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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.04.2019

Thriller mit kritischer Botschaft

Thalamus
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Nur mit viel Glück überlebt Timo einen schweren Verkehrsunfall mit seinem Roller. Allerdings hat er fatale Folgen: ein schweres Schädel-Hirn-Trauma verursacht extreme Schäden. Um wieder gehen und sprechen ...

Nur mit viel Glück überlebt Timo einen schweren Verkehrsunfall mit seinem Roller. Allerdings hat er fatale Folgen: ein schweres Schädel-Hirn-Trauma verursacht extreme Schäden. Um wieder gehen und sprechen zu lernen, wird er in den Markwaldhof aufgenommen, eine ziemlich abgelegene Rehaklinik. Während Timos Gesundung langsam fortschreitet und er sich mit anderen jugendlichen Patienten anfreundet, macht er vorwiegend nachts äußerst merkwürdige Beobachtungen an anderen schwerstkranken Patienten. Da sein Sprachzentrum noch nicht wiederhergestellt ist, kann er sich seiner Umwelt nicht in dem Maße mitteilen, wie er es gerne möchte, und so forscht er zunächst auf eigene Faust weiter, bis er schließlich selbst in große Gefahr gerät, als er ein Geheimnis entdeckt …
Poznanski ist ein wirklich spannend und stilistisch gut geschriebener Jugendroman gelungen, der ohne Brutalitäten auskommt. Gekonnt verpackt die Autorin das Thema technischer Fortschritt und die damit verbundenen ethischen Fragen in einen spannungsgeladenen Thriller. Gänzlich unkompliziert stellt sie die Zusammenhänge in der modernen medizinischen Forschung und entsprechenden Tests dar und gibt gut verständliche Erklärungen. Hier wird auf sehr unterhaltsame Weise dazu angeregt, einmal kritisch über Wissenschaft nachzudenken, speziell über die medizinischen Möglichkeiten der Zukunft.

Veröffentlicht am 29.03.2019

Eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung

Meine Mutter, ihre Liebhaber und mein einsames Herz
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Ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch ist Cristina auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Sie wächst in unterschiedlichen Familien auf: bei der Großmutter, bei Vater und Stiefmutter, im Heim, endlich ...

Ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch ist Cristina auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Sie wächst in unterschiedlichen Familien auf: bei der Großmutter, bei Vater und Stiefmutter, im Heim, endlich auch bei ihrer geschiedenen Mutter. Diese ist nicht in der Lage, ihrem Kind Nähe und Wärme zu vermitteln; sie geht ganz in ihrem eigenen Leben auf. Trotz der Kühle ihrer Mutter versucht Cristina eine gute Beziehung zu ihr herzustellen - was ihr ironischerweise am besten gelingt, als die Mutter nach ihrer Alzheimer-Diagnose selbst wieder zum Kind wird.
Die Journalistin und Reporterin Karrer berichtet in zwei Zeitebenen aus ihrem Leben. Aktuell stehen die Pflege und Sorge um ihre Mutter im Vordergrund. Doch immer wieder erzählt sie Erlebnisse aus der Vergangenheit und erinnert sich mit Wehmut, ohne nachtragend zu sein.
Dieses Buch ist die sensible Geschichte einer Tochter, die als Kind den Beistand ihrer Mutter schmerzlich vermisst, als Erwachsene jedoch Verständnis für sie entwickelt und einen Zugang zu der mittlerweile dementen Frau findet. Mein Fazit: Cristina Karrer hat eine sehr ehrliche Erzählung verfasst, ohne Bitterkeit und stets optimistisch.

Veröffentlicht am 29.03.2019

Aufwühlende Familiengeschichte

Judas
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Willem Holleeder - diesen Namen kennt man in den Niederlanden gut. Der Schwerkriminelle, zeitweilig gar „König der Unterwelt“ Amsterdams, ist seit seiner Inhaftierung wegen der Entführung des Industriellen ...

Willem Holleeder - diesen Namen kennt man in den Niederlanden gut. Der Schwerkriminelle, zeitweilig gar „König der Unterwelt“ Amsterdams, ist seit seiner Inhaftierung wegen der Entführung des Industriellen Alfred Heineken hier eine Berühmtheit. Nun sagt seine jüngere Schwester Astrid als Belastungszeugin gegen ihn aus; sie beschuldigt ihn mehrerer Morde und Mordaufträge, unter anderem an seinem Schwager und Entführungs-Komplizen Cor van Hout. In ihrem Buch „Judas“ erzählt sie, wie sie und ihre Schwester Sonja dafür über einen langen Zeitraum Beweise in Form von Tonbandaufnahmen gesammelt haben, die sie mit gut verstecktem Mikrofon machten. Möglich war ihnen dies nur, weil Holleeder Astrid vertraute und mit ihr zahlreiche Probleme besprach. Sehr anschaulich beschreibt die Autorin, unter welchen Umständen sie und ihre älteren Geschwister Willem und Sonja in dem Amsterdamer Arbeiterviertel Jordaan aufwuchsen, wie die Verbindung zwischen ihnen funktionierte und welchen Lebensweg jeder einschlug. Sie macht deutlich, wie es dazu kam, dass Willem seine Familie für seine Taten instrumentalisieren konnte.
Doch obwohl ihr Bruder sich im Hochsicherheitsgefängnis befindet, weiß Astrid, dass sie seine Rache für ihren Verrat fürchten muss. Aus dem Zuchthaus heraus gelingt es ihm, Mordaufträge gegen seine Schwestern Sonja und Astrid zu erteilen. Um den Bedrohungen möglichst zu entgehen, musste sie ihr normales (Berufs-)Leben aufgeben und wohnt nun an wechselnden Orten, versteckt und stets in Abwehrbereitschaft. Sie kennt ihren Bruder genau und wendet sich in ihrem Nachwort an ihn: „Der einzige Grund, dass du noch lebst, ist, dass du uns das Leben nehmen willst.“

Veröffentlicht am 29.03.2019

Erschreckende Erkenntnisse

Erbsünde
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Wenn gläubige Christen der Meinung sind, im „Schoß der katholischen Kirche“ an einem Ort der Sicherheit und des Friedens zu verweilen, befinden sie sich in einem großen Irrtum. Ausgerechnet im Vatikan, ...

Wenn gläubige Christen der Meinung sind, im „Schoß der katholischen Kirche“ an einem Ort der Sicherheit und des Friedens zu verweilen, befinden sie sich in einem großen Irrtum. Ausgerechnet im Vatikan, dem Sitz des „Stellvertreters Gottes auf Erden“, konzentrieren sich düstere Geheimnisse: Machtstreben und Geldgier, Geldwäsche und Verbindungen zur Mafia, rätselhafte Tode und sogar Kindesmissbrauch.
Es handelt sich keineswegs um Verschwörungstheorien - der Journalist Gianluigi Nuzzi fordert bereits seit Jahren mehr Transparenz im Kirchenstaat und enthüllt in seinem Buch „Erbsünde“ neue Fakten, die er auch fundiert belegt. Dokumente, die ihm vertraulich zugespielt wurden, sind im Anhang einzusehen.
Unbequeme Fragen, die er stellt, gelten u. a. den Umständen zu dem rätselhaften Verschwinden des Mädchens Emanuela Orlandi im Vatikan in den achtziger Jahren. Ebenfalls ungeklärt ist bis heute die Frage, ob Papst Johannes Paul I tatsächlich ermordet wurde. Und warum ist Papst Benedikt XVI von seinem Amt zurückgetreten? Wieviele seiner Reformpläne konnte er durchsetzen, und welche Widerstände muss Franziskus bekämpfen, um sein „Erbe“ zu reformieren?
Nuzzi spart nicht mit Kritik am Vatikan und seinem Deckmantel der Verschwiegenheit. Er geht der Frage nach, aus welchen Gründen sich so wenig und so langsam im Vatikan ändert. Seine Vision ist düster: „Alle Reformmaßnahmen des Papstes werden unter einem dicht gewebten Netz aus Tod, Geld und Sex unweigerlich im Keim erstickt. Solange es nicht gelingt, sich von dem erpresserischen Sumpf der düsteren, ungeklärten Geschichten zu befreien, wird jeder Veränderungswille, unter welchem Papst auch immer, zum Scheitern verurteilt sein.“
Mein Fazit: „Erbsünde“ ist ein kritisches, akribisch recherchiertes Buch, das sich eingehend mit unbequemen Wahrheiten befasst.

Veröffentlicht am 29.03.2019

„Im Grunde sind wir mutterseelenallein“ -

Katzenzungen
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- eine schmerzliche Erkenntnis am Ende einer Reise guter Freundinnen!
Alljährlich zelebrieren drei Frauen eine gemeinsame „Mädelsfahrt“, als Ausdruck ihrer seit Schulzeiten bestehenden Freundschaft. ...

- eine schmerzliche Erkenntnis am Ende einer Reise guter Freundinnen!
Alljährlich zelebrieren drei Frauen eine gemeinsame „Mädelsfahrt“, als Ausdruck ihrer seit Schulzeiten bestehenden Freundschaft. Doch diesmal läuft etwas anders. Was relativ harmonisch und mit guten Vorsätzen beginnt, steuert auf eine Katastrophe zu…
Durchaus echt und für jeden nachvollziehbar entwickeln hier zwei Autorinnen die Geschichte um Dodo, Claire und Nora, drei recht unterschiedliche Freundinnen aus Pinneberg. Abwechselnd geben sie die Perspektive jeder einzelnen der Beteiligten wieder und rollen nach und nach deren Lebensweg, Gefühle und Geheimnisse auf, so dass sich für uns schließlich ein detailliertes Bild ergibt. Was der Leser auf diese Art stückweise erfährt, bleibt den jeweils anderen Freundinnen allerdings verborgen, bis es am Ende zu einem Eklat kommt.
Sehr geschickt nutzt das Autorinnen-Duo Martina Borger und Maria Elisabeth Straub das Stilmittel der inneren Monologe und Gedanken der einzelnen Frauen, um die Sichtweise auf andere Personen und Geschehnisse wie durch ein Kaleidoskop zu zeigen und zu verändern. Dabei schreiben sie spannend, zu keinem Zeitpunkt kommt Langeweile auf. Treffsicher legen sie Schwachpunkte frei und stellen Fragen wie: Bedeutet Freundschaft, dass jede sich ganz auf die andere einlässt, sich ihr vorbehaltlos anvertrauen kann? Oder hat Nora recht mit ihrer Meinung “Kennt überhaupt irgend jemand einen anderen Menschen wirklich? Und vor allem: Kennen wir uns selber?“