Lebensgeschichten der herausfordernden Art
Wo das Schweigen wohntDieses Buch von Lea Söhner ist so berührend, brutal und voller Liebe, das muss man einfach gelesen haben. Gerade die Generation, die jetzt heranwächst, weiß kaum noch etwas von den unwürdigen, brutalen ...
Dieses Buch von Lea Söhner ist so berührend, brutal und voller Liebe, das muss man einfach gelesen haben. Gerade die Generation, die jetzt heranwächst, weiß kaum noch etwas von den unwürdigen, brutalen Seiten des zweiten Weltkrieges und was dies mit und aus den Menschen gemacht hat, die betroffen waren. Freund und Feind hatten Jahrzehnte danach mit den Traumata zu kämpfen, egal ob sie jemandem etwas angetan haben oder ihnen etwas angetan wurde.
Das Buch beschreibt über mehrere Generationen, wie sich das anfühlt, wenn man geliebt werden möchte, es aber nicht zeigen kann und umgekehrt. Da kommen oft recht unschöne Seiten ans Tageslicht. Schon der Titel sagt vieles aus, denn man muss unbedingt reden, je früher, desto besser.
Die Handlung zieht sich von 1944, das Jahr, in dem der Vater der Protagonistin Margarethe von Lortz, wie sie damals hieß, standrechtlich erschossen wurde. Danach war die Welt eine andere. Auch die Mutter wurde abgeholt, sie und ihre Geschwister sahen sie nie wieder.
Danach die Vertreibung, die Flucht, die sie nach Königsberg führte, wo sie nach und nach auch ihre Geschwister verlor. Die Engländer und die Russen ließen keinen Stein auf dem anderen, aber auch die Menschlichkeit kam zum Zug. Margarethe und ihre damals noch lebenden Schwestern, der Bruder war mit einer Hausangestellten eigene Wege gegangen, wurden ausgerechnet von einem Deutschrussen, einem Bär von Mann, aus einem brennenden versperrten Haus gerettet. Auch das hat es gegeben.
Vieles ist inzwischen passiert, dann trifft sie ihn wieder.
Im Jahr 2013 im Schwarzwald endet die Geschichte- vorerst. Mit dem Selbstmord Margret Rasmussens, so nennt sie sich .
Und da erfährt ihre Tochter Alma, die bis dahin gedacht hatte, sie sei das einzige Kind, dass sie einen Bruder hat. Und nicht nur dieses Geheimnis wird gelüftet, man beginnt endlich, miteinander zu sprechen, was jedem einzelnen schwer fällt, aber der Tod Margrets löst so manche Bremse.
So einfühlsam und doch sehr herausfordernd , beinahe trocken erzählt die Autorin diese Geschichte, die fast nicht auszuhalten scheint, und doch liest man fasziniert weiter.
Wo das Schweigen wohnt, hat im Buch die Musikalität aller viel dazu beigetragen, dass nun auch Worte und Sätze, ja ganze Lebensbeichten hervorkommen.
Ein sehr lesenswertes Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte. Auch eine Triggerwarnung am Ende des Buches ist zu erwähnen.
Auch das Cover hat Aussagekraft.