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Veröffentlicht am 19.03.2021

Alternative Leben

Die Mitternachtsbibliothek
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Wie viele verschiedene Lebens-Möglichkeiten bietet ein Menschendasein? Kurze Antwort: unendlich viele, je nachdem, wie man sich an bestimmten Wendepunkten entscheidet.
Spannend und verständlich geschrieben ...

Wie viele verschiedene Lebens-Möglichkeiten bietet ein Menschendasein? Kurze Antwort: unendlich viele, je nachdem, wie man sich an bestimmten Wendepunkten entscheidet.
Spannend und verständlich geschrieben zeigt Matt Haigs Roman am Beispiel seiner Protagonistin Nora, wie eine einzelne Entscheidung den Verlauf ihres Lebens, aber auch das vieler anderer Menschen, beeinflussen kann.
Nora Seed empfindet ihren Alltag im englischen Bedford nur noch als frustrierend. Arbeits- und mittellos, fühlt sie sich als Versagerin; sie verfällt in Depressionen, niemandem scheint sie etwas zu bedeuten, im Gegenteil: sie glaubt, für das Unglück anderer noch verantwortlich zu sein. Da sie keinen Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation sieht, will sie sterben. Doch das erweist sich als nicht so einfach, denn da gibt es eine geheimnisvolle Bibliothek und eine Bibliothekarin, die sie veranlasst, tiefer über sich selbst und verpasste Möglichkeiten nachzudenken, und ihr die Chance verschafft, Entscheidungen, die sie bereut, zu revidieren…
Die Idee der Paralleluniversen, die Matt Haig für seinen Roman gewählt hat, ist ein faszinierendes Thema. Allerdings wäre es eindrucksvoller, wenn er sich auf wenige Lebensentwürfe für Nora beschränkt und diese noch klarer dargestellt hätte. Natürlich will er zeigen, wie breit die Entscheidungsvielfalt für einen einzigen Menschen sein kann, doch je mehr Leben er schildert, desto verschwommener werden für mich die Bilder. Welche Botschaft der Autor dem Leser vermitteln will, wird diesem recht schnell klar: Sterben ist keine Lösung, jeder Mensch hat seine Fähigkeiten und die Möglichkeit, sein Schicksal selbst zu beeinflussen.
„Die Mitternachtsbibliothek" ist ein unterhaltsamer Roman, spannend und anregend, aber mir fehlt der „Funke“, der auf den Leser überspringen soll.


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Veröffentlicht am 13.03.2021

Ein Leben in Briefen

Das Haus der Madame Rose
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Kurz vor dem Abriss ihres Hauses im Pariser Stadtteil Saint Germain-des-Prés erzählt die knapp sechzigjährige Witwe Rose Bazelet von den wichtigsten Stationen ihres Lebens. In schriftlicher Form schildert ...

Kurz vor dem Abriss ihres Hauses im Pariser Stadtteil Saint Germain-des-Prés erzählt die knapp sechzigjährige Witwe Rose Bazelet von den wichtigsten Stationen ihres Lebens. In schriftlicher Form schildert sie ihrem verstorbenen Gatten die umwälzenden baulichen Veränderungen in Paris, denen nun auch ihre kleine Straße und ihr Haus zum Opfer fallen. Sie erklärt, warum sie es nicht fertigbringt, ihr Haus zu verlassen, sie analysiert die Gefühle, die sie ihm gegenüber, ihrer Tochter Violette und dem bereits als Kind gestorbenen Sohn hegt. Und sie gibt nun ein Geheimnis preis, das sie ihm, solange er lebte, nicht anvertrauen konnte...
Vor dem historischen Hintergrund der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris breitet Tatiana des Rosnay ein sehr anschauliches Panorama des Pariser Alltags aus. Im Zweiten Kaiserreich unter Napoleon setzt der Präfekt Haussmann große bauliche Veränderungen um, kleine Straßen und enge Gassen müssen den breiten, übersichtlichen Boulevards weichen, alte Friedhöfe werden ausgehoben und außerhalb der Stadt angelegt. All das geschieht vordergründig aus hygienischen Gründen, dient jedoch auch militärischen Zwecken. Wie ergeht es dabei den zahlreichen Bürgern, die zwangsenteignet und umgesiedelt werden? Das wird sehr einfühlsam von der Autorin hier erzählt. Roses Lebensgeschichte und ihre täglichen "Zustands-" Berichte an ihren geliebten Armand ergeben ein farbiges Gesellschaftsbild jener Zeit.

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Veröffentlicht am 13.03.2021

Für das Selbststudium

Italienisch lernen mal anders - Die 1000 wichtigsten Vokabeln in 10 Stunden
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Wer sich für seine nächste Italienreise sprachlich ein wenig vorbereiten möchte, kann das mit diesem Buch "mal anders" versuchen.
Nach einer kurzen Einführung in diverse Lerntechniken werden die versprochenen ...

Wer sich für seine nächste Italienreise sprachlich ein wenig vorbereiten möchte, kann das mit diesem Buch "mal anders" versuchen.
Nach einer kurzen Einführung in diverse Lerntechniken werden die versprochenen 3000 Vokabeln vorgestellt, unterteilt in 18 Sachgebiete. Von „Bildung" bis „Zahlen" werden die wesentlichen Wörter eines Bereiches dargestellt, kommentiert und mit Lernhilfen oder Eselsbrücken versehen, die dem Lernenden das Behalten derVokabeln erleichtern sollen. Zudem sind einzelne Grammatikkapitel in die Sachbereiche integriert, so dass sich der Interessierte auch häppchenweise grammatisches Basiswissen aneignen kann. „Fun Facts“ und einige wissenswerte Informationen über Italien unterbrechen immer wieder einmal den sachlichen Lerntext und sorgen für die nötige Entspannung zwischendurch. Noch besser gefiele mir diese Mischung allerdings, wenn sie sich farblich deutlich voneinander absetzen würde.
Alles in allem bietet das Buch für das Selbststudium eine gute Möglichkeit, sich die Sprache im eigenen Tempo anzueignen. Die zusätzlich angegebene Lautschrift gibt wohl Anhaltspunkte zur Aussprache der einzelnen Vokabeln - meines Erachtens ist es jedoch besser und einfacher, die korrekte Aussprache mit Hilfe eines zusätzlichen Audiomediums zu erlernen.

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Veröffentlicht am 07.03.2021

Ein Zeichen setzen

Kim Jiyoung, geboren 1982
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Gleichberechtigung von Mann und Frau - das ist ein viel diskutiertes Thema in zahlreichen Gesellschaften. Chos Roman rief bei seiner Erscheinung 2016 in Korea eine große Resonanz hervor und gab Anlass ...

Gleichberechtigung von Mann und Frau - das ist ein viel diskutiertes Thema in zahlreichen Gesellschaften. Chos Roman rief bei seiner Erscheinung 2016 in Korea eine große Resonanz hervor und gab Anlass zu kontroversen Debatten.
Die Protagonistin Kim Jiyoung kommt selbst nicht zu Wort, sie ist gewissermaßen ohne Sprache; denn ihre ganze Erziehung basiert auf Gehorsam und Anpassung. Nur wenige Mädchen/Frauen wehren sich aktiv gegen die Bevorzugung von Jungen/Männern und widersetzen sich damit den traditionellen Rollenvorstellungen. In recht nüchternem Stil schildert Cho Aspekte der Realität weiblichen Lebens in Korea, Unterordnung, Mobbing, sexuelle Übergriffe in aktiver als auch sprachlicher Form. Wie sehr Jiyoung darunter leidet, wird erst nach der Geburt ihres Kindes wirklich deutlich: nachdem sie der jungen Familie zuliebe ihren Beruf aufgegeben hat, wird sie psychisch auffällig. Sie nimmt Sprache und Gestus anderer Personen an, als deren Alter Ego sie dann über sich selbst spricht. Im Verlauf des Romans wird klar, dass es ihr behandelnder Psychiater ist, der Jiyoungs Anamnese sachlich distanziert dokumentiert - aus der (männlichen ) Sicht des Wissenschaftlers. Glaubwürdigkeit und Korrektheit werden immer wieder betont durch Fußnoten, die Erläuterungen und Hinweise zu entsprechender Literatur geben. Kims Lebenslauf wird von der Autorin recht allgemein beschrieben, so dass klar ist, hier handelt es sich nicht um ein Einzelschicksal, so verläuft vermutlich das Leben vieler ihrer Geschlechtsgenossinnen.
Zwar schildert der Roman das Leben von Frauen in Koreas Gesellschaft, doch das Problem der Geschlechtergerechtigkeit ist beileibe nicht allein auf diesen Staat begrenzt. Diese Staaten übergreifende Gültigkeit macht das große Potenzial des Romans aus und setzt ein Zeichen im Namen aller Frauen.

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Veröffentlicht am 07.03.2021

Tatort Geschichte

Stay away from Gretchen
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Tom Monderath ist zufrieden mit sich und seinem Leben: als Anchorman bei einem Kölner Fernsehsender ist er beruflich sehr erfolgreich und bei der Damenwelt beliebt. Dieses angenehme Leben gerät allerdings ...

Tom Monderath ist zufrieden mit sich und seinem Leben: als Anchorman bei einem Kölner Fernsehsender ist er beruflich sehr erfolgreich und bei der Damenwelt beliebt. Dieses angenehme Leben gerät allerdings aus seinen geregelten Bahnen, als seine betagte Mutter Grete die ärztliche Diagnose Alzheimer erhält. Er fühlt sich gezwungen, sich mehr seiner Mutter zuzuwenden und sich um ihr Wohl zu kümmern. Doch nicht allein ihr unaufhaltsames Vergessen bereitet ihm zunehmend Probleme. In ihrer Wohnung findet er Hinweise auf einen Teil ihrer Vergangenheit, den sie ihm bisher beharrlich verschwiegen hat. Als Einzelkind aufgewachsen, sieht er sich plötzlich mit der völlig unerwarteten Tatsache konfrontiert, dass er eine Halbschwester hat …
Glaubhaft schildert Susanne die Gegenwart von Mutter und Sohn im Wechsel mit Gretes Vergangenheit. Die Erinnerungen Gretes an ihre eigene Kindheit in Ostpreußen, den Kriegsbeginn und die Flucht vor den vorrückenden russischen Truppen, die schließlich in Heidelberg endet, sind lebendig beschrieben, ebenso wie der harte Kampf um das Überleben in der Nachkriegszeit. Zudem lässt sie Themen wie Fraternisation, Vorurteile, Rassenkonflikte und Adoption einfließen - die gut recherchiert sind - und auch der moderne Begriff der transgenerationalen Weitergabe von Traumata klingt an. Wer sich noch genauer informieren möchte, kann sich an dem Literarturverzeichnis im Anhang orientieren.
Tom (und der Leser) erhalten eine Ahnung davon, wie sehr alles miteinander zusammenhängt, und wie schmerzhaft es oft ist, die Vergangenheit der Eltern zu erforschen. Dennoch, Abel will mit ihrem Roman der älteren Generation „Gehör verschaffen und ein Gesicht geben.“ Denn: „Geschichte, wie bitter sie auch sein mag, ist Realität, die täglich in unsererGegenwart und die in unsere Zukunft fortwirkt.“

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