem genauen Blick für das, was zwischen den Menschen passiert. Für mich war es ein stilles Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 16.04.2025

Ein ungewöhnliches Buch, das nachwirkt

Heim schwimmen
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Deborah Levy erzählt in Heim schwimmen die Geschichte eines Sommers, der für eine kleine Gruppe britischer Urlauber in Südfrankreich nicht ganz so harmlos verläuft, wie es zunächst scheint. Die Idylle ...

Deborah Levy erzählt in Heim schwimmen die Geschichte eines Sommers, der für eine kleine Gruppe britischer Urlauber in Südfrankreich nicht ganz so harmlos verläuft, wie es zunächst scheint. Die Idylle des Ferienhauses, die Routine aus Essen, Trinken und Pool wird jäh gestört, als eine Fremde auftaucht. Kitty Finch hat angeblich ein Gedicht dabei, das sie dem berühmten Dichter Joe Jacobs zeigen möchte, der ebenfalls unter den Gästen ist. Doch schnell wird klar: Kitty bringt nicht nur ein Gedicht mit, sondern auch eine Unruhe, die sich bald auf alle überträgt.

Heim schwimmen ist kein Roman, der alles auserzählt. Levy deutet an, spielt mit Perspektiven, lässt Leerstellen, die gerade dadurch spannend werden. Die Sprache ist elegant, dabei fast schwebend, und wirkt manchmal traumartig entrückt, dann wieder glasklar und direkt. Es gibt keine übermäßigen Erklärungen, stattdessen viel zwischen den Zeilen – und genau das macht den Reiz aus.

Die Stimmung im Buch ist oft gespannt – mal wirkt alles wie in einem merkwürdigen Traum, dann wieder ganz klar und beinahe schmerzhaft real. Die Figuren bewegen sich umeinander, halten Abstand, kommen sich näher, ohne sich wirklich zu erreichen. Jede von ihnen trägt etwas mit sich herum: Zweifel, Verluste, unerfüllte Wünsche. Und Kitty Finch ist wie ein Auslöser – durch sie kommt vieles ans Licht, das vorher verdrängt wurde.

Heim schwimmen ist ein ungewöhnliches Buch, das nachwirkt - still, klug, verstörend. Und vielleicht gerade deshalb: großartig.