"Messer vor Leben"
Emotional FemaleEin leiser, tragischer Leitspruch des Romans, mit einer tiefgreifenden persönlichen-existenziellen und kritischen Bedeutung.
Er thematisiert eindrucksvoll die Spannung zwischen Berufung und persönlichen ...
Ein leiser, tragischer Leitspruch des Romans, mit einer tiefgreifenden persönlichen-existenziellen und kritischen Bedeutung.
Er thematisiert eindrucksvoll die Spannung zwischen Berufung und persönlichen Verlust.
Er wird zur bitteren Selbsterkenntnis oder sogar zu einer Anklage gegen das System, das von Chirurg:innen fordert, ihre eigenen Lebensbereiche (Familie, Freizeit, Selbstfürsorge) zugunsten ihrer Arbeit zu opfern.
Yumiko Kadota, bereits in ihrer Kindheit durch japanischen Leistungsethos geprägt, erzählt eindrücklich ihren Weg von der ehrgeizigen Medizinstudentin zur angehenden plastischen Chirurgin in Australien.
Sie schildert ihren alltäglichen Klinikalltag, geprägt von Überarbeitung, Sexismus, sexuelle Belästigung durch übergestellte „Kollegen“, Mobbing und Rassismus, stets als zu schwach - als„emotional female" abgewertet.
Durch die tagelangen 24-Stunden-Schichten und Rufbereitschaften plagten sie massive Erschöpfungszustände, Vereinsamung, geistige Unruhe und Schlafprobleme.
Sie besaß keine Zeit mehr, Beziehungen zu pflegen, pflegte kaum noch Kontakte zu Freunden, Eltern und Geschwistern, achtete kaum noch auf ihre eigene Bedürfnisse, vergaß Rechnungen zu bezahlen, aß nicht mehr vernünftig, äußert lautstark ihren Frust und ihre Unzufriedenheit, distanzierte sich psychisch von ihrer Arbeit bis hin zu Gedanken an Selbstverletzung.
Sie agierte nur noch im Überlebensmodus.
Schon beim Lesen kann man den Druck und den Stress spüren. Man fühlt sich als Leser selbst total gehetzt und aufgewühlt. Der kommende Burnout schrie einem förmlich aus dem Buch entgegen.
Zu der fehlenden beruflichen Unterstützung und beruflichen Überforderung, kamen noch Zulassungsprobleme und die damit verbundene drohende Arbeitslosigkeit und der Verlust ihres Selbstwertgefühls.
Auch die „Flucht“ in den Sport, der ihr sonst wenigstens zu etwas Hochgefühl verhalf, führte nur noch zu Misserfolgen.
Der komplette Kontrollverlust, der sonst so durchstrukturierten Yumiko Kadota führte zur Kapitulation, zur Kündigung.
Eine ehemalige vor Energie sprühende und für ihr Fach „brennende“ brilliante Assistenzärztin wird so verheizt, dass sie ihr „Ikigai“ (Lebenszweck) und ihr „Kojo“ (Mut, Entschlossenheit, Kampfgeist) verliert und in einer schweren Depressionen und Burnout landet.
Sie beschreibt anfänglich recht nüchtern und steril, stellenweise recht oberflächlich.
Das Erlebte niederzuschreiben, war für die Autorin sicherlich recht schwer und hat sicher sehr viele unangenehme Erinnerungen und negative Gefühle geweckt.
Medizinische Fachausdrücke werden aber stets einfach umschrieben und für jeden Leser gut erklärt, so dass es auch Nicht-Mediziner verstehen.
Man spürt wie die Euphorie und Hingabe zu Beginn, der inneren Leere und Abstumpfung Yumiko Kadotas bis zum Burnout weichen, bis auch sie, trotz japanisch anerzogener Zurückhaltung anfängt, für ihre Verhältnisse, nach außen “laut“ aufzubegehren. Sie beginnt einen Blog zu schreiben, aus dem auch dieses Buch heraus entstand.
Sie beschreibt ihren inneren und auch äußeren Heilungsweg, welche Rolle Familie und Freunde, aber auch das medizinische System und ihr verlorenes Vertrauen darin, spielten.
Ab da änderte sich für mich gefühlsmäßig der Schreibstil, er wirkte lockerer, losgelöster, gelassener, entspannter, flüssiger.
Mmh, was erwartet man, wie und wo sollte man das Buch einordnen?
Also wer ein Buch á la Grey’s Anatomy mit aufregenden medizinischen Fällen, ein paar schmutzige Geschichten und etwas Drama erwartet, wird enttäuscht sein.
Als ein „Weg aus dem Burnout, Anleitung zur Selbsthilfe“ ist es mit Sicherheit auch nicht zu verstehen, dazu ist es wieder zu sehr subjektiv und zu einseitig beleuchtet und bei den entsprechenden Passagen der Heilung zu oberflächlich und nicht tiefgründig genug.
Es ist geeignet für Mediziner:innen, Studierende, Angehörige im Gesundheitswesen, aber auch für alle Leser:innen mit Interesse an medizinischen Themen, Einzelbiografien und persönlicher Entwicklung.
Für ein medizinisches Sachbuch ist es natürlich zu wenig detailgetreu.
Ich hätte mir tiefergehende Erklärungen der Facharztausbildung und des australischen Gesundheitssystem gewünscht.
Ich habe die zentrale Vergabe der Assistenzarztstellen und die Zulassungskriterien für das Facharztprogramm nicht ganz verstanden bzw. waren sie für mich nicht so nachvollziehbar, hätte mir da mehr Einblicke gewünscht.
Es handelt sich für mich eher um ein „Manifest“, sie selbst bezeichnet es als ihre „Memoiren“, einen schonungslosen menschlich subjektiven Bericht über den Alltag einer Ärztin, in einer immer noch von starken Hierarchien geprägten Branche mit ihren systemischen Problemen und ihren schweren steinigen Weg aus dem Burnout, des sich Selbst-Wiederfindens, Sich-an-sich-selbst-glaubens und der Wiedererlangung des Vertrauens in andere Menschen.
Für mich ist sie eine „Emotional Female“, dass ist aber auch gut so, das macht sie menschlich.
Ihr Umgang mit ihren Patienten und ihre Hingabe zu ihren Beruf sind für mich vorbildlich, da können sich sicher einige Ärzte:innen ein „Scheibe“ von Abschneiden.
Nebenbei bemerkt fand ich die kurzweiligen Einblicke in die japanische Kultur und Traditionen sehr interessant.