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Veröffentlicht am 11.12.2021

Ein spannender Thriller mit atmosphärischen Szenen

Das Korsett
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Inhalt: Dorothea strebt, im Sinne ihrer verstorbenen Mutter, danach, barmherzige Taten zu vollbringen. Daher besucht sie regelmäßig die Insassinnen des Oakgate-Gefängnisses, redet mit ihnen und leistet ...

Inhalt: Dorothea strebt, im Sinne ihrer verstorbenen Mutter, danach, barmherzige Taten zu vollbringen. Daher besucht sie regelmäßig die Insassinnen des Oakgate-Gefängnisses, redet mit ihnen und leistet mentalen Beistand. Die Besuche sind allerdings nicht völlig uneigennützig: Nebenbei versucht Dorothea in Praxis die Thesen der Phrenologie zu verifizieren. (In der Phrenologie wird davon ausgegangen, dass man anhand der Schädelform auf den jeweiligen Charakter des Menschen schließen könne). Doch als Ruth, eine des Mordes angeklagte Schneiderin, in das Gefängnis eingewiesen wird, drängen sich Dorothea neue Rätsel auf: Ruth ist davon überzeugt, dass durch ihre Stiche eine mörderische Energie in die Kleidungsstücke geflossen ist, die mehreren Menschen das Leben gekostet haben soll…

Persönliche Meinung: „Das Korsett“ von Laura Purcell ist ein Thriller, der im viktorianischen England spielt. Erzählt wird er wechselweise aus den Perspektiven von Dorothea und Ruth, wobei beide als Ich-Erzählerinnen auftreten. Die beiden Figuren und ihre jeweilige Seelenlage werden anschaulich und dreidimensional dargestellt: Beide haben mit verschiedenen Problemlagen zu kämpfen. So leidet Dorothea unter den Zwängen und Rollenerwartungen der viktorianischen Epoche. In den Augen ihres Vaters ist sie zu selbstbewusst und aufmüpfig; soll mit ihren phrenologischen Versuchen aufhören, ehe sie noch den letzten heiratswilligen Standesgenossen vergrault. Ruth ist traumatisiert von ihrer Vergangenheit und stark belastet von den (vermeintlichen) Morden. Besonders der Erzählstrang von Ruth ist sehr stark. Einerseits finden sich hier sehr viele bildgewaltige und atmosphärisch dicht erzählte Szenen, die wahrscheinlich die wenigsten Lesenden kalt lassen werden. Andererseits entfaltet sich eine schöne Spannungskurve: Ruth erzählt Dorothea (und damit auch den Lesenden) ihre Geschichte chronologisch, beginnend noch vor den ersten Morden, sodass man schrittweise erfährt, was die genauen Gründe für die Inhaftierung von Ruth waren. Für zusätzliche Spannung sorgt, dass man nicht sicher weiß, inwiefern man Ruth vertrauen kann, da sie Züge einer unzuverlässigen Erzählerin besitzt. Besitzt sie wirklich die übernatürliche Kraft, Kleidungsstücke in Mordinstrumenten zu verwandeln? Oder handelt es sich um die fixe Idee einer Figur mit traumatisierender Vergangenheit? Interessant ist dabei, dass dieses Spannungsverhältnis über die gesamte Handlung hinweg aufrechterhalten wird. Zwar begegnet die eher rational denkende Dorothea der Geschichte von Ruth mit einer gehörigen Portion Skepsis, doch eine zuverlässige, übergeordnete Erzählinstanz fehlt. Daher bleiben bestimmte Dinge bewusst vage, wodurch sich für die Lesenden ein Interpretationsspielraum öffnet. Dennoch ist die Handlung insgesamt rund. Außerdem endet sie mit einem schönen Twist, der kaum zu erahnen ist. Der Schreibstil von Laura Purcell ist sehr eingängig und lässt sich flüssig lesen. Insgesamt ist „Das Korsett“ ein spannender Thriller mit vielen düsteren, atmosphärischen Szenen und zwei interessanten Protagonistinnen/Erzählerinnen.

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Veröffentlicht am 09.12.2021

Eine schön winterliche Gedichtsammlung

Wintergedichte
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„Wintergedichte“, ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, versammelt 52 verschiedene Gedichte, die sich inhaltlich mit der winterlichen Jahreszeit beschäftigen und lyrisch beschreiben, ...

„Wintergedichte“, ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, versammelt 52 verschiedene Gedichte, die sich inhaltlich mit der winterlichen Jahreszeit beschäftigen und lyrisch beschreiben, wie diese durch Schnee, Frost und Kälte die Landschaft verändert. Der Winter wird in den verschiedenen Gedichten aus unterschiedlichen Warten betrachtet. So tritt er einerseits als rauer Geselle auf, der klirrende Kälte und beißenden Wind mit sich bringt; der die Natur unter sich begräbt und sie bis zum Frühling absterben lässt (z.B. G. Keller: „Erster Schnee“ oder A. v. Chamisso: „Der erste Schnee“). In einzelnen Gedichten führt diese winterliche Tristesse zu Melancholie (H. Hesse: „Grauer Wintertag“) und die Hoffnung auf einen baldigen Frühling (J. v. Eichendorff: „Winternacht“), in anderen zu einem Rückzug in die wohlige Wärme des Hauses (G. Trakl: „Ein Winterabend“; T. Kramer: „Das Nüsseklopfen“). Andere Gedichte thematisieren stärker die freudigen Aspekte des Winters. Hier ist der Winter nicht rau, sondern erschafft pudrige Wunderländer, in denen man Schneemänner bauen (A. H. Hoffmann v. Fallersleben: „Der Schneemann“), Schlitten fahren (C. Morgenstern: „Winter-Idyll“) oder eislaufen kann (G. Hauptmann: „Eislauf“). Die Wortwahl der Gedichte ist meist gehoben, die Auswahl beschränkt sich aber nicht nur auf altbekannte Klassiker. Epochentechnisch stammen die Gedichte v.a. aus der Romantik, dem Realismus und dem Expressionismus. Stellenweise finden sich in der Sammlung auch experimentelle Gedichte (E. Jandl: „vor winterbeginn“ oder N. C. Kaser: „bittrer winter“). Insgesamt ist „Wintergedichte“ eine schöne Gedichtsammlung, die verschiedene Seiten des Winters und die damit einhergehenden Gefühle bzw. Stimmungslagen behandelt.

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Veröffentlicht am 05.12.2021

Ein spannender und atmosphärisch dichter Mystery-Horrorroman

DAS EULENTOR
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Inhalt: 1911. Der Archipel Spitzbergen ist einer der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte. Diesen Fleck – oder zumindest seine Küsten – möchten der Wiener Arzt Alexander Berger und der Kartograph Hansen ...

Inhalt: 1911. Der Archipel Spitzbergen ist einer der letzten weißen Flecken auf der Weltkarte. Diesen Fleck – oder zumindest seine Küsten – möchten der Wiener Arzt Alexander Berger und der Kartograph Hansen nun füllen, weshalb sie sich zu einer Expedition in die eisigen Weiten Spitzbergens aufmachen. Ihre Erkundung steht allerdings unter keinem guten Stern: Nach und nach verlieren sie Teammitglieder, Proviant und Schlittenhunde, sodass sie sich für den Abbruch der Expedition entscheiden. Doch gerade, als sie am Ende ihrer Kräfte sind, entdecken sie einen senkrechten, scheinbar bodenlose Schacht, der sie nicht mehr loslassen wird…

Persönliche Meinung: „Das Eulentor“ ist ein Mystery-Horrorroman von Andreas Gruber. Er erschien zuerst 2008 in limitierter Auflage im Blitz Verlag. Die Neuauflage des Luzifer Verlags ist von Andreas Gruber stilistisch überarbeitet und um eine ca. 80 Seiten starke Rahmenhandlung ergänzt worden. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Die Rahmenhandlung ist in der Gegenwart (November 2021) angesiedelt und wird aus der personalen Erzählperspektive von Neele Tujunen erzählt, die sich auf den Weg nach Spitzbergen macht, um ein Familiengeheimnis zu lösen. Die Binnenerzählung, also die Haupthandlung, findet im frühen 20. Jahrhundert statt (1911 und die Folgejahre). Erzählt wird dieser Handlungsstrang aus der Ich-Perspektive von Alexander Berger. In einem tagebuchartigen Stil berichtet er zunächst über seine kartographische Expedition, später erzählt er von den Versuchen, dem mysteriösen, scheinbar endlosen Schacht seine Geheimnisse zu entlocken. Daher besitzt der Beginn der Haupthandlung auch Elemente eines historischen Romans und erinnert an die großen Polarexpeditionen um 1900. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto stärker treten Mystery, Horror und phantastische Elemente in den Fokus. Die Rahmenhandlung ist etwas anders gelagert: Hier tritt der Horror bereits früh in die Handlung. Rahmenhandlung und Binnenhandlung sind außerdem – durch Figuren, Motive und Gegenstände – schön verflochten. Auch der Schreibstil von Andreas Gruber hat mir sehr gut gefallen. Das eisige Spitzbergen mit seiner rauen, frostigen Landschaft, die von Blizzards geplagt wird, ist ebenso atmosphärisch dicht beschrieben wie die Untiefen des Schachts, der auf die Figuren einen bleibenden Eindruck hinterlässt und sie schrittweise verändert. Die Auflösung des Romans ist schlüssig und stimmig. Zudem taucht in „Das Eulentor“ ein interessantes Monster auf. Ohne zu verraten zu wollen: Es funktioniert nicht nach den gewohnten Horror-Handlungsmustern. Insgesamt ist „Das Eulentor“ ein spannender, atmosphärisch dichter Mystery-Horrorroman mit einem interessanten Monster und einer schön verflochtenen Erzählstruktur.

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Veröffentlicht am 23.11.2021

Ein Roman mit einer beeindruckenden Welt und einer interessanten Grundidee

Der Zorn des Oktopus
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Inhalt: Die Welt im Jahre 2029. Das Klima ist vollends gekippt, die daraus entstehenden katastrophalen Folgen sind real. Dies hat auch Konsequenzen für die Organisation der Staaten: Diese haben sich in ...

Inhalt: Die Welt im Jahre 2029. Das Klima ist vollends gekippt, die daraus entstehenden katastrophalen Folgen sind real. Dies hat auch Konsequenzen für die Organisation der Staaten: Diese haben sich in einer Klima-Allianz formiert, die versucht, zu retten, was noch möglich ist. Hoffnung birgt ein Quantencomputer, der gerade entwickelt wird. Doch kurz vor seiner Fertigstellung häufen sich irritierende Unregelmäßigkeiten im Projekt, etwas scheint vertuscht zu werden und plötzlich wird der Computer, der nicht nur für noble Zwecke benutzt werden kann, gestohlen…

Persönliche Meinung: „Der Zorn des Oktopus“ ist ein Roman von Dirk Rossmann und Ralf Hoppe. Erzählt wird er meist in eher kurzen Kapiteln von einem allwissenden Erzähler, der unterschiedliche Perspektiven einnimmt. Im Fokus stehen dabei die Perspektiven von Thomas Pierpaoli, einem Beamten, und Ariadna, einer Sängerin, die sich in humanitären Hilfsaktionen engagiert. Beide sind eher unfreiwillig in den Dunstkreis des Quantencomputers gekommen und versuchen nun, den Quantencomputer wiederzubeschaffen und dadurch seine nicht-intendierte Nutzung zu verhindern. Interessant an „Der Zorn des Oktopus“ ist die erschaffene Handlungswelt und ihre Organisation: Die Klimakatastrophe ist eingetreten, die G3 (USA, China und Russland) haben die UNO verlassen und die Klima-Allianz gegründet, deren Ziel die Umkehrung des Klimawandels ist. Einher mit der Klima-Allianz, der nach und nach (fast) alle Staaten beigetreten sind, geht eine gesteigerte Globalisierung und Zentralisierung der (Welt)Organisationsstruktur, wodurch ein interessantes Zukunftsszenario entworfen wird, das auch angedeutete Elemente einer Dystopie beinhaltet. Weniger ausführlich ausgestaltet als die Handlungswelt sind die auftretenden Figuren. Diese bleiben weitestgehend blass und oberflächlich. Eine Ausnahme bilden hier einige humorvolle Nebenfiguren, die Witz und Leben in die Handlung bringen. Der Erzählstil des Romans ist sehr detailliert. Zu Figuren (auch den „kleinsten“ Nebenfiguren) und Orten werden viele Informationen aufgeführt, die das Erzähltempo drosseln und die Handlung aufgebläht wirken lassen, weshalb man beim Lesen stellenweise einen langen Atem besitzen muss. Diese Informationen, die oftmals keine weitere Relevanz für den Fortgang der Handlung besitzen, führen leider dazu, dass keine typische „Thriller-Spannung“ aufkommt. Im letzten Drittel des Romans wird das Tempo allerdings noch einmal angezogen und auch die Spannung nimmt zu: Hier mausert sich „Der Zorn des Oktopus“ zu einem modernen Spionagethriller mit einer schönen Portion Action. Eine besonders interessante Rolle nimmt dabei der Quantencomputer ein, dessen wahres Potential hier aufgedeckt wird. Der Schreibstil changiert zwischen zwei unterschiedlichen Modi: Zu Beginn dominiert ein eher journalistisch-berichtender Stil mit wenigen Dialogen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr wird literarisch erzählt. Insgesamt ist „Der Zorn des Oktopus“ ein Roman, der mich etwas zwiegespalten zurückgelassen hat: Die entworfene, leicht dystopische Welt ist beeindruckend, die Grundidee des Romans interessant, das letzte Drittel des Romans spannend und die Auflösung schön gemacht. Der Weg dorthin war allerdings für mich steinig, da die auftretenden Figuren – bis auf Ausnahmen – eher blass blieben und die Handlung durch nicht unbedingt nötige Informationen langatmig und übersättigt wurde.

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Veröffentlicht am 21.11.2021

Eindrücklich, realistisch und emotional

Ich werde dich nie vergessen
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Triggerwarnung: „Ich werde dich nie vergessen“ thematisiert sexuelle Gewalt und deren psychische Folgen.

Inhalt: Maik lebt ein geordnetes Leben. Gemeinsam mit seiner Frau Anastasia wohnt er in einer ...


Triggerwarnung: „Ich werde dich nie vergessen“ thematisiert sexuelle Gewalt und deren psychische Folgen.

Inhalt: Maik lebt ein geordnetes Leben. Gemeinsam mit seiner Frau Anastasia wohnt er in einer schönen Wohnung in Berlin; sein kleines Modedesignunternehmen ist erfolgreich. An seine Vergangenheit denkt er kaum. Doch das ändert sich, als ihn ein Brief erreicht, in dem er Fotos findet. Fotos, die seinen unentschuldbaren Übergriff zeigen.

Persönliche Meinung: „Ich werde dich nie vergessen“ ist eine Kurzgeschichtensammlung von Ana Juna. Das Buch versammelt vier aufeinander aufbauende Kurzgeschichten, die sich inhaltlich mit sexueller Gewalt und deren Auswirkungen beschäftigen. Erzählt werden die vier Kurzgeschichten aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven. Neben Sterni, der sexuelle Gewalt angetan wurde, und Maik, dem Täter, werden nach und nach wechselweise die Perspektiven von Personen aus dem näheren Umfeld beider eingenommen: Anastasia, die Ehefrau von Maik, die – nachdem sie von der Vergangenheit Maiks erfährt – ihre Beziehung zu ihm hinterfragt, Vivi, eine Freundin von Sterni, die Sterni (zunächst) nicht glaubte, und Ratte, ein früherer Freund von Sterni und Maik. Das Leben dieser Figuren wird – in unterschiedlicher Form – durch den sexuellen Übergriff Maiks beeinflusst und verändert, sodass jede Figur eine Entwicklung durchmacht. Für einzelne Figuren gibt es dabei kein Zurück mehr; andere versuchen, ihr Leben neu aufzubauen. Die unterschiedlichen Entwicklungen werden durch die verschiedenen Perspektiveinnahmen anschaulich deutlich. Die Kurzgeschichten sind durchweg ungeschönt, realistisch und ehrlich (daher sollte man vor dem Lesen auch die im Buch befindlichen Triggerwarnungen beachten); zugleich findet sich in ihnen aber auch ein Funke Hoffnung. Der Schreibstil von Ana Juna ist sehr eingängig und die Geschichten lassen sich flüssig lesen. Insgesamt ist „Ich werde dich nie vergessen“ eine eindrückliche, realistische und gleichzeitig emotionale Kurzgeschichtensammlung, die sich mit wichtigen Themen auseinandersetzt.

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