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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.02.2018

Schöne Idee, tolle Kulisse, mangelhafte Umsetzung

Nelkenliebe
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Das Cover des Romans ist wunderschön gehalten und hat in mir den Wunsch geweckt, dieses Buch zu lesen. Auch die Beschreibung klingt wirklich toll.

Doch nun zum Buch:
Katharina ist Fünfunddreißig und ...

Das Cover des Romans ist wunderschön gehalten und hat in mir den Wunsch geweckt, dieses Buch zu lesen. Auch die Beschreibung klingt wirklich toll.

Doch nun zum Buch:
Katharina ist Fünfunddreißig und lebt in Berlin. Ihr Jura Studium hat sie nach dem ersten Staatsexamen geschmissen und arbeitet daher als Rechtsanwaltsassistentin in einer Kanzlei. Sie ist mit ihrem Job nicht unbedingt glücklich und lebt in einer mittelmäßigen Beziehung mit Arne, einem Anwalt. Gleich auf der ersten Seite erfährt Katharina dass ihr geliebter Paps einen Hirntumor hat, inoperabel. Katharina, das „Papa Kind“, ist geschockt. Ihr Vater hat drei Träume, die er sich vor seinem Tod noch erfüllen will: eine Harley Tour an die Ostsee, dass Katharina und Arne heiraten, und dass Katharina nach Portugal reist und seine erste Liebe, Marisa, findet. Ihr Vater hat in jungen Jahren in Portugal gelebt und hatte dort seine grosse Liebe kennengelernt. Die war eines Tages jedoch einfach verschwunden und ihr Vater möchte nun endlich herausfinden, was damals passiert ist. Katharina fliegt also bereits wenige Tage später mit Arne nach Lissabon und macht sich auf die Suche.

Das Buch beginnt stark. Die Geschichte und Landschaft Portugals werden stets mit eingebunden und machen das Buch interessant. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen, 2018 und 1972- 1975. Besonders die Vergangenheit fand ich sehr interessant. Die Liebesgeschichte zwischen Katharinas Vater Gerd und Marisa wird sehr schön erzählt. Die Gegenwart ist dagegen etwas bland: Katharina ist für ihr Alter eher unerfahren und naiv, was die Geschichte etwas langatmig macht. Bereits kurz nach der Ankunft in Portugal lernt sie Nuno kennen, und beginnt, ihr bisheriges Leben und ihre Entscheidungen zu hinterfragen. Katharinas Familie hat sie seltsame Angewohnheit, sich pausenlos mit Torten vollzustopfen. Egal ob sie glücklich sind und es deshalb machen, oder gestresst oder traurig und Torten essen, um sich besser zu fühlen. So spielen zahlreiche Szenen in Cafes, wo Katharina sich durch verschiedene Kuchen aus Portugal durchprobiert. Etwa nach zwei Dritteln des Buches beginnt es, immer unrealistischer zu werden. Alle Probleme werden plötzlich wie von alleine gelöst, es gibt ein Happy End nach dem anderen (teilweise sehr unwahrscheinliche Ereignisse) und es werden einige kuriose Zusammenhänge klar.

Die Ideen zu diesem Buch sind sehr interessant und hätten durchaus Potential. Leider strotzt das Buch vor Vorurteilen (ganz a la „eine Frau braucht einen Mann der auf sie aufpasst und für sie sorgt“). Katharina ist ziemlich naiv, was mich oft gestört hat. Arne ist sowieso nicht sympathisch, denn er behandelt Katharina alles andere als liebevoll und möchte ihr nur Vorschriften machen. Leider bleibt Katharinas Mutter auf der ganzen Suche nach Marisa komplett links liegen und wird nicht einmal eingeweiht. Irgendwie unlogisch, denn ich bin mir sicher sie hätte den Wunsch ihres Mannes angesichts des drohenden Versterbens nachvollziehen können. Gut ausgearbeitet fand ich die Sprünge zwischen den Zeitebenen und die Beschreibung der Landschaft Portugals. Fazit: gute Ideen, die Ausarbeitung entsprach leider nicht meinen Erwartungen.

Veröffentlicht am 10.02.2018

Beobachtungen der Autorin aus ihrer Praxis ohne wissenschaftlichen Hintergrund

Kochbuch für die Seele
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Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, da ich die Idee eines „Kochbuchs“ für die Seele gut finde. Leider ist die Umsetzung völlig anders als erwartet. Die Autorin reiht in diesem Buch eine Ansammlung an ...

Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, da ich die Idee eines „Kochbuchs“ für die Seele gut finde. Leider ist die Umsetzung völlig anders als erwartet. Die Autorin reiht in diesem Buch eine Ansammlung an eigenen Beobachtungen und Halbwahrheiten aneinander. Sie konstruiert 5 Gruppen: die Zufriedenen, die ewig Unzufriedenen, die ewig Hungrigen, die Kontrollierten, die Angepassten. Diese Gruppen überschneiden sich teilweise mit psychischen Erkrankungen die im ICD-10 bzw. DSM System erwähnt werden. Vieles wiederholt sich im Buch mehrmals, auch innerhalb der postulierten Gruppen. Die Autorin springt innerhalb der Gruppen oft von einem Thema zum Nächsten, um dann später wieder zurückzuspringen. So entsteht keine klare Linie, man hat vielmehr das Gefühl es handle sich um eine Aneinanderreihung von Beobachtungen der Autorin. Zu den einzelnen Gruppen scheint die Autorin teils eigenwillige Ansichten zu haben. Zum Beispiel ist Anorexie gemäss der Autorin immer ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Auch erklärt sie, dass gemäss ihren Beobachtungen Anorexie häufiger bei Zwillingen vorkommt, da ein Zwilling sich von dem anderen abgrenzen will, nachdem diese zuvor jahrelang komplett gleich gekleidet das Leben Seite an Seite bestritten hatten. Eine Statistik zitiert sie hier nicht. Möglich, dass dies stimmt, hier kenne ich die Materie zu wenig.

Auch sagt die Autorin, Personen mit Magersucht wüssten, dass sie eine gestörte Körperwahrnehmung haben. Ich denke genau das ist etwas was die Patienten nicht unbedingt wissen und woran in Therapiesitzungen gearbeitet werden muss! Weiters wird behauptet, Personen mit Essstörung wüssten selber, dass die Störung nicht gut für ihren Körper ist (ungesund). Ich weiss nicht, ob man das pauschal behaupten kann. Ich denke Patienten mit Anorexie denken nicht primär an ihre Gesundheit. Dann meint die Autorin auch, bei Bulimie sei durch das Erbrechen „der gesamte Magen-Darm-Trakt verwirrt“.

Häufig werden von der Autorin Sätze wie „ich denke …“, „in meiner Erfahrung“, „ich kann mir vorstellen“ benutzt. Allzu oft werden pauschalisierende Aussagen ohne jegliche Referenz auf den Tisch gelegt. Die Autorin scheint sich aus ihrer Erfahrung heraus und ihren Vorstellungen hier etwas zusammenzufantasieren. Weiters zeugen manche Aussagen nur ansatzweise von einem Verständnis der medizinischen Themen und psychischen Krankheiten an sich.

Sehr wenig wird darauf eingegangen, WAS man denn tatsächlich essen sollte. Es wird erwähnt, man solle sich ausgewogen ernähren. Mehrmals sagt die Autorin auch, dass Verbote nur die Lust fördern, das verbotene Produkt essen zu wollen. Sie spricht sich daher gegen Verbote aus. Hier hätte ich mir eine Vertiefung gewünscht.

Am Ende jedes Kapitels stellt die Autorin Übungen vor. Hier gibt es zwei Übungen, die bei drei der fünf Gruppen (komplett gleich) vorkommen! Insgesamt kann ich den Übungen nur wenig abgewinnen.

Fazit: zu allgemein gehalten, zu viele Pauschalisierungen, viele Wiederholungen ohne medizinischen Hintergrund.

Veröffentlicht am 08.02.2018

Männer und Gefühle

Die Herzen der Männer
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Butler wagt sich bei diesem Buch an die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen, Rollenverteilung und Sexismus. Missbrauch, sowohl emotional als auch körperlich, spielt in dem Buch eine zentrale Rolle. Das ...

Butler wagt sich bei diesem Buch an die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen, Rollenverteilung und Sexismus. Missbrauch, sowohl emotional als auch körperlich, spielt in dem Buch eine zentrale Rolle. Das Buch ist grob in 3 Abschnitte geteilt: 1962 im Camp Chippewa in Wisconsin, 1996 im Stardust Supper Club und schliesslich 2019 im Whiteside Pfadfinder Reservat, wie das Camp Chippewa mittlerweile genannt wird. Nelson Doughty ist der zentrale Protagonist des Buches. Als wir ihn kennenlernen ist er dreizehn, ein Pfadfinder und der Signaltrompeter im Camp Chippewa. Er ist ernst, zielstrebig und hat klare Moralvorstellungen. Leider ist er auch eher unbeliebt, wird von den anderen gehänselt und hat keine Freunde. Oder, wie ihm selbst im Laufe des ersten Abschnitts klar wird, die einzige Person die es mit ihm je gut gemeint hat war seine Mutter. Sein Vater ist ein frustrierter Mann der die Familie nach Jahren des Missbrauchs schliesslich verlässt.

Die Erzählung springt ins Jahr 1996, wo wir Nelson eher als stillen Zuschauer wiedersehen. Über Umwege erfahren wir, was seitdem mit Nelson passiert ist. Im Stardust Supper Club trifft sich Nelson mit einem alten Bekannten Jonathan und dessen Sohn Trevor. Die Beziehung von Trevor und seinem Vater ist in vielerlei Hinsicht ähnlich zu der von Nelson und seinem Vater. Nelson scheint sich in Trevor wiederzuerkennen, da beide ähnliche Moralvorstellungen haben. Und so scheint Trevor schliesslich Nelson und seiner militärischen Karriere nachzueifern.

In 2019 erzählt letztlich Sarah, Trevors Frau, als alleinerziehende Mutter ihre Sicht der Dinge. Sie fährt mit ihrem Sohn Thomas zurück ins Pfadfinderlager, wo Nelson mittlerweile als Leiter fungiert. Hier schliesst sich der Kreis. Die Themen sind nun aktueller denn je: Waffen, Sexismus, Patriotismus und Ausländerfeindlichkeit katapultieren uns direkt ins Amerika des 21. Jahrhunderts. Sehr interessant ist der Standpunkt einer Frau auf diese Dinge. Sarah hat es als einzige Frau im Camp nicht unbedingt einfach.

Butler hat einen sehr interessanten Zugang zu diesem Thema gefunden. Mir gefällt, wie er es schafft, Nelsons Geschichte über 3 verschiedene Zeitpunkte so komplett zu erzählen. Ohne es wirklich anzusprechen behandelt er die Beziehung zwischen Vater und Sohn, zwischen Männern als Freunden und die Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft. Ein sehr gut geschriebenes und wichtiges Buch, dessen Themen aktueller nicht sein könnten.

Veröffentlicht am 03.02.2018

Wunderschön und sehr traurig

All die Jahre
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„Manchmal verging zwischen einem Tag und dem nächsten ein ganzes Leben.“

Es ist 1957, als die einundzwanzigjährige Nora Flynn und ihre jüngere Schwester Theresa Irland verlassen und mit dem Schiff nach ...

„Manchmal verging zwischen einem Tag und dem nächsten ein ganzes Leben.“

Es ist 1957, als die einundzwanzigjährige Nora Flynn und ihre jüngere Schwester Theresa Irland verlassen und mit dem Schiff nach Boston auswandern. Dort wartet Charlie, Noras Verlobte, der schon vorher nach Boston ist, um alles vorzubereiten. In Irland gibt es keine Optionen mehr für sie – und so machen sie sich hoffnungsvoll auf zu einem neuen Leben. Theresa möchte Lehrerin werden und Nora wünscht sich nichts mehr, als ihr diesen Traum zu erfüllen – koste es, was es wolle. Doch Theresa macht einen folgenschweren Fehler. Sie wird schwanger. Nora trifft eine Entscheidung, die ihr und Theresas Leben für immer verändern wird.

Fünfzig Jahre später trifft sich die ganze Familie bei einer Beerdigung wieder. Auch Theresa, die inzwischen im Kloster lebt, trifft Nora seit Jahren zum ersten Mal wieder. Hier müssen sie endlich aufarbeiten, was in den Jahren seit der Einreise in Amerika passiert ist.

Sullivans Schreibstil ist außerordentlich; ruhig und flüssig. Die Charaktere sind stark, die Geschichte unendlich realistisch – ich wollte das Buch nicht aus der Hand legen. Nora und Theresa sind zwei starke Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jede versucht, auf ihre Art mit der Entscheidung zurechtzukommen. Die Kapitel spielen abwechselnd in 1957/1958 und 2009, und Sullivan schafft es auf brillante Weise, so alle relevanten Treffen und Briefwechsel über 50 Jahre zu beschreiben. Ein außerordentliches Buch, das nachdenklich und traurig macht, aber auch eine wunderschöne Erzählung.

Veröffentlicht am 31.01.2018

Ein Muss für den informierten Patienten

Gesundheit!
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Natalie Grams ist approbierte Ärztin und ehemalige Homöopathin. Mittlerweile ist sie (endlich!) von der Homöopathie abgekommen. In ihrem neuen Buch erklärt sie empathisch und verständlich, was gemeint ...

Natalie Grams ist approbierte Ärztin und ehemalige Homöopathin. Mittlerweile ist sie (endlich!) von der Homöopathie abgekommen. In ihrem neuen Buch erklärt sie empathisch und verständlich, was gemeint ist, wenn wir von „Wissenschaft“ sprechen und worum es sich bei der EBM, der sogenannten „evidence based medicine“ handelt. Ein Großteil des Buches handelt von der Evidenz – welche Evidenz gibt es, dass Therapie X wirkt? Wie suchen Ärzte eine Therapie aus? Sie veranschaulicht den Unterschied zwischen Pseudowissenschaft und Wissenschaft.

Natalie Grams ist mit diesem Buch ein sehr wichtiges Werk gelungen: eine Erklärung für Patienten, wie die Schulmedizin tickt, wann man auf sie zurückgreifen sollte und für welche Situationen Alternativen ausreichen. Sie erklärt, was es mit Pharmafirmen auf sich hat und wie Medikamente entwickelt werden. Auch das Thema Impfungen wird sehr anschaulich behandelt. Ausführlich erklärt sie verschiedene alternativmedizinsche Methoden und zeigt auf, ob diese in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich belegt sind. Jede ihrer Aussagen ist mit der jeweiligen Quelle versehen, die Literaturangaben finden sich stets am Ende jedes Kapitels. Das Kapitel Prävention kommt für mich im Buch etwas zu kurz, eine weitere Ausführung würde aber vermutlich den Rahmen sprengen. Ich hoffe aber, dass dies eventuell ein Thema für das nächste Buch wird.

Insgesamt ein ausgezeichnet recherchiertes Buch, hinter dem viel Arbeit steckt. Teils ist es trocken zu lesen, was aufgrund des Themas auch schwer anders möglich wäre. Ein Muss für jeden, der ein informierter Patient sein will!