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Veröffentlicht am 31.03.2018

Wenn der Schiller mit dem Goethe...

Die Affäre Carambol (Goethe und Schiller ermitteln)
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Wieder einmal wandeln zwei berühmte Literaten auf fremden Pfaden: Geheimrat von Goethe und sein Freund Hofrat Schiller ermitteln in einem äußerst delikaten Fall in Goethes Geburtsstadt Frankfurt. Jemand ...

Wieder einmal wandeln zwei berühmte Literaten auf fremden Pfaden: Geheimrat von Goethe und sein Freund Hofrat Schiller ermitteln in einem äußerst delikaten Fall in Goethes Geburtsstadt Frankfurt. Jemand scheint ein großes Interesse an einem Krieg zwischen der Stadt und Frankreich zu haben; denn er provoziert Bonaparte auf vielerlei Art. Der Stadtrat jedoch will eine kriegerische Auseinandersetzung auf jeden Fall verhindern - mit Goethes Hilfe. Und so geraten die zwei Poeten, die eigentlich nur Goethes Mutter besuchen wollten, unversehens mitten hinein in ein turbulentes Abenteuer - und mehr als einmal in Lebensgefahr.
Goethe als studierter Advokat und Schiller als ehemaliger Militärarzt ergänzen sich bestens als Ermittlerteam. Erfindungsreich, aber manchmal auch tollkühn, stürzen sie sich in das Unternehmen, die Stadt Frankfurt vor einer drohenden Belagerung Napoleons zu bewahren.
Wie bereits im ersten Teil seiner Goethe-Schiller-Krimis mischt Lehnberg mit größtem Vergnügen geschichtliche Fakten und Fiktion, historische Personen und Fantasiefiguren. Er lässt das „Franckfurth“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts auferstehen und sorgt für Lokalkolorit, mit der unvollendeten Paulskirche, dem Carambolspiel (eine Art Billard mit nur drei Kugeln in rot, weiß und gelb) in der Taverne „Zum schwarzen Eber“ oder einer wilden Verfolgungsjagd durch die alten Gassen.
Augenzwinkernd gibt der Autor menschliche Schwächen der Dichter preis; das Geplänkel der beiden Großen untereinander und Schillers spitze Bemerkungen über Goethes Amouren geben dem Roman zusätzlich Würze. Flott geschrieben und - so finde ich - spannender als im ersten Band entrollt sich der Plot, immer wieder ironisch untermalt von kleinen Indiskretionen und Respektlosigkeiten. Eine sehr amüsante Freizeitlektüre!

Veröffentlicht am 31.03.2018

"Da. So seid ihr."

Leere Herzen
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Ein Blick in die nahe Zukunft: 2025 ist der Pegida-Slogan „Merkel muss weg“ Wirklichkeit geworden, und die rechte Besorgte Bürger Bewegung stellt mit Regula Freyer als Kanzlerin die Regierungspartei. ...


Ein Blick in die nahe Zukunft: 2025 ist der Pegida-Slogan „Merkel muss weg“ Wirklichkeit geworden, und die rechte Besorgte Bürger Bewegung stellt mit Regula Freyer als Kanzlerin die Regierungspartei. Eher gleichgültig betrachten die meisten Menschen die „Effizienzpakete“ der Regierung, die nach und nach die Grundrechte abschaffen sollen.
In diesem düsteren Szenario lebt Britta Söldner mit Ehemann Richard und Tochter Vera komfortabel im eigenen Haus in der Braunschweiger Gegend. Während Richards Unternehmen nicht recht floriert, ist Britta sehr erfolgreich mit ihrem Projekt „Brücke“, das sie gemeinsam mit Babak Hamwi leitet. Offiziell als Heilpraxis für Psychotherapie deklariert, verbirgt sich dahinter jedoch wesentlich mehr als „Life-Coaching, Self-Managing, Ego-Polishing“; Britta betreibt auch ein lukratives Geschäft mit dem Tod - bis ihr eines Tages gefährliche Konkurrenz in die Quere kommt.
In schlichtem Schreibstil schildert die Autorin Brittas Alltagsleben und ihren Kampf gemeinsam mit Babak um das Fortbestehen ihrer Firma. Es ist ein durchaus spannender Krimi zu verfolgen, in welche Intrigen sie gerät, inwieweit ihre Familie mit hineingezogen wird. Juli Zehs Kritik und moralische Belehrungen (so angebracht sie sein mögen) sind allerdings nicht sehr geschickt verpackt. Zynisch wirkt es, wie die Autorin die Bevölkerung beurteilt: ich-bezogen, gleichgültig dem Leid anderer gegenüber, politisch passiv.
„Full hands, empty hearts“ heißt daher nicht nur ein erfolgreicher Hit des Jahres 2025, sondern ist zugleich eine passende Bezeichnung für Brittas Mitmenschen, und vor allem für sie selbst. Oder sind es nicht eigentlich wir Leser, denen Juli Zeh den Spiegel vorhalten will? Nicht umsonst beginnt sie ihren Roman mit einem Statement: „Da. So seid ihr.“

Veröffentlicht am 27.03.2018

Fünf Tage im Leben des Dr. Schmied

Der Lügenpresser
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"Man glaubt gar nicht, wie naiv Politiker oft sind, wie die sich ihre Welt basteln in ihren Köpfen und die Wirklichkeit nicht sehen!"
Ob Dr. Karl Schmied, tätig als Journalist für den Lokalteil eines ...

"Man glaubt gar nicht, wie naiv Politiker oft sind, wie die sich ihre Welt basteln in ihren Köpfen und die Wirklichkeit nicht sehen!"
Ob Dr. Karl Schmied, tätig als Journalist für den Lokalteil eines Wiener Boulevardblattes, mit seinem Statement recht hat? Wir Leser bekommen an fünf Werktagen des Reporters Einblick in die fantasiereichen Überlegungen des promovierten Historikers und erleben seine „…Gedankenwelt, in der es zugeht wie in der großen.“ Da mischt sich Privates - der 62jährige ist frisch verliebt in Sonja aus Moldawien - mit Beruflichem, Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunftsplänen. Die Autorin Livia Klingl, selbst im Journalismusbereich tätig, versteht es wunderbar, einen vielfältigen Strauß an Themen nahtlos miteinander zu verknüpfen. Auf hintergründig witzige, ironische Weise lässt sie Schmieds Ansichten zu aktueller Politik unbekümmert in seine ganz intimen Gedanken über seine Geliebte Sonja übergehen; Alltagsthemen reihen sich assoziativ an seine Kindheitserinnerungen.
Dass er vor einiger Zeit aus seinem Ressort Außenpolitik in den Lokalbereich wechseln musste, schmerzt ihn noch immer, und so spart er nicht mit Kommentaren über die Themenwahl der Medien, das Sortieren von Nachrichten, besonders in der Online-Redaktion: „Und irgendwann sind dann die Realität und die öffentliche Meinung durch die veröffentlichte Meinung zwei vollkommen verschiedene Angelegenheiten.“
Dr. Karl Schmieds Arbeitswoche scheint ganz normal zu verlaufen, bis zwei völlig unerwartete Ereignisse ihn aus dem Konzept bringen.
In gepflegter Umgangssprache und mit lebendigen Elementen Wiener Mundart schafft Klingl es, Schmieds innere Monologe spannend und immer wieder überraschend zu gestalten. Augenzwinkernd gelingt ihr ein sehr unterhaltsamer Roman, in dem sie - wie nebenbei - reichlich Kritik unterbringt. Porträtiert sie hier wirklich nur die österreichische Seele? Wir erkennen: Auch wer zur Bildungsschicht gehört, ist nicht vor Vorurteilen gefeit.

Veröffentlicht am 04.03.2018

Viel mehr als ein Krimi

Ein Job
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Alan, ein kühl berechnender, kurdischer Killer wird nach New York geholt, um einen brisanten Job zu erledigen. Natürlich handelt es sich um sein Spezialgebiet, das Töten. Sein Auftraggeber Mr. Ballinger ...


Alan, ein kühl berechnender, kurdischer Killer wird nach New York geholt, um einen brisanten Job zu erledigen. Natürlich handelt es sich um sein Spezialgebiet, das Töten. Sein Auftraggeber Mr. Ballinger bringt ihn in einem Apartment unter, gibt ihm einige nähere Informationen zu den Opfern und stattet ihn mit einem Handy und einem gelben Taxi aus, das Alans Mobilität garantiert. Nur wenige Tage Zeit bleiben ihm zur Erfüllung seiner Aufgabe, und so beginnt er sofort mit dem Recherchieren. Das wiederum ist nicht so einfach; denn Alan versteht kein Englisch. Welch ein Glück, dass seine Wohnungsnachbarin, Mrs. Allen, eine gebildete Frau ist und zufällig Türkisch spricht…
Aus vielerlei Komponenten konstruiert Irene Dische einen Roman, der vordergründig einen Krimi darstellt, in dem aber sehr viel mehr steckt: Bissige Gesellschaftskritik, Sozialsatire, sogar ein wenig Märchenhaftes. Reichlich schwarzer Humor - wie der Leser es aus ihren Büchern gewohnt ist - würzt den Roman, der im Jahre 1989 den Deutschen Kritikerpreis gewann. Es ist einfach wunderbar, wie Dische mit viel Einfühlungsvermögen das Soziogramm eines kurdischen Pascha wiedergibt, all seine Allüren, Eitelkeit und sein Selbstverständnis als Mann schildert - und dann der Realität einer völlig anderen, Alan unverständlichen Kultur gegenüber stellt. Ist ein von den patriarchalischen Strukturen seiner Heimat geprägter Mann zu einer Wandlung fähig? Das erzählt Irene Dische auf spannende und höchst amüsante Weise in „Ein Job“.

Veröffentlicht am 04.03.2018

Von Zuhause wird nichts erzählt

Von Zuhause wird nichts erzählt
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Eine Autobiografie zu schreiben, ist meist kein leichtes Unterfangen. Und so schrieb Laura Waco die Geschichte ihrer Kindheit „…mit einem ´Kloß im Hals´ und mit vielen Unterbrechungen…“
Strenge und Schläge ...

Eine Autobiografie zu schreiben, ist meist kein leichtes Unterfangen. Und so schrieb Laura Waco die Geschichte ihrer Kindheit „…mit einem ´Kloß im Hals´ und mit vielen Unterbrechungen…“
Strenge und Schläge als Erziehungsmittel waren zwar während der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts durchaus an der Tagesordnung und wurden sowohl im Elternhaus als auch in der Schule als normal angesehen, doch Lauras Vater scheint besonders schnell „Watschn“ verteilt zu haben. Seine Töchter erleben ihn oft strafend und voller Wut und sind erleichtert, wenn er eine Weile nicht zu Hause ist. Die Mutter kränkelt, ist aber auch nicht fähig, ihren Töchtern die Liebe und Nähe zu schenken, die sie nötig haben. Ein Erbe der schrecklichen Zeit, in der beide Eltern Insassen von Vernichtungslagern der Nazis waren? Es ist nicht einfach für Majer Steger und seine Frau Hela, sich nach ihrer Befreiung aus den Kzs Dachau und Bergen Belsen ein bürgerliches Leben zu erarbeiten. Als Überlebende des Holocaust widmen sie sich ihrem Glauben, für den sie interniert wurden. Doch das bleibt eher halbherzig; denn Majer nennt sich um in das deutscher klingende Max Stöger, und auch seine Töchter erhalten Namen, über die andere nicht stolpern. Noch schwieriger aber ist es für ihre älteste Tochter Laura (geb. 1947), sich zwischen den unterschiedlichen Welten ihres Elterhauses und ihrer schulischen Umgebung zurechtzufinden. Außerhalb der eigenen vier Wände ist das Thema Judenverfolgung und Naziverbrechen tabu, darüber herrscht Schweigen. So reichen die Folgen der Ereignisse im Dritten Reich weit, bis in die nächste Nachkriegsgeneration, ein Trauma. Wie kann so ein unbeschwertes Leben möglich sein?
„Das Buch war schon lange in mir drin. Ich wußte nur nicht wie ich das Thema anpacken sollte. Als ich durch meine eigenen Kinder einen so deutlichen Einblick in die Seele und das Wesen junger Menschen bekam, und als mir die Unschuld eines Kindes so sehr bewußt wurde, beschloß ich, mein Buch in der Stimme des Kindes zu schreiben. Dazu mußte ich mich in die Zeit und jede Stufe meiner eigenen Kindheit hineinversetzen und sozusagen darin leben“ berichtet Laura Waco in einem Interview.
Genauso liest sich ihr Buch, die Klarheit und Ehrlichkeit nimmt gefangen. Eine Schilderung ihrer Kindheit, sehr offen und ohne Schuldzuweisungen.