Schmales Buch, tiefe Gefühle
Das Liebespaar des Jahrhunderts"In was verwandelt man sich, wenn der andere aufhört, einen zu lieben? Verwandelt man sich in sich selbst zurück? Ist man, wenn man aus einer Liebesbeziehung entlassen wird, noch immer der Mensch, in den ...
"In was verwandelt man sich, wenn der andere aufhört, einen zu lieben? Verwandelt man sich in sich selbst zurück? Ist man, wenn man aus einer Liebesbeziehung entlassen wird, noch immer der Mensch, in den der andere sich einst verliebt hat?" (S 76)
In diesem leisen Roman von Julia Schon drehen sich die Gedanken und Erzählungen einer Frau um jede noch so kleine Einzelheit der Liebe. Die namenlose Protagonistin möchte ihren Mann verlassen und erzählt die Geschichte ihrer Liebe, vom Anfang bis zu ihrem scheinbaren Ende. Dabei setzt sie sich stark mit ihrem Selbstbild auseinander (s.o.) und analysiert sich und ihren Mann gnadenlos.
Ich muss zugeben, dass ich noch nie ein so intimes Buch gelesen habe. Und obwohl es eine fiktive Erzählung ist, schwang teilweise eine, mir manchmal etwas unangenehme, voyeuristische Grundstimmung mit. Die starke Reflektion der Protagonistin schwappt schnell auf die Leserinnen über und es ist schwer, als solche nicht in eine be- bzw. verurteilende Position zu fallen. Auch, wenn mir die Überlegungen der Frau sehr gefallen haben, war mir der teilweise stark vorwurfsvolle Ton gegenüber ihrem Mann etwas unangenehm. Dieser blieb auch, für mich persönlich, die ganze Erzählung über sehr unscheinbar und als Figur wenig greifbar.
Alles in allem ist "Das Liebespaar des Jahrhunderts" ein sehr ruhiges, hochgradig emotionales Buch, welches zwar leise und schmal daher kommt (190 Seiten!), aber die Leserinnen sofort in die einnehmende Gefühlswelt der erzählenden Frau hineinwirft. Ein sehr gutes Buch, außerhalb meiner sonstigen Komfortzone.