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Veröffentlicht am 13.06.2018

Scheinbar unscheinbar

Ein ganzes Leben
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Ein hartes Leben ist es, das Andreas Egger in einem Tal, irgendwo in Österreichs Bergen führt. Als Waisenkind einem hartherzigen Verwandten anvertraut, der Andreas nur als Arbeitskraft betrachtet, ist ...

Ein hartes Leben ist es, das Andreas Egger in einem Tal, irgendwo in Österreichs Bergen führt. Als Waisenkind einem hartherzigen Verwandten anvertraut, der Andreas nur als Arbeitskraft betrachtet, ist er es gewohnt, ein karges Außenseiterdasein zu fristen. Dass es Liebe gibt, erfährt er zum ersten (und einzigen) Mal, als er Marie trifft. Gemeinsam bauen sie ein einfaches Leben auf, zufrieden mit dem Wenigen, was sie erreichen. Doch das Schicksal will es anders - wie so oft in Andreas´ Leben.
Seethalers Roman beginnt um 1902 und reicht bis in die Siebziger Jahre. Er umfasst eine turbulente Zeitperiode, voller politischer und industrieller Umwälzungen. Im Gegensatz dazu steht Andreas´ Leben, das sich (oberflächlich gesehen) eher unscheinbar an einem entlegenen Winkel der Welt abspielt. Der Fortschritt berührt ihn nicht sehr, er lebt von und mit der Natur, liebt die Stille und Majestät der Berge. Man hat den Eindruck, er wird eher von Veränderungen mitgezogen, als dass er aktiv wird. Geduldig, ohne aufzubegehren, nimmt er die Ereignisse wie sie kommen. Dabei wird weder Pathos sichtbar noch große Dramatik. Überhaupt bedient sich Robert Seethaler einer schlichten, ruhigen Sprache, die wunderbar zu Andreas´ Charakter passt. Leicht und fließend liest sich die Geschichte, wie eigentlich alle Bücher, die der Autor geschrieben hat. Er hat einen dichten, aussagekräftigen Roman geschaffen, der ein ganzes Menschenleben erzählt, zusammengesetzt aus vielen eindrucksvollen Szenen - still und zurückhaltend wie sein Held Andreas Egger.

Veröffentlicht am 31.05.2018

Gedenken an die Liebsten

Für immer
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„Im Moment, als ich glaube, angekommen zu sein, endet alles. Für immer.“
Von einem Tag auf den anderen steht Georg Metger vor den Scherben all seiner Hoffnungen und Zukunftsträume: seine langjährige Partnerin ...

„Im Moment, als ich glaube, angekommen zu sein, endet alles. Für immer.“
Von einem Tag auf den anderen steht Georg Metger vor den Scherben all seiner Hoffnungen und Zukunftsträume: seine langjährige Partnerin Carla, ihre Söhne Davin und Dion und Simona, die Freundin des ältesten Sohnes, werden brutal ermordet. Dieser schreckliche Mordfall erschüttert nicht nur die kleine Gemeinde Rupperswil, sondern wird über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt. Wie kann man solch einen Schicksalsschlag verarbeiten? Kann man sich überhaupt jemals damit abfinden?
In seinen Aufzeichnungen hat Metger versucht, sich vieles von der Seele zu schreiben. Aus diesen Notizen ist nun mit Hilfe der Journalistin Franziska Müller ein Buch entstanden, das weniger eine Abrechnung mit dem Täter ist, sondern vor allem die Erinnerung an die Opfer aufrecht erhalten soll. Denn meist treten diese bei einem spektakulären Kapitalverbrechen in den Hintergrund, während dem Täter das meiste Interesse gilt. Sehr ehrlich und ergreifend, aber keineswegs larmoyant, schreibt Metger über seine anfängliche Fassungslosigkeit und den Schmerz über den Verlust seiner Liebsten. Ebenso eindrücklich berichtet er über die Zeit, in der er selbst und andere Familienglieder unter Tatverdacht standen, die lange Dauer des Wartens auf die Ergreifung und Anklage des Mörders. Auch der (Alb-)Druck des großen Medieninteresses, die Sensationslust vieler Menschen, ist ein wichtiges Thema. Und während er noch versucht, das Geschehen zu verarbeiten, kommt eine Menge an Formalitäten auf ihn zu. Aber auch andere Aspekte werden angesprochen, so etwa der Beistand von Familienmitgliedern, Freunden und Arbeitgeber oder auch die psychologische Opferhilfe. Metgers Buch zeigt eindrucksvoll die Verfassung eines Hinterbliebenen von Gewaltopfern, die Fragen, Zweifel und Probleme, denen er sich stellen muss. Nein, dieses Buch lässt sicherlich niemanden kalt.

Veröffentlicht am 24.05.2018

Frisch, fröhlich, fantasievoll

Storm oder Die Erfindung des Fußballs
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Wie wird aus einem Klosterschüler ein Fußballstürmer?
Storm ist ein gewitzter, aber nicht unbedingt braver Junger, der in einem nordenglischen Kloster erzogen wird. Doch er hat ganz andere Zukunftsvisionen: ...

Wie wird aus einem Klosterschüler ein Fußballstürmer?
Storm ist ein gewitzter, aber nicht unbedingt braver Junger, der in einem nordenglischen Kloster erzogen wird. Doch er hat ganz andere Zukunftsvisionen: er möchte ein großer Seefahrer und Krieger werden. Daher flüchtet er kurz entschlossen durch die Mönchstoilette in das darunter liegende Meer und rudert mit einem Boot auf die offene See hinaus - dem großen Abenteuer entgegen. Und das begegnet ihm schon sehr bald, in Gestalt eines riesigen Drachenkopfes …
Das allererste Fußballmatch und wie es zustande gekommen ist: eine originelle Idee, die Jan Birck schriftstellerisch und zeichnerisch in ein fröhlich- turbulentes Kinderbuch umsetzt. Mit viel Schwung und Esprit erzählt der Autor von Storms Erlebnissen während seiner Flucht und des anschließenden Aufenthaltes im fernen Reydarfjordurthofthier, einem Wikingerdorf. Sein flotter, lockerer Stil zieht junge Leser ab 8 Jahren mitten hinein ins mittelalterliche Leben. Storms sympathischer Charakter sorgt dafür, dass sie sich ohne Probleme mit ihm identifizieren können. Mit einem Augenzwinkern präsentiert Birck clevere Kinder, die den (in ihren Gewohnheiten festgefahrenen) Erwachsenen mit klugen Einfällen kreative Lösungsmöglichkeiten aufzeigen - in Wort und Bild. Die großzügigen, teils ganzseitigen Illustrationen sind ebenso fantasievoll und witzig angelegt wie der Text, ein wirklich amüsantes Gesamtwerk.
Ob Storm und seine Wikinger Adoptivfamilie weitere Abenteuer erleben? Wir freuen uns schon auf eine Fortsetzung!

Veröffentlicht am 23.05.2018

„Eine Kleinstadt wie tausend andere…“

Main Street
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Carol Kennicott ist total von sich überzeugt: nach ihrer Heirat mit Will, dem Arzt der Kleinstadt Gopher Prairie, wird sie die langweilige Hauptstraße des Städtchens nach ihren Plänen geschmackvoll umgestalten ...

Carol Kennicott ist total von sich überzeugt: nach ihrer Heirat mit Will, dem Arzt der Kleinstadt Gopher Prairie, wird sie die langweilige Hauptstraße des Städtchens nach ihren Plänen geschmackvoll umgestalten lassen. Doch als sie in die den Ton angebende Schicht der Provinzstadt eingeführt wird, gerät ihr Vorhaben ins Wanken; die Einwohner schätzen ihre Reformpläne nicht sehr. Carols Engagement wird schließlich eher durch die Interessen der Middle Class in andere Richtungen gelenkt und sie verschiebt ihr Vorhaben vorläufig. Wird sie sich durchsetzen oder wird sie von der „Gesellschaft“ vereinnahmt und verändert?
Im Original erschien der Roman „Main Street“ im Jahre 1920 - doch sein Thema, das Leben in der Provinz, das Festhalten an Traditionen, Intoleranz und Borniertheit vieler Zeitgenossen ist stets aktuell. Sinclair Lewis (1885 – 1951) verfügt über eine scharfe Beobachtungsgabe. Mit viel Witz und Esprit schildert er seine Charaktere, in erster Linie Vertreter des (selbstzufriedenen) Bürgertums. Sie wirken so lebendig wie in den Romanen Charles Dickens´, seinem großem Vorbild. Lewis nimmt ihre Schwächen und Fehler kritisch ins Visier und zeichnet in satirischer Manier ein facettenreiches Bild der Personen und des Handlungsortes. Gopher Prairie erscheint wie ein Abbild seiner eigenen Geburtsstadt in Minnesota und deren Einwohner. Vermutlich hatte Lewis, der übrigens als erster amerikanischer Schriftsteller Lewis im Jahr 1930 den Nobelpreis für Literatur erhielt, genügend Gelegenheit, sie genau zu beobachten. „Main Street“ , in gehobener Alltagssprache verfasst, liest sich einfach wunderbar erfrischend.
„Soviel zu unserer angenehmen Tradition und unserem festen Glauben. Würde sich da nicht als zynischer Fremdling entlarven, wer die Main Stret anders schildern oder ihre Bewohner mit Spekulationen darüber erschrecken wollte, ob es noch andere Bekenntnisse gibt?“

Veröffentlicht am 19.05.2018

Toller Mix aus Witz und Spannung

Die Finstersteins – Teil 3: Den Letzten beißt das Krokodil!
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Liebe kann sogar Steine erweichen - das erleben wir im dritten Teil der Geschichte um die vierhundert Jahre alte Familie Finsterstein in Berlin Köpenick. Sina von Finsterstein und ihre Brüder nehmen ...

Liebe kann sogar Steine erweichen - das erleben wir im dritten Teil der Geschichte um die vierhundert Jahre alte Familie Finsterstein in Berlin Köpenick. Sina von Finsterstein und ihre Brüder nehmen gemeinsam mit Fred, ihrem „Erwecker“, an dem Schulprojekt „Mein Kiez - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ teil. Doch Professor Rassmus de Habernuck vom Geheimbund der „Erben“, der seit Jahrhunderten auf der Suche nach einem Elixier für ewiges Leben ist, lässt Sina entführen, um das Geheimnis ihrer Erweckung zu ergründen. Verzweifelt begibt sich Fred auf die Suche nach seiner Freundin, mit Sinas Krokodil Peppi als Spür“hund“ und gerät bald selbst in Gefahr…
Drei kurzweilige Stunden lang sorgt Kai Lüftners Hörbuch für packende Unterhaltung. Neben geheimnisvollen Ereignissen spielen die Themen Familie, Freundschaft und Zusammenhalt eine tragende Rolle, auch die erste Verliebtheit wird (gar nicht kitschig) thematisiert. Der Stil des Romans ist zeitgemäß, die Sprache frisch und locker, aber nicht banal; Lüftner orientiert sich an der Ausdrucksweise von Jugendlichen und trifft damit ihren Geschmack. Witzige, schlagfertige Dialoge bringen immer wieder heitere Unterbrechungen in das spannende Geschehen und lockern es auf.
Der Schriftsteller selbst leiht den Akteuren seine Stimme und lässt sie lebendig werden. Mit leichten Modulierungen gibt er jeder Figur einen eigenen Charakter und liest gekonnt lustige Szenen, beschwört aber auch spannende und gar unheimliche Momente.
Meine Meinung: Ein Kinderbuch mit einer guten Mischung aus Lachen und Spannung!