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Veröffentlicht am 22.09.2025

Kann Virginia Woolfs Füllfederhalter töten?

Das vergessene Museum
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Ein Leben kann sich innerhalb weniger Minuten grundlegend ändern. Genau das passiert Fahrradkurier Liam. Gerade noch wollte er in einem geheimnisvollen Museum sein letztes Päckchen zustellen, da wird er ...

Ein Leben kann sich innerhalb weniger Minuten grundlegend ändern. Genau das passiert Fahrradkurier Liam. Gerade noch wollte er in einem geheimnisvollen Museum sein letztes Päckchen zustellen, da wird er Zeuge eines scheußlichen Mordes. Der sterbende Kurator bestimmt ihn überraschend zu seinem Nachfolger und stellt damit Liams Leben auf den Kopf.
Andreas Suchanek hat mich mit „Das vergessene Museum: Der Siegelwahrer von London“ dem Auftaktband seiner neuen Urban Fantasy-Reihe von Beginn an gefesselt.

Der 27-jährige Liam Relish wohnt mit seinem besten Freund, dem Computernerd Harry, in Whitechapel. Als am Tag nach dem Mord der Nachlassverwalter des getöteten Kurators Rupert Bradford die kleine Wohnung betritt, verändert sich Liams Leben für immer. Der Anwalt teilt ihm mit, dass Mr. Bradford das Museum und alles was dazugehört an seinen langjährigen Schüler vererbt, nämlich ihn! Der pragmatische Harry drängt Liam, das Erbe anzunehmen, nicht zuletzt, damit er sich einen guten Anwalt leisten kann. Denn die Polizei sieht im Erbe ein mögliches Mordmotiv. Liam lässt sich überzeugen und ist erleichtert, dass Harry mit umzieht. Abends wird er von dem düsteren Schattenmörder, der Mr. Bradford tötete, mit einem magischen, bluttrinkenden Dolch angegriffen. Dank Harrys klugen und beherzten Eingreifens scheitert der Anschlag. Liam, der bisher nur an Magie in Büchern glaubte, muss seine Meinung ändern. Erst recht als er im Museum, das zahlreiche magische Artefakte birgt, seinen künftigen Lehrer trifft. Es ist Mr. Bradford, der als Geist weiterlebt. Und das ist nicht das Bizarrste, was Liam widerfährt.

Andreas Suchanek schreibt flüssig, bilderreich und sehr fantasievoll. Mühelos erzeugt er von der ersten Seite an Spannung. Seine Charakter sind stimmig und größtenteils sympathisch. Liam, Harry, Mr. Bradford und der snobistische, aber niedliche Hund Shakespeare erleben spannende Abenteuer, die die beiden jungen Männer bis nach Berlin führen. Das Buch gipfelt in einem rasanten Showdown mit Zeitbrücken und einigem magischen Schnickschnack, der konzentriertes Lesen erfordert. Ich habe diese Passage einfach zweimal gelesen. Die Spannung hält bis zum Schluss an. Dann endet die Geschichte, natürlich, mit einem fiesen Cliffhanger. Vorher wird noch der finstere Schattenmörder gestellt, dessen Identität mich wirklich überrascht hat und trotzdem stimmig ist. Begeistert haben mich die zahlreichen kreativen Ideen des Autors, die für beste Unterhaltung sorgen. Besonders vielversprechend für den nächsten Band erscheint mir Liams unbekannte Herkunft, er wuchs im Waisenhaus auf, und seine Affinität zur Magie. Ich bin sehr gespannt, was es da noch zu entdecken gibt.

Ich liebe Urban Fantasy und Andreas Suchanek ist sehr gut darin. Die Werbung des Verlags „Perfekt für Fans von Ben Aaronovitch …“ (bin ich), kann ich bestätigen, obwohl Andreas Suchanek ganz andere und doch ähnliche Geschichten schreibt. Da ich am liebsten einfach weitergelesen hätte und schon dem zweiten Band entgegenfiebre, gibt es von mir die volle Punktzahl und eine Empfehlung an alle Fans von Urban Fantasy.

Zur Titelfrage. Das Schreibgerät soll eine gefährliche Waffe sein, aber bisher hat der Füller diese Behauptung (noch) nicht bestätigt.


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Veröffentlicht am 19.09.2025

Mord auf Mackinac Island

Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
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Die 77-jährige Rosemary, für ihre Freunde Mimi, führt seit 23 Jahren ein zurückgezogenes Leben auf der autofreien Insel Mackinac. Da droht eine Erpressung ihr Idyll zu zerstören. Mimi muss sich dieser ...

Die 77-jährige Rosemary, für ihre Freunde Mimi, führt seit 23 Jahren ein zurückgezogenes Leben auf der autofreien Insel Mackinac. Da droht eine Erpressung ihr Idyll zu zerstören. Mimi muss sich dieser Konfrontation stellen, bittet aber ihre Enkelin Addie um Hilfe, da sie sich fürchtet. Gemeinsam besuchen die beiden sehr unterschiedlichen Frauen eine Party und landen in einem mörderischen Albtraum ...
Kelly Mullen ist mit „Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste“ ein spannender Krimi im Stil einer modernen Agatha Christie gelungen.

Rosemary erhält eine Einladung zu einer Party in der Nachbarschaft. Sie muss hingehen, den zusammen mit der Einladung erhält sie die Drohung, dass bei Fernbleiben, ihr schlimmstes Geheimnis offenbart wird. Woher weiß Nachbarin Jane, was Mimi vor vielen Jahren getan hat? Höchst beunruhigt alarmiert sie ihre Enkelin, die PC-Spieleentwicklerin Addie. Obwohl ihr Verhältnis angespannt ist, eilt diese ihrer Granny zu Hilfe. Auf der Party treffen sie wenige handverlesene Gäste, von denen einige ebenfalls erpresst werden. Zum Auftakt der Fete wird die Zugbrücke, der einzige Zugang zum Anwesen, hochgezogen. Eine Auktion, die den Opfern der Erpressung horrende Summen abverlangt, schließt sich daran an. Dann wird die Gastgeberin, die zunächst einen merkwürdigen Eindruck macht, tot in ihrem Bett gefunden. Ermordet. Anscheinend versucht jemand Mimi den Mord anzuhängen, den die Tatwaffe wird ihr untergeschoben. Ein Jahrhundertschneesturm und ein Stromausfall komplettieren die äußerst missliche Lage der Partygäste. Und der Killer ist noch nicht fertig.

Kelly Mullen schreibt flüssig und versteht es vortrefflich, Spannung aufzubauen und zu halten. Mit Mimi MacLaine und ihrer Enkelin Addie verfügt sie über ein sympathisches Ermittlerteam, das sich wunderbar ergänzt und nachvollziehbar dem Täter auf die Spur kommt. Die komplizierte Beziehung der Frauen wird während der Ermittlung ebenso durchleuchtet wie die individuellen Probleme, die beide beschäftigen. Derweil befinden sie sich in höchster Gefahr und sind auf sich allein gestellt, da die Polizei nicht auf das Anwesen gelangen kann. Besonders reizvoll fand ich die Idee, dass Addie die Ermittlung im Stil eines PC-Games aufzieht. Damit Mimi nicht außen vor bleibt, muss sie diese (und mich) in ihre Spielewelt einführen, was ihr gut gelingt. Die übrigen Protagonisten bleiben dagegen etwas blass. Bald stellt sich heraus, dass nichts so ist wie angenommen, doch letztlich, nach einigen Wendungen, wird der Täter entlarvt und der Fall logisch aufgeklärt.

Mir hat der Krimi gut gefallen. Das Setting mit der Kombination altes Herrenhaus, hochgezogene Zugbrücke mit geheimem Code, heftiger Schneesturm und Stromausfall überzeugt, obwohl es nicht neu ist. Die Könnerschaft einer Agatha Christie wird zwar nicht erreicht, aber Addies Ermittlungsansatz und Mimis spröder Humor sind erfrischend und unterhaltend. Ein paar Verwicklungen zusätzlich hätten dem Krimi gutgetan, ebenso mehr Tiefe für die Nebencharaktere und ein konsequenteres Korrektorat. Insgesamt finde ich das Buch dennoch spannend und lesenswert. Ich kann mir Mimi und Addie gut in weiteren Fällen vorstellen, die ich dann auch lesen würde.

Von mir gibt es eine Leseempfehlung an alle Fans von britischem Cosy Crime und gute vier Sterne.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Ein Fest mit schrecklichem Ende

Post, Mord und Provinzgeflüster - Tod an einem stillen Ort
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Familie Flammang lädt zur Feier des 500-jährigen Jubiläums ihres Anwesens ein. Sogar Tochter Jou, Rose Tochter und Sullys Jugendschwarm, reist extra aus Norwegen an. Das Fest ist in vollem Gange als Serges ...

Familie Flammang lädt zur Feier des 500-jährigen Jubiläums ihres Anwesens ein. Sogar Tochter Jou, Rose Tochter und Sullys Jugendschwarm, reist extra aus Norwegen an. Das Fest ist in vollem Gange als Serges Kollege Pol tot aufgefunden wird. Ausgerechnet Jou gerät in den Fokus der Ermittler. Wird Sully den wahren Täter finden? Auch Jill Kaltenborns dritter Fall hat mich gefesselt.

Jou findet Pol während der Feier tot im Haus. Zunächst ist unklar, wie er ums Leben kam. War es ein Herzinfarkt oder ein Verbrechen? Als sich herausstellt, warum Pol gestorben ist, gerät Jou unter dringenden Tatverdacht. Als Ärztin hatte sie das für die Tötung erforderliche Wissen und außerdem war da noch eine Rechnung zwischen ihr und dem Opfer offen.

Es menschelt wieder sehr in diesem Krimi und das gefällt mir ausgezeichnet. Sully hat Probleme, sich auf seine Ermittlung zu konzentrieren, weil ihm der nötige Abstand fehlt. Er hält es für völlig ausgeschlossen, dass Jou zu einem Mord fähig wäre. Rose hat dieses Mal keine Lust, Detektiv
zu spielen. Es ist rührend, wie sie Sully um Hilfe bittet. Rose fürchtet, dass ihre Tochter wegen der Anschuldigungen der Polizei, Luxemburg für immer den Rücken kehren wird. Claires unsympathischer Kollege Hoffmann scheint versessen darauf zu sein, Jou zu verhaften. Leider sprechen auch die Indizien gegen sie. Folglich ist der radelnde Detektiv gefragter denn je.

Der Fall erweist sich als verzwickt. Bis kurz vor Schluss war ich auf einer völlig falschen Spur und verdächtigte einen wenig sympathischen Unschuldigen. Spannend, dass mich ausgerechnet der demente Nachbar Kremer auf die richtige Lösung brachte.

Sully kann den Tod von Pol restlos aufklären. Die Lösung war für mich überraschend, aber logisch. Mir gefällt an Kaltenborns Krimis besonders, dass es sich bei den Fällen ihres Amateurdetektivs nicht immer um Morde handelt.

Sully denkt zum ersten Mal darüber nach, Wiesbaden hinter sich zu lassen und sich endgültig in Luxemburg niederzulassen. Noch fühlt sich das wie ein Verrat an der toten Sara an, aber ein Anfang ist gemacht. Hat das damit zu tun, dass sich die zarten Bande zwischen Claire und Sully allmählich zu verstärken scheinen?

Es bleibt weiterhin spannend. Jill Kaltenborn versteht es ausgezeichnet, die Leser an der Entwicklung ihres sympathischen Ermittlers teilhaben zu lassen. Das führt zu der Frage, was wird Sully künftig machen? Ich bin jedenfalls neugierig, wie es mit dem Detektiv und seiner Luxemburger Familie weitergeht.

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Veröffentlicht am 13.09.2025

Mord im Weinberg

Winzergrab
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Bei einer der beliebten Funzelfahrten in rheinhessischen Weinbergen nimmt der Junggesellinnenabschied für die Braut ein abruptes Ende. Als diese sich kurz in die Büsche zurückzieht, findet sie dort eine ...

Bei einer der beliebten Funzelfahrten in rheinhessischen Weinbergen nimmt der Junggesellinnenabschied für die Braut ein abruptes Ende. Als diese sich kurz in die Büsche zurückzieht, findet sie dort eine Leiche. Winzertochter Kerstin war erst vor kurzem in ihr Heimatdorf zurückgekehrt. Jetzt liegt sie tot im Unterholz, ermordet, wie sich bald herausstellt. Mit "Winzergrab" präsentiert uns Autor Andreas Wagner den 4. Fall seines nach Dosenwurst süchtigen Amateurdetektivs Kurt-Otto Hattemer. Der launige Regionalkrimi hat mich nach etwas zähem Beginn gut unterhalten.

Wie so oft in Familiendramen scheint sich alles ums Erbe zu drehen. Der erfolgreiche und vermögende Winzer Hans-Georg Algesheimer hat drei Kinder, Kerstin und zwei Söhne. Der Jüngste, Jörn, hat das väterliche Geschäft übernommen und wartet ungeduldig darauf, endlich das Gut überschrieben zu bekommen. Derweil hadern seine älteren Geschwister mit ihrer Abfindung und wünschen sich mehr vom Kuchen. Beunruhigt beobachtet Jörn, wie Kerstin den Vater umgarnt. Dann wird seine Schwester ermordet und die Polizei scheint bei der Tätersuche im Dunkeln zu Tappen. Deshalb beginnt Hobbydetektiv Kurt-Otto Hattemer selbst zu ermitteln. Zunächst macht er sich erfolgreich auf die Suche nach der Tatwaffe und unterstützt so wirkungsvoll die Polizei. Doch bald gibt es einen weiteren Toten ...

Ziemlich skurrile Typen bevölkern das Weindorf Essenheim. So die betagte Posthalters Sigrun, eine der drei "lebenden Gardinen" mit ihrem kreativen Geschäftsmodell, oder unser Hobbydetektiv Kurt-Otto, der stets befürchtet von seiner Frau Renate auf Diät gesetzt zu werden. Um nicht auf seine geliebte Dosenwurst verzichten zu müssen, findet er ungewöhnliche Verstecke für seinen Notvorrat. Wagner erzählt flüssig und locker, manche humorvolle Szene erinnert an einen Cosy Crime. Er geizt nicht mit seinem Wissen als Winzer und der Leser erfährt Vieles über die Situation der Weinbauern, ihr Handwerk und ihr Produkt.

Das Mordmotiv scheint zunächst offensichtlich. Doch ging es dabei wirklich um Geld? Neben Kerstins Anspruch auf ein größeres Erbe war da noch ein undurchsichtiger Journalist, dem sie ein Interview zugesagt hatte. Friedbert Führich sucht Informationen über das Schicksal jüdischer Weinhändler in der Region während der NS-Zeit. Wollte jemand die Weitergabe dieser brisanten Informationen verhindern oder handelt es sich beim Mord um ein Sexualdelikt?

Kerstins Tod wird nicht zuletzt dank Kurt-Ottos Mithilfe restlos aufgeklärt. Dabei sorgen einige Wendungen für Spannung. Doch nicht alles Wissenswerte kommt ans Tageslicht, manches nehmen die Verstorbenen mit in ihr Grab.

Mich hat der Regionalkrimi gut unterhalten. Die Sachkenntnis des Autors bezüglich Weinbau, Land und Leuten ist gut spürbar. Der langatmige Einstieg hat meine Leselust etwas gebremst und ganz soviel Fachwissen hätte ich nicht benötigt. Dafür ist Kurt-Otto Hattemer mit seinen Schrullen ein wirklich sympathischer Ermittler, den ich gern begleitet habe.

Ich vergebe gute 4 Sterne und eine Leseempfehlung an alle Fans von Regionalkrimis und Wein. Das Buch ist auch ohne Kenntnisse der Vorgängerbände gut lesbar.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Wie alles begann

Rabenthron
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1013. England liegt darnieder und hat den marodierenden Wikingern wenig entgegenzusetzen. Ein schwacher König, Æthelred der Unberatene, verschärft die Lage. Ælfric of Helmsby, ein junger Engländer, bricht ...

1013. England liegt darnieder und hat den marodierenden Wikingern wenig entgegenzusetzen. Ein schwacher König, Æthelred der Unberatene, verschärft die Lage. Ælfric of Helmsby, ein junger Engländer, bricht aus persönlichen Gründen nach London auf und wird so Teil einer spannenden Epoche der englischen Geschichte. Mit dem Prequel „Rabenthron“ vollendet Rebecca Gablé nach knapp 20 Jahren ihre Helmsby Trilogie. Überzeugend und unterhaltsam, wie ich finde.

Es herrschen harte Zeiten. Die englische Bevölkerung ächzt unter den hohen Abgaben, die zu leisten sind. Das sogenannte „Danegeld“ soll die Dänen von weiteren Überfällen auf England abhalten. Doch Sven Gabelbart und seine Wikinger überfallen das Land weiterhin nach Belieben. Das Volk ist Raub, Mord, Vergewaltigung und Verschleppung willkürlich ausgesetzt. Dann reißt Sven Gabelbart die Macht an sich und erobert den englischen Thron. König Æthelred flieht in die Normandie, die Heimat seiner Gemahlin Emma. Doch Sven bringt der englische Thron keine Glück. Er stirbt nach wenigen Monaten Regierungszeit und Æthelred kehrt mit seiner Familie nach England zurück. Die Kämpfe gehen weiter.

Das Buch berichtet über die Geschehnisse von 1013 bis 1041. In dieser Zeit sieht England sieben verschiedene Regenten auf seinem Thron. Gablé schildert den Übergang der Krone von den Angelsachsen über die Dänen zu den Normannen. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die normannische Prinzessin Emma ein, die, als 14-Jährige, mit dem viel älteren Æthelred verheiratet wird. Als dessen Witwe ehelicht sie später Gabelbarts Sohn Knud. So wird sie zweimal Königin von England und die Mutter zweier englischer Regenten. Sie ist eine kluge Strategin, mit Machtinstinkt und Resilienz, die wenig Lust verspürt, ohnmächtig ihrem Schicksal entgegenzusehen. Stets eng an ihrer Seite befindet sich Ælfric of Helmsby als Berater, Unterstützer und Freund.

Wie immer vermischt Rebecca Gablé auf gekonnte Weise Fiktion und historische Fakten. Der Leser verfolgt die Schlachten, Intrigen und Verhandlungen, die die Geschicke der Herrscher über England in dieser Zeit prägen. Gleichzeitig verfolgen wir an der Seite Ælfrics und seines Sohnes Penda, wie die Ereignisse außerhalb des Hofes und im normannischen Exil verlaufen. Ergänzt wird die Erzählung durch einige Romanzen, einen historisch verbürgten Flugversuch, schmählichen Verrat und mysteriöse Todesfälle.

Gablés Sprache lässt bei mir keine Wünsche offen. Sie schreibt gewohnt flüssig und bildhaft. Die Mischung aus Fiktion und Fakten erscheint mir ausgewogen und sehr gelungen, wobei dieses Mal der historische Anteil überwiegt. Gablés Charaktere sind wie immer überzeugend, ob es sich um skrupellose Intriganten wie den Raffer oder Godwin handelt oder Sympathieträger wie Godgifu oder Eilmer. Die Lektüre hat mich schnell gefesselt und ich habe äußerst ungern Lesepausen eingelegt. Da meine Kenntnisse der englischen Geschichte vor 1066 bescheiden waren, konnte ich einiges Neues erfahren und mein Wissen erweitern. Wäre mein Geschichtsunterricht annähernd so spannend und mitreißend gewesen wie dieses Buch, hätte ich weniger Lücken füllen müssen. Gablé versteht es zudem vortrefflich, mich zu eigenen Recherchen anzuregen.

Ein paar kleine Kritikpunkte habe ich dennoch anzumerken. Ælfrics Gutmenschentum war mir zu stark ausgeprägt für einen Thane im 11. Jahrhundert. Was er seinem Cousin Offa alles nachsah, von Verrat und Meineid bis hin zur Folterung von Ælfrics schwangerer Tochter, erschien mir wenig glaubwürdig. Dann war für mich die dritte Rettung in letzter Minute, eine zu viel. Aber, na ja, das ist dichterische Freiheit. Obwohl ich das Buchende zudem als ziemlich abrupt empfand, vergebe ich trotzdem 4,5 Punkte, da ich den historischen Input als ebenso hervorragend empfand wie Gablés Schreibstil. Zusammenfassend gesagt, „Rabenthron“ erweist sich als würdiger Auftakt der Helmsby Trilogie.

Da sich viele Namen ähneln, erweist sich das Personenverzeichnis am Buchanfang als besonders wichtig. Das von mir bei allen Büchern der Autorin hochgeschätzte Nachwort schließt „Rabenthron“ ab. Die Einordnung in Fakten und Fiktionen beweist einmal mehr, dass die abenteuerlichsten Geschichten, wie die Umstände von Edmunds Ermordung, Eilmers Flugversuch oder Harolds Satanismus der Realität entsprechen.

Was uns zu denken geben sollte, von elf (!) Prinzen blieb nur einer übrig – derjenige, der die Krone eigentlich nicht wollte ...

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