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Veröffentlicht am 18.09.2021

Eine spannende Horrornovelle mit einem "hard boiled"-Setting

In der Haut des Wolfes
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Inhalt: Chicago, Ende der 1980er Jahre. Eine Reihe bestialischer Morde ereignet sich in der Stadt. Die Opfer sind grausig entstellt, scheinbar von einem wilden Tier angefallen worden. Als die Freundin ...

Inhalt: Chicago, Ende der 1980er Jahre. Eine Reihe bestialischer Morde ereignet sich in der Stadt. Die Opfer sind grausig entstellt, scheinbar von einem wilden Tier angefallen worden. Als die Freundin von Willie ebenfalls tot aufgefunden wird, wendet sich dieser an die befreundete Privatdetektivin Randi mit der Bitte, den Fall aufzuklären. Randi fühlt sich sofort 20 Jahre in die Vergangenheit versetzt: Ihr Vater, ein Polizist, starb unter mysteriösen Umständen. Auch er wurde – scheinbar – von einem Tier getötet. Hängen die aktuellen Mordfälle mit dem Tod von Randis Vater zusammen? Handelt es sich um das gleiche Tier? Oder steckt noch viel mehr dahinter?

Persönliche Meinung: „In der Haut des Wolfes“ ist eine Horrornovelle von George R. R. Martin. Sie erschien zuerst 1989 in der Anthologie „Nightvisions“; 2014 wurde die Novelle vom Festa Verlag neu aufgelegt. Erzählt wird die Novelle wechselweise aus den Perspektiven von Randi und Willie, die beide Tendenzen eines hard boiled-Detectives besitzen. Randi, die genretypische Privatdetektivin, schreckt nicht vor unorthodoxen Methoden zurück und versucht sich in einem von Männern dominierten Berufsfeld durchzuschlagen. Auch der von Asthma geplagte Willie nutzt eher abweichende Ermittlungsmethoden (Zwar ist er nominell nicht die primäre Ermittlerfigur, allerdings ermittelt er auf eigene Faust parallel zu Randi, da er ein Geheimnis vor ihr bewahren möchte). Gleichzeitig hat er oft einen sexuell aufgeladenen Spruch auf den Lippen, verbrennt sich damit aber immer wieder – zumindest bei Randi – die Finger. Auch der Handlungsort, das Chicago „In der Haut des Wolfes“, ist „hard boiled“. Es wirkt menschenleer, Gebäude sind verlassen oder zweckentfremdet, sogar in den Selbstbedienungsrestaurants huschen nur Schatten umher, alles scheint farblos, Ton-in-Ton, sodass eine bedrückende Atmosphäre entsteht. Außerdem erhält der Handlungsort – trotz der Kürze der Novelle – eine kleine, zur Handlung passende Hintergrundgeschichte, was mir sehr gut gefallen hat. „In der Haut des Wolfes“ geht aber über die Grenzen der „hard boiled“-Literatur hinaus. Kern der Novelle ist eine Horrorgeschichte, in deren Fokus Werwölfe stehen, die hier nicht nach Fantasymustern funktionieren, sondern hauptsächlich als blutrünstige, wilde Bestien auftreten. Die Handlung selbst ist komplexer als man zunächst vermutet, mehrfach kommt es zu überraschenden Wendungen und auch die Frage nach dem Täter gestaltet sich schwieriger als gedacht, was auch mit den Hauch Mystery, der später durch die Handlung schwebt, zusammenhängt. Martins Erzählstil ist „In der Haut des Wolfes“ reduzierter, ungeschönter und weniger ausschmückend als bei „Game of Thrones“, was sehr gut zum hard boiled-Setting passt. Abgerundet wird die Festa-Ausgabe mit 16 Illustrationen von Timo Wuerz, die die Atmosphäre der Novelle sehr gut einfangen, und einem Nachwort von Christian Enders, das sich überblicksartig mit dem Leben George R. R. Martins beschäftigt. Insgesamt ist „In der Haut des Wolfes“ eine spannende hard boiled-Horrornovelle, die die Werwolf-Thematik aus einem interessanten alternativen Blickwinkel betrachtet und atmosphärisch dicht erzählt wird.

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Veröffentlicht am 12.09.2021

Ein spannender Sci-Fi-Krimi, dessen Potenzial in Sachen Worldbuilding aber noch nicht völlig ausgenutzt worden ist

Der dunkle Schwarm
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Inhalt: Das Jahr 2100. Die Menschen sind in der Lage, ihr Bewusstsein zu „Hive-Minds“ zu verknüpfen. Anders als die normalen Hive-Nutzer besitzt Atlas eine besondere Fähigkeit, die sie sich selbst nicht ...

Inhalt: Das Jahr 2100. Die Menschen sind in der Lage, ihr Bewusstsein zu „Hive-Minds“ zu verknüpfen. Anders als die normalen Hive-Nutzer besitzt Atlas eine besondere Fähigkeit, die sie sich selbst nicht erklären kann: Sie kann ungehindert in das Bewusstsein anderer Menschen hineinschauen und deren Erinnerungen extrahieren, woraus sie ein lukratives Unterwelt-Geschäft entwickelt hat. Doch ein neuer Auftrag bringt Atlas an ihre Grenzen: Noah, ein Kunde, möchte, dass sie den plötzlichen Tod seiner Schwester aufklärt, der zwei Anomalien aufweist. Einerseits ist der Tod von Noahs Schwester kein Einzelfall: Zeitgleich mit ihr starben andere Menschen, die mit ihr in einem Hive organisiert waren, der somit in einem Sekundenbruchteil völlig ausgelöscht wurde. Andererseits besitzen die Angehörigen kaum Erinnerungen zu den Verstorbenen, sodass Atlas mit ihrer besonderen Fähigkeit nicht wirklich weiterkommt. Ehe Atlas es sich versieht, ist sie mitten in einer Verschwörung, deren wahre Ausmaße im Dunkeln liegen.

Persönliche Meinung: „Der dunkle Schwarm“ ist ein Sci-Fi-Roman von Marie Grasshoff, der auf dem gleichnamigen Audible-Hörspiel basiert. Erzählt wird er aus der Ich-Perspektive der 28-jährigen Atlas, einer toughen Protagonistin, die auch mal kaltblütig handelt, wodurch sie auf den ersten Blick unnahbar wirkt (das ändert sich im Laufe der Handlung aber). Zudem trägt sie ein Geheimnis in sich: Sie weiß kaum etwas über ihre Vergangenheit, wodurch zusätzliche Spannung in die Handlung kommt. Noah, der Auftraggeber, ist anders gestrickt. Er tritt menschlicher auf als Atlas, zeigt auch Schwächen, wodurch er insgesamt eine stärkere Identifikationsfigur für die Leser*innen ist. Der Roman spielt in einer dystopischen Zukunft. Das Klima ist in dieser Zukunft vollends gekippt, Tierarten sind ausgestorben und die Gesellschaft ist in Level unterteilt, die sich nach dem Wohlstand bemessen. Je ärmer man ist, desto näher lebt man an der Erdoberfläche, wobei in diese Sublevels kaum Sonnenlicht kommt. Außerdem ist die Welt gespalten. Auf der einen Seite stehen die technologischen Konzerne, die – auf Kosten der Erde – einen möglichst großen Profit erwirtschaften wollen; auf der anderen Seite „The Cell“, eine Organisation, die sich für den Klimaschutz einsetzt und versucht, das zu retten, was noch rettbar ist, dabei aber auch zu Gewalt greift. Diese dystopische Zukunft fand ich insgesamt sehr interessant, allerdings werden einige Aspekte dieser Welt nur angedeutet und nicht erklärt, wodurch die Welt an Dreidimensionalität verliert - was umso betrüblicher ist, da hier ziemlich viel Potenzial schlummert. Ähnliches gilt für die technischen Geräte (vor allem der „Hive“-Technologie). In diesem Kontext kann es aber auch sein, dass in „Der dunkle Schwarm“ noch bewusst einige Dinge zurückgehalten worden sind, um im zweiten Band stärker in den Fokus gerückt zu werden. Wie gesagt: Das Potenzial ist definitiv vorhanden. Besonders spannend an „Der dunkle Schwarm“ ist, dass der Roman Sci-Fi mit Krimi-Elementen vermischt. Atlas versucht gemeinsam mit Noah und ihrem Androiden Julien, einen – eigentlich technisch nicht möglichen – Mord aufzuklären. Klassische Krimi-Ermittlerarbeit trifft hier auf technologisch andersartige Methoden und futuristisch-dystopische Schauplätze. Die Handlung ist dabei insgesamt rund und schlüssig; das Ende in zweifacher Hinsicht überraschend. Der Schreibstil von Marie Grasshoff lässt sich flüssig lesen, sodass man zügig in die Handlung einsteigen kann. Insgesamt ist „Der dunkle Schwarm“ ein (auch handlungstechnisch) spannender Sci-Fi-Dystopie-Krimi-Mix mit einer interessanten Welt, bei deren Ausgestaltung aber noch nicht das volle Potenzial ausgeschöpft worden ist.

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Veröffentlicht am 09.09.2021

Ein packender Thriller über eine toxische Beziehung

SCHWEIG!
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Inhalt: Der Tag vor Heiligabend. Esther ist auf dem Weg zu ihrer Schwester Sue, die einsam in einer Villa im Wald lebt. Eigentlich will Esther diesen Besuch gar nicht machen. Weil, so Esthers Überzeugung, ...

Inhalt: Der Tag vor Heiligabend. Esther ist auf dem Weg zu ihrer Schwester Sue, die einsam in einer Villa im Wald lebt. Eigentlich will Esther diesen Besuch gar nicht machen. Weil, so Esthers Überzeugung, ihre Schwester nicht ganz normal ist. Aber es ist Weihnachten, und deshalb führt kein Weg an dem Besuch vorbei. Und als hätte Esthers es nicht schon geahnt, beginnt der Besuch wenig vielversprechend: Eine verwirrt dreinblickende Sue öffnet ihr die Tür – bewaffnet mit einem Küchenmesser…

Persönliche Meinung: „SCHWEIG!“ ist ein Psychothriller von Judith Merchant. Die Ausgangslage des Thrillers ist vergleichsweise simpel: Zwei Schwestern, die Probleme miteinander haben, treffen aufeinander, sodass sich ein schneidendes Gespräch zwischen den beiden entspinnt. Doch was Judith Merchant aus dieser an ein Kammerspiel erinnernden Ausgangslage macht, ist wirklich grandios. Über die Handlung (und das Gespräch) hinweg entfaltet sich eine hochgradig toxische Schwesternbeziehung, die von Manipulation, Missgunst und Übergriffigkeit geprägt ist. Das Gespräch der beiden wird wechselweise aus den Perspektiven der Schwestern erzählt, wobei ihre unterschiedlichen Gefühle schön deutlich werden. Interessant ist dabei, wie verschieden die Schwestern einzelne Dinge wahrnehmen. Was die eine Schwester als Fürsorge versteht, sieht die andere als übergriffigen Akt. Ein Besuch wird zu einer feindlichen Übernahme; ein zurückgezogenes, ruhiges Leben zu einem Anzeichen tiefster Depression. Dabei – und dadurch entsteht eine große Spannung – weiß man als Leser*in gar nicht so genau, welche Schwester im Recht steht (und welche im Unrecht). Dies hängt vor allem damit zusammen, dass eine übergeordnete, ordnende und damit zuverlässige Erzählinstanz bewusst weggelassen wird. Denn der Thriller wird aus den Ich-Perspektiven der beiden Schwestern erzählt (im Laufe der Handlung kommt noch eine dritte Perspektive hinzu, deren Identität ich aber nicht spoilern möchte) und beide sind – bewusst oder unbewusst – unzuverlässig. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn verschwimmt dadurch: Man kann nicht wirklich festhalten, welche Schwester sie mit welcher Äußerung übertritt. Erst durch Rückblicke, die immer wieder in die Handlung eingestreut werden, offenbart sich, welche Schwester die zuverlässigere ist. Außerdem finden sich in diesen Rückblicken, die besonders die Kindheit und das Weihnachtsfest des vergangenen Jahres behandeln, immer wieder Mosaiksteinchen, die nach und nach ein vollständiges Bild der Schwesternbeziehung ergeben. Das Ende des Thrillers ist schlüssig und stimmig, insgesamt wirklichkeitsnaher als andere Thriller aber gerade dadurch auch erschreckender und nachhallender. Wie schon die früheren Krimis und Thriller von Judith Merchant besitzt auch „SCHWEIG!“ lebendige Dialoge, sodass es sich flüssig lesen lässt und zu einem Pageturner wird. Insgesamt ist „SCHWEIG!“ ein spannender, gut durchdachter Thriller über eine hochgradig toxische Beziehung mit zwei Erzählerinnen, die kaum unzuverlässiger sein könnten.

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Veröffentlicht am 08.09.2021

Ein spannender Psychothriller mit einem interessanten Täter

Totentier: Psychothriller
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Inhalt: Eine Reihe von brutalen Morden hält die Stadt Grubingen in Atem. Zwar erkennt das Ermittlerteam um den Kriminalhauptkommissar Markus Penning schnell ein Muster: Der Täter scheint es auf Tierquäler ...


Inhalt: Eine Reihe von brutalen Morden hält die Stadt Grubingen in Atem. Zwar erkennt das Ermittlerteam um den Kriminalhauptkommissar Markus Penning schnell ein Muster: Der Täter scheint es auf Tierquäler abgesehen zu haben. Doch damit sind - gerade für Penning - noch nicht alle Probleme gelöst. Durch einen traumatischen Vorfall in der jüngsten Vergangenheit ist er psychisch nicht stabil, wird geplagt von Blackouts – und findet sich an fremden Orten wieder. Langsam keimt ein Verdacht in ihm. Ist er der Tierrächer?

Persönliche Meinung: „Totentier“ ist ein Psychothriller mit Horrorelementen von Nicole Siemer. Erzählt wird der Thriller aus der Perspektive von Markus Penning, der Züge eines Antihelden besitzt. Er ist durch einen schweren Verlust im familiären Umfeld – für den er sich selbst die Schuld gibt – gebrochen, psychisch labil und dem Alkohol verfallen. Sein einziger Lichtblick sind seine beiden Haustiere, ein Hund und eine Katze, um die er sich aufopfernd kümmert. Penning ist insgesamt durch eine charakterliche Ambivalenz gekennzeichnet, wodurch er eine interessante Ermittlerfigur ist. Nicht weniger interessant ist die Figur des Täters. Dieser versteht sich als Rächer der Tiere, weshalb er einen besonderen Modus Operandi besitzt. Ohne zu viel ins Detail gehen zu wollen: Er dreht gewissermaßen den Schmerz, den die Tiere durch ihre Peiniger verspürt haben, um und richtet ihn auf das jeweilige Opfer. Mit brutalen Szenen wird dabei nicht gegeizt. Außerdem besitzt der Thriller einen schönen Spannungsbogen, was besonders mit Pennings Blackouts zusammenhängt. Oft fragt man sich - gemeinsam mit Penning -, ob er (unbewusst) der Mörder ist. Dadurch, dass Penning sich selbst nicht traut, können ihm auch die Leser_innen nicht wirklich vertrauen, sodass die Erzählsituation von Unzuverlässigkeit geprägt ist. Oftmals stellt sich dabei erst im Nachgang heraus, ob ein Ereignis der Einbildung Pennings entsprungen ist oder ob es doch real war, wodurch wiederum Spannung in die Handlung kommt. Die Handlung ist zudem überraschend und wendungsreich, wobei die Überraschungsmomente besonders zum Ende hin stark zunehmen und etwas zu rasch erzählt werden, wodurch ihr Effekt für mich geschmälert wurde. Neben dem Handlungsstrang, der sich um die Ermittlungsarbeit dreht, gibt es einen weiteren Handlungsstrang, der stärker das Privatleben und die Familie von Penning thematisiert. Beide Handlungsstränge halten sich schön die Waage und besonders der Privatleben-Handlungsstrang führt dazu, dass Penning eine größere Tiefe erhält. Der Schreibstil von Nicole Siemer ist sehr anschaulich und lässt sich gewohnt flüssig lesen. Insgesamt ist „Totentier“ ein spannender Thriller mit einem originellen Mörder und einer überraschenden Handlung, die sich aber zum Ende hin etwas zu sehr überschlägt.

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Veröffentlicht am 29.08.2021

Ein wendungsreicher Kriminalroman vor historischer Kulisse

Der Tod und das dunkle Meer
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Inhalt: Batavia 1634. Ein Schiffskonvoi macht sich auf die strapaziöse, achtmonatige Reise nach Amsterdam. Mit an Bord der „Saardam“ ist der Meisterdetektiv Samuel Pipps, der kurz zuvor noch erfolgreich ...

Inhalt: Batavia 1634. Ein Schiffskonvoi macht sich auf die strapaziöse, achtmonatige Reise nach Amsterdam. Mit an Bord der „Saardam“ ist der Meisterdetektiv Samuel Pipps, der kurz zuvor noch erfolgreich einen wichtigen Auftrag für den Generalgouverneur Jan Haan ausgeführt hat. Doch Pipps betrat das Schiff nicht als gefeierter Held, sondern als Gefangener. Was er sich angeblich hat zu Schulden kommen lassen, weiß nur Haan. Auch sonst steht die Fahrt unter keinem guten Stern. Kurz vor der Ausfahrt aus dem Hafen sprach ein Aussätziger Verwünschungen über das Schiff aus – obwohl er keine Zunge besaß. Anfangs werden seine Worte noch als Geschwätz eines verwirrten Geistes abgetan, doch plötzlich finden sich auf dem Schiff seltsame Male. Die Matrosen sind sich sicher: Ein Dämon treibt sein Unwesen.

Persönliche Meinung: „Der Tod und das Dunkle Meer“ ist ein Kriminalroman von Stuart Turton, in dem sich Elemente der Gattung „historischer Roman“ finden. Turton wehrt sich zwar in seinem – recht eigenwillig geschriebenem – Nachwort gegen diese Bezeichnung, weil er bewusst nicht alles 100%ig historisch korrekt beschrieben hat, aber dennoch ist gerade im Mittelteil die Handlung eher historisch als krimimäßig. Erzählt wird die Handlung hauptsächlich aus den Perspektiven von Arent Hayes, dem Leibwächter und Freund Samuel Pipps, und Sara Wessel, der Frau des Generalgouverneurs. Bei der Beziehung von Pipps und Arent erinnert einiges an „Sherlock Holmes“. Pipps ist ein brillanter Beobachter und deduziert – wie Holmes – aus den kleinsten Beobachtungen die waghalsigsten, aber richtigen Schlüsse. Arent übernimmt die Rolle des Watson, des helfenden Sidekicks, der die berühmtesten Fälle des Detektivs verschriftlicht. Es gibt aber in „Der Tod und das Dunkle Meer“ einen gravierenden Unterschied: Pipps, der Meisterdetektiv, kann aufgrund seiner Gefangenschaft nicht ermitteln, sodass Arent und Sara die Rolle der Ermittlerfigur einnehmen und versuchen herauszufinden, was der Ursprung der mysteriösen Vorfälle auf dem Schiff ist. Die Handlung beginnt durch das Aufwerfen einiger Fragen bzw. das Schildern mysteriöser Umstände sehr spannend (um nur einzelne Fragen zu nennen: Warum wurde Pipps gefangen genommen? Weshalb kann der zungenlose Aussätzige reden? Was ist die „Phantasterei“, die von dem Schiff auf Geheiß von Haan transportiert wird?). Im Anschluss an den starken Anfang, fällt die Spannungskurve etwas. Nach dem ersten Auftauchen des Mals beginnen Arent und Sara mit ihren Ermittlungen, suchen den Ursprung des „Dämons“, treten aber auf der Stelle. Auch das Mal zeigt sich (zunächst) nicht wieder, sodass die Handlung mehr oder weniger stillsteht. Das Leben auf dem Schiff, das detailliert beschrieben wird, nimmt in diesem Mittelpart einen großen Raum ein. Für Spannung sorgt eher, dass die Vergangenheit einzelner Figuren beleuchtet wird und verborgene Beziehungen aufgedeckt werden. Generell sind die Figuren eine große Stärke des Romans. Einerseits besitzen sie eine schöne Dreidimensionalität, andererseits sind viele Figuren nicht das, was sie vorzugeben scheinen, wodurch die Handlung insgesamt an Wendungsreichtum und Überraschungsmomenten gewinnt. Nach dieser eher spannungsarmen Phase steigt die Spannungskurve wieder: Mysteriöse Begebenheiten nehmen zu, die Taktung der Morde ist höher, es kommt zu einigen wichtigen Aufdeckungen. Zuletzt nimmt auch das Ende (und damit die Auflösung) der mysteriösen Vorfälle einen großen Raum ein: Hier werden – auch wieder in Holmes-Manier – wirklich alle Fragen beantwortet, sodass die Handlung insgesamt sehr schlüssig und rund ist. Die Auflösung ist zwar nicht so bahnbrechend und „twistig“ wie der Schluss von Turtons „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“, aber dennoch sehr überraschend und nicht vollständig zu erahnen. Wie schon in „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ schreibt Turton metaphernreich und detailliert, sodass man in die Handlung hineingezogen wird und tiefenscharfe Bilder entstehen. Für mich konnte Turtons zweiter Roman nicht ganz an „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ heranreichen, was aber aufgrund der hohen Messlatte, die Turton mit seinem Erstling gesetzt hat, auch fast ein Ding der Unmöglichkeit ist und daher nicht so stark ins Gewicht fällt. Insgesamt ist „Der Tod und das Dunkle Meer“ aber ein wendungsreicher und gut durchdachter historischer Kriminalroman, der dreidimensionale Figuren besitzt und schön geschrieben worden ist.

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