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Veröffentlicht am 25.07.2024

Gut geschriebene Geschichte, aber die Protagonistin hat mich leider einfach nur deprimiert

Was glänzt, verschwindet mit uns
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Ich bin voller Erwartungen in diesen Roman gegangen und er hat sich zu Beginn auch vielversprechend gelesen. Dann aber fand ich die Hauptfigur so unfassbar deprimierend und wenig nachvollziehbar, dass ...

Ich bin voller Erwartungen in diesen Roman gegangen und er hat sich zu Beginn auch vielversprechend gelesen. Dann aber fand ich die Hauptfigur so unfassbar deprimierend und wenig nachvollziehbar, dass ich mich eher geärgert habe.

Nola ist Psychotherapeutin und kommt mit dem Tod ihrer älteren Schwester nicht gut zurecht. Sie flüchtet sich in ihre Arbeit, verleugnet die Realität, entwickelt eine regelrechte Obsession für einen ihrer Patienten (den sie schon zu Schulzeiten kannte und gut fand) und befindet sich zunehmend in einem hochgradig depressiven Zustand, den ich persönlich schwer auszuhalten fand. Ihre Partnerschaft erscheint auch einfach grundlegend furchtbar, distanziert und unnötig, ich konnte sie null nachvollziehen. Besonders über ihre Rolle als Therapeutin habe ich mich sehr geärgert, weil sie meiner Meinung nach komplett unverantwortlich mit ihren Patient*innen umgeht und sich im Verlauf der Handlung auf kontrollierende und manipulative Art in deren Leben einmischt. Auch die Katze ihrer Schwester, um die sie sich kümmern wollte, vernachlässigt sie auf die verheerendste Art und Weise.

Der Roman ist sehr zugänglich und leicht lesbar geschrieben, ich habe mich auch nicht großartig gelangweilt. Doch für mich persönlich war Nola als Hauptfigur einfach zu problematisch, zu selbstbemitleidend, zu übergriffig. Ein Trauerprozess ist natürlich extrem individuell, aber ich komme mit derartigen Charakteren, die sich auch völlig von anderen isolieren, einfach nicht zurecht. Und über meinen Ärger hinaus konnte ich mich leider auch nicht in die Protagonistin einfühlen und entsprechend kein Mitgefühl für sie aufbringen. Dennoch finde ich, dass der psychische Extremzustand authentisch beschrieben wurde.

Menschen, die genau solche schwierigen Figuren mögen und sich gerne von ihnen herausfordern lassen, könnten in diesem Buch etwas sehr Passendes finden, denn literarisch finde ich es durchaus gut. Und sicherlich ist es auch hilfreich mit einer mutmaßlich schwer depressiven Hauptfigur umgehen zu können. Mich hat der Roman leider sehr runtergezogen und er wird mir damit vermutlich auch nicht im Gedächtnis bleiben.

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Veröffentlicht am 24.07.2024

Krimikomödie voller emotionaler Situationskomik und mit einer herzzerreißenden Relevanz

Ein Mann zum Vergraben
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[TW: häusliche Gewalt]

Ich war zu Beginn etwas unsicher, ob mir das Buch mit seiner Krimi-Komponente zu viel ist, weil ich bzgl. Gewaltverbrechen extrem sensibel bin. Und obwohl es natürlich um Totschlag ...

[TW: häusliche Gewalt]

Ich war zu Beginn etwas unsicher, ob mir das Buch mit seiner Krimi-Komponente zu viel ist, weil ich bzgl. Gewaltverbrechen extrem sensibel bin. Und obwohl es natürlich um Totschlag geht, bin ich beeindruckt davon, mit welchem Humor ein so relevantes Thema hier behandelt wird.

Eigentlich geht es Alexia Casale nämlich vor allem darum, das Thema häusliche Gewalt, ganz besonders im Kontext der Corona-Lockdowns, niedrigschwellig an die Menschen zu bringen. In ihrer Arbeit hatte sie nämlich oft das Gefühl, nicht genügend zu erreichen, weil Menschen die patriarchale Gewalt an Frauen und Mädchen (bzw. natürlich FLINTA) zu sehr als „Privatsache“ ansehen und weniger als ein strukturelles Problem. Besonders diese Einordnung im Nachwort der Autorin hat mich emotional noch einmal extrem erschüttert und macht den Roman zu einer klaren Empfehlung.

In „Ein Mann zum Vergraben“ begleiten wir vier Ehefrauen (und zum Teil deren Töchter) verschiedener Schichten und race. Zwei waren einmal befreundet, alle anderen kennen sich gar nicht. Bis sie alle ihre gewalttätigen Männer umbringen und zufällig aufeinanderstoßen. Es formt sich ein ganz besonderer Club, der geprägt ist von bedingungsloser Solidarität und Freundinnenschaft. 🤍

Begleitet von allerlei Widrigkeiten, die an Situationskomik kaum zu übertreffen sind, müssen sie nun nicht nur vier Leichen beseitigen, sondern sich auch einen plausiblen Grund für das Verschwinden ihrer Männer einfallen lassen.

Ich mochte besonders, dass es hier überhaupt nicht darum geht, (tödliche) Gewalt als etwas Lustiges darzustellen. Stattdessen macht der Roman Raum für moralische Fragen. Welche Optionen haben Frauen, die unter der Gewalt ihrer Ehemänner leiden? Wenn die ihre Töchter zwangsverheiraten wollen? Oder sogar das Leben der Kinder bedrohen? Was, wenn aufgrund eines Lockdowns die sowieso begrenzten Hilfsangebote noch weiter beschränkt werden? Können wir als Leser*innen ihre Erleichterung nachvollziehen?

Der Humor des Romans ist ein schwarzer, doch er nimmt dem Thema nie die Ernsthaftigkeit. Casale ist es dabei gelungen zu transportieren, dass patriarchale Gewalt unabhängig von religiösen und kulturellen Einflüssen überall zu finden ist ohne dabei z. B. rassistische Stereotype zu bedienen. Ebenfalls schafft es die Autorin, die emotionale Ambivalenz der Frauen nach der Tat abzubilden. Die Krimi-Aspekte finde ich so reduziert beschrieben, dass der Roman auch von sensibleren Gemütern gelesen werden kann. Die deutsche Übersetzung war an einigen Stellen etwas holprig, das ist aber mein einziger Kritikpunkt.

Ich gehe bedrückt, aber auch bestärkt aus der Lektüre hervor. Mein Herz bricht für all die Gewalt, die FLINTA weltweit besonders in ihren Beziehungen ertragen müssen. Solange sich nichts grundlegend ändert, bleibt uns zumindest die Solidarität untereinander. Und das ist eindeutig die große Stärke des Romans.

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Veröffentlicht am 23.07.2024

Voller Humor und mit Leichtigkeit erzählte Suche nach dem eigenen Vater (und der eigenen Identität)

Land in Sicht
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Das Buch lässt sich in seiner Kürze einfach unfassbar flüssig lesen. Der Schreibstil ist leicht und von einem feinen Humor geprägt. Es ist absolut beeindruckend, wie Ilona Hartmann hier ernste Themen auf ...

Das Buch lässt sich in seiner Kürze einfach unfassbar flüssig lesen. Der Schreibstil ist leicht und von einem feinen Humor geprägt. Es ist absolut beeindruckend, wie Ilona Hartmann hier ernste Themen auf eine so leichtfüßige Weise behandelt, ohne ihnen dabei die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Jana sucht ihren Vater und geht dabei an Bord eines Kreuzfahrtschiffes auf der Donau, auf welchem er der Kapitän ist. Es geht aber nicht nur um das Annähern der beiden, um das Gegenüberstellen von Erwartungen und Realität, um die Erinnerung an sein Fehlen. Ilona Hartmann reflektiert durch ihre Protagonistin auch über ganz andere Themen, die meine inner millenial sehr deutlich angesprochen haben.

Wie ist eigentlich das wirkliche "Coming of Age"-Leben? Welche Rolle hätte ein Vater spielen können, wäre er zumindest physisch anwesend gewesen? Was genau sind die eigenen Vorstellungen von der Zukunft? Und trotz all dieser bedeutenden Fragen wird das Buch nie schwer.

Ich hatte mit dem Buch eine sehr gute Lesezeit und musste etliche Male lachen. Emotional hätte es für mich noch ein wenig intensiver sein können, die Handlung springt dafür dann doch etwas zu schnell hin und her. Doch alle, die eine kurzweilige und humorvolle Lektüre suchen, werden mit "Land in Sicht" glücklich sein.

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Veröffentlicht am 22.07.2024

Eine Essaysammlung mit radikalen Gedankengängen, vielen Anekdoten und wichtiger Systemkritik

Potenziell furchtbare Tage
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Dieses Sachbuch ist sicherlich nicht jedermenschs Geschmack, dafür ist die direkte Art Jankovskas wohl einfach zu unkonventionell. Wer in der Lage ist, die persönlichen Erfahrungen und Gedanken der Autorin ...

Dieses Sachbuch ist sicherlich nicht jedermenschs Geschmack, dafür ist die direkte Art Jankovskas wohl einfach zu unkonventionell. Wer in der Lage ist, die persönlichen Erfahrungen und Gedanken der Autorin von sich selbst zu trennen, kann hier aber gute Anstöße bekommen.

Ich mochte die etwas rotzige Schreibweise der Autorin, ebenso wie ihre fundamentale Systemkritik - auch, wenn ihre Lösungsvorschläge und -ideen sicherlich diskutiert werden können (nichts anderes sagt sie allerdings auch). In essayistischer Art schreibt Jankovska über Leistungsdruck im Kapitalismus, die Benachteiligung von Menstruierenden und über mögliche Gegenmaßnahmen. Die vielen radikalen Ansätze zu Anti-Work fand ich sehr interessant und wohltuend. Mit ihrer grundlegend antikapitalistischen Einstellung trifft sie bei mir auch einen Nerv und ich denke, eine derartige sollte auch gegeben sein, damit das Buch ein angenehmes Leseerlebnis wird.

Rückblickend finde ich den Titel, der ein Werk über den Zusammenhang von Menstrual Health, Anti-Work und das gute Leben suggeriert, nicht so gut gewählt. Alle Themen werden zwar behandelt, aber oft unabhängig voneinander. Lesende sollten kein Problem mit Essays haben, die sich lose aufeinander beziehen. Denn einen roten Faden habe ich oft vergeblich gesucht.

Auch das Thema Mutterschaft/Abtreibung wird emotional recht intensiv behandelt. Mich persönlich hat das positiv angesprochen, ich kann mir aber vorstellen, dass Mütter bzw. Eltern gewisse Dinge persönlich nehmen. Das kann bei diesem Buch aufgrund der direkten Schreibart immer mal wieder passieren. Wer das nicht trennen kann, wird hier eher nicht glücklich werden.

Ich verstehe das Buch als ein persönliches mit vielen radikalen Ideen, die Aushandlungsprozesse anstoßen sollen und nicht den Anspruch haben, eine Lösung für alle Probleme darzustellen. Als ich mich von meiner Erwartung einer klaren Struktur getrennt hatte, habe ich die essayistischen Texte sehr gern gelesen. Aufgrund der anekdotischen Art lässt sich das Buch schnell lesen und ist dadurch auch kein klassisches Sachbuch. Ich konnte einige Impulse mitnehmen und habe mich phasenweise sehr verstanden gefühlt. Viele Sachen waren mir allerdings auch nicht neu, weshalb ich es in großen Teilen einfach als Unterhaltung gelesen habe.

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Veröffentlicht am 21.07.2024

Leichter Lesefluss und tolles Plädoyer für mehr Toleranz, für mich aufgrund der Protagonistin aber nicht so passend

Love, unconventionally
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Der Roman liest sich auf jeden Fall super schnell, der Schreibstil ist also sicher zugänglich für viele Menschen. Ich finde ihn thematisch spannend und war super überrascht vom großen Thema! Dafür gibt ...

Der Roman liest sich auf jeden Fall super schnell, der Schreibstil ist also sicher zugänglich für viele Menschen. Ich finde ihn thematisch spannend und war super überrascht vom großen Thema! Dafür gibt es von mir auch Pluspunkte, denn Sexarbeitsfeindlichkeit ist so präsent in dieser Gesellschaft und im Rahmen eines Romans für den Abbau von Vorurteilen zu kämpfen, lobe ich sehr. Dass es einige spicy Szenen gab, hat mir ebenso gut gefallen. 🌶️

Auch, dass es diverse Figuren und Lebensmodelle im Roman gab, finde ich gut. Sprachlich gab es für mich hingegen ein paar Dinge, die noch verbessert und inklusiver formuliert werden können.

Es fehlte mir zudem etwas am Comedy-Aspekt, ich würde es eher als Romance mit einem klaren Plädoyer für mehr Toleranz und sexuelle Freiheit einordnen.

Die immer wieder eingewobenen Rezepte sind leider sehr tierproduktlastig, was meiner Meinung nach einer freiheitlichen Vorstellung widerspricht. Wer sich daran nicht stört, kann sicherlich einfach weiterlesen, mich haben diese Passagen aber enorm geärgert.

Mein Hauptkritikpunkt ist, dass ich einfach gar keinen Bezug zu Claire hatte und mir Leon wiederum zu eindimensional war. Klar, er hat das große Geheimnis, aber ansonsten scheint er keine "Fehler" zu haben. Ich mag ambivalente Figuren lieber, aber das ist nur meine persönliche Präferenz. Ich verstehe auch, dass viele Menschen so nette Charaktere super schön finden. 
Claire ist einfach gar nicht mein cup of tea. Wir sind zwar ähnlich alt, aber mir gingen ihr Selbstmitleid und ihre sich ständig wiederholenden Gedankengänge mit den ganzen Vorurteilen ehrlicherweise auf die Nerven. Ich bin aber in meinem Toleranzdenken einfach schon deutlich weiter und sehe mich deshalb nicht als Zielgruppe des Romans.

Ich empfehle das Buch für Menschen, die keine Berührungsängste haben und sich vielleicht bezüglich des eigenen Toleranzdenkens testen wollen. Dafür ist der Roman nämlich wirklich gut geeignet und wird dann für eine gute Lesezeit sorgen.

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