Profilbild von marcello

marcello

Lesejury Star
offline

marcello ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit marcello über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.12.2024

Viele richtige Zutaten, aber eine Sarah

Last Seen
0

Nach dem riesigen Erfolg, den Lucy Clarke die letzten zwei Jahre in Deutschland hatte, werden ältere Werke von ihr im Eiltempo übersetzt und veröffentlicht oder hier wie bei „Last Seen“ noch einmal neu ...

Nach dem riesigen Erfolg, den Lucy Clarke die letzten zwei Jahre in Deutschland hatte, werden ältere Werke von ihr im Eiltempo übersetzt und veröffentlicht oder hier wie bei „Last Seen“ noch einmal neu aufgelegt. Da ich bislang noch von keinem Buch von Clarke enttäuscht worden bin, entdecke ich jetzt auch gerne ihre früheren Geschichten.

Da ich inzwischen schon bei fünf Büchern von ihr bin, ist es doch einfach zu sagen, dass man Clarke als Autorin immer gut erkennen kann. Es geht immer irgendwie in die Natur hinein und das in dem Sinne, dass es nicht darum geht, Figuren auf engstem Raum einzupferchen und alles explodieren zu lassen, sondern dass sie den Gewalten der Natur auf eine Art und Weise begegnen müssen. Hier gibt es im Vergleich nur überraschend wenig Perspektiven, indem wir Sarah und Isla haben, aber letztlich hat das auch gereicht, wenn man die Handlung rekapituliert. Während Sarah vor allem für die Gegenwart zuständig ist, ist Isla diejenige, mit der wir die Vergangenheit ergründen. Bei ihr war es anfangs etwas irritierend, dass es zunächst scheinbar einen Kommentar von Sarah gab, ehe sie dann in die Vergangenheit abgetaucht ist. Das erklärt sich letztlich als logisch hinaus, ist vielleicht aber auch etwas zu offensichtlich gewählt worden? Ich finde in jedem Fall, dass Clarke inzwischen etwas cleverer schreibt. Dennoch würde ich die Gestaltung von Islas Perspektive jetzt nicht als Fauxpas beschreiben, weil es genug weitere Ebenen gab, um den Verlauf spannend und mysteriös zu halten.

Bislang war es in Clarkes Büchern durch die verschiedenen Perspektiven immer so, dass ich mich einigen Figuren näher fühlte als anderen. Hier ist schon auffällig, dass Sarah in allem etwas dominanter ist, nur leider ist sie auch die unsympathischere von beiden. Dementsprechend schwer war es oft, alles durch ihre Linse zu sehen, weil es mir doch schwer fiel, Empathie für sie aufzubringen. Ich finde zwar absolut, dass sie in sich sehr konsequent gestaltet worden ist und die Puzzlestücke sich dementsprechend sinnig zusammenfügen lassen, aber es wird zwischendurch auch ganz schön emotional und Sarah stellte da die Barriere da, es auch wirklich alles fühlen zu können. Mein Eindruck war letztlich, dass Sarah ohne Frage ein Trauma erlitten hat, was aber in der Folge dazu geführt hat, dass sie ihre eigenen Fehler immer anderen anlastet und so war sie eigentlich für alle um sich herum eine sehr toxische Persönlichkeit. Man hat nämlich angesichts der ganzen Figuren, die Sarah mit ihren Entscheidungen beeinflusst hat, gemerkt, dass sie für diese keine eigene Empathie aufbringen konnte.

Das bedeutet umgekehrt nicht, dass Isla die Sauberfrau ist Sie macht auch Fehler und wirkt sich mit ihren Handlungen auf andere aus, aber es wurde doch auch immer deutlich, dass für sie ein Gemeinschaftsgedanken immer über dem eigenen Ansinnen stand. Deswegen war sie nicht perfekt, aber es war deutlich leichter, sich in sie hineinzuversetzen. Wenn ich jetzt von den Figuren einmal abkehre, dann hat der Handlungsverlauf durch den vermissten Jacob gleich am Anfang einen Sog. Zudem wird in angemessenen Abständen immer wieder mit mysteriösen Andeutungen gearbeitet. Dann gibt es vereinzelt Antworten, ehe wieder neue Fragen aufgeworfen werden. Das sorgt dafür, dass man „Last Seen“ wirklich zügig lesen kann. Es gibt am Ende auch viele Enthüllungen, manche überraschender als andere. Gerade bei so Büchern ist immer die Gefahr, wie viel ist noch realistisch und ab wann ist es nur noch übertrieben? Clarke ist für mich haarscharf an der Linie entlang geschrammt, indem sie dann noch eine weitere Figure entscheidend einbindet.

Fazit: „Last Seen“ mag eines der früheren Werke von Lucy Clarke sein, aber es zeigt sich, dass sie ihre Stilistik schon lange ausarbeitet. Es ist also an Spannung und Figurenzeichnungen viel wiederzuerkennen, was ich als Leserin zu schätzen weiß. Einzige Stolperfalle war hier eigentlich Hauptfigur Sarah, die sehr dominant ist, die ich als Figur aber nicht packen konnte, so dass sie eine gewisse Bremse zur Emotionalität der Handlung darstellte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.12.2024

Nahezu ideale Mischung aus Juristik und Liebesgeschichte

In Case We Dare
0

Als „Suits“-Fan habe ich natürlich die NA-Reihe von Tess Tjagvad sofort auf dem Schirm gehabt. Der erste Band, „In Case We Trust“, war da ein guter erster Eindruck, der aber noch angemessen Luft nach oben ...

Als „Suits“-Fan habe ich natürlich die NA-Reihe von Tess Tjagvad sofort auf dem Schirm gehabt. Der erste Band, „In Case We Trust“, war da ein guter erster Eindruck, der aber noch angemessen Luft nach oben gelassen hat. Gut, dass ich mir die Luft nach oben auch gelassen habe, denn der zweite Band hat sich sichtlich gesteigert.

Für mich das Hauptargument für den verbesserten Eindruck machte der juristische Anteil aus. Während es im ersten Band noch mehr um den allgemeinen Alltag in einer Kanzlei ging und wie Fälle gewälzt werden, ging es hier in „In Case We Dare“ richtig in die Vollen. Es gibt eine Mordermittlung, die wir bis zum Ende begleiten und dementsprechend gab es auch einige Szenen vor Gericht. Ich fand hier die Ausgestaltung sehr spannend, weil ich natürlich auch mitgerätselt habe, was wohl genau in dem Fall vorgefallen ist, aber es war auch anschaulich, die verschiedenen Seiten, Ermittlungen, Befragungen, Prozesstage so miteinander verwoben zu sehen. Ob das jetzt juristisch gesehen, wirklich alles hieb- und stichfest ist, das ist für mich gar nicht so entscheidend, denn man hat einen roten Faden, mit ansprechenden Wendungen bemerkt und ich wurde mitgerissen, das ist wichtig.

Laurel kannten wir schon ausgiebig aus dem ersten Band, dementsprechend war der interessantere Aspekt, nun Aaron richtig kennenzulernen. Er hat sich auch echt als sehr warmherziger Kerl erwiesen. Auch wenn er nach außen sich manchmal etwas arrogant geben mag (was aber glaube ich auch der Branche geschuldet ist), so braucht man nur eine Minute in seinem Kopf und schon war klar, dass er ein Herz aus Gold hat. Ich fand auch seine ganze Ausgestaltung sehr ansprechend. Mit dem privaten Umfeld, seine Art, wie er seinen Job auslebt und wie er aber gleichzeitig doch immer ein warmes Auge auf die Menschen um sich herum hat. Ich empfand ihn schon als das Highlight des Bandes. Lauren war deutlich komplexer. Das finde ich eigentlich auch immer realistisch, aber es gibt natürlich so menschliche Seiten, mit denen man sich trotz allem Verständnis einfach etwas schwer tut. Das war hier bei Laurel eindeutig ergeben. Ihre Geschichte erklärt natürlich vieles, aber es gab dennoch so Szenen, wenn Aaron ihr dann mal etwas klar auf den Kopf zugesagt hat, dass sie richtig aufgewacht ist, weil sie so in einer Denkweise feststeckt, dass sie sonst kaum was sieht. Dementsprechend ist sie einfach etwas launischer gestaltet, aber umgekehrt dann das Lob, dass Tjagvad das auch konsequent durchgezogen hat.

Wenn ich die beiden Figuren nun zusammenziehe, dann war in jedem Fall ein Prickeln da. Ich denke auch, dass Laurels auf der einen Seite sehr selbstbewusste Art entscheidend dazu beigetragen hat, denn sie hat vieles auch forciert und da kam sofort immer Chemie rüber. Aaron war umgekehrt mehr für die intimen und süßen Momente zuständig und das hat sich für mich gut ausgeglichen. Auch wenn die beiden also keine rosarote Liebesgeschichte haben, so war es dennoch unterm Strich das Gefühl, dass sie jeweils einander gut tun. Wenn ich dann nochmal auf die anderen Figuren blicke, dann ist Lucie als so wichtiger Mensch in Laurels Leben etwas kurz gekommen. Da hätte ich mir etwas mehr gewünscht. Umgekehrt fand ich es aber sehr cool, dass die Anfängergruppe auch weiterhin in Szenen zusammengebracht wurde. Sei es bei der offiziellen Veranstaltung oder beim privaten Feiern, das passte. Es war aber echt super, als Laurel Hilfe sucht und das aus vielfältiger Richtung bekommt. Lob da auch speziell nochmal an Ira. So fern ab von seiner Perspektive wurde auch nochmal deutlich, dass er ein toller Bookboyfriend ist. Dazu wurde auch viel für den finalen Band getan. Da bin ich jetzt auch schon sehr gespannt drauf.

Fazit: „In Case We Dare“ hat mir deutlich bewiesen, dass sich die Verknüpfung von Jura und Liebesgeschichte auf jeden Fall mitreißend gestalten lässt. Zwar war auch der erste Band schon gut zu lesen, aber das hier ist nahezu das ideale Beispiel dafür, was ich mir vorher vom Konzept her nur hätte erahnen können. Also großes Lob an Tess Tjagvad, die hier Liebesgeschichte und Mordfall gut aufgeteilt und gleichzeitig auch miteinander ausgestaltet bekommen hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.12.2024

Mit Ausrufezeichen-Ende

Like Fire in the Night
0

Von Jennifer Wiley hatte ich bislang noch nichts gelesen, aber schon einige positive Stimmen gehört, weswegen ich bei der neuen Reihe nun dachte, dass es doch die ideale Gelegenheit sei, um mal einzusteigen ...

Von Jennifer Wiley hatte ich bislang noch nichts gelesen, aber schon einige positive Stimmen gehört, weswegen ich bei der neuen Reihe nun dachte, dass es doch die ideale Gelegenheit sei, um mal einzusteigen und sie als Autorin kennenzulernen.

Rockstar-Romance als Genre ist jetzt schon länger nicht mehr das, was für mich als Verkaufsargument zieht, aber es hat mich umgekehrt auch nicht abgehalten und das wohl auch zurecht, denn ob Ivy nun wirklich ein Rockstar ist? Aber klar, es impliziert etwas und es ging in jedem Fall um Musik und das damit zusammenhängende Showbiz, so dass gewisse Bereiche auf jeden Fall enthalten waren. Aber ich sehe es positiv, dass es sehr zurückgeschraubt war und Ivy musikalisch auch noch an ihren Anfängen ist, so dass es doch alles etwas intimer ablaufen konnte. Gleichzeitig konnten die Vor- und Nachteile des Showbiz dennoch angemessen eingebunden werden. Ich habe „Like Fire in The Night“ als Hörbuch gehabt und Mala Sommer und Tobias Zorn haben mich gut durch die Geschichte geleitet. Ich kannte beide Stimmen noch nicht, aber sie können gerne öfters bei für mich interessanten Hörbüchern auftauchen. Sie sind jeweils schnell für mich zu Ivy und Milo geworden.

Die Geschichte wird auch aus der Perspektive von beiden erzählt. Was ich dabei überraschend fand, dass Milos Perspektive dominanter war. Normalerweise erlebt man das eher andersherum. Hier hat es sicherlich auch angeboten, weil Milo für uns mit seiner Geschichte ein offenes Buch war, während Ivys Geschichte und warum manche Songtexte sind wie sie sind, dann das Geheimnis darstellten, was länger bewahrt werden sollte. Von daher kann ich die Entscheidung also verstehen und ich fand es hier auch nicht unangenehm, zumal ich von Ivy genauso einen befriedigenden Gesamteindruck gewonnen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob die jeweiligen Perspektiven immer so clever gesetzt waren. An einer Stelle ist mir das aufgefallen, als Ivy letztlich ihre Vergangenheit enthüllt. In Buchform fällt das vermutlich gar nicht so auf, aber im Hörbuch wurde es durch Zorns Stimme, durch Milos Perspektive aufgegriffen und ich hätte es besser gefunden, wenn ich dafür Sommers Stimme als Ivy im Ohr gehabt hätte. Denn es ist ihre Geschichte und das hätte durch inneren Monolog noch einfühlsam aufgegriffen werden können. Das sind dann so Kleinigkeiten, an denen ich gemerkt habe, dass es noch besser hätte sein können.

Insgesamt hat mir das Buch aber gut gefallen. Insgesamt entsteht die Liebesgeschichte schon sehr schnell, was natürlich auch dem allgemeinen Inhalt geschuldet ist, weil alles im Rahmen der intimen Clubtour und des Presseartikels stattfinden musste. Mir war das für den Zeitraum schon zu schnell, aber weil die Chemie zwischen den Figuren stimmte, war es kein gravierender Nachteil, weil es nicht erzwungen, sondern nur überhastet wirkte. Was mir aber richtig gut gefallen hat, das war das Ende. Zunächst hat sich Milo aus der moralisch bedrohlichen Situation in meinen Augen wirklich sehr ritterlich rausgelöst. Umgekehrt ist dann die Sorge von Ivy wegen ihrer Vergangenheit genau ideal angegangen worden. Das waren dann auch genau die Momente, in denen das Wirtschaftsdenken des Showbiz überdeutlich war, weswegen Wileys Entscheidungen mir auch so gut gefallen haben. Es war den Regeln unterworfen, aber dennoch individuell. Das hat mir insgesamt also gezeigt, dass ich mit der Autorin in Ideen sehr überein bin, weswegen ich sie in jedem Fall nun auf dem Schirm behalten werden.

Fazit: „Like Fire in the Night” war für mich die erste Begegnung mit Jennifer Wiley und unterm Strich war das gelungen. Auch wenn es in der Perspektivenwahl noch clevere Entscheidungen gegeben hätte und auch wenn die Liebesgeschichte ein durchgedrücktes Gaspedal hatte, aber ich mochte die Geschichte beider Figuren, ich mochte ihr Miteinander und das Ende war ein echtes Ausrufezeichen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.11.2024

Inhaltsschwach

Powerless
0

Elsie Silver und ich, das ist eine gewisse Hassliebe, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf Liebe liegt. Aber sie schreibt in meinen Augen im tollen ländlichen Setting tolle Figuren, in auch oft sehr tiefgehenden ...

Elsie Silver und ich, das ist eine gewisse Hassliebe, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf Liebe liegt. Aber sie schreibt in meinen Augen im tollen ländlichen Setting tolle Figuren, in auch oft sehr tiefgehenden Geschichten, aber die Art und Weise der erotischen Szenen ist einfach nicht meins. Aber durch die Reihenidee bin ich auch an die Figuren gebunden und kann einfach nicht aufhören…

Auf „Powerless“ war ich tatsächlich bislang auch am meisten gespannt, denn Sloane und Jasper sind uns jetzt in den anderen beiden Bänden immer wieder begegnet und diese Liebesgeschichten, die schon ewig andauern, ohne dass es sich beide aber eingestehen konnten, die haben mich immer am Haken. Dementsprechend wollte ich gerne beim Happy End dabei sein. Leider finde ich aber, dass ihre gemeinsame Geschichte relativ inhaltsleer ist. Das trifft es natürlich nicht ideal, weil klar passiert etwas in den 300 Seiten. Aber da ich auch die beiden Bände davor im Hinterkopf habe, wird dann sehr augenscheinlich, wie wenig eigentlich passiert. Nun kann man natürlich argumentieren, dass eine Sache zwischen Sloane und Jasper klar ist: dass sie sich kennen. Und dennoch wurde eigentlich ersichtlich, dass es auch jeweils Seiten von sich gibt, die sie verborgen haben. Und auch ansonsten finde ich, dass es mehr klare Handlungsschritte gebraucht hätte. So haben wir die geplatzte Hochzeit, wir haben ein tragisches Ereignis, das lange wie ein Schleier über allem hängt und dann haben wir einen Ausflug, um eine Portion Heu abzuliefern und fertig. Das ist schon wenig.

Ich fand es angesichts meiner Vorfreude auf den Band einfach etwas schade, dass Silver für Sloane und Jasper nicht mehr eingefallen ist. Sein Eishockeyspiel nimmt immerhin etwas Raum ein, Sloanes Tanzen gar nicht. Die beiden Figuren sind dafür sehr viel zusammen, aber dafür war das erste Viertel auch echt langweilig. Denn es war sicher angemessen, dass beide sich nicht sofort aufeinander eingelassen haben, aber dadurch zig es sich etwas, weil eben nicht so viel passierte. Dazu ist auch wieder das Ungleichgewicht im Stil von Silver zu bemerken. So haben wir weit mehr als die Hälfte des Buchs, die ohne erotische Szenen auskommt und dann ist ein Funke entzündet und dann ist klar, was jetzt erstmal seitenweise passieren wird. Hier fand ich es auch speziell dann enttäuschend, dass Jaspers Kontrollsucht so einseitig dargestellt wurde. Gerade weil Sloanes Geschichte auch auf Selbstbemächtigung gegenüber ihrem Vater und ihrem Verlobten und damit letztlich auch im Allgemeinen beruhte, wäre es doch viel passender gewesen, irgendwann ein Gegengewicht zu erzeugen. Damit Jasper eben auch lernt, dass es nicht nur um Kontrolle geht, egal wie sein vergangenes Trauma aussieht.

Vielleicht hätte es sich auch angeboten, noch etwas mehr in Jaspers Vergangenheit einzutauchen. Aus dieser wird zwar positiv gesehen kein großes Geheimnis unsern Lesern gegenüber gemacht, aber da es angeblich nur Sloane weiß, wirkt es angesichts der ganzen Familiendynamik und aufgenommener Sohn einfach etwas schade. Vielleicht hätte man es zum Thema für alle machen können, indem Gespenster der Vergangenheit aufgetaucht wären. Weiterhin hat man durch die Fokussierung auf die beiden als Paar auch gemerkt, dass das Familiäre diesmal nicht so rüberkam. Oft war es nur der schon traditionell am Anfang stehende Nachrichtenaustausch, der andere Figuren eingebunden hat. Dabei sind die Männer- und Frauenfreundschaften untereinander ein Highlight. Die werden hier zu sehr ausgespart.

Fazit: Wenn es hakt, dann wohl so richtig. Ich hatte mich auf „Powerless“ wirklich sehr gefreut, aber es hat mich doch in der Mehrheit enttäuscht. Es gab zu wenig Handlung, zu wenig Entwicklung und zu wenig von den Zutaten, die mich in den ersten beiden Bänden mitgerissen haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.11.2024

Ausgewogen in Schwächen und Stärken

Nachtwald
0

Da ich im Herbst wesentlich mehr Thriller als sonst lese, entdecke ich dort auch oft neue Autorenstimme. So bin ich dann auch auf „Nachtwald“ von Tríona Walsh gestoßen, eine irische Autorin. Ich fand das ...

Da ich im Herbst wesentlich mehr Thriller als sonst lese, entdecke ich dort auch oft neue Autorenstimme. So bin ich dann auch auf „Nachtwald“ von Tríona Walsh gestoßen, eine irische Autorin. Ich fand das Cover ganz gut gestaltet, aber der Klappentext klang auch vielversprechend.

Ich bin durch das Geschehen von „Nachtwald“ durch die Sprecherin Christiane Marx begleitet worden, die mir nun schon öfters begegnet ist und ich kann mich wirklich immer schnell und gut mit ihr arrangieren und mich so fallen lassen. Vielleicht hat sie einer Figur zu viel Persönlichkeit mitgegeben, weil ich im Nachhinein schon dachte, es war irgendwie offensichtlich, worauf es hinausläuft, aber es ist zugegeben auch sehr tricky, weil man natürlich als Sprecherin auch den unterschiedlichen Figuren (je Geschlecht noch zusätzlich) etwas mitgeben will, damit man sie sofort tonal auseinanderhalten kann. Während das bei vielen anderen Genres dann endgültig völlig egal ist, so ist es bei Krimis/Thrillern doch etwas anderes, denn man ist ohnehin schon ständig am spekulieren und da steigert sicherlich auch die Sensibilität. Genauso kann es aber auch sein, dass sonst niemand das kritisieren würde, weil gerade auf akustischer Ebene natürlich auch Vorlieben eine Rolle spielen und ich reagiere sicherlich auf manche Tonhöhen anders als andere.

Nach diesem Hörbuch-Abschnitt kommen wir aber zu „Nachtwald“ selbst. Ich musste schon relativ früh daran denken, dass es in eine Richtung von Lucy Clarke geht, die in den letzten Jahren einiges an Hype erfahren hat. Aber es sind schon große Parallelen in dem Sinne, dass ein konkreter Personenkreis abgelegen zusammenkommt und jede Menge Geheimnisse ans Licht kommen und Mysterien ausgeklärt werden müssen. Ein größerer Unterschied war die Perspektivengestaltung. Clarke arbeitet mit vielen parallel, was ich persönlich sehr großartig finde, Walsh verzichtet aber darauf, so dass wir alles nur durch Lizzies Perspektive erleben. Es ist sicherlich so, dass eine Perspektive es leichter macht, die Geheimnisse der anderen verdeckt zu halten, aber Clarke hat mir eben bewiesen, dass es hier Mittel und Wege gibt. Gerade so im Vergleich wird auch offensichtlich, dass Walsh es nicht so ideal gelingt, die Gefühlsleben aller anderen Hauptfiguren zu gestalten. Lizzie war für mich schnell völlig transparent und ich finde sie in der Gesamtsicht auch mit weitem Abstand am besten gestaltet. Sie ist nach ihrem Entzug sicherlich noch in einem labilen Zustand, aber unterm Strich fand ich, dass sie an diesem Wochenende auf dem Anwesen den besten Überblick über alles hatte. Man hat auch ihre Therapie deutlich gemerkt, weil so viel Reflexion dabei war und sowas weiß ich immer sehr zu schätzen. Bei den anderen war alles undurchsichtiger und das auch schon bei Lizzies eigenen Verwandten, die ihr eigentlich näher sind und die man so leichter hätte aufbereiten können. Aber dennoch ist die Figurenausarbeitung eher Meckern auf hohem Niveau, denn die Charaktere war unterschiedlich genug und sie haben auf jeden Fall Zug ins Geschehen hineingebracht.

Was ich eher kritischer sehen will, das ist die Entwicklung der Handlung. Es ist bei Walsh durchaus gelungen, dass es immer wieder Spannungsausschläge nach oben gibt. In dem Sinne bleibt man also in jedem Fall am Ball, weil ständig etwas passiert, auch weil Lizzie sich mutig hinter alle Hinweise setzt. Gleichzeitig passiert aber extrem früh ein echter großes Ausrufezeichen, hinter dem ich schon gewisse Fragezeichen der Glaubwürdigkeit gesetzt habe, aber man konnte immerhin mit arbeiten. Aber wie sich danach alles entwickelt hat? Das fand ich gruselig, wie ruhig bis auf Lizzie alle geblieben sind. Ich wäre wohl richtig ausgetickt und dort herrschte völlig entspannte Atmosphäre. Selbst wenn es verdeckte Pläne jeweils gab, aber angesichts eines solchen Schreckens hätte ich die auch sofort aufgegeben. Es war also wirklich befremdlich, wie alles weitergelaufen ist. Lizzie war da echt mein Kompass, weil sie meine Stimmung am besten aufgegriffen hat. Dass sie für ihre Familie geblieben ist, klar, aber alle anderen, echt seltsam und hat mich beim Lesen immer wieder irritiert. Wer letztlich hinter allen Taten steckte, ja, es war für mich klar, aber ich denke auch ohne das Hörbuch wäre ich wohl drauf gekommen. Denn der Personenkreis war nun wahrlich nicht üppig, so dass das Ausschlussverfahren auch enorm geholfen hätte. Auch wenn am Ende alles an Spannung und Action hochgefahren wurde, aber es war auch fast wieder zu viel. Ich denke mir bei Thrillern oft, dass es einen schmalen Grat bei der Psychologie des Täters gibt. Denn hier war es zu viel, in vielen anderen ist es zu wenig. Aber ich will ungerne hinterher das Gefühl einer Gehirnwäsche haben.

Fazit: „Nachtwald“ hatte seine Stärken. Das war sicherlich die Atmosphäre, es waren konstant angebotene Höhepunkte mit Spannung am Anschlag, aber dem gegenüber stehen auch gewisse Defizite bei den Charakteren, eine merkwürdige Unglaubwürdigkeit und letztlich auch eine Vorhersehbarkeit. Kann man also lesen, muss man aber nicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere