Ein vielschichtiges Psychogramm…
Unser OleHuch, in welch eine seltsame WG bin ich hier geraten! Lasst uns mal schauen… Da ist Elvira, die ihre Tochter Manuela erfolgreich vergrault und es im Allgemeinen nicht so hat mit der Herzlichkeit. Ida, ...
Huch, in welch eine seltsame WG bin ich hier geraten! Lasst uns mal schauen… Da ist Elvira, die ihre Tochter Manuela erfolgreich vergrault und es im Allgemeinen nicht so hat mit der Herzlichkeit. Ida, bildschön, auch mit über 70 noch, aber die fetten Jahre sind definitiv vorbei. Immerhin, finanziell über Wasser gehalten hat dieser pralle Silikon-Busen sie, und das schöne Gesicht. Hat den Männern gefallen. Bis jetzt. Nun halt Altfrauen-WG und „Unser Ole“. Eine Art Riesenbaby, gerade volljährig und ziemlich schwachsinnig, das Cola liebt und seit neuestem, zu Oma Elviras gründlichem Missfallen, das ausgiebige Onanieren. Was genau bei Ole damals schief gelaufen ist, weiß keiner, und wirklich interessieren tut es im Grunde auch keinen. Man lebt so miteinander und gut ist’s. Zuneigung und Wärme, gar mütterliche Gefühle, sucht man vergebens in dieser Zweckgemeinschaft, in der jede Figur zuverlässig und mit großem Engagement um sich selbst und die eigenen Befindlichkeiten kreist, die eigenen Verletzungen wie hart erkämpfte Trophäen pflegt.
„Unser Ole" von Katja Lange-Müller ist ein vielschichtiges Psychogramm an den Rand der Gesellschaft gedrängter, innerlich verrohter Frauen, das mich sehr beeindruckt und begeistert hat. In präziser Sprache, mit trockenem Humor und klugem Blick lotet die Autorin menschliche Schwächen, Sehnsüchte und innere Konflikte aus. Während Oles Gedankenwelt uns Lesenden gänzlich verborgen bleiben, was der titelgebenden Figur zusätzliche Passivität verleiht, werden die Dynamiken zwischen den Frauen um ihn herum immer komplexer, zentrale Fragen zu Nähe, Distanz und dem eigenen Platz dazwischen immer dringlicher. Mochte ich, sehr sogar. Wird nicht mein letztes Buch der Autorin bleiben.