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Veröffentlicht am 15.11.2021

Interessante, wendungsreiche Familiengeschichte mit dem Fokus auf zwei ungleichen Schwestern, die zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar ist.

Die Hummerschwestern
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Als Idellas und Avis Mutter bei der Geburt ihres vierten Kindes stirbt, sind die beiden sechs und knapp acht Jahre alt. Der Vater Bill, ein Farmer und Hummerfischer, ist dem Whiskey stark zugeneigt und ...

Als Idellas und Avis Mutter bei der Geburt ihres vierten Kindes stirbt, sind die beiden sechs und knapp acht Jahre alt. Der Vater Bill, ein Farmer und Hummerfischer, ist dem Whiskey stark zugeneigt und mit der Erziehung seiner Kinder überfordert. Sein Sohn Dalton lebt in der Scheune, um seinem Vater aus dem Weg zu gehen. Die Mädchen sind für den Haushalt zuständig, bis Bill eine französische Haushaltshilfe, Madeleine, engagiert, die selbst ihre Geheimnisse birgt, sich aber von der schroffen Art von Bill nicht abschrecken lässt. Als es fast zum Eklat kommt, entlässt Bill Maddie und schickt seine beiden Töchter zu seiner Schwägerin nach Maine. Dort erhalten sie die Chane, drei Jahre zur Schule zu gehen, bis ihr Vater sie nach einem Jagdunfall wieder zu sich holt.
Wenige Jahre später verlassen Idella und Avis ihr Elternhaus, um in die USA zu emigrieren. Während Avis ihr unabhängiges Leben genießt, ordnet sich Idella zunächst als Hausmädchen ihren Arbeitgeberinnen unter und heiratet später Edward, dessen Mutter die gesamte Familie vereinnahmt.

Der Roman erzählt eine 70-jährige Familiengeschichte, beginnend im Jahr 1016. Der Fokus liegt zunächst auf dem Zusammenleben der Familie Hillock nach dem tragischen Tod der Mutter im Kindbett, bevor das Leben von Idella als erwachsene Frau in den Mittelpunkt rückt. Idella ist eine sympathische junge Frau, deren Leben fremdbestimmt ist. Erst erledigt sie zuverlässig die Arbeiten für ihren Vater, dann kümmert sie sich um die Familie ihres Ehemannes. Sie ist zufrieden, denn sie hat keine Erwartungen oder Träume.

Die Geschichte ist unterhaltsam und spanend erzählt, da stets eine unterschwellige Dramatik vorhanden ist und auch immer wieder etwas passiert, dass die Familie nachhaltig beeinflusst und bewegt. Die Autorin starb, bevor sie den Roman beendigen konnte, weshalb er aus einzelnen Kurzgeschichten besteht, was insbesondere durch die Zeitsprünge in den Leben der Charaktere auffällt, aber sonst nicht weiter störend ist.

Es ist eine besondere Geschichte, denn die Charaktere sind einzigartig und selbst der schroffe Vater auf seine Art liebenswert. Der Verlauf ihrer Leben ist nicht vorhersehbar und auch die eigentümliche Atmosphäre auf der Farm der Hillocks an der Ostküste Kanadas, aber auch bei Idellas Schwiegereltern im amerikanischen Boston sorgen für Spannung.

Der Beginn der Geschichte ist fesselnd und auch das Heranwachsen von Idella und Avis, den beiden ungleichen "Hummerschwestern" ist interessant geschildert. Anschließend hat der Roman seine Längen, da es ihm an Dramatik mangelt, was jedoch durch das bewegende Ende wieder ausgeglichen wird.

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Veröffentlicht am 13.11.2021

Spannend und berührender historischer Roman über die Fragen von Herkunft, Heimat und Familie - eine schicksalhafte Familiengeschichte.

Ein neuer Morgen für Samuel
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1944 ist Paris von den Deutschen besetzt und nur knapp einen Monat nach der Geburt ihres Sohnes werden Sarah und David verhaftet. Als sie sich auf dem Weg in ein "Arbeitslager" befinden, übergibt Sarah ...

1944 ist Paris von den Deutschen besetzt und nur knapp einen Monat nach der Geburt ihres Sohnes werden Sarah und David verhaftet. Als sie sich auf dem Weg in ein "Arbeitslager" befinden, übergibt Sarah ihr Baby Samuel einem französischen Bahnarbeiter um ihn zu retten, denn sie befürchtet, dass die Fahrt mit dem Zug, der an einen Viehtransport erinnert, eine Reise ohne Wiederkehr ist.
Jean-Luc, der für seine Arbeit für die Deutschen als Kollaborateur gilt, aber tatsächlich die Schreckensherrschaft der Boches kaum ertragen kann, und bereits versucht hat, die Gleise zu manipulieren, nimmt sich des kleinen Samuel an und schafft es zusammen mit seiner Freundin Charlotte in die USA zu flüchten. Sie bauen dort gemeinsam mit Sam ein neues Leben auf, bis sie 1953 die Nachricht erreicht, dass Sams Eltern noch am Leben sind und Jean-Luc wegen Kindesentführung verhaftet wird.

"Ein neuer Morgen für Samuel" ist ein emotionaler, historischer Roman, der die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs aus Sicht der französischen Bevölkerung darstellt, die unter der deutschen Besatzung leiden. Eine Woche bevor die Alliierten in Frankreich landen, werden Sarah und David verhaftet, da sie Juden sind. Geistesgegenwärtig lässt Sarah ihr neugeborenes Kind aus Liebe zurück und klammert sich an den Gedanken, dass Samuel überlebt hat. Zeitgleich setzen Charlotte und Jean-Luc, die gedanklich auf Seiten der Résistance standen, ihr Leben aufs Spiel, indem sie mit dem kleinen Baby nach Amerika flüchten. Der Abschied Sarahs geht zu Herzen, aber auch wie mutig sich Charlotte und Jean-Luc für ein fremdes Kind einsetzen, dessen Eltern sie auch nicht kennen.
In Amerika leben sie in Freiheit, auch wenn sie ihre Heimat Frankreich vermissen. Aus Angst, dass Samuel von einer jüdischen Familie hätte adoptiert werden können, haben sie ihre Verhältnis zu Sam nie vor den Behörden klargestellt. Als sie erfahren, dass Samuels Eltern Auschwitz überlebt haben, ist dies ein Schock und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, für die kleine Familie grausam und herzzerreißend. Charlotte und Jean-Luc lieben Sam über alles und haben nie offen mit ihm über seine Herkunft gesprochen. Der Neunjährige kennt seine leiblichen Eltern nicht und soll nun in einem ihm fremden Land ein neues Leben anfangen.

Der Roman ist abwechselnd aus der Perspektive aller Beteiligten geschrieben, so dass man sich sehr gut in die Figuren, ihre Lebenssituation hineinversetzen und ihre Gefühle nachvollziehen kann. Durch den Wechsel der Zeiten zwischen 1944 und 1953, der Orte Paris und Kalifornien ist der Roman abwechslungsreich und fesselnd. Alle Charaktere und ihre widersprüchlichen Gefühle sind authentisch dargestellt. Ihre innere Zerrissenheit und die Fragen, wer, was, wann richtig oder falsch gemacht hat, lassen auch die/ den Leser*in nicht los. Ihre Schicksale berühren und es erscheint schier aussichtslos, die richtige und eine gerechte Entscheidung für Sam zu treffen.

Er wurde von einem Mann gerettet, der nun dafür im Gefängnis sitzt. Er ist bei Menschen aufgewachsen, die ihm seine leiblichen Eltern vorenthalten haben. Er soll nun bei fremden Menschen in einem Land leben, dessen Sprache er nicht spricht.

Wie dieser Konflikt gelöst wird, ist spannend, eindringlich und sehr berührend geschrieben, ohne dass die Geschichte melodramatisch oder kitschig wird. Die Fragen von Herkunft, Heimat und Familie, aber auch die Gefühle von Angst, Mutterliebe, von Schuld und von Entscheidungen, die man aus Verzweiflung oder Liebe und zum Wohl eines anderen trifft, werden vielschichtig behandelt, so dass man selbst von dem Gewissenskonflikt aufgewühlt wird und von der Stärke der Charaktere beeindruckt ist. Wie nah Freude und Leid, Glück und Unglück nebeneinander liegen können, kann man anhand des Schicksals der beiden Familien nachdrücklich erkennen.

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Veröffentlicht am 11.11.2021

Spannender Thriller, allerdings sehr konstruiert und wenig realitätsnah. Das Motiv des Täters ist im Vergleich zum Aufwand enttäuschend.

Sharing – Willst du wirklich alles teilen?
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Markus und Bettina Kern sind Inhaber eines sehr erfolgreichen Car- und Wohnungssharing-Unternehmens. Sie haben eine fünfzehnjährige Tochter und führen ein unbeschwertes Leben bis eines Abends Bettina nicht ...

Markus und Bettina Kern sind Inhaber eines sehr erfolgreichen Car- und Wohnungssharing-Unternehmens. Sie haben eine fünfzehnjährige Tochter und führen ein unbeschwertes Leben bis eines Abends Bettina nicht nach Hause kommt und Markus einen Anruf erhält, dass seine Frau mit anderen "geteilt" werden soll. Im Darknet ist ein Live-Video zu sehen, indem Bettina brutal misshandelt wird. Markus ist verzweifelt und hat keine Chance gegen den Erpresser. Am nächsten Morgen findet er seine Ehefrau tot auf, seine Tochter verschwindet und er selbst gerät unter Mordverdacht. Auf der Flucht und auf der Suche nach seiner Tochter spielt der Täter ein perfides Spiel mit ihm, denn auch Leonie soll wie bereits ihre Mutter "geteilt" werden.

Der Thriller ist aus der Perspektive des Familienvaters Markus geschildert. In einzelnen Kapiteln wird auch die Sicht von Leonie dargestellt und wie sie unter der Entführung zu leiden hat.
Markus hat bald einen Verdacht, wer hinter der Ermordung und Entführung seiner Tochter steckt, aber alle Indizien sprechen gegen ihn, weshalb die Polizeibeamten ihm nicht glauben und er stattdessen unter dringenden Tatverdacht gerät. Beim verzweifelten Versuch, seine Tochter zu retten, muss Markus verschiedene Aufgaben lösen, die ihm der Täter stellt. Es beginnt ein rasantes Katz- und Mausspiel und ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem Täter und Opfer wischen. Durch Wendungen beginnt man auch als Leser an Markus zu zweifeln, denn es ist kaum vorstellbar, welche Spuren der Entführer legt und wie es ihm gelingt, so ein grausames Spiel zu betreiben.
Die Bewältigung der Aufgaben zieht sich etwas in die Länge, obwohl die kurzen Kapitel häufig mit Mini-Cliffhangern enden, so dass man unweigerlich gezwungen ist, weiterzulesen. Der Sharing-Gedanke ist der Aufhänger des Thrillers und der Tat des Täters und führt den Leser auf raffinierte Weise auf eine falsche Spur, denn das Teilen ist in einem anderen, viel größeren Sinn, gemeint.

"Sharing - Willst du wirklich alles teilen" ist ein dynamischer Thriller, der sich leicht lesen lässt. Der Racheplan, den der Täter inszeniert ist dabei so aufwändig, dass die Konstruktion der Geschichte schon nicht mehr ganz realistisch ist. Die vielen Aufgaben, die Markus bewältigen muss, hätte es nicht gebraucht, um ihm aus Angst um seine Tochter derart unter Druck zu setzen. Zudem empfand ich das Motiv des Täters im Vergleich dazu enttäuschend und das Spiel, das er mit Markus betreibt, zu übertrieben. Spannend war der Thriller durch die zahlreichen Wendungen, durchaus, das Ende jedoch lieblos abgekanzelt.

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Veröffentlicht am 09.11.2021

Keine unterhaltsame Geschichte über Onlinedates sondern ein Roman über Verlust und den schönen Schein, den es zu wahren gilt. Die Charaktere jedoch zu flach und die Geschichte trotz Botschaft um mehr Authentizität nichtssagend.

Das perfekte Date
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Caitlin ist Inhaberin einer Dating-Agentur, die sie noch traditionell betreibt. Statt auf Apps und Algorithmen achtet sie lieber auf ihr Bauchgefühl und findet so den perfekten Partner für ihre Klienten. ...

Caitlin ist Inhaberin einer Dating-Agentur, die sie noch traditionell betreibt. Statt auf Apps und Algorithmen achtet sie lieber auf ihr Bauchgefühl und findet so den perfekten Partner für ihre Klienten. Ganz ohne Werbung und Social Media kommt aber auch ihr Start-Up nicht aus, weshalb sie sich dem Druck ihrer Marketingexpertin beugt, ihr eigenes Leben und ihr Liebesglück mit Ehemann Harry in Szene zu setzen. Caitlin lebt das perfekte Leben, aber es ist alles nur eine perfekte Inszenierung, die so lange aufrechterhalten bleibt, bis Caitlin zusammenbricht und sich ihren Problemen stellen muss.

Cover und Titel suggerieren eine romantische, humorvolle Liebesgeschichte. Wer jedoch eine unbeschwerte Chic-Lit-Romanze erwartet, könnte von dem Roman enttäuscht werden.
Die Geschichte vermittelt von Anbeginn eine eher betrübliche Stimmung und trotz Caitlins Leidenschaft für ihren Beruf und den Glauben daran, für jeden Menschen den perfekten Partner zu finden, ist zu spüren, dass in Caitlins Leben etwas im Argen liegt. Ihre Beziehung zu Harry bleibt vage, so dass es für den Leser wie auch für Caitlins Freunde und Bekannte nicht klar ist, wie es um ihre Beziehung bestellt ist oder ob Harry einfach nur nichts mit der Dating-Agentur zu tun haben möchte.
Bis das Geheimnis um Harry gelüftet wird, dauert es fast schon ermüdend lange. Sodann wechselt der Schwerpunkt des Romans weg von Caitlins Beruf und die Sorgen um ihren Ruf sowie die Suche nach erfolgversprechenden Influencern weg zu ihren privaten Problemen und einem tragischen Ereignis, das sie bisher nicht verarbeitet hat.
Die Freundschaft zu Verity gibt ihr Halt, ihr gegenüber kann sie sich öffnen und ehrlich sein, reflektiert ihr Verhalten und beginnt, ihr Leben vor allem beruflich umzukrempeln.

Durch die Thematik um Dating, Social Media, der (Online-)Suche nach dem passenden Partner und dem Einfluss von Instagram und Facebook ist der Roman modern und handelt von aktuellen Problemen der Generation Y und insbesondere von dem Druck, der durch das Vorleben von Stars und Sternchen, die sich perfekt in Szene setzen, entsteht.
Im Fall von Caitlin eröffnet sich jedoch noch ein ganz anderes Themenfeld, das ihr Leben verändert hat, mich jedoch nicht so sehr berühren konnte, da nur Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit bekannt werden. So konnte ich mich nicht richtig in Caitlin hineinversetzen und auch die anderen Charaktere blieben nur sehr oberflächlich beschrieben. Die Geschichte plätscherte nach einem therapeutischen Aufenthalt auf den Malediven nur noch ereignislos vor sich hin und zudem sich Caitlin mit ihrer Agentur für meinen Geschmack viel zu wichtig.

"Das perfekte Date" handelt weniger von unterhältlichen Dating-Episoden als viel mehr von Freundschaft und Verlust, vom schönen Schein, der der Öffentlichkeit präsentiert wird und der Einsamkeit, die tatsächlich dahintersteckt. Für mich war die Geschichte durch den seltsamen Aufbau jedoch nicht ganz rund, die Charaktere zu flach und die Geschichte trotz der vorhersehbaren propagierten Botschaft nach mehr Authentizität letztlich nichtssagend.

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Veröffentlicht am 07.11.2021

Familiengeschichte, die von Zwängen, hohen Erwartungen und gesellschaftlichen Konventionen, von Selbstbestimmung und der ungleichen Dynamik innerhalb einer Familie handelt.

Wir sind schließlich wer
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Als Anna von Betteray in dem Dorf Alpen am Niederrhein, in dessen Nähe sie aufgewachsen ist, die Vertretung des erkrankten Pastors übernimmt, ist nicht nur die langjährige und unverschämt indiskrete Haushälterin ...

Als Anna von Betteray in dem Dorf Alpen am Niederrhein, in dessen Nähe sie aufgewachsen ist, die Vertretung des erkrankten Pastors übernimmt, ist nicht nur die langjährige und unverschämt indiskrete Haushälterin der Pfarrei skeptisch, ob die junge Frau der Aufgabe gewachsen ist. Schnell entstehen Gerüchte über verschiedenste Affären, die die Geschiedene mit den ledigen Männern des Dorfes haben soll. Dabei ist das einzige männliche Wesen an ihrer Seite ihr treuer Goldendoodle Freddy.
Ernsthaft kann sich Anna ohnehin nicht mit dem Dorftratsch beschäftigen, da ihre ältere Schwester Maria ihre Unterstützung braucht. Ihr Ehemann, der wie die von Betterays adeliger Abstammung ist, wurde wegen Steuerhinterziehung verhaftet und anschließend verschwindet auch noch Annas elfjähriger Neffe Sascha, der wegen seines kriminellen Vaters in der Schule gemobbt wird. Die Fassade von Maria beginnt zu bröckeln, die im Gegensatz zur wilderen Anna stets die Vorzeigetochter ihrer Mutter war. Durch das Unglück kommen sich die beiden ungleichen Schwestern wieder näher und sogar die dem Landadel gegenüber missgünstigen Dorfbewohner Alpens helfen bei der Suche nach dem vermeintlich entführten Sascha.

Neben dem Skandal um die Verhaftung und das negative Bild, das damit auf die auf den schönen Schein wahrende Familie von Betteray geworfen wird, steht insbesondere das Verhältnis der beiden ungleichen Schwestern Anna von Betteray und Maria von Moitzfeld im Vordergrund. Vier Jahre Altersunterschied trennen sie und zwei ungleiche Persönlichkeiten. Während Anna noch nie Angst davor hatte, sich die Finger schmutzig zu machen, der Wildfang der Familie war, besonders ihrem Vater nahe stand, an die falschen Männer geriet und mit Mitte Dreißig bereits geschieden ist, hat sich Maria als Prinzessin und Liebling der Mutter Mechthild stets deren Erwartungen gebeugt und einen standesgemäßen Grafen geheiratet.
Anna, die Kummer gewöhnt ist, zeigt in der Krisensituation, dass sie die stärkere der beiden Schwestern ist, denn die einst so disziplinierte Maria hatte schon längst die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren und agiert nun kopflos.

Trotz des Unglücks, das auf die Familie von Betteray hereinbricht und der bitteren Vergangenheit Annas, die lange im Verborgenen bleibt, ist der Roman unterhaltsam und vielfach überraschend humorvoll geschrieben. Die Geschichte wirkt lebensnah, die Charaktere sind authentisch und das verschlafene Dorf mit den antiquierten Ansichten der Bewohner lässt sich bildhaft vorstellen. Der Neid und der Unmut, der gegenüber dem Landadel herrscht, der aus Langeweile und Sensationslust verbreitete Dorftratsch und auch die Überheblichkeit des Adels, die durch Maria und Mutter Mechthild verkörpert wird, mögen etwas überspitzt dargestellt sein, machen die Geschichte aber auch so lebendig und unterhaltsam.
Anna ist ein warmherziger Charakter, der sich durch nichts unterkriegen lässt und sich nicht nur in ihrer Eigenschaft als Pastorin aufopferungsvoll um andere kümmert. Vorbildhaft unterstützt sie Maria und ihre Mutter, obwohl diese ihr das Leben schwergemacht haben und auch in der gegenwärtigen Situation wenig Dankbarkeit zeigen.
Einblicke in das Verhältnis der beiden Schwestern erhält man insbesondere durch Rückblicke in die Vergangenheit, die aus der Perspektive Marias erzählt werden. Auf diese Weise fällt es auch leichter zu verstehen, weshalb sich Maria, die schon immer fremdbestimmt war, so unbeholfen und garstig verhält.
Neben den Enthüllungen, die sich im Rahmen der Ermittlungen der Polizei über die Familie auftun, wird die Entführung fast zur Nebensache. Annas Großtante Ottilie, die nichts auf ihre adelige Abstammung gibt, lockert die Stimmung durch ihre resolute, gleichzeitig aber auch besonnene und altersweise Art auf, ohne dass dies im Alter mit Anfang 90 zu aufgesetzt wirkt.

Die Geschichte hat Charme, aber in einzelnen Situationen driftete die Dramödie fast in Richtung Klamauk ab. Auch wurde mir in Gegenwart einer Alkoholikerin entschieden zu viel Alkohol getrunken.
Nichtsdestotrotz ist "Wir sind schließlich wer" eine gelungene Familiengeschichte, die von Zwängen, hohen Erwartungen und gesellschaftlichen Konventionen, von Selbstbestimmung und der ungleichen Dynamik innerhalb einer Familie handelt, für die der äußere Schein stets das Wichtigste war. Emotional und spannend ist geschildert, wie die Mauern einreißen, wie Standesdünkel abgeschüttelt werden und wie zwei Schwestern sich nach Jahren der Distanz wieder näher kommen. Den Rahmen bildet eine abenteuerliche Entführungsgeschichte, die allerdings am Ende etwas langatmig wird, da man als Leser den Hintergrund schneller durchschaut, als die Protagonisten. Letztlich steht eher Unterhaltung als Tiefgang im Vordergrund, da Probleme nicht wirklich gelöst werden und auch Annas Vergangenheit nur sehr vage bleibt.

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