Profilbild von stefanb

stefanb

Lesejury Star
offline

stefanb ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit stefanb über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.02.2019

Der Anfang vom Ende

Die Mauer
0

„Es ist kalt auf der Mauer.“ [9] Einfach grandios wie John Lanchester schreibt. Es liest sich so angenehm, so spannend, so aktuell. In seinem Roman geht Lanchester die Themen unserer Zeit an: Flüchtlinge, ...

„Es ist kalt auf der Mauer.“ [9] Einfach grandios wie John Lanchester schreibt. Es liest sich so angenehm, so spannend, so aktuell. In seinem Roman geht Lanchester die Themen unserer Zeit an: Flüchtlinge, Klimawandel, wachsende politische Differenzen, Brexit. Zu viele Themen für ein Buch? Nein, geschickt setzt der Autor diese Themen zu einer spannenden Geschichte zusammen, die einen durchgängig begeistert. Besonders das Ende hat es mir angetan.

"Man sucht nach Metaphern." [9] und man findet sie. Teils poetisch geschrieben, zeichnet Lanchester einen realen Schauplatz, wie er in der Zukunft zu finden sein könnte. England schottet sich ab. In diesem Fall mit einer Mauer. Und genau wie die Charaktere im Buch, welche eben diese Mauer gegen die ‚Anderen‘ verteidigen, ist man auf das Äußerste gespannt, denn die Feinde können jederzeit angreifen.

Der Leser begleitet den Protagonisten Joseph „Yeti“ Kavanagh – berichtet wird aus der Ich-Perspektive - beim Dienst auf der Mauer. Die Charaktere sind nicht wirklich tief ausgearbeitet, was diesem Werk aber auch nicht schadet. Natürlich könnte man sagen, dass die vorkommenden Personen vieles, um nicht zu sagen alles, einfach als gegeben hinnehmen, nichts hinterfragen und in diesem Roman als ziemlich einfach gestrickt dargestellt werden, aber gibt es nicht immer fragliche Loyalitäten?

„Die Diagnose ist nicht schwer – sie ist nicht einmal kontrovers. Sie lautet: Schuld. Die Schuld von Massen. Die Schuld von Generationen.“ [72]

Das Buch gliedert sich in 3 große Teile: Die Mauer, die Anderen, das Meer. Die einzige Charakterentwicklung findet bei Kavanagh statt, wobei sich auch der Erzählstil mit zunehmender Seitenzahl mehr Richtung Abenteuer entwickelt.
Die Geschichte kommt düster daher, ein Kampf ums Überleben. „Ein weiterer Kampf auf ‚Leben und Tod‘.“ [122]

Fazit:
Eine anspruchsvolle Dystopie und ein Lesehighlight in 2019.
Auch das Cover sticht aus der Masse hervor. Eigentlich minimalistisch gestaltet. Aber eben nur eigentlich. Man kann viel mehr sehen.

Veröffentlicht am 11.02.2019

Krimi in den Südstaaten

Nacht über dem Bayou
0

„Dave, Sie haben keine Ahnung, wo Sie sich da einmischen, dass Sie möglicherweise benutzt werden, um alles zu ruinieren, woran Sie glauben.“ [62]

James Lee Burke lässt in der vom Pendragon Verlag überarbeiteten ...

„Dave, Sie haben keine Ahnung, wo Sie sich da einmischen, dass Sie möglicherweise benutzt werden, um alles zu ruinieren, woran Sie glauben.“ [62]

James Lee Burke lässt in der vom Pendragon Verlag überarbeiteten Neuausgabe des Romans „Nacht über dem Bayou“ Dave „Streak“ Robicheaux in seinem neunten Fall ermitteln.

Burkes Schreibstil ist wort- und bildgewaltig, atmosphärisch dicht. Ihm gelingt es den Charakteren Leben einzuhauchen, da er diese perfekt und tiefgründig zeichnet und am Beispiel von Dave auch mit richtig Ecken und Kanten darstellt. Erzählt wird dieser Roman aus Sicht des Protagonisten Robicheaux in der Ich-Form.
Wie auch bei vielen seiner anderen Bücher lässt Burke durch seinen Erzählstil Bilder im Kopf entstehen, so dass der Leser förmlich in die Südstaaten abtauchen kann. Man könnte sagen, dass beim Lesen des Buches ein Film abläuft. Keines der Wörter, welche Burke verwendet, ist zu viel. Die Beschreibungen der Landschaft und Leute ist ein richtiger Genuss.

Burke spricht in seinen Büchern aber vielmehr an, als lediglich der Kampf Gut gegen Böse. So geht der Autor auch auf die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA ein: „Der Fürst der Finsternis ist ein Edelmann. Sie haben Farbige terrorisiert und ermordet.“ [155]
Des Weiteren spricht Burke auch weitere gesellschaftliche Probleme an, unter anderem die Armut und ein Leben in Reichtum: „Ich möchte […] diesen Ziegelschuppen [filmen] und im Vergleich dazu die LaRose-Plantage zeigen.“ [198]

Mit seinem Roman erweckt Burke den gezeichneten Schauplatz zum Leben. Man spürt die Schwüle, den immer noch vorherrschenden Rassismus, die Sümpfe der Südstaaten.

„Die Stadt steht in Flammen. Man sieht’s bloß nicht.“ [312]

Fazit:
„Nacht über dem Bayou“ ist ein spannender Krimi, den man aufgrund der doch manchmal schnell kommenden Szenenwechsel etwas konzentrierter lesen muss. Man wird aber mit einem sehr gut durchdachtem Setting und einem sagenhaften Schreibstil belohnt.

„Die Akteure ändern sich nie, nur das Publikum.“ [461]

Veröffentlicht am 28.01.2019

Unglaublich gut recherchiert, spannend und viel Kultur

Die Stadt des Affengottes
0

„Kultur ist nichts, was man aus tausend Meter Höhe aus einem Flugzeug sieht.“ [131]

Tja, wie uneins sich manche Leute/ Wissenschaftler/ Archäologen doch sein können. Und wie gut, dass der Autor Douglas ...

„Kultur ist nichts, was man aus tausend Meter Höhe aus einem Flugzeug sieht.“ [131]

Tja, wie uneins sich manche Leute/ Wissenschaftler/ Archäologen doch sein können. Und wie gut, dass der Autor Douglas Preston mit auf der Reise – und auch im Flugzeug – war und die ganzen Impressionen und weitere geschichtliche Informationen, Exkurse und das erlebte in seinem Sachbuch „Die Stadt des Affengottes“ anschaulich beschrieben hat.

Preston war mir bis dato nur als Thriller-Autor bekannt. Umso mehr war ich von diesem sehr gut recherchierten Buch fasziniert. Der Schreibstil des Autors ist gewohnt flüssig. Es gibt einige Fußnoten welche man sofort mitverschlingen kann, da alles so lebendig beschrieben ist. Am Ende des Buches gibt es außerdem noch reichliche Quellenangaben, die das Beschriebene untermauern.

Dem Geheimnis einer verborgenden Stadt auf der Spur, beschreibt Preston das ganze Projekt, mit allem was zu dieser Expedition gehört – von der Planung, Genehmigung, der Reise selbst, Geschichtlichem und den „Souvenirs“ aus dem Dschungel.

„Wir flogen über einem ursprünglichen Garten Eden und schossen Milliarden von Laserstrahlen in einen Urwald, den womöglich seit fünfhundert Jahren kein menschlicher Fuß mehr betreten hatte. Es war ein Anschlag des 21. Jahrhunderts auf ein uraltes Geheimnis.“ [119]

Es ist spannend mit ihm auf die „Suche“ zu gehen. Auch vergleicht Preston die Situation mit anderen Völkern.

„Während die Maya die am besten erforschte Kultur des amerikanischen Doppelkontinents sind, gehören die Bewohner der Mosquitia zu den am wenigsten untersuchten.“ [243]

Er eruiert verschiedene Thesen und macht alte Geschichte damit sehr spannend.

„Die Bewohner der Stadt des Jaguars passten sich dagegen an die Herausforderungen des Urwalds an und verwandelten eine der unwirtlichsten Gegenden des Planeten in blühende Landschaften – bis zu ihrem plötzlichen Untergang.“ [353 f.]

Veröffentlicht am 09.01.2019

All Involved

In den Straßen die Wut
0

„All Involved“. So lautet der englische Titel von Ryan Gattis Thriller „In den Straßen die Wut“. Diese zwei Titel beschreiben das Geschehen, welches Los Angeles innerhalb weniger Tage im Jahr 1992 ereilte ...

„All Involved“. So lautet der englische Titel von Ryan Gattis Thriller „In den Straßen die Wut“. Diese zwei Titel beschreiben das Geschehen, welches Los Angeles innerhalb weniger Tage im Jahr 1992 ereilte und die Handlung des Buches perfekt.

Der Autor Gattis behandelt in seinem gut recherchierten Buch, was auch als schockierende Reportage durchgehen könnte, den Ausnahmezustand in dem das Chaos herrschte, Gangs den Zustand nutzten, um offene Rechnungen zu begleichen. Dabei wird aus verschiedenen Sichten berichtet, jeweils aus der Ich-Perspektive. Gemeinsam geben die einzelnen (fiktiven) Sichtweisen – sie sind alle miteinander verkettet - ein großes Gesamtbild der damals vorherrschenden Situation wieder und zeichnen ein hartes Bild von Los Angeles, einer niemals ruhenden Stadt.

Der Schreibstil ist flüssig, Seiten fliegen förmlich nur dahin. Gekonnt baut Gattis durch die eingangs im Buch beschriebene Szene, den Tod des unschuldigen Ernesto, zur falschen Zeit am falschen Ort, Spannung auf und hält diese gekonnt bis zum Schluss. Die Geschichte kommt hart und brutal rüber und lässt den Leser schockiert zurück, wie sich das Leben in einer solchen Großstadt innerhalb kürzester Zeit komplett drehen kann. Man ist gefesselt, wird mit hineingezogen in diese Geschichte aus einer erschreckenden Spirale der Gewalt.

Das Cover, es zeigt brennende Palmen, passt hervorragend zum Buch bzw. Inhalt/Thema.

Veröffentlicht am 02.01.2019

Die Rechte der Menschen im digitalen Zeitalter.

Der Circle
0

Der Autor Dave Eggers zeigt die ethische Naivität, den Aufstieg der sozialen Medien und die daraus resultierenden Folgen bei seinem Roman „Der Circle“.

Die Protagonistin Mae Holland ist jung, naiv, hat ...

Der Autor Dave Eggers zeigt die ethische Naivität, den Aufstieg der sozialen Medien und die daraus resultierenden Folgen bei seinem Roman „Der Circle“.

Die Protagonistin Mae Holland ist jung, naiv, hat einen an MS erkrankten Vater und nun einen Job bei diesem coolen Unternehmen. Aber eigentlich hat sie nur eine „gewöhnliche Position im Circle, ein plebejischer Platz eines Sprachrohres, eines öffentlichen Lockvogels.“ [402] Es gibt viele Mitarbeiterbenefits beim Circle, doch für welchen Preis?

Eigentlich könnte man dieses Buch unter dem Titel „Die Rechte der Menschen im digitalen Zeitalter.“ [550] zusammenfassen. Wie bereits George Orwell und Aldous Huxley wagt auch Dave Eggers einen Blick in eine nicht allzu ferne Zukunft. Vieles davon kommt uns schon bekannt vor, wurde in anderen Büchern aber ansprechender, spannender dargestellt. Vieles in diesem Roman ist etwas in die Länge gezogen. Es gibt unzählige Wiederholungen, Aufzählungen wie an dem folgenden Beispiel zu erkennen ist:

„Sie erledigte 140 Kundenanfragen,… beantwortete zugleich 1129 Circle-Survey-Fragen.. arbeitete an ihrem PartiRank, das sie von 1827 auf 1430 brachte.“ [316 f.]

Dies wiederholt sich so oft in dem Buch, auch die tollen neuen Erfindungen, dass ich es wirklich als störend empfinde, obwohl der Schreibstil angenehm ist. Die Seiten fliegen förmlich nur so dahin.

Auch wenn es der Wirklichkeit entspricht, dass heutzutage viele Personen nichts mehr hinterfragen, alles einfach hinnehmen, so finde ich die Naivität von Mae sehr anstrengend. Sie verschließt die Augen, hinterfragt nichts, ist blind für das offensichtliche und resistent gegenüber allem und jeden, der nicht für den Circle kämpft.

„Wir schließen den Kreis um alle – es ist ein totalitärer Albtraum.“ [545]