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Veröffentlicht am 20.07.2021

Gute alte Zeiten?

Das Buch des Totengräbers (Die Totengräber-Serie 1)
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Ein alter Friedhofswärter und ein mit den modernsten Mitteln der Kriminalistik des 19. Jahrhunderts agierender Kommissar finden sich (allerdings eher unfreiwillig) zu einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit. ...

Ein alter Friedhofswärter und ein mit den modernsten Mitteln der Kriminalistik des 19. Jahrhunderts agierender Kommissar finden sich (allerdings eher unfreiwillig) zu einer sehr erfolgreichen Zusammenarbeit. Augustin Rothmayer arbeitet und lebt auf dem Wiener Zentralfriedhof. Seine Beobachtungen und Erkenntnisse, die er bei seiner Arbeit macht, helfen auch dem jungen Leopold von Herzfeldt bei seinen Recherchen zu gleich mehreren ungeklärten Todesfällen. Gibt es vielleicht einen Zusammenhang oder gar einen Serientäter?
In seinem neuen historischen Roman zeigt Pötzsch auf sehr spannende und unterhaltsame Weise, wie gut die alten Zeiten tatsächlich waren. Während im Vordergrund eine schreckliche Mordserie und deren Aufklärung den Leser in Bann zieht, packt Pötzsch eine Vielzahl geschichtlicher Details in seinen Roman, die ihn äußerst lebendig machen und dem Leser die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts deutlich vor Augen führen. Detailliert recherchiert und packend erzählt reicht das Spektrum von der Ablehnung von Reformen und Veränderungen über soziale Missstände und Rassendiskrimination bis hin zu Kindesmissbrauch - keinesfalls nur historische Probleme bzw. Straftaten. Enormer technischer und wissenschaftlicher Fortschritt auf der einen Seite; menschliche Schwächen und Vorurteile auf der anderen, so dass sich der Leser unwillkürlich die Frage stellt: In wie weit haben sich Denken und Verhalten von Menschen verändert?
„Das Buch des Totengräbers“ ist ein wirklich empfehlenswerter Roman mit lebendigen Charakteren, glatten und sperrigen. Ich freue mich schon auf einen zweiten Fall mit Leo und Augustin, dem ungleichen, aber effektiven Ermittlerteam.

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Veröffentlicht am 11.07.2021

Raum und Zeit

Raumfahrer
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Was verbindet Jan, einen jungen Krankenpfleger aus der kleinen Stadt Kamenz in der Lausitz, mit einem seiner Patienten, der seine Kindheit und Jugend noch in der DDR verbrachte? Der „Alte" nötigt dem jungen ...

Was verbindet Jan, einen jungen Krankenpfleger aus der kleinen Stadt Kamenz in der Lausitz, mit einem seiner Patienten, der seine Kindheit und Jugend noch in der DDR verbrachte? Der „Alte" nötigt dem jungen Mann, der bereits im wiedervereinten Deutschland geboren wurde, einen Karton mit Schriftstücken auf, die dieser eher widerwillig in Empfang nimmt. Widerstrebend widmet sich Jan den Unterlagen und entdeckt nach und nach, welcher Art die Beziehung zwischen ihren Familien ist.
Rietzschel spannt in seinem Roman einen weiten Bogen von der Nachkriegszeit über das geteilte Deutschland bis in die Gegenwart hinein. In schlichten Sätzen, die alltäglich scheinen, und mit nur spärlichen Beschreibungen, Andeutungen, oft nur zwischen den Zeilen, gelingt es ihm dennoch hervorragend, die Auswirkungen von Politik und Geschichte auf einzelne Bürger und ihr Leben zu verdeutlichen. Vergangenheit und Gegenwart durchmischen sich; wie bei einer Spurensuche werden alte und neue geschichtliche Vorgänge wechselweise erzählt, um schließlich zu einem vollständigen Bild verbunden zu werden. Ebenso skizzenhaft aber effektiv beschwört der Autor die triste Atmosphäre einer Kleinstadt in der Lausitz, in der junge Menschen wie Jan keine Zukunft mehr sehen.
Der Roman weckt viele Emotionen im Leser - und lässt ihn mit einem leichten Unbehagen zurück, das zum Weiterdenken anregt.

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Veröffentlicht am 30.06.2021

Keine leichte Lektüre

Schicksal
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Es sind zwei recht unterschiedliche Frauen, die sich eines Tages in Rachels Wohnung begegnen. Rachel, neunzig Jahre alt, verwitwet und Mutter zweier Söhne, gibt der jüngeren Atara ein lange auch vor ihren ...

Es sind zwei recht unterschiedliche Frauen, die sich eines Tages in Rachels Wohnung begegnen. Rachel, neunzig Jahre alt, verwitwet und Mutter zweier Söhne, gibt der jüngeren Atara ein lange auch vor ihren Kindern gehütetes Geheimnis preis: als überzeugte Anhängerin der Lechi hat sie im Untergrund agiert und getötet. Atara hingegen steht noch in der Mitte ihres Lebens, verheiratet mit dem streitbaren Alex und konfrontiert mit den Problemen einer Patchwork-Familie, zwei älteren Kindern und dem gemeinsamen Sohn Eden. Was Atara mit Rachel verbindet ist ihr Vater Meno, Rachels geschiedener Ehemann und ebenfalls ehemaliger Lechi-Kämpfer. Wie nimmt Atara Rachels Bericht auf?
Alles, was geschieht oder geschehen ist, lässt uns die Autorin durch den Blickwinkel zweier Frauen erleben, sehr persönlich und subjektiv gefärbt. In einem schönen, an Bildern reichen Schreibstil gibt sie wechselweise Gefühle und Reflektionen jeder der Frauen wieder, was jedoch zeitweilig etwas mühsam zu lesen ist. Teils ungeschönt, teilweise aber in poetischen Worten und häufig religiösen Zitaten schildert Zeruya Shalev Erinnerungen der Protagonistinnen und gegenwärtige Szenen. Sie wirft dabei zahlreiche Fragen auf und überlässt es dem Leser, sie für sich zu beantworten. Vor dem Hintergrund israelischer Geschichte werden Rachels (späte) Konflikte deutlich, doch es werden sehr viel mehr Themen und Probleme angesprochen, die nicht unbedingt Israel-typisch sind - zuviele, meiner Meinung nach, die den Roman überfrachten und die Geduld vieler Leser überfordern.

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Veröffentlicht am 14.06.2021

Leichte Unterhaltung

Der erste letzte Tag
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Ein Fitzek-Roman - einmal ganz anders! Als Autor von Psychothrillern hat Sebastian Fitzek sich einen Namen gemacht. Auch in seinem neuen Buch „Der erste letzte Tag“ kommt die Psychologie nicht zu kurz. ...

Ein Fitzek-Roman - einmal ganz anders! Als Autor von Psychothrillern hat Sebastian Fitzek sich einen Namen gemacht. Auch in seinem neuen Buch „Der erste letzte Tag“ kommt die Psychologie nicht zu kurz. Denn im Verlauf einer Fahrt von München nach Hamburg gibt er tiefe Einblicke in das Seelenleben seiner Protagonisten. Was für den Lehrer Livius und die abgedrehte Journalistin Lea als Not-Fahrgemeinschaft beginnt, wird recht schnell zu einem Stresstest. Zunächst sieht Livius Leas Idee, diesen gemeinsamen Tag „on the road“ so zu gestalten, als sei es ihr letzter im Leben, als Spiel an. Doch Leas Konsequenz stellt ihn auf eine harte Probe …
Dass er einen Roman auch ganz ohne (psychische) Gewalttaten schreiben kann, beweist Fitzek hier auf lockere und sehr humorvolle Weise. Sein „Roadtrip“ hält so manche Überraschung bereit, aber auch tiefere Erkenntnisse, menschliche Zuwendung und Wärme. Mit viel Wortwitz führt er durch die rasante, teils kuriose Handlung und stellt uns die unterschiedlichsten Charaktere vor. "Der erste letzte Tag": Ein sommerleichter Roman, nicht tiefschürfend, aber sehr unterhaltend.

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Veröffentlicht am 13.06.2021

Bitterböse

Das Baby ist meins
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Auch in ihrem zweiten Roman nach „Meine Schwester, die Serienmörderin“ behandelt Braithwaite ein kurioses Thema. Ihre Erzählung spielt wiederum in Nigeria, diesmal vor dem Hintergrund des Corona-Lockdowns. ...

Auch in ihrem zweiten Roman nach „Meine Schwester, die Serienmörderin“ behandelt Braithwaite ein kurioses Thema. Ihre Erzählung spielt wiederum in Nigeria, diesmal vor dem Hintergrund des Corona-Lockdowns. Bambi, ein junger Macho, zieht nach dem Rauswurf durch seine derzeitige Freundin Mide zu seiner Tante, die vor kurzem Witwe geworden ist. Allerdings ist noch jemand bei Aunty Bidemi untergeschlüpft: Esohe, pikanterweise eine Geliebte seines toten Onkels, mit ihrem Baby.
In ihrem gewohnt lockeren, unkonventionellen Schreibstil lässt die Autorin Bambi selbst erzählen und kommentieren. Provozierend böse schildert Braithwaite heftige Szenen, in denen sich Bambi in die rücksichtslosen Streitigkeiten der beiden Frauen um Baby Remi verwickelt sieht, die durchaus handfeste Ausmaße annehmen. Bambis Reaktionen, die (alles andere als salomonisch) patriarchalisch geprägt sind und seine eigene Erziehung deutlich widerspiegeln, präsentiert sie zutiefst ironisch. Denn bei aller Autorität, die der junge Mann sich geben mag, wirkt er eher naiv, lebensunerfahren und etwas unsicher den beiden Frauen gegenüber. Alle drei Protagonisten und ihre Handlungsweisen erscheinen uns merkwürdig und fremd - wie die nigerianische Kultur.

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