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Veröffentlicht am 07.05.2026

Ein vielschichtiges Psychogramm…

Unser Ole
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Huch, in welch eine seltsame WG bin ich hier geraten! Lasst uns mal schauen… Da ist Elvira, die ihre Tochter Manuela erfolgreich vergrault und es im Allgemeinen nicht so hat mit der Herzlichkeit. Ida, ...

Huch, in welch eine seltsame WG bin ich hier geraten! Lasst uns mal schauen… Da ist Elvira, die ihre Tochter Manuela erfolgreich vergrault und es im Allgemeinen nicht so hat mit der Herzlichkeit. Ida, bildschön, auch mit über 70 noch, aber die fetten Jahre sind definitiv vorbei. Immerhin, finanziell über Wasser gehalten hat dieser pralle Silikon-Busen sie, und das schöne Gesicht. Hat den Männern gefallen. Bis jetzt. Nun halt Altfrauen-WG und „Unser Ole“. Eine Art Riesenbaby, gerade volljährig und ziemlich schwachsinnig, das Cola liebt und seit neuestem, zu Oma Elviras gründlichem Missfallen, das ausgiebige Onanieren. Was genau bei Ole damals schief gelaufen ist, weiß keiner, und wirklich interessieren tut es im Grunde auch keinen. Man lebt so miteinander und gut ist’s. Zuneigung und Wärme, gar mütterliche Gefühle, sucht man vergebens in dieser Zweckgemeinschaft, in der jede Figur zuverlässig und mit großem Engagement um sich selbst und die eigenen Befindlichkeiten kreist, die eigenen Verletzungen wie hart erkämpfte Trophäen pflegt.

„Unser Ole" von Katja Lange-Müller ist ein vielschichtiges Psychogramm an den Rand der Gesellschaft gedrängter, innerlich verrohter Frauen, das mich sehr beeindruckt und begeistert hat. In präziser Sprache, mit trockenem Humor und klugem Blick lotet die Autorin menschliche Schwächen, Sehnsüchte und innere Konflikte aus. Während Oles Gedankenwelt uns Lesenden gänzlich verborgen bleiben, was der titelgebenden Figur zusätzliche Passivität verleiht, werden die Dynamiken zwischen den Frauen um ihn herum immer komplexer, zentrale Fragen zu Nähe, Distanz und dem eigenen Platz dazwischen immer dringlicher. Mochte ich, sehr sogar. Wird nicht mein letztes Buch der Autorin bleiben.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Große Leseempfehlung!

Eine ganze Welt
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Surie ist 57 Jahre alt und bereits Mutter von 10 Kindern, Großmutter einer ganzen Schar und bald schon Urgroßmutter, als sie erneut schwanger wird. Eigentlich unmöglich, ein Wunder fast, doch eines, das ...

Surie ist 57 Jahre alt und bereits Mutter von 10 Kindern, Großmutter einer ganzen Schar und bald schon Urgroßmutter, als sie erneut schwanger wird. Eigentlich unmöglich, ein Wunder fast, doch eines, das sie nicht erfreuen und schon gar nicht teilen kann. Zu groß ist die Scham für die angesehene Frau, die tief verwurzelt in der jüdisch-chassidischen Gemeinde in Williamsburg, Brooklyn, ist. Sie kennt ihren Platz, ihre Aufgaben im klar geregelten Alltag, was sich gehört. Ein aktives Liebesleben als alte Frau gehört definitiv nicht dazu und nun erfährt es die ganze Welt und wird die Heiratschancen ihrer noch ledigen Kinder ruinieren. Angeknackst ist ihr Ruf sowieso schon, seit ihr Sohn Lipa, der homosexuell war und verstoßen wurde, sich vor vier Jahren das Leben nahm. Und so behält sie es für sich, verbirgt den wachsenden Bauch in ihrem trotz seiner Fülle immer unsichtbarer gewordenen Körper, lässt zu, das zum ersten Mal seit 40 Jahren ein Geheimnis zwischen ihr und ihrem Ehemann, zwischen ihr und der ganzen Welt steht.

In diesem neuen Raum, der ihr ganz allein gehört, beginnt neben den beiden Babys noch etwas anderes langsam zu wachsen. Zweifel an diesem beengten Leben, Wut auf die Sprachlosigkeit bezüglich Lipas Leben und Tod, Schuld und Reue ihren verstorbenen Sohn nicht mehr geliebt zu haben, ihn nicht beschützt und unterstützt zu haben in seinem Anderssein, seiner Sanftheit. Sie beginnt heimlich in einem Krankenhaus zu arbeiten, anderen werdenden Müttern beizustehen, aus dem starren häuslichen Gefüge auszubrechen. Doch die wirkliche Entwicklung findet in ihrem Inneren statt, wo eine bislang klare Ordnung ins Kippen gerät, und so wird die eigentlich unmögliche Schwangerschaft zum Sinnbild eines inneren Aufbruchs, einer späten Emanzipation.

Oh, das hat mir so richtig gut gefallen, bin ganz aus dem Häuschen und weiß wieder einmal, warum ich so großer Backlist-Fan bin. „Eine ganze Welt“ ist ein unglaublich starker Roman über Familie und Sehnsüchte, über eine Frau, die sich selbst neu kennenlernt, über sich hinauswächst, und der gleichzeitig einen spannenden Einblick in eine von strengen Konventionen geprägte Welt bietet. Ohne zu werten. Ganz große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Für mich DIE literarische Entdeckung 2025!

Himmel & Erde
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James McBride, Sohn eines Afroamerikaners und einer polnischen Jüdin, die in den 1940er-Jahren nach Amerika emigriert ist, ist für mich DIE literarische Entdeckung des Jahres. McBrides Wurzeln sind die ...

James McBride, Sohn eines Afroamerikaners und einer polnischen Jüdin, die in den 1940er-Jahren nach Amerika emigriert ist, ist für mich DIE literarische Entdeckung des Jahres. McBrides Wurzeln sind die Basis seines Schreibens, jedes seiner Worte atmet die Verbundenheit mit diesen beiden Kulturen, seine Liebe zu den Menschen und den Werten, die ihn prägten.

In „Himmel & Erde“ führt der Autor uns auf den Chicken Hill, ein kümmerliches Viertel in Pottstown, Pennsylvania. 1972 wird hier bei Grabungen ein Skelett gefunden, dessen Identität Rätsel aufgibt. Aufschluss erhoffen die Polizisten sich von einem auffälligen Anhänger, der in die 1930er-Jahre weist, eine Zeit, als jüdische Einwanderer und Afroamerikaner den Hill bevölkerten, misstrauisch beäugt von der christlichen Mehrheit, die mauert und sich weigert, mit den Fremden Geschäfte zu machen. Auch das frisch verheiratete Ehepaar Ludlow baut sich eine bescheidene Existenz auf. Moshe leitet ein Theater, während seine junge Frau Chona den „Heaven & Earth Grocery Store“ von ihrem Vater übernommen und mit ihrer guten Seele gefüllt hat. Hier gibt es ein offenes Ohr für jeden, hier werden Sorgen und Geheimnisse geteilt, Hoffnungen geboren, und hier geschieht ein großes Unrecht, das die Verbundenheit der Chicken Hiller auf die Probe stellt.

James McBride öffnet mit diesem Roman eine ganze Welt vor unseren Augen, überlässt uns einem bunten Haufen leuchtender Figuren, die sich einem ins Herz bohren und dort bleiben. Bis dahin ist ein klitzekleines bisschen Durchhaltevermögen gefragt, denn McBride gibt jeder Figur ausreichend Raum für Tiefe und dem Plot Zeit, sich stringent und logisch zu entwickeln. Kaum aktueller und notwendiger könnte dieser Roman über die Grenzen der Nächstenliebe sein – und über diejenigen, die mutig darüber hinweggehen. Ein wunderbares, tröstliches, traurig und dann glücklichmachendes Buch, das ich wirklich jedem in die Hand drücken möchte.

Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Ganz große Literatur

Die Lungenschwimmprobe
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„Die Lungenschwimmprobe“, dieser seltsame Titel und das extrem tolle Cover haben mich direkt angezogen, „Verteidigung einer jungen Frau die des Kindsmords bezichtigt wurde“ heißt es weiter, und damit war ...

„Die Lungenschwimmprobe“, dieser seltsame Titel und das extrem tolle Cover haben mich direkt angezogen, „Verteidigung einer jungen Frau die des Kindsmords bezichtigt wurde“ heißt es weiter, und damit war die Sache klar - reizt mich, muss ich lesen. Tore Renberg, einer der erfolgreichsten Autoren Norwegens, entführt uns ins Sachsen des 17. Jahrhunderts, ins barocke Leipzig, und mitten hinein in eine hochspannende Zeit der Veränderungen und Umbrüche. Der Dreißigjährige Krieg liegt hinter den Menschen, die Pest wütet in der Region, die Aufklärung liegt in der Luft, kündigt sich leise an, Traditionalisten und Freidenker prallen hart aufeinander, der Klerus folgt dabei seinen eigenen, grausamen Gesetzen. Hier wird die junge Gutstochter Anna Voigt angeklagt, ihr kleines Mädchen direkt nach der Geburt ermordet und verscharrt zu haben. Diese beteuert vehement ihre Unschuld und der zur Rate gezogene Arzt Dr. Schreyer ist geneigt, dem Mädchen Glauben zu schenken. Die sogenannte Lungenschwimmprobe soll Aufschluss geben, eine ganz neue, noch nicht anerkannte Methode zur Bestimmung der Lungentätigkeit des Kindes außerhalb des Mutterleibes. Doch diese ruft auch große Skeptiker auf den Plan und eine wahre Odyssee beginnt, ein Ringen um die Wahrheit und noch vielmehr um die Vorherrschaft zwischen Medizin und Kirche, zwischen einem Pfarrer und einem Anwalt, schlicht zwischen Männern, die sich an der eigenen Stellung und Macht ergötzen, diese um jeden Preis zu untermauern versuchen.

Schnell ist klar, dass das hier viel mehr als nur ein Roman ist, sowohl inhaltlich als auch in der Bedeutung dessen für den Autor, beruht er doch auf wahren Begebenheiten. Der Roman ist in vier Teile aufgeteilt, die sich unterschiedlicher Stile und Tonalitäten bedienen, vom Fiktiven ins Reale springen und auch vor sehr persönlichen Einblicken in die Gefühlswelt Renbergs nicht Halt machen. Das Schicksal Annas hat sich über Jahre der Recherchen mit dem Leben, den Gedanken Renbergs verknüpft und lässt sich nicht mehr lösen. Dies führt zu einem sehr intensiven Leseerlebnis, das mir noch eine Weile nachhängen wird. Große Empfehlung.

Pro Tipp – NICHT googeln während des Lesens!

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Schnörkellos, pointiert und kraftvoll!

Boxenstart
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Gefällt wort.bildung und 335 weitere Personen
Als Teenager las ich das Buch „Nina vom Zirkus“ von Paula Busch, das einen intensiven Einblick in das harte Leben eines Zirkusmädchens bietet. Ich kannte ...






Gefällt wort.bildung und 335 weitere Personen
Als Teenager las ich das Buch „Nina vom Zirkus“ von Paula Busch, das einen intensiven Einblick in das harte Leben eines Zirkusmädchens bietet. Ich kannte solche Kinder persönlich, habe sie immer ein wenig um ihre Freiheit und Lässigkeit beneidet; vielleicht habe ich deshalb den Roman umso begeisterter verschlungen. Besonders fasziniert - und fast ein bisschen verstört - hat mich damals beim Lesen der extreme Kontrast zwischen der glamourösen Zirkuswelt, dieser perfekten Inszenierung, und dem brutalen Leben hinter den Kulissen. Tiere wurden gequält, Menschen mit Behinderung schikaniert, Kinder misshandelt. Es gab nichts Glitzerndes, nichts Glänzendes; alles wirkte schäbig und schien doch süchtigmachend. Kaum jemand, der einmal die Luft des fahrenden Volkes geschnuppert hatte, schaffte es, aus dem Karussell auszusteigen.

Kathryn Scanlans „Boxenstart“ hat mich schlagartig in eine ähnlich raue Welt katapultiert – eine Welt, in der Gewalt allgegenwärtig ist, aber auch ein unerschütterlicher Zusammenhalt und eine große Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel herrschen. In extrem verdichteten Vignetten erzählt die Autorin die Geschichte von Sonia, einer Pferdetrainerin und -pflegerin, die über Jahrzehnte Teil des amerikanischen Galopprennsports war. Es fühlte sich an, als würde Sonia mir ganz persönlich Episoden aus ihrer bewegten Vergangenheit erzählen, kleine Schnappschüsse, die sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammenfügen. Der Ton ist locker, umgangs-sprachlich; man fliegt nur so durch die kurzen Absätze. Und dann stößt man plötzlich auf einen unscheinbaren Satz, der einen mit voller Wucht trifft – weil er so treffend beschreibt, wie sich das Leben manchmal anfühlt. Schnörkellos, pointiert und kraftvoll. Ein großer Lesegenuss.

„Ein Pferdemensch sagt nicht: Wir haben das Rennen gewonnen. Er sagt: Wir gewinnen. Es heißt nicht: Wir haben gewonnen. Es heißt nicht: Wir werden gewinnen. Das Rennen ist bereits vorbei, es wurde bereits gewonnen, aber wir sagen: Wir gewinnen, wir gewinnen, wir gewinnen.“ S. 179

Übersetzt von Jan Karsten.

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