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Veröffentlicht am 05.08.2022

Der Holodomor in der Ukraine - eine fiktive Geschichte mit einem wahren Hintergrund, die nicht nur vor dem aktuellen Hintergrund fesselnd und erschütternd ist, traurig und wütend macht.

Denk ich an Kiew
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Cassies Ehemann ist vor 14 Monaten bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und seitdem spricht ihre fünfjährige Tochter Birdie nicht mehr. Beide sind in ihrer Trauer gefangen, weshalb Cassies Mutter ...

Cassies Ehemann ist vor 14 Monaten bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und seitdem spricht ihre fünfjährige Tochter Birdie nicht mehr. Beide sind in ihrer Trauer gefangen, weshalb Cassies Mutter Anna beschließt, dass Cassie zurück in ihrer Heimat Illinois und zu ihrer Großmutter Bobby ziehen soll, die immer seltsamer wird und erste Anzeichen von Demenz zeigt. Dort findet Cassie ein Tagebuch, dass sie jedoch nicht lesen kann, da es ihre Großmutter auf Ukrainisch verfasst hat. Erst durch den hilfsbereiten Nachbar Nick, der selbst ukrainische Wurzeln hat und vor allem wieder in Birdies Leben mehr Freude bringt, wird Cassie gewahr, was ihre Großmutter in der Ukraine während des Holodomor erleben musste.
Der zweite Erzählstrang handelt von Katja und ihrer Familie, die in den 1930er-Jahren in einem Dorf in der Nähe von Kiew wohnten und Bauern waren. Sie werden der Kollektivierung unterworfen und gezwungen, der Kolchose beizutreten, nachdem jeder Widerstand zwecklos war und so viele Menschen in ihrer Umgebung getötet oder deportiert wurden. Katja hat ihrem Ehemann versprochen, alles in ihrem Tagebuch für ihre Nachkommen aufzuschreiben, was sie erleiden müssen, um die Erinnerungen am Leben zu erhalten.

Beide Erzählstränge handeln von Verlust und Trauer und auch wenn man mit den jeweils betroffenen Figuren innig mitfühlen kann, erschüttert doch vor allem die Handlung in der Vergangenheit, die Jahre 1929 bis 1934, als die Sowjetunion die Bauern in der Ukraine zwangsweise kollektivierte und ihren Besitz verstaatlichte. Schon bevor Millionen von Menschen an Hunger starben, wurde all diejenigen, die sich nicht beugten oder gar zur Wehr setzten, deportiert oder direkt getötet. Ganze Familien wurden ausgelöscht und auch Katja musste miterleben, wie sie alles, was sie sich eigenhändig erwirtschaftet hatten, verloren und sich von geliebten Menschen trennen mussten.

Nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignissen macht die schreiende Ungerechtigkeit und die Grausamkeit in der Umsetzung wirtschaftlicher und politischer Ziele unfassbar wütend. So ist auch nachvollziehbar, dass Katja einfach nur vergessen wollte und weder ihrer Tochter noch ihrer Enkelin von ihrem Leben erzählte, bevor sie nach Amerika kam. Erst an ihrem Lebensende löst sie ihr Versprechen ein, die Tragödie durch ihr Tagebuch offenzulegen.

Während der Erzählstrang in der Vergangenheit fast ausschließlich schmerzhaft ist, setzt die Gegenwart im Frühsommer 2004 einen Gegenpol und schenkt Hoffnung bei der Aussöhnung mit der Vergangenheit, bei der Verarbeitung von Traumata und dem Mut, dem Leben eine zweite Chance zu geben.
Auch wenn die positive Entwicklung etwas schnell und fast wie von allein voranschreitet, ist "Denk ich an Kiew" eine fesselnde Geschichte über Generationentraumata, Familiengeheimnisse und den Versuch, Frieden zu finden und gleichzeitig eine Geschichte über Liebe - die romantische Liebe und die zur Familie.

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Veröffentlicht am 03.08.2022

Geschichte der Lichtwächterin, die Menschenleben rettete und die fiktiven Folgen für die Familie - ein Roman über Sehnsucht und die Suche nach Glück, voller Dramen und Emotionen, der jedoch nicht durchgängig fesseln kann.

Nur einen Ozean entfernt
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Grace Darling lebt seit ihrer Kindheit in einem Leuchtturm auf Longstone Island vor England und unterstützt dort die Arbeit ihres Vaters als Leuchtturmwärter. Auch wenn sie weiß, dass sie als Frau nie ...

Grace Darling lebt seit ihrer Kindheit in einem Leuchtturm auf Longstone Island vor England und unterstützt dort die Arbeit ihres Vaters als Leuchtturmwärter. Auch wenn sie weiß, dass sie als Frau nie in seine Fußstapfen treten wird, fühlt sie sich mit dem Leuchtturm und dem abgeschiedenen Leben eng verbunden und kann sich keinen Alltag als Ehefrau vorstellen. Über ihre Vorstellungen gerät sie ins Grübeln als sie den Künstler George Emmerson kennenlernt und sich Gefühle in ihr regen. Ihm kommt sie jedoch erst nach einem verheerenden Unglück näher, bei dem seine Schwester Schiffbruch erleidet. Es ist Grace, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz dafür sorgte, dass ein Teil der Reisenden und der Mannschaft gerettet und auf dem Leuchtturm Schutz vor dem Sturm finden konnte. Sie wird anschließend landesweit als Heldin gefeiert und auch von George porträtiert werden.
Dieses Gemälde findet 100 Jahre später die Irin Matilda Emmerson in Amerika wieder. Sie ist neunzehn Jahre alt, unverheiratet und schwanger und wurde von ihren Eltern zu einer entfernten Verwandten, einer Leuchtturmwärterin auf Rhode Island geschickt, wo sie das Kind zur Welt bringen soll. Matilda wird neugierig auf die anmutige Frau und das unfertige Porträt.

"Nur einen Ozean entfernt" handelt auf zwei Zeitebenen. Die Vergangenheit schildert das historisch belegte Schiffsunglück am 7. September 1938 sowie die Folgen für die Tochter des Leuchtturmwärters Grace Darling. Der zweite Erzählstrang setzt die Geschichte 100 Jahre später fort, als Matilda Emmerson, deren Urururgroßmutter Sarah von Grace gerettet wurde, auf das Porträt stößt.
Beide Handlungsebenen beginnen spannend, denn sowohl Grace, die ungewollt zur Heldin wird, als auch Matilda, die ungewollt schwanger von ihren Eltern verstoßen wird, haben mit lebensverändernden Ereignissen umzugehen. Beide verlieben sich und ahnen doch, dass ihre Liebe aus unterschiedlichen Gründen keine Zukunft haben wird.
Während Grace von Anbeginn sympathisch ist, ein sehr zurückgezogenes Leben führt, der Augenschein ihrer Eltern ist und mit der Situation als stilisierter Heldin überfordert ist, agiert Matilda, die Schande der Familie, zunächst trotzig und verwöhnt, bevor sie allmählich reift.
Der Mittelteil, der die zarten Romanzen beider junger Frauen schildert, ist dagegen ereignislos und zieht die Geschichte etwas in die Länge bis ein Familiengeheimnis gelüftet wird und es am Ende noch einmal zu dramatischen Szenen kommt.

Die Autorin verknüpft ein wahres Ereignis mit einer fiktiven Geschichte und rückt damit insbesondere die vergessene Grace Darling in den Mittelpunkt, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens neun Menschen das Leben rettete. Es ist die Geschichte über eine mutige Tat und weiterhin eine Geschichte über zwei unterschiedliche Frauen zu unterschiedlichen Zeiten - eine heldenhafte Frau und ein gefallenes Mädchen - die beide lernen müssen, ihren Weg zu gehen.
Es ist ein Roman über Sehnsucht und die Suche nach Liebe und Glück, voller Dramen und Emotionen, der jedoch nicht durchgängig fesseln kann.

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Veröffentlicht am 01.08.2022

Abwechslungsreiche, unterhaltsame RomCom, die auch ernste ernste Töne anschlägt - eine Geschichte über Selbstverwirklichung und die Suche nach Glück.

Der schönste Zufall meines Lebens
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Nachdem Penny ihre Krebserkrankung überstanden hat, erfolgreich ein kleines Café in London führt und inzwischen seit fünf Jahren Single ist, fragt sie sich, was sie in Liebesdingen falsch macht. Da begegnet ...

Nachdem Penny ihre Krebserkrankung überstanden hat, erfolgreich ein kleines Café in London führt und inzwischen seit fünf Jahren Single ist, fragt sie sich, was sie in Liebesdingen falsch macht. Da begegnet ihr der Koch Francesco und es ist Liebe auf den ersten Blick. Die beiden verbringen drei wunderschöne Wochen, bis Penny London verlassen muss, um sich um den Pub ihres erkrankten Onkels in Derbyshire zu kümmern. An ihrem Abschiedstag sieht sie Francesco mit einer anderen Frau und ist froh, dass sie sich in Derbyshire bei der Arbeit ablenken kann. Doch auch das Kennenlernen von Thomas und Priyesh und das was sie mit ihnen erlebt, ohne von einer romantischen Beziehung zu träumen, führt dazu, dass sie ihren Liebeskummer zunächst ausblenden kann. Als Francesco seine Zelte in London abbricht und nach Derbyshire kommt, steht Penny plötzlich zwischen drei Männern, die Interesse an ihr zeigen, sie aber nicht weiß, wer sie letztlich glücklich machen kann.

Als Penny schon kaum mehr an die Liebe glaubt und ihre Pläne umsetzen möchte, allein mittels einer Leihmutter ein Baby zu bekommen, begegnen ihr durch Zufälle kurz hintereinander drei attraktive Männer, zu denen sie sich hingezogen fühlt. Alle drei sind ganz unterschiedlich und haben verschiedene Vorstellungen davon, eine Beziehung zu führen. Während Francesco eine Freundschaft als Basis favorisiert, lehnt Thomas monogame Beziehungen ab und für Priyesh scheint die körperliche Lust im Vordergrund zu stehen. Mit allen dreien beginnt Penny Affären und stößt sie damit unweigerlich vor den Kopf. Erst als sie dann wieder alleine dasteht, begreift sie, dass sie sich klar werden muss, was sie wirklich im Leben möchte, um glücklich zu werden.

"Der schönste Zufall meines Lebens" ist eine abwechslungsreiche, unterhaltsame RomCom, die durch Pennys Vergangenheit, den Verlust ihrer Mutter und ihre eigene Krebserkrankung auch viele ernste Töne anschlägt. Es ist eine Geschichte über Liebe und Freundschaft, aber vor allem auch über Selbstfindung und die Suche nach dem Glück - und letztlich auch nach dem passenden Mann, der Wünsche respektiert und Zukunftspläne unterstützt. Der Roman ist voller interessanter Figuren, die individuell gezeichnet sind und trotz ihrer Eigenarten nicht überzeichnet sind. Nicht nur durch Vorstellung, dass es eine Frau ist, die Herzen bricht, sondern auch durch die Involvierung von LGBTQ und Familienkonstellationen, die von der klassischen Variante Vater-Mutter-Kind abweichen, ist es ein zeitgemäßer und moderner Liebesroman über eine Frau, die zu neuem Selbstbewusstsein findet und mutig ihren Weg geht.

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Veröffentlicht am 29.07.2022

Eine unglückliche Liebesgeschichte, eine Erzählung über Einsamkeit mit viel Mathematik, Lyrik und einer Protagonistin, die sich in ihrer Gedankenwelt verliert - zäh und ermüdend zu lesen.

Lehne deine Einsamkeit sanft an meine
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Rakel hat sich schon immer mit Zahlen wohler gefühlt als mit Menschen, hatte nie viele Freunde, aber dafür eine enge Beziehung zu ihren Eltern, vor allem zu ihrem Vater, der Wissenschaftler ist. Mit 19 ...

Rakel hat sich schon immer mit Zahlen wohler gefühlt als mit Menschen, hatte nie viele Freunde, aber dafür eine enge Beziehung zu ihren Eltern, vor allem zu ihrem Vater, der Wissenschaftler ist. Mit 19 Jahren und ihrem Faible für Mathematik zieht sie nach Oslo um zu studieren. Dort trifft sie auf den doppelt so alten Jakob, einen Dozenten, der von ihrem schnellen Verstand und ihrer Leidenschaft für mathematische Rätsel, Beweise und Herleitungen fasziniert ist.
Rakel verliebt sich in den verheirateten Mann und gibt sie ihm mit Haut und Haar hin. Als sie krank wird, ist er ihr einziger Halt. Neben der Diskussion über Mathematik lesen sie Gedichte und Jakob schreibt ihr selbst Gedichte. Sie leben in ihrer eigenen Welt, in der es nur sie beide gibt.
Während ihre nicht weiter diagnostizierte Krankheit fortschreitet und Jakob ihr Versprechungen macht, seine Frau zu verlassen, wenn die Kinder älter sind, macht Rakel Karriere als Akademikerin bis die Krankheit ihren Tribut fordert.

Rakel ist eine hochintelligente junge Frau, der es schwerfällt, auf andere Menschen zuzugehen und Bindungen einzugehen. Umso enger wird die Verbindung zu ihrem Professor, in dem sie in Bezug auf ihre Leidenschaft für Lyrik und Mathematik einen Seelenverwandten findet. Sie ist einerseits intelligent und andererseits schrecklich naiv. So entwickelt sich die Beziehung nach einem altbekannten Muster. Der verheiratete Mann macht Versprechen, vertröstet die unerfahrene Frau und wiegt sie damit in Sicherheit - wird sich aber letztlich nie für die Affäre und gegen die Familie entscheiden.

Rakel wird schon während der Beziehung zu Jakob krank, wobei die Krankheit nie benannt wird, so dass nur spekuliert werden kann wie groß die Rolle ihrer Psyche bei den körperlichen Symptomen ist.
Als sie nicht mehr arbeiten kann, beschäftigt sie sich intensiv mit dem Leben der Mathematikerin Sofja Kowalewkaja, das so viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben aufweist. Rakel möchte von Sofjas Fehlern lernen, um nicht so unglücklich zu werden wie sie.
Während man im ersten Teil des Romans ein Verständnis für Algebra, Stochastik und damit verbundene Fragestellungen haben sollte, um den Dialogen von Rakel und Jakob zu folgen, sollte man im zweiten Teil ein Interesse für klassische Musik aufbringen.

Es ist ein Roman, der sich im Wesentlichen auf die Gefühlswelt und Gedanken von Rakel konzentriert und deshalb etwas eintönig ist. Zudem ist es schon fast deprimierend zu lesen wie Rakel ihr Potenzial nicht ausschöpft und so viel Zeit mit Jakob verschwendet.
Vor allem auf den letzten Seiten, in denen sich Rakel gedanklich wirr mit historischen Persönlichkeiten beschäftigt, ist das Buch recht zäh. Man gelangt zu keinen neuen Erkenntnissen über Rakel, die einerseits so rational und wissenschaftlich denken kann, andererseits jedoch so künstlerisch, emotional und verletzlich ist, und ihre weitere Zukunft.
"Lehne deine Einsamkeit sanft an meine" ist keine Liebesgeschichte als solche, sondern eine Geschichte über Einsamkeit, denn selbst als Rakel Jakob noch regelmäßig sieht, ist sie doch allein mit sich und ihren Träumen von einer anderen Zukunft.

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Veröffentlicht am 29.07.2022

Authentisch geschilderter, herzerwärmender Roman über Hoffnung, Träume und die Suche nach Glück, die die Situation des Nachkriegsdeutschlands historisch aufwändig recherchiert und bewegend schildert.

Findelmädchen
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Nachdem Helga und Jürgen van Beek nach Ende des Zweiten Weltkrieges als verwaiste Findelkinder von einem Paar aus Frankreich aufgefunden wurden, die sich ihnen liebevoll annahmen, kehren sie im Januar ...

Nachdem Helga und Jürgen van Beek nach Ende des Zweiten Weltkrieges als verwaiste Findelkinder von einem Paar aus Frankreich aufgefunden wurden, die sich ihnen liebevoll annahmen, kehren sie im Januar 1955 nach Köln zu ihrem aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekommenen Vater zurück. Der Verbleib der Mutter Elisa ist weiterhin ungewiss.
Der Vater hat sich mit einem kleinen Büdchen in Köln selbstständig gemacht, wo sich Helga gerne aufhält, in Illustrierten blättert und allein die Anwesenheit des Vaters genießt. Sie ist inzwischen 15 Jahre alt, wissbegierig und würde deshalb gerne auf das Gymnasium gehen. Ihr sonst so fürsorglicher Vater hat dafür kein Verständnis und auch die traumatisierte, schnippische Tante Meta ist Helga keine Hilfe.
Helga wird auf der Haushaltungsschule angemeldet, wo sie sich mit ihren zwei linken Händen auf das Leben als Ehefrau vorbereiten soll, obwohl Helga noch keinen Gedanken an eine Ehe verschwendet. Während eines Praktikums in einem Waisenhaus in Sülz wird sie mit der harten Realität konfrontiert. Sie ist erschüttert, wie die strengen Nonnen mit den Kindern umgehen, die ohnehin schon so viel mitgemacht haben und fühlt sich an ihr eigenes Schicksal als "Kind aus der Gosse" erinnert.
Dagegen ist der Wiederaufbau und die Euphorie eines Aufschwungs spürbar und so hofft auch Helga trotz aller Widrigkeiten und der Ungewissheit um die Mutter auf einen Neuanfang.
"Findelmädchen - Aufbruch ins Glück" ist kein Nachfolgeband von "Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück", handelt jedoch wieder in Köln und wenige Jahre im Anschluss. Helga denkt zudem noch an Anna und Karl vom Buttermarkt, die sie noch aus früher Kindheit kennt.
Der Roman wird aus der Perspektive der Jugendlichen Helga geschildert, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg viel Schlimmes miterleben musste, die Vater und Mutter verloren hatte und sich allein mit ihrem einen Jahr älteren Bruder Jürgen durchschlagen musste. An ihren Vater hatte sie kaum mehr eine Erinnerung, aber dennoch fühlt sie sich in seinen Armen und in Köln sofort wieder heimisch. Sie ist ein etwas verschüchtertes, aber neugieriges, intelligentes Mädchen, das gerne liest und deshalb auf das Gymnasium gehen möchte, um noch mehr zu lernen. Sie, die im Haushalt schon immer ungeschickt war und deshalb so unsicher ist, soll sich stattdessen auf der Haushaltungsschule auf ihr Leben als Haus- und Ehefrau vorbereiten.
Brav fügt sie sich in ihr Schicksal, kann jedoch nicht nur dabei zusehen, wie die Kinder im Waisenhaus emotional vernachlässigt, erniedrigt bis hin zu gewalttätig aufgezogen werden. Insbesondere das farbige "Besatzerkind" Bärbel hat es schwer, wird von anderen Kindern und den Nonnen drangsaliert und als minderwertig erachtet.
Neben den schlechten Erfahrungen, die sie dort sammelt und sie daran erinnern lässt, wie gut es ihr im Vergleich dazu ergangen ist, freut sie sich für ihren Bruder, der eine Anstellung bei Ford hat und mit allerhand handwerklichem Geschick die Zimmer in ihrem Häuschen am Eigelstein renoviert. Auch Fanny, die bei ihnen aushilft, mag Helga gerne und staunt, wie die von ihr eröffnete Milchbar Leben in ihr Haus bringt.
Milchshakes, Petticoats und Rock'n'Roll, Tanz und erste zaghafte Annäherungsversuche unter den Jugendlichen unter den strengen Augen der Erwachsenen, aber auch das verbliebene nationalsozialistische Gedankengut - der Zeitgeist der 1950er-Jahre und die Aufbruchstimmung ist spürbar und ein wunderbarer Kontrast zu dem Leid der frühen (Nachkriegs-)jahre und der Situation im Waisenhaus.
Der Schreibstil von Lilly Bernstein ist liebevoll detailliert, einnehmend und so bildhaft, dass man sich problemlos in das Köln von 1955 versetzen kann. Auch in die sympathische, aufgeweckte und doch so zurückhaltende Helga kann man sich ohne Weiteres einfühlen. Spannung erzeugt dabei nicht nur ihr weiterer Werdegang und ihr Heranwachsen von einem verschüchterten "Findelmädchen" zu einer wagemutigen jungen Frau, sondern auch ob das Schicksal von Helgas und Jürgens Mutter geklärt werden wird. Durch ihre emotionalen Tagebucheinträge aus dem Jahr 1945, die sie an ihren Ehemann richtet und die sich zwischen die Kapitel einfügen, bleibt sie stets im Hintergrund der Geschichte.
"Findelmädchen - Aufbruch ins Glück" ist eine authentisch geschilderter, herzerwärmender Roman über Hoffnung, Träume und die Suche nach Glück, die die Situation des Nachkriegsdeutschlands historisch aufwändig recherchiert und anhand der fiktiven Geschichte von Helga emotional bewegend darstellt.

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