Profilbild von mimitatis_buecherkiste

mimitatis_buecherkiste

Lesejury Star
offline

mimitatis_buecherkiste ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit mimitatis_buecherkiste über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.01.2025

Spannend und brisant

Tode, die wir sterben
0

Ein dreizehnjähriger Junge wird in Malmö erschossen, er wird Opfer eines Drive-in-Shootings, war zur falschen Zeit am falschen Ort. Der frisch verwitwete Kommissar Jon Nordh wird mit dem Fall betraut, ...

Ein dreizehnjähriger Junge wird in Malmö erschossen, er wird Opfer eines Drive-in-Shootings, war zur falschen Zeit am falschen Ort. Der frisch verwitwete Kommissar Jon Nordh wird mit dem Fall betraut, zur Seite wird ihm die nordschwedische Ermittlerin Svea Karhuu gestellt, die in Stockholm in Ungnade gefallen ist und strafversetzt wurde. Das ungleiche Duo ermittelt im Gangmilieu, aber irgendwie passen die einzelnen Teile nicht zusammen. Da geschieht ein weiterer Mord und wirbelt jede Theorie erneut durcheinander.

»Kurz flammte eine nahezu perverse Hoffnung auf. Vielleicht war dieser Fall, so tragisch und sinnlos der Tod dieses Kindes auch war, für ihn nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch eine Chance, in sein altes Leben als Kriminalkommissar zurückzufinden. Oder in das, was von seinem alten Leben noch übrig geblieben war.« (Seite 33)

Eine neue Reihe, zwei Ermittler, die problembeladen, voller Altgepäck daherkommen und nicht so recht zusammenpassen, sowie ein Mord im sozialen Brennpunkt, kann das funktionieren, obwohl es nichts wirklich neues ist? Es kann und es hat, soviel kann ich vorab verraten. Zwei faszinierende Ermittelnde, jeder von ihnen mit Geheimnissen, die in ihrer oder einer Person in ihrer unmittelbaren Umgebung liegen. Kontinuierlich werden Einzelheiten verraten, aber auch beharrlich Dinge verschwiegen und vor meinem Zugriff versteckt. Dazu der sehr komplexe und verzwickte Fall, der viel Raum für Vermutungen bietet, aber lange braucht, um geknackt zu werden. Dies alles ergibt einen großartigen Reihenauftakt, der mich ungeduldig die Fortsetzung erwarten lässt, die noch dieses Jahr erscheint. Ich freue mich darauf!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2025

Wo deine Wurzeln sind

Bei Licht ist alles zerbrechlich
0

Davide ist der Sohn des Schweinehirten in dem kleinen Dorf Tora e Piccilli, eine Schule besuchen darf er nicht. Teresa hingegen geht in die Schule und arbeitet nachmittags in der Seilerei ihres Vaters, ...

Davide ist der Sohn des Schweinehirten in dem kleinen Dorf Tora e Piccilli, eine Schule besuchen darf er nicht. Teresa hingegen geht in die Schule und arbeitet nachmittags in der Seilerei ihres Vaters, wo Davide sie manchmal besucht. Der Traum davon, eines Tages das Dorf zu verlassen, schafft ein Band zwischen ihnen. Im Jahre 1942 ändert sich etwas, als Nicolas in beider Leben tritt, ein jüdischer Junge, der mit seinem Vater und weiteren Juden aus Neapel zwangsumsiedelt wird. Der folgende Sommer bringt die drei zusammen, aber als der Krieg auch das kleine Dorf erreicht, geht die Freundschaft in die Brüche. Erst viele Jahre später gibt es ein Wiedersehen.

»Wir wussten nicht, dass wir wie Motten waren, die sich zu nah ans Feuer wagten: Angezogen vom strahlenden Licht, enden sie mit versengten Flügeln in diesem letzten Tanz, bei dem die Freude die Angst überwiegt.« (Seite 109)

Davide als Ich-Erzähler war sperrig, dadurch aber authentisch und mir als Leser nah. Sein ungebrochener Wille, lesen und schreiben zu lernen, zollte mir Respekt ab, unter widrigsten Umständen und gegen den Willen des Vaters ging er unbeirrbar seinen Weg. Die Freundschaft mit einem jüdischen Jungen, obwohl der eigene Vater ein Faschist ist, war der erste Schritt auf dem steinigen Weg, den ich zusammen mit ihm gehen durfte und anfangs war ich mir noch nicht sicher, wo uns dieser hinführen wird.

»Später sollte mir klar werden, dass Nicolas ein dunkles, sogar ihm selbst unbekanntes Wesen besaß und dass all meine Versuche, es zu begreifen, nur eine für mich fassbare Vereinfachung waren. Nicolas beherrschte die Macht nicht, die er besaß, er wurde von ihr beherrscht.« (Seite 43)

Gianni Solla hat ein wunderbares Buch geschrieben über eine dunkle Zeit der Geschichte, ohne dass diese im Vordergrund steht, aber dennoch das Leben aller Beteiligten maßgeblich beeinflusst. Mich hat es durchgehend gut unterhalten, lediglich im Mittelteil gab es ein kurzes Stück, wo meine Aufmerksamkeit ein bisschen nachgelassen hat, danach ging es aber gewohnt spannend und in eine überraschende Richtung weiter, sodass das kleine Stück überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Ich hätte mir nicht vorstellen können, welches Ende diese außergewöhnliche Erzählung nimmt, bin mit dem Ausgang jedoch mehr als zufrieden, weil er so stimmig war. Eine Leseempfehlung gibt es dafür von mir.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.01.2025

Wenn die Chemie nicht stimmt…

Gegenspieler
0

Ein bekannter Anwalt wird tot aufgefunden, Karl Müller, einer der Partner der Düsseldorfer Starkanzlei Müller & Mahler, soll sich umgebracht haben. Die Kanzlei beauftragt den Fallanalytiker und Privatermittler ...

Ein bekannter Anwalt wird tot aufgefunden, Karl Müller, einer der Partner der Düsseldorfer Starkanzlei Müller & Mahler, soll sich umgebracht haben. Die Kanzlei beauftragt den Fallanalytiker und Privatermittler Max Bischoff damit, herauszufinden, wer Müller umgebracht hat, denn an einen Suizid glaubt dort, anders als es die Polizei tut, niemand. Als eine weitere Person stirbt, wird Ernst Mahler verhaftet, dem man plötzlich beide Todesfälle zur Last legt. Pirlo übernimmt dessen Verteidigung und muss damit mit Max Bischoff zusammenarbeiten, was sich als schwierig herausstellt, da die Chemie zwischen den Männern einfach nicht stimmt.

Der überwiegend humorbefreite und geniale Analyst Professor Max Bischoff und der vorrangig mit seinen Haaren beschäftigte Staranwalt Dr. Anton Pirlo in einem Buch, kann das gutgehen? Dazu ein ganz klares Jein, oder wie Pirlo sagen würde: Manche sagen so, manche sagen so. Aber der Reihe nach. Wirtschaft und Politik funktionieren für mich persönlich in Büchern nur dann, wenn die Geschichte außergewöhnlich und vor allem spannend ist. Im vorliegenden Fall jedoch hatte ich das Gefühl, einen Roman zu lesen, in dem zwei erwachsene Männer um eine Frau buhlen. Ihnen und auch fast allen anderen Männern im Buch fällt an Frauen zudem zuerst deren Schönheit auf, der Rest ist dabei zweitrangig. Das war mir dann doch zu klischeehaft und hätte nur funktionieren können, wenn der Fall selbst spektakulär gewesen wäre, diesen hatte ich zwischendurch aber tatsächlich fast vergessen. Es brauchte fast das halbe Buch, bis es in Richtung Ermittlungen ging, dies aber sehr gemächlich, als hätte man alle Zeit der Welt, obwohl es eigentlich fünf vor zwölf war.

Der Fall war kompliziert und letztendlich habe ich die Auflösung nicht verstanden, wenn ich ehrlich sein soll. Der Weg dahin war holprig und voller unwichtiger Episoden, mehr ein Drama als Krimi, so würde ich es zusammenfassen. Bedauerlicherweise eine Enttäuschung auf ganzer Linie, sodass ich einer Fortsetzung nicht entgegen fiebern werde. Schade, denn die Kombination klang interessant, aber die Umsetzung ist leider nicht gelungen. Demnächst bitte lieber getrennte Ermittlungen, dann passt es besser.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.01.2025

Schuld und Sühne

Brennende Himmel
0

Teresa macht mit ihren Eltern Urlaub in Camporotondo, es ist ein heißer Sommer im Jahre 2000. Das sechzehnjährige Mädchen verliebt sich das erste Mal, als sie dem zwei Jahre älteren Riccardo begegnet, ...

Teresa macht mit ihren Eltern Urlaub in Camporotondo, es ist ein heißer Sommer im Jahre 2000. Das sechzehnjährige Mädchen verliebt sich das erste Mal, als sie dem zwei Jahre älteren Riccardo begegnet, und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Im Winter 2019 überredet Riccardo seinen achtzehnjährigen Sohn Niccolò zu einer Fahrt nach Camporotondo, dahin, wo damals alles begann. Dort will er Niccolò erzählen, was geschah, als er und Teresa aufeinander trafen, in jenem schicksalhaften Sommer des Jahres 2000 in Sizilien.

»Niccolò wusste nicht genau, was geschehen war, doch hatte er, als er größer wurde, irgendwann aufgehört, Fragen zu stellen, und das Ereignis als eins der kleinen, abgeschmackten Geheimnisse seiner Eltern eingestuft. Aber eins war sicher: Worum es sich auch immer handelte, Teresa war noch nicht darüber hinweg.« (Seite 25)

Zu Beginn des Buches gibt es eine Warnung und den Hinweis darauf, dass der Text explizite Schilderungen sexualisierter Gewalt sowie psychischer und physischer Gewalt in der Familie enthält, möchte ich gerne voranstellen. Ergänzend weise ich darauf hin, dass der Text beleidigende Schimpfwörter und diskriminierende Aussagen beinhaltet und auch eine Menge Zigaretten, Alkohol sowie weitere Drogen darin vorkommen. Tatsächlich ist es aber vorrangig die unflätige Sprache, die mich wiederholt gestört hat, obwohl ich natürlich verstehe, dass diese ein Mittel zum Zweck war. Das hat mir einfach ein klein bisschen den Gesamteindruck verhagelt, wenn ich das mal ganz dezent sagen darf. Dies ist der einzige Kritikpunkt, den ich zum vorliegenden Buch habe.

Nachdem mich das Debüt des Autors mit dem Titel „Die Hungrigen“ seinerzeit mehr als begeistert hat, war meine Erwartungshaltung riesig, was sein neues Werk angeht. Bereits das erste Kapitel konnte mich überraschen, weil die Richtung, die dieses vorgab, unerwartet kam. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet, war aber danach umso gespannter darauf, zu erfahren, wie es zu dieser dramatischen Situation kommen konnte. Und Mattia Insolia enttäuschte mich nicht, er präsentierte mir ein Leben, das noch unschuldig war, bis Gefühle hochkochten und tragische Umstände dazu führten, dass nichts mehr so blieb, wie es einmal gewesen ist. Der Weg war hier das Ziel, dennoch erwischte mich die Auflösung kalt. Letztendlich sah ich rückwirkend vieles aus einem anderen Blickwinkel, was nicht weniger verstörend wirkte. Großartig!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.01.2025

Freunde auf Zeit

Fast wie ein Bruder
0

Wie Brüder sind sie aufgewachsen, Tür an Tür wohnten die Familien zusammen, private Tragödien überstand diese Freundschaft, bis ein Tabubruch einen Riss verursacht hat und ein Umzug die räumliche Trennung. ...

Wie Brüder sind sie aufgewachsen, Tür an Tür wohnten die Familien zusammen, private Tragödien überstand diese Freundschaft, bis ein Tabubruch einen Riss verursacht hat und ein Umzug die räumliche Trennung. Jahrelang pflegten sie sporadisch den Kontakt, bis eine Krankheit zur Annäherung führte, dies aber zu spät, denn eine Heilung gab es damals nicht. Ein rätselhaftes Ereignis verhilft dem einstigen Freund zum Ruhm, posthum bekommt er die Anerkennung, die er zeitlebens gesucht hat, und der Überlebende fragt sich, warum er nicht schon früher den Wert dieser außergewöhnlichen Freundschaft erkannt hat und das Genie, das dahintersteckt.

»Frank schien sich in Tiefen zu bewegen, die mich vielleicht verschlungen hätten. Er sprach nicht darüber. Ich beneidete ihn so wenig darum, wie ich ihn bedauerte. Wir kannten uns viel zu lange, um dem anderen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als nötig war. Auch so verständigten wir uns mühelos. Wir waren noch immer wie Brüder.« (Seite 23)

Der Ich-Erzähler schildert seine Kindheit, vorrangig seine Freundschaft mit Frank. Er erinnert sich an gravierende Ereignisse, die dazu geführt haben, dass beide im Erwachsenenalter sich auseinandergelebt haben, der eine hier, der andere dort. Erst eine lebensbedrohliche Krankheit führt sie wieder zusammen und trennt sie kurz darauf, diesmal endgültig. Erst da realisiert der Mann, was er hatte und was er verlor. Trotzdem dauert es fast dreißig Jahre, bis ein bestimmtes Ereignis ihm endgültig vor Augen führt, wofür er blind gewesen ist.

Diese Erzählung war leise, zurückhaltend und dennoch erfolgte die Sezierung der vergangenen Zeiten klar, präzise und schonungslos ehrlich. Da blieb kein Raum für falsche Gefühle, der Protagonist gab Fehler und Versäumnisse zu, suchte die Schuld nicht bei anderen und blieb bewundernswert ehrlich. Das hat mir gefallen, auch wenn für mich zuletzt viele Fragen offen geblieben sind, was gewollt war und wahrscheinlich gut, denn so blieb viel Raum für Interpretationen und Diskussionen, die sich daraus ergeben. Lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere