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Veröffentlicht am 31.08.2021

Am Schluss stehen wir alle vor uns selbst

Ritchie Girl
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Die US Army unterhielt in Maryland, USA, nordwestlich von Washington, ein Ausbildungslager, das offiziell Military Intelligence Training Center hieß, aber Camp Ritchie genannt wurde. Der Name geht auf ...

Die US Army unterhielt in Maryland, USA, nordwestlich von Washington, ein Ausbildungslager, das offiziell Military Intelligence Training Center hieß, aber Camp Ritchie genannt wurde. Der Name geht auf einen Gouverneur von Maryland, Albert C. Ritchie, zurück. Zwischen 1942 und 1945 sollen dort etwa 19.000 Soldaten, von denen über 80% keine US-amerikanischen Staatsbürger waren, ausgebildet worden sein. In diesem Lager wurde unter anderem die geheime Einheit der Ritchie Boys ausgebildet; deutsche Emigranten, die die US-Armee im Kampf gegen die NS-Diktatur unterstützen wollten. 1943 wurde dort ein Trupp des Women‘s Army Corps, der Frauenabteilung der US-Armee (gegründet 1942, aufgelöst und in die männlichen Einheiten integriert 1978), stationiert. Dies hat den Autor zu der Geschichte von „Ritchie Girl“ inspiriert.

Der Einstieg ins Buch fiel mir schwer, ich war versucht, es abzubrechen, wollte mich nicht durchquälen. Dies lag nicht an der Geschichte selbst, sondern daran, dass meine Erwartungen falsch waren. Ich bin sehr froh, durchgehalten zu haben, sonst wäre mir dieses Meisterwerk der Schreibkunst entgangen. Wieder einmal hat Andreas Pflüger es geschafft, dass ich mich in einem Buch verloren habe, für Stunden war alles andere vergessen; ich bin förmlich in die damalige Zeit eingetaucht, habe gelacht, geweint, mitgelitten.

Manchmal musste ich das Buch zuschlagen und beiseite legen; Ekel überkam mich, fast eine große Übelkeit, wenn ich zum Beispiel den Verhören folgte. Eine menschenverachtende Ideologie in Sätze gepackt, die auf den Punkt genau trafen und mich schlucken, mich ungläubig mit dem Kopf schütteln ließen. Rhetorisch einwandfrei geäußerte Grausamkeiten erschütterten mich, fesselten mich aber trotzdem ans Buch und führten mir einmal mehr vor Augen, welch begnadeter Erzähler der Autor ist.

Dieser Roman handelt von Krieg und davon, dass es nicht nur weiß und schwarz, sondern viele Graustufen gibt. Er handelt von Freundschaft und Familie, Schuld und Sühne, von Härte, Leid, Scham, Freude und Vergebung, aber auch der Hass und die Liebe kommen nicht zu kurz. Die geschickte Verflechtung von Wahrheit und Fiktion, die hier und da in künstlerischer Freiheit ausgeschmückt wurde, um in die Story zu passen, ist genial und hat mich immer wieder aufs Neue begeistert. Nicht alle historischen Figuren habe ich erkannt; einige musste ich suchen, andere wiederum haben nie existiert. Ich empfehle nicht nur das Nachwort, sondern auch die ausführlichen Erklärungen des Autors sowie von Bodo Hechelhammer, dem Chefhistoriker des Bundesnachrichtendienstes, auf der Seite des Suhrkamp Verlages, ergänzt durch interessantes Bildmaterial. Von mir gibt es 5 Sterne mit Sternchen und eine Leseempfehlung. Unbedingt lesen, es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 27.08.2021

Geheimnisse eines Leuchtturms

Die Leuchtturmwärter
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Im Jahre 1972 fährt der Bootsführer Jory mit seiner Mannschaft hinaus zur Maiden, einem fünfzig Meter hohen Leuchtturm, fünfzehn Seemeilen vom Festland entfernt. An Bord die Ablösung für den Wärter William ...

Im Jahre 1972 fährt der Bootsführer Jory mit seiner Mannschaft hinaus zur Maiden, einem fünfzig Meter hohen Leuchtturm, fünfzehn Seemeilen vom Festland entfernt. An Bord die Ablösung für den Wärter William „Bill“ Walker. Weder er, noch der Oberwärter Arthur Black oder der Hilfswärter Vincent Bourne werden angetroffen, niemand erwartet sie. Nach der zu einem späteren Zeitpunkt folgenden Anlandung, die Stunden dauert, muss die Stahltür, welche von innen verschlossen ist, aufgebrochen werden. Alle acht Etagen sind leer, in der Spitze wird nur die Laterne der Maiden vorgefunden, von Linsen umschlossen. Von den drei Wärtern fehlt jede Spur.

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen. Zum einen folgen wir 1992 den Spuren der hinterbliebenen drei Frauen, zwanzig Jahre nach dem Verschwinden ihrer Männer. Dies geschieht anhand von Interviews, Gedanken, Zeitungsberichten sowie Korrespondenz zwischen verschiedenen Beteiligten. Die wechselnde Perspektive übte hierbei einen ganz besonderen Reiz auf mich aus. Gleichzeitig erfahren wir rückblickend die Sicht der Männer zu den Ereignissen, die zu ihrem Verschwinden 1972 geführt haben. Drei Männer, die nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Die Frauen ausschweifend und emotional, die Männer zurückhaltend und verschlossen. Die Autorin hat die Charaktere ganz wunderbar gezeichnet und auf den Punkt getroffen. Erst nach und nach entfaltet die Geschichte ihre Wucht. Je mehr man erfährt, desto mehr Fragen tun sich auf; wie ein kniffliges Puzzle, bei welchem man mittendrin feststellt, dass eines der Teile doch nicht richtig passt und man neu suchen muss. Die wechselnde Perspektive hat mir sehr gefallen, besonders die Hinweise darauf, wer denn nun dran ist und die Jahresangaben waren unabdingbar und haben mir geholfen, mich zurechtzufinden. Leider war es mir zwischendurch zu verworren, manche Figur verlor sich dermaßen in seitenlangen Ausschweifungen, dass ich fast den Faden verloren habe. Die Auflösung habe ich in dieser Form nicht erwartet. Diese war tatsächlich eine Überraschung, welche jedoch absolut stimmig war. Von mir gibt es 4 Sterne.

Übrigens: Im Dezember 1900 verschwanden drei Wärter aus dem Flannan-Isles-Leuchtturm, welcher sich in der Nähe des höchsten Punktes von Eilean Mòr, einer der Flannan Isles auf den Äußeren Hebriden vor der Westküste des schottischen Festlandes, befindet. Das mysteriöse Verschwinden der drei Männer konnte nie aufgeklärt werden und hat die Autorin zu diesem Buch inspiriert. Ich finde solche Geschichten faszinierend.

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Veröffentlicht am 24.08.2021

Blut ist dicker als Wasser

Pirlo - Gegen alle Regeln
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Dr. Anton Pirlo ist arrogant, von sich eingenommen, frech, charmant und ein Frauentyp. Dazu aber auch ein verdammt guter Anwalt. Der unberechtigte Rauswurf durch seinen Chef aus einer renommierten Anwaltskanzlei, ...

Dr. Anton Pirlo ist arrogant, von sich eingenommen, frech, charmant und ein Frauentyp. Dazu aber auch ein verdammt guter Anwalt. Der unberechtigte Rauswurf durch seinen Chef aus einer renommierten Anwaltskanzlei, in der er eigentlich Partner werden wollte, führt nicht etwa dazu, dass er kämpferisch versucht, seinen guten Ruf herzustellen. Nein, er verkriecht sich zu Hause, lässt sich volllaufen und besorgt sich einen One-Night-Stand, als er auf der Suche nach weiteren Alkoholika sowie etwas Essbarem seine Wohnung verlässt. In dieser Phase seines Lebens tritt eine neue Mandantin in sein Leben, die möchte, dass er ihre Tochter vertritt; es geht um Mord in den feinsten Kreisen. Gar nicht so einfach, wenn man nicht einmal Kanzleiräume vorweisen kann. Und in Wahrheit übrigens auch nicht Anton Pirlo, sondern Ramzes Khatib heißt und zu einer Clan-Familie gehört, die parallel zum Beginn des Strafverfahrens gerade einige Probleme zu bewältigen hat. Ganz schön viel auf einmal.

Der Schreibstil, der feine Humor und die freche Art von Pirlo haben mich sofort für ihn eingenommen. Die schnodderige Art und seine lockere Lebensweise gefielen mir und ich konnte mir vorstellen, dass es nicht langweilig wird mit ihm. Dazu noch der Ort der Handlung, nämlich Düsseldorf, also bei mir quasi um die Ecke. Der Aufbau der Story hat mir ebenfalls sehr gefallen. Durch Zeitsprünge, die aber gekennzeichnet sind, bekommt man Informationen über Pirlo und über den Fall selbst. Obwohl letzterer meistens im Vordergrund steht, erfährt man einiges über Pirlos Familie, die er nach außen hin verheimlicht. Verständlich, wenn man einem kriminellen Clan entstammt und die Brüder weiterhin den illegalen Geschäften nachgehen. Gefallen hat mir auch der Einblick in ein Strafverfahren, denn obwohl ich jahrelang in anwaltlichem Bereich tätig war, hatte ich mit diesem Zweig der Juristerei sehr selten etwas zu tun. Alles in allem war es ein Justizkrimi nach meinem Geschmack und der einzige Kritikpunkt ist, dass der nächste Teil erst in einem Jahr kommt. Von mir gibt es 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 20.08.2021

Kindheit ohne Paradies

Die Überlebenden
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Zwei Jahrzehnte nach einem Vorfall, der zum Bruch zwischen den Brüdern geführt hat, treffen sich die drei wieder, um am Sommerhaus ihrer Kindheit die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Unter der Oberfläche ...

Zwei Jahrzehnte nach einem Vorfall, der zum Bruch zwischen den Brüdern geführt hat, treffen sich die drei wieder, um am Sommerhaus ihrer Kindheit die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Unter der Oberfläche brodelt es immer noch und dann eskaliert die Situation.

„Das Gewicht all dessen, was in diesem Moment passiert, ist groß, doch das meiste ist längst geschehen. Was sich hier auf der Steintreppe abspielt (…), ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der äußerste, der am weitesten vom Einschlagpunkt entfernt ist.“ (Seite 13)

Das Buch fängt mit der Gegenwartsebene an und springt dann zwei Jahrzehnte in die Vergangenheit. Pierre ist sieben, Benjamin neun und Nils dreizehn Jahre alt. Die Familie verbringt die Zeit im Sommerhaus und ich bekomme einen Einblick ins Familienleben. Das ist im ersten Moment so surreal, dass ich es als nicht bedeutsam erachte und den Ernst der Lage nicht erfasse. Zwischendurch der Sprung nach vorn, die Gegenwart, jetzt zwei Stunden früher. Anfangs finde ich es mühsam, mich zurechtzufinden, dann bin ich im Geschehen drin. Neugierig verfolge ich, was passiert ist, damals, vor so langer Zeit, und versuche gleichzeitig, zu verstehen, was heute passiert ist. Durch Änderung der Zeitebene wird vorerst eine Spannung aufgebaut und gehalten, die es mir unmöglich macht, das Buch wegzulegen.

Die Sprünge zwischen Gegenwart (weiterhin rückwärts erzählt) und Vergangenheit werden willkürlicher, es geht nicht mehr nur um die Vorgänge am Sommerhaus, das Buch springt durch das Leben der Familie, wobei es hauptsächlich Benjamin ist, der im Vordergrund steht. Und das wird nun langsam zum Problem, denn zwischendurch verliere ich den Überblick, verliere mich in den Ausschweifungen von und über Benjamin, weiß nicht mehr, was wahr und was angedichtet ist. Meine Gedanken schweifen ab und ich muss mich zwingen, die ein oder andere Seite erneut zu lesen. Erst als die Lösung näher kommt, es eine Erklärung für all das gibt, bin ich wieder vom Buch gefesselt. Dies habe ich nicht erwartet und bin entsetzt, traurig und erschrocken. Damit hat der Autor mich unglaublich überrascht und mit der Geschichte versöhnt.

Eine dramatische Familiengeschichte, die durch den ungewöhnlichen Erzählstil aus der Masse sticht. Mir hätte ein wenig mehr Struktur besser gefallen, aber das ist meckern auf hohem Niveau. Von mir gibt es 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 17.08.2021

Das Protokoll einer virtuellen Bedrohung

Die Nachricht
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Als die erste anonyme Nachricht kommt, nimmt Ruth diese nicht ganz so ernst. Durch ihre Arbeit hat sie oft mit Trollen im Internet zu tun. Diesmal scheint es aber anders zu sein, denn die Nachrichten werden ...

Als die erste anonyme Nachricht kommt, nimmt Ruth diese nicht ganz so ernst. Durch ihre Arbeit hat sie oft mit Trollen im Internet zu tun. Diesmal scheint es aber anders zu sein, denn die Nachrichten werden mehr, sie werden persönlicher, beleidigender und auch an Freunde, Bekannten sowie Kollegen verschickt. Ruth, die seit dem Tod ihres Mannes versucht, Normalität ins Leben zu bekommen, wird gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, denn der Schreiber oder die Schreiberin scheint Dinge über sie zu wissen, die eigentlich niemand wissen kann.

Es kommt selten vor, dass ein Buch, in dem kaum etwas passiert, mich so fesseln kann. Bereits von Anfang an schafft die Autorin eine so bedrohliche Atmosphäre, dass ich atemlos verfolge, wie Ruth agiert und reagiert. Die Stimmung und die Gefühle von Ruth sind so greifbar, dass sogar ich ihre ohnmächtige Wut verspüre, mit ihr durchlebe, was sie fühlt. Ruth erzählt die Geschichte, hält aber einiges zurück, baut eine Spannung auf, die fast unerträglich ist. Sie erzählt von ihrem Leben, beschreibt Menschen und Orte, führt durch den Plot. Wie sie ihren Mann beschreibt, ist grandios, ich habe ihn sofort vor den Augen, bin fasziniert davon, was für ein Mensch er war. Auch Ruth selbst ist ein vielschichtiger Charakter, sicherlich nicht einfach als Person und Frau. Die Autorin hat Figuren erschaffen, die so realistisch wirken, dass ich das Gefühl habe, ich kenne sie selbst. Ob es die beste Freundin ist, oder der wichtigste Freund, alle sind wunderbar gezeichnet und haben im Buch ihren Platz.

Die Geschichte selbst kann jedem von uns passieren und es erschreckt mich sehr, wenn ich über die Reaktionen lese, die so alltäglich sind. Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Ich verdächtige nacheinander fast jeden, die Spuren, die die Autorin legt, sind fein und führen nicht immer zum Ziel. Doris Knecht ist eine begnadete Erzählerin, ihre Sätze treffen ins Schwarze, schonungslos führt sie uns vor, wie die Gesellschaft immer noch funktioniert. Eine Gesellschaft, die oft eher den Täter schützt als das Opfer, in der es einfacher ist, andere anonym anzugreifen, als solche Täter oder Täterinnen zu fassen. Hier gibt es noch viel zu ändern, es besteht großer Handlungsbedarf. Packen wir es an. Von mir gibt es 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung.

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