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Veröffentlicht am 21.10.2025

Wenn es doch bloß ein Paralleluniversum gäbe

Da, wo ich dich sehen kann
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Es ist der 12. November 2024, als Emma Kopmann (30) in ihrer Wohnung in Hamburg erdrosselt wird - getötet von Frank, dem Vater ihrer gemeinsamen Tochter Maja (9). Das Mädchen verliert mit einem Mal ihre ...

Es ist der 12. November 2024, als Emma Kopmann (30) in ihrer Wohnung in Hamburg erdrosselt wird - getötet von Frank, dem Vater ihrer gemeinsamen Tochter Maja (9). Das Mädchen verliert mit einem Mal ihre Familie und ihr Zuhause. Ihre Patentante Liv, eine Astrophysikerin, versucht, die Neunjährige aufzufangen und sie für das Weltall zu begeistern…

„Da, wo ich dich sehen kann“ ist ein Roman von Jasmin Schreiber.

Erzählt wird die Geschichte aus wechselnder Perspektive, unter anderem aus der Sicht von Maja und Liv. Dabei besteht der Roman aus mehr als 50 kurzen Kapiteln.

Die Sprache ist eingängig und ungekünstelt, aber eindringlich, anschaulich und atmosphärisch. Die Dialoge klingen glaubwürdig. Für stilistische Abwechslung sorgen eingefügte Dokumente und Protokolle.

Vor allem Maja und Liv stehen im Zentrum der Geschichte. Die Hauptfiguren verfügen über viel psychologische Tiefe. Ihr Innenleben mit all ihren Emotionen und Gedanken wird sehr gut ausgeleuchtet und ist durchweg nachvollziehbar. Dadurch kommt man den Charakteren sehr nahe.

Die Geschichte behandelt einen Femizid und seine Folgen. Inspiriert zu diesem Roman wurde die Autorin tragischerweise von einem wahren Fall in ihrer Nachbarschaft. Er lenkt den Blick auf ein wichtiges Problem, verschafft den Opfern Sichtbarkeit und leistet einen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Debatte. Unter anderem entlarvt er das strukturelle Versagen von Politik und Gesellschaft, die Ignoranz und Tatenlosigkeit gegenüber (häuslicher) Gewalt und weitere Defizite. Die Geschichte zeigt auf, wie schnell Frauen und Kinder zu Opfern werden können und dass Femizide nahezu überall stattfinden. Positiv hervorzuheben: Zum Schluss des Buches sind Stellen aufgelistet, an die sich Frauen und Männer wenden können, um zum Thema häusliche Gewalt Hilfe zu finden.

Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt ist die Astrophysik. Wie schon in ihren früheren Romanen schafft es die Autorin erneut, wissenschaftliche Fakten auf unterhaltsame und interessante Weise einzubinden.

Auf den mehr als 400 Seiten hat mich die Geschichte daher einerseits immer wieder geschockt und berührt. Andererseits vermittelt der Roman einiges Wissenswerte.

Die gebundene Ausgabe weist viele liebevolle Details auf: zum Beispiel die abgedruckten Sternbilder zu Beginn der Kapitel, der Farbverlauf im Buchschnitt und ergänzende Zeichnungen. Ebenfalls eine schöne Komponente: Das ungewöhnliche Cover, das sehr gut zur Geschichte passt, hat die Autorin selbst entworfen. Auch der mehrdeutige Titel ist eine vortreffliche Wahl.

Mein Fazit:
Mit „Da, wo ich dich sehen kann“ ist Jasmin Schreiber wieder einmal ein gleichsam bewegender wie aufschlussreicher Roman gelungen. Nach „Marianengraben“ zählt nun auch ihre neue Geschichte zu meinen Lieblingsbüchern. Ein äußerst empfehlenswertes Highlight im Leseherbst 2025!

Veröffentlicht am 15.10.2025

Dickhäuterdebakel in Deutschland

Das Geschenk
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Mitten in der Spree nimmt ein Elefantenbulle ein Bad. Doch schon bald ist da mehr als nur ein Tier und die afrikanischen Elefanten sind nicht mehr nur in Berlin anzutreffen.
Bundeskanzler Hans Christian ...

Mitten in der Spree nimmt ein Elefantenbulle ein Bad. Doch schon bald ist da mehr als nur ein Tier und die afrikanischen Elefanten sind nicht mehr nur in Berlin anzutreffen.
Bundeskanzler Hans Christian Winkler ist überfordert und ratlos: Wo kommen die wilden Dickhäuter her? Und wie wird man sie wieder los? Das Chaos nimmt seinen Lauf…

„Das Geschenk“ ist ein satirischer Roman von Gaea Schoeters.

Der kurze Roman gliedert sich in vier Teile mit mehreren knappen Kapiteln. Erzählt wird im Präsens und in chronologischer Reihenfolge, aber mit größeren Zeitsprüngen und wechselnden Perspektiven. Dabei deckt die Handlung einen Zeitraum von 434 Tagen, also mehr als ein Jahr, ab.

Der Schreibstil ist - trotz des eher gehobenen Sprachniveaus - wunderbar leichtfüßig und zugleich anschaulich. Die Dialoge wirken durchaus authentisch. Die Übersetzung von Lisa Mensing kommt angenehm unauffällig daher.

Trotz der bloß knapp 140 Seiten ist das Personal überraschend umfangreich, jedoch nicht zu überladen. Die Figuren sind an reale deutsche Politiker angelehnt, dabei aber nicht komplett mit den tatsächlichen Persönlichkeiten identisch.

Bei dem Kurzroman handelt es sich um eine Politsatire. Die Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit zurück. In Botswana gibt es zu viele Elefanten: rund 130.000. Im Sommer 2025 hatte ein Ex-Präsident des Landes die Legalisierung des Elfenbeinhandels gefordert und Deutschland 20.000 Tiere angeboten. Was wäre, wenn die Bundesrepublik wirklich so viele Elefanten aufnehmen müsste? Dieser Frage geht die Autorin nach.

Dabei beleuchtet der Kurzroman problematische Tendenzen, insbesondere die Panikpolitik, Populismus, Globalisierung und Neo-Kolonialismus. Immer wieder gibt es Vergleiche zur Asyl- und Flüchtlingspolitik. Strategien und Mechanismen wie das Shifting Baseline Syndrome werden beiläufig und anschaulich erklärt. So werden die wirklichen Hintergründe und Motive politischer Entscheidungen entlarvt. Gleichzeitig ist die Geschichte ein Plädoyer für mehr Klima- und Naturschutz.

Der kurze Roman ist durchweg unterhaltsam. Auf der inhaltlichen Ebene haben mich nur kleinere Details gestört, auf die ich nicht eingehen kann, ohne zu viel zu verraten.

Der Titel der deutschen Ausgabe wurde wortgetreu aus dem Niederländischen („Het geschenk“) übernommen. Der imposante Elefant auf dem Umschlag passt gut zur Geschichte. Leider wurde das Covermotiv von einer KI generiert.

Mein Fazit:
Mit „Das Geschenk“ ist Gaea Schoeters ein gehaltvoller Literatur-Snack gelungen. Eine kurzweilige, empfehlenswerte Satire.

Veröffentlicht am 04.10.2025

Ella entdeckt ihre Bedürfnisse

Bedürfnisse
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Liebe, Freude, Sicherheit und Ruhe: Das sind nur einige der Bedürfnisse, die Ella hat. Wie kann das Monstermädchen diese bemerken? Und was braucht das Monsterchen, damit es ihm gut geht?

„Bedürfnisse ...

Liebe, Freude, Sicherheit und Ruhe: Das sind nur einige der Bedürfnisse, die Ella hat. Wie kann das Monstermädchen diese bemerken? Und was braucht das Monsterchen, damit es ihm gut geht?

„Bedürfnisse - Das große Bestimmungsbuch“ ist ein Sachbuch von Antje Bohnstedt, das für Kinder ab fünf Jahren empfohlen wird.

Nach einer kurzen Eröffnungsseite und der Inhaltsübersicht gibt es eine Doppelseite, auf der grundsätzlich erklärt wird, was ein Bedürfnis ist, wie man es erkennt und es erfüllt. Danach werden auf je einer weiteren Doppelseite die 14 Arten von körperlichen und seelischen Bedürfnissen dargestellt. Dabei werden jeweils drei Fragen beantwortet: Warum braucht es dieses Bedürfnis, woran merkt man, dass es fehlt, und wie lässt es sich erfüllen? Zudem werden dazu passende Fragen gestellt.

Die Texte von Antje Bohnstedt liefern viele Beispiele und Inspirationen. Manche Formulierungen sind für Vorschulkinder aber recht abstrakt und in der Wortwahl nicht an die Altersgruppe angepasst („Natur erleben“, „Unterstützung bieten“…). Daher eignen sich die Texte nur bedingt zum reinen Vorlesen bei jüngeren Kindern.

Die Illustrationen, ebenfalls von Antje Bohnstedt, wirken - trotz der Monsterthematik - sehr niedlich und optisch überaus ansprechend. Sie sind farbenfroh, modern und ausreichend detailliert.

Das Konzept des Sachbuchs hat mir sehr gefallen. Die menschlichen Bedürfnisse werden vollständig und ausführlich behandelt. Daher erhält man einen guten Überblick.

In der Umsetzung sehe ich allerdings ein paar Schwächen. Zu Beginn werden Ella und Eddie zwar vorgestellt, jedoch so rudimentär, dass bei meinem Kind viele Fragen aufgeworfen wurden, die das Buch unbeantwortet lässt. Alle weiteren Monster werden nur zum Teil benannt. Zudem gibt es, was die Monsterchen angeht, mehrere Widersprüche, die sogar meinem Vorschulkind direkt aufgefallen sind. Zwei Beispiele: Einerseits geht Ella wohl noch in den Kindergarten, andererseits schickt man sie alleine in eine fremde Stadt. Einerseits sollen Monster keine Kleidung tragen, andererseits haben sie Krawatten an.

Mein Fazit:
Mit dem neuen Sachbuch von Antje Bohnstedt lernen Kinder ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu identifizieren, zu benennen und zu befriedigen. „Bedürfnisse - Das große Bestimmungsbuch“ hilft Eltern und pädagogischen Fachkräften, das Thema anzusprechen und zu vermitteln.

Veröffentlicht am 02.10.2025

Schuld und Schweigen im Sumpfland

Unsere letzten wilden Tage
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Jacknife am Atchafalaya-Becken im US-Bundesstaat Louisiana: Die Journalistin Loyal May hat ihre beste Freundin Cutter Labasque verloren. Doch nach dem Fund der Leiche im matschigen Sumpf scheint sich niemand ...

Jacknife am Atchafalaya-Becken im US-Bundesstaat Louisiana: Die Journalistin Loyal May hat ihre beste Freundin Cutter Labasque verloren. Doch nach dem Fund der Leiche im matschigen Sumpf scheint sich niemand sonst um die Aufklärung der Sache zu scheren. Der Tod der Außenseiterin wird als Suizid abgetan. Doch Loyal glaubt nicht daran. Sie stößt bei ihrer Suche nach Antworten auf ein Netz aus Schweigen, Lügen und Schuld…

„Unsere letzten wilden Tage“ ist ein literarischer Spannungsroman von Anna Bailey.

Die Geschichte besteht aus 46 Kapiteln, die von einem Prolog eingeleitet werden. Erzählt wird im Präsens aus der Perspektive von Loyal, aber auch denen weiterer Personen, wobei es immer wieder zeitliche Sprünge gibt. Obwohl die Struktur des Romans durchaus komplex ist, lässt sich die Geschichte sehr gut nachverfolgen.

Der Schreibstil ist sehr atmosphärisch und bildstark. Besonders die Naturbeschreibungen sind eindrucksvoll. Die Dialoge, teilweise der Gegend entsprechend etwas vulgär, wirken authentisch.

Die Figuren machen ebenfalls einen lebensnahen Eindruck. Loyal ist eine interessante und glaubhafte Protagonistin. Sie wird mit psychologischer Tiefe dargestellt. Aber auch die anderen Charaktere sind nicht zu stereotyp geraten.

Wie schon beim Debütroman von Anna Bailey liegt ein Schwerpunkt auf Gewalt gegenüber Frauen. Auch darüber hinaus ist der Inhalt recht düster. Es geht um Armut, um Perspektivlosigkeit, um Korruption und dergleichen mehr.

Auf den etwa 38 Seiten ist das Erzähltempo zwar nicht zwar schnell. Die Handlung kommt nur langsam voran. Dennoch erzeugt die Geschichte einen Lesesog, denn sie bleibt durchgängig spannend und ausreichend undurchsichtig.

Das hübsche, recht harmonische Covermotiv ist ein wenig irreführend, denn es lässt eher auf ein anderes Genre schließen. Der deutsche Titel ist wortgetreu aus englischsprachigen Original übersetzt und passt zum Inhalt.

Mein Fazit:
„Unsere letzten wilden Tage“ von Anna Bailey ist ein gelungener Roman, der mehr als nur einen rätselhaften Todesfall behandelt. Eine vielschichtige und definitiv lesenswerte Geschichte, die sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugen kann.

Veröffentlicht am 28.09.2025

Die Wichtigkeit von Nichts

Dr. No
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Wala Kitu, der eigentlich Ralph Townsend heißt, ist Mathematiker und Professor an der Brown University in Providence (USA). Er hat sich auf das Nichts spezialisiert. Der Wissenschaftler ist Mitte 30, als ...

Wala Kitu, der eigentlich Ralph Townsend heißt, ist Mathematiker und Professor an der Brown University in Providence (USA). Er hat sich auf das Nichts spezialisiert. Der Wissenschaftler ist Mitte 30, als John Milton Bradley Sill, ein Multimilliardär, auf ihn aufmerksam wird. Der reiche Schurke macht ihm ein unmoralisches Angebot, das der Experte kaum ablehnen kann. Sill hat es auf den Goldspeicher in Fort Knox abgesehen, genauer gesagt: auf das Nichts, das er im großen Tresorraum vermutet. Aber wie schafft man dieses fort? Bei dieser und anderen Fragen soll ihm Wala Kitu für drei Millionen Dollar behilflich sein…

„Dr. No“ ist ein Roman von Percival Everett.

Der Roman ist eher kleinteilig aufgebaut. Erzählt wird in elf Teilen, die jeweils aus mehreren Kapiteln bestehen, in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Wala.

In sprachlicher Hinsicht sind vor allem die lustigen, exzessiv genutzten Wortspielereien auffällig. Das betrifft in erster Linie das Wort „nichts“. Aber auch eine Menge sprechender Namen, Mehrdeutigkeiten, Metaphorik und Symbolik steckt in dem herausfordernden Text, übersetzt von Nikolaus Stingl. Dabei wechselt der Roman zwischen flotten, umgangssprachlichen Dialogen und Gedankengängen im Fachjargon.

Auf den nur wenig mehr als 300 Seiten mutet die Handlung teilweise etwas nach Klamauk an. Nicht alle Szenen und Wendungen wirken realistisch, vieles hat sogar skurrile oder absurde Züge. Die Figuren sind recht schräg und überspitzt dargestellt. Das liegt auch daran, dass die Geschichte als eine Satire oder Persiflage auf die James-Bond-Filme zu lesen ist. Das lässt bereits der trefflich gewählte Titel erahnen, der 1:1 aus dem englischsprachigen Original übernommen wurde. Auch zu weiteren Filmen gibt es Referenzen.

Dennoch hält der Roman einige ernste Themen bereit. Insbesondere nehmen philosophische Gedanken und mathematische Exkurse viel Raum in der Geschichte ein, allen voran das Nichts. Obwohl nicht alle theoretischen Ausführungen für Laien in Gänze nachvollziehbar sind oder zum Teil sogar verwirren, haben mich diese Passagen nur geringfügig gestört.

Darüber hinaus enthält die Geschichte immer wieder Verweise auf bedenkliche Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit: Verschwörungstheorien, Machtmissbrauch, das Erstarken rechter, radikaler und faschistischer Ideologien, die Auflösung der Gewaltenteilung und ähnliche politische Tendenzen. Darin fügt sich eine latente Kapitalismuskritik ein. Zudem ist ein weiterer Aspekt früherer Romane auch in dieser Geschichte zu finden: der Alltagsrassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung, der hier erneut pointiert geschildert und angeprangert wird.

Mein Fazit:
Wie bei „Die Bäume“ ist Percival Everett eine ungewöhnliche, verrückte Geschichte gelungen, die von Wortwitz, absurden Szenen, einer speziellen Komik, aber auch gesellschaftskritischen Elementen geprägt ist. Mit „Dr. No“ hat mich der Autor wieder einmal auf intelligente Art sehr gut unterhalten und zugleich überraschen können. Definitiv lesenswert!