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Veröffentlicht am 15.03.2025

Eine temporeiche, schmerzhafte Coming-of-Age-Geschichte

Erdbeeren und Zigarettenqualm
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[TW: Endometriose, starke Blutungen, extreme Schmerzen, Abtre!bung]

Wie schon von anderen angemerkt, halte ich den Titel der deutschen Übersetzung für eine Entscheidung, die dem Umfang des Buches nicht ...

[TW: Endometriose, starke Blutungen, extreme Schmerzen, Abtre!bung]

Wie schon von anderen angemerkt, halte ich den Titel der deutschen Übersetzung für eine Entscheidung, die dem Umfang des Buches nicht gerecht wird. Er vermittelt eine Banalität des Lebens, die sich in diesem wirklich tollen Debüt zwar auch finden lässt, welche mich aber nicht vorbereitet hat auf den vielschichtigen Schmerz, den die Geschichte transportiert.

Die junge Protagonistin begleiten wir von Anfang bis Mitte 20. Irgendwie also kein klassisches Coming-of-Age, aber ich habe es trotzdem als eines empfunden. Aufgrund ihrer lange unerkannten chronischen Erkrankung und der damit einhergehenden Herausforderungen im Alltag verschiebt sich das tatsächliche Erwachsenwerden nämlich spürbar.

Die Geschichte ist in der 2. Person Singular geschrieben, was zu Beginn zwar gewöhnungsbedürftig scheint, mich aber ganz schnell für sich eingenommen hat. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, auch wenn das Leben der Protagonistin durchaus so schmerzhaft ist, dass ich eigentlich eine Pause gebraucht hätte. Doch der Sog des Erzählstil ist wirklich bemerkenswert.

Zentral in der Handlung ist eine Freundinnenschaft, die sich verändert. Während die namenlose Protagonistin neu eingeschlagene Wege auf verschiedene Weisen immer wieder abbricht, scheint ihre beste Freundin Ella alles im Griff zu haben - und damit ist auch das Leben der Erzählerin gemeint. Wenn deren Welt nämlich wieder einmal auseinanderzubrechen droht, fängt Ella sie auf - bis sie es nicht mehr tut. Die Protagonistin testet währenddessen ihre eigene Sexualität aus, sucht verzweifelt den passenden Job, struggelt mit ihrem Alltag und ihrer Zukunft. All das wäre schon herausfordernd genug, wird aber von extremen Schmerzen bis hin zur Ohnmacht begleitet. Irgendwann wird sie, einige Jahre nach der eigentlichen Diagnose von Endometriose, von einer Ärztin endlich richtig ernstgenommen und mit Medikamenten eingestellt. Daraufhin erteilt sie sich auch selbst die Erlaubnis, ihren Umgang mit sich selbst zu hinterfragen.

Davor, und besonders im letzten Viertel, reihen sich die Exzesse nahtlos aneinander. Dieser Teil sorgte in mir für tiefe Verzweiflung angesichts einer Protagonistin, die sich immer tiefer in die Sch**** reitet und war mir fast ein bisschen zu arg. Besonders der exzessive Alkohol- und Drogenkonsum ist mir persönlich fremd und ich wünsche mir bei aller Authentizität wirklich, dass das Thema literarisch kritischer eingeordnet wird. Dafür ziehe ich einen halben Stern ab. Das Ende ist nicht ganz so versöhnlich, wie mein Herz es sich gewünscht hat, doch ich halte es für die exakt richtige Wahl.

Es ist spürbar, dass Madeline Docherty hier Persönliches hat einfließen lassen. Ob nun die Wohnsituation in Glasgow, Bullshit-Jobs nach dem Studium, sexistische Abwertung oder Studipartys mit reichlich Drogen. Ein ehrliches, schmerzhaftes Debüt über Wachstum, erwachsene Verantwortungsübernahme und die Grenzen einer Freundinnenschaft mit einem klaren Appell daran, sich selbst aber auch Endo-Betroffene generell ernst zu nehmen.

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Veröffentlicht am 15.03.2025

Intensiv, echt und vielschichtig - manchmal auch ein wenig zu wild

Achtzehnter Stock
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Zum Hörbuch: Die Sprecherin hat mir sehr gut gefallen und ich halte sie für eine passende Wahl. Ihre Stimme hat mich gut für sich eingenommen und auch, wenn manche Figuren mir persönlich noch zu ähnlich ...

Zum Hörbuch: Die Sprecherin hat mir sehr gut gefallen und ich halte sie für eine passende Wahl. Ihre Stimme hat mich gut für sich eingenommen und auch, wenn manche Figuren mir persönlich noch zu ähnlich klangen, fand ich die Figurenabgrenzung gut.

Zum Buch selbst: Es war zwar kein 100%ig passendes Buch für mich, aber ich bleibe eher positiv gestimmt zurück. In jedem Fall ist der Roman einer, der seine Leser:innen fordert und auf intensive Art eintauchen lässt in eine Welt, die ihnen vielleicht nicht bekannt ist.

Sprachlich halte ich das Werk für sehr authentisch. Wanda war mir als Protagonistin vielleicht nicht sympathisch, aber ich habe ihr das beschriebene Leben absolut geglaubt. Der Frust angesichts des eigenen Alltags in der Platte und der Wunsch nach einem Schauspiel-Durchbruch waren wirklich deutlich spürbar. Besonders die Krankheit ihrer Tochter Karlie im ersten Teil hat mich sehr mitgenommen, obwohl ich keine Mutter bin. Auch hier werden die Emotionen wie Wut und Verzweiflung angesichts der schlechten medizinischen Behandlung, ja sogar des Medical Gaslighting, packend beschrieben.

Im späteren Verlauf wurde es mir dann aber doch etwas zu wild. Bei den Schilderungen am Set hatte ich das Gefühl, hier sollte besonders viel Drama aufgebaut werden, was das Ganze für mich völlig übertrieben darstellte. Auch ihr Versinken in einen depressiven Zustand und das ständige Kreisen um das eigene Schicksal habe ich als herausfordernd bis anstrengend empfunden - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass da noch ein Kind im Spiel war. Ich habe wohl auch einfach nicht verstanden, warum sie sich so vehement als Einzelkämpferin sieht und nicht auf das existierende Netzwerk zurückgreift bzw. dieses ausbaut.

Nichtsdestotrotz liegt dem Text eine Gesellschaftskritik zugrunde: Wer hat aus welchem Grund Privilegien und kann ein Mensch den bei Geburt mitgegebenen Umständen wirklich entfliehen? Stellenweise waren mir die Reflexionen rund um „Was macht einen Menschen wirklich glücklich?“ dann doch etwas zu platt und auch die anderen Bewohner:innen des Hauses hätte ich gern vielschichtiger kennengelernt. Als eine Perspektive von vielen ist der Roman aber sicher eine eindrückliche Erzählung.

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Veröffentlicht am 12.03.2025

Ein wahrer Epos, der sich leider zu sehr in seinen Längen verliert

Die Fletchers von Long Island
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Ich habe eine echte Vorliebe für Familiengeschichten, sie müssen aber (besonders bei einem gewissen Umfang) gut gemacht sein. So gern ich das von diesem Werk sagen würde, muss ich doch feststellen, dass ...

Ich habe eine echte Vorliebe für Familiengeschichten, sie müssen aber (besonders bei einem gewissen Umfang) gut gemacht sein. So gern ich das von diesem Werk sagen würde, muss ich doch feststellen, dass es für mich zu wenig konsistent war in seiner Stärke.

Was mir gut gefallen hat, waren die verschiedenen Perspektive. Sowohl die drei mittlerweile erwachsenen Kinder des zu Beginn entführten Carls als auch seine Frau bekommen je einen Abschnitt, die immer etliche Jahre nach der Entführung spielen. Diese ist lediglich der Aufhänger der Geschichte, vielmehr spielen ihre Auswirkungen auf die indirekt Betroffenen eine Rolle. An sich ein interessanter Ansatz, doch das Buch war eindeutig zu langatmig und konnte zu selten an einer klaren Handlung festhalten.

Alle drei Kinder sind herausfordernde, ambivalente, moralisch mindestens dunkelgraue Figuren, die ich gern kennenlernen wollte. Aber 150 Seiten lang Beamer auf seinen Drogenexzessen zu begleiten oder Nathans extreme Angstzustände und Jennys innere Dissonanz auszuhalten, war mir deutlich zu viel. So hatte die Geschichte richtig gute Phasen, die aber nicht lang genug angehalten haben, um in einen guten Lesefluss zu kommen. So blieb es eher ein stetiges Auf und Ab.

Dabei gab es wirklich tolle Elemente, ich habe stellenweise herzlich gelacht (etwa beim Versuch Beamers, seiner Mutter die sehr nicht-jüdischen Namen seiner Frau und Kinder mitzuteilen) und fand es bemerkenswert, wie subtil Taffy Brodesser-Akner gesellschaftskritische Gedanken platziert. Racial Profiling und Klassenkritik wurden manchmal nur in einem Satz angedeutet und lösten gerade dadurch etwas viel Größeres in mir aus.

Vermisst habe ich insgesamt betrachtet auch den Humor. In anderen Besprechungen habe ich von viel schwarzem Humor gelesen, aber so richtig konnten meine Erwartungen hier nicht erfüllt werden. Phasenweise zwar geprägt von einer skurrilen Alltagskomik und ironischen Elementen, war es mir auf den deutlich über 500 Seiten dann doch zu wenig.

Es war für mich spannend, in das Leben einer jüdisch-amerikanischen Familie einzutauchen und fand auch das Trauma mit seinen vielschichtigen Konsequenzen für die Kinder eine spannende Ausgangslage. Mit einem Drittel weniger Länge wäre meine Bewertung wohl auch noch besser ausgefallen. So bleibe ich ein wenig unbefriedigt zurück und bereue die Lektüre zwar nicht, werde sie aber auch einfach nicht im Gedächtnis behalten.

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Authentisches Porträt einer Mittzwanzigerin - mit ein paar Schwächen

No Hard Feelings
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Grundlegende Message des Buches: Leben und Dating sind anstrengend. Bin ich froh, dass das zumindest letzteres lange keine Rolle mehr in meinem Leben gespielt hat. Das mit dem Leben kann ich aber noch ...

Grundlegende Message des Buches: Leben und Dating sind anstrengend. Bin ich froh, dass das zumindest letzteres lange keine Rolle mehr in meinem Leben gespielt hat. Das mit dem Leben kann ich aber noch immer nachfühlen. 🥲 
Die Lektüre von „No Hard Feelings“ hatte für mich durchaus ihre Tücken, weil die Selbstzweifel und übersteigerte eigene Abwertung der Protagonistin mir und wohl generell vielen weiblich sozialisierten Menschen bekannt sind. That hit home und war besonders in der ersten Hälfte echt herausfordernd.

Penny hängt in einer toxischen Beziehung mit Max fest, der nicht wirklich etwas Festes will, was sie wiederum aber auch nicht akzeptieren kann. Das ganze Hin und Her zieht sich für mich fast einen Ticken zu lang und wird erst recht spät aufgelöst. Nebenher kommt sie in ihrem Job nicht weiter, wobei auch hier fraglich ist, ob sie das überhaupt möchte. Und spielt sie im Leben ihrer Freundinnen eigentlich überhaupt noch eine Rolle oder entwickeln die sich ohne sie weiter? Zweifel über Zweifel und Penny dreht sich dadurch ziemlich lange um sich selbst, was zwar chaotisch-unterhaltsam, aber auch anstrengend war. Außerdem bedient der Roman einige Stereotype: die zickig-überdrehte Bride-to-be, die extrem karriereorientierte Anwältin oder die tyrannisch-kompetitive Chefin. Auf diese etwas platten Rollen hätte ich lieber verzichtet, zumal ich die Bücher des Verlags vor allem für ihre Progressivität schätze.

Auch das Thema mentale Gesundheit kam mir persönlich etwas zu kurz. Penny befindet sich aufgrund ihrer Depression zwar in Therapie, beendet die Stunde aber voller Frust und mit dem Vorhaben, nie wieder zu kommen. Angeblich hatte sie auch früher schon Therapiesitzungen, was ich aufgrund ihres Verhaltens etwas unglaubwürdig finde. Das meine ich nicht in dem Sinne, dass irgendwer mit psychischen Erkrankungen sich nach einem bestimmten Schema verhalten muss. Aber doch passte es hier für mich nicht ganz und machte Pennys Kreisen um sich selbst streckenweise erdrückend.

Trotz der Kritik habe ich das Buch aber dank des lockeren, humorvollen Schreibstils flüssig lesen können und wurde im letzten Viertel dann auch mit dem Tiefgang belohnt, den ich erwartet hatte. Hier wird auf wenig pathetische Art herausgearbeitet, dass ein Mensch sich nur selbst befreien kann, indem Verantwortung übernommen wird - für das eigene Handeln sowie das Leben im Allgemeinen. Die Lovestory am Rand hätte es für mich persönlich auch nicht gebraucht, zumal es ja eigentlich gerade darum gehen sollte, dass Beziehungen niemensch retten können, aber davon abgesehen finde ich sie sweet geschrieben.

Ein gut lesbares Buch mit ansprechender Alltagskomik, bei dem es mir streckenweise aber leider an Tiefe fehlte, obwohl viel Potenzial da ist. Bestimmt finden sich Menschen Anfang/Mitte Zwanzig in Penny wieder, sodass ihre Struggle auch richtig wohltuend sein können. Für mein ganz persönliches Empfinden hat der Verlag aber deutlich vielschichtigere Bücher im Programm, die für mich echte Highlights waren. Hier vergebe ich trotzdem wohlmeinende 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 01.03.2025

Ein tolles Werk mit viel Tiefe und Sensibilität zu einem unterrepräsentierten Thema

Die erste halbe Stunde im Paradies
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„Aber die erste halbe Stunde im Paradies - die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann -, diese ...

„Aber die erste halbe Stunde im Paradies - die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann -, diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“ ❤️‍🩹

Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass das Buch so ein Highlight wird. Aber Janine Adomeit hat hier mit sehr klarer, unaufgeregter Sprache ein Werk geschaffen, das ich nicht aus der Hand legen wollte.

Familienromane reizen mich immer besonders und hier haben wir ein herausragendes Exemplar, in dem die Figuren mit ganz viel Tiefe und innerer Ambivalenz überzeugen. Anne ist Pharmavertreterin und möchte sich im nächsten Schritt auf ein Fentanyl-Pflaster für den Palliativbereich fokussieren. Sie ist zielstrebig, analytisch und menschlich eher reserviert. Warum das so ist, wird in sich abwechselnden Zeitebenen geschickt erzählt.

Wir erfahren nämlich von ihrer Vergangenheit als 11-Jährige, in der sie sich gemeinsam mit ihrem gerade erwachsenen Bruder Kai um deren chronisch kranke Mutter kümmern muss. Diese leidet an einer nicht klar benannten, aber sehr klar identifizierbaren degenerativen Erkrankung und kann sich nicht so recht überwinden, Hilfe von außen anzunehmen. Ich finde es bemerkenswert, wie die Autorin hier mit viel Feingefühl die Ambivalenzen dieser Situation herausgearbeitet hat. Denn die kleine Familie bildet eine herzerwärmende, loyale Einheit, die trotzdem nach und nach an ihre Grenzen gerät. Dank des nüchternen, klaren Schreibstils werden die Emotionen auf die Lesenden ausgelagert.

Und Emotionen hatte ich so einige! Ich war wütend auf die Mutter, weil sie ihren Kindern regelrecht trotzig einfach ihre Pflege aufbürdet. Aber ich habe auch zutiefst mitgefühlt mit ihrem Bedürfnis nach Normalität, habe ihre Scham regelrecht greifen können. Auch die Gleichzeitigkeit von Gefühlen bei den beiden Kindern spielt immer wieder eine Rolle - bedingungslose Liebe zueinander trifft hier auf Wut angesichts eigener Freiheitseinschränkungen. Die geteilte Vergangenheit führt schlussendlich dazu, dass Anne Kai nach jahrelangem Kontaktabbruch aus einer Entzugsklinik abholen soll, was in seiner Folge ein echtes moralisches Dilemma auslöst. Denn die Sucht ihres Bruders ist nicht loszulösen von ihrem nächsten Karriereschritt…

Ein absolutes Highlight aus Norddeutschland, das mich mit seiner Sprache und dem Spannungsaufbau durchweg mitgezogen hat. Das Thema der Medikamentenabhängigkeit, das übrigens ca. 3,5 % der deutschen Erwachsenen betrifft, wurde hier mit der nötigen Sensibilität behandelt. Auch der Themenkomplex rund um die Pflege von Angehörigen und wie Familien darunter zerbrechen können, hat hier auf eindringliche Art Raum gefunden. Die Figuren sind liebenswert, greifbar und authentisch, die immer wieder eingebundenen Science-Facts, wie bspw. zur Schmerzregulierung und Wirkung von Analgetika, fand ich einfach klasse. Die Ausführungen zu Annes moralischem Dilemma hätte ich mir zum Schluss zwar noch etwas ausführlicher gewünscht, grundsätzlich finde ich das offene Ende aber gut gewählt.

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