Aufrührend, verstörend, emotional tief - Ebbe und Flut durch ein ganzes Leben
Die Dinner PartyDer Inhalt
Franca, Mitte 30, ist gerade von England nach Berlin gezogen, weil sie ein tiefgreifendes und schmerzhaftes Erlebnis hinter sich hat, dass sie selbst noch immer nicht greifen kann. Im Zuge ihrer ...
Der Inhalt
Franca, Mitte 30, ist gerade von England nach Berlin gezogen, weil sie ein tiefgreifendes und schmerzhaftes Erlebnis hinter sich hat, dass sie selbst noch immer nicht greifen kann. Im Zuge ihrer Therapiesitzungen begleiten wir sie durch alle Höhen und Tiefen ihres Lebens.
Ihre Kindheit. Den Verlust ihres Vaters und mit diesem auch den Verlust der Mutter, die nicht in der Lage ist für ihre Tochter da zu sein. Die Prägung dieser Erlebnisse. Kurze Einblicke in die Erlebnisse als Jugendliche mit dem neuen Partner der Mutter als ersten Halt im Leben nach dem Tod des Vaters. Der Beginn ihres Studiums mit einer tiefgreifenden Liebe und deren Verlust. Die Flucht aus dem alten Leben in eine Beziehung und ein neues Land und damit verbunden einem Kontrollverlust und eigenem Lebenssinn bis zu dem tragischen Abend, der zu dem Neuanfang in Berlin führt.
Meine Meinung
Das ist die Debutnovelle von Viola van de Sandt und meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Buch. Ich bin von der ersten Seite in das Leben von Franca eingetaucht und konnte das Buch bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen. Die vorgegebenen Fristen für die einzelnen Kommentarabschnitte musste ich mir wirklich einteilen, weil dieses Buch mich ein bisschen angeschrien hat. Ich wollte unbedingt wissen, was als nächstes passiert und vor allem, was an dem besagten Abend passiert ist.
Die Sprache und Erzählweise der Autorin ist klar und wortgewandt. Ich kann empfinden, was Franca empfindet und ich kann nachvollziehen, was in ihr vorgeht. Ich kann nicht alles 1:1 nachempfinden, aber ich kann es verstehen. Im Verlaufe der Erzählung wird ein feiner Spannungsbogen aufgebaut und am Ende offenbaren sich unerwartete Perspektiven, die einiges noch klarer erscheinen lassen.
Mir haben die Beziehungen zu den einzelnen Personen und deren Beschreibungen sehr gut gefallen. Immer lernen wir die Personen aus Francas Sicht kennen, aber dennoch im Detail und mit allen Gefühlen und Gedanken, die durch sie entstehen. Ich kann den Frust und die Angst, aber in Teilen auch die Wut von Franca fühlen und bin in einigen Situationen ebenso empört wie sie.
Mir gefällt der Bezug der Autorin zu den einzelnen Lebensorten von Franca. Das Studium am Kings College in London und der aktuelle Wohnort in den Niederlanden. Die Beschreibungen dieser Orte als Teil von Francas emotionaler Reise wirken für mich authentisch und erlebt.
Franca erlebt als Kind ein Familienleben ohne offene Kommunikation. Die Liebe, die sie durch ihren Vater erfährt, ist geprägt von gemeinsamen Spaziergängen oder Ausflügen, bei denen viel gelesen wird. Hier entsteht ihre Liebe zu Geschichten, begründet in der tiefen Liebe zum Vater. Mit 10 Jahren verstirbt ihr Vater nach einer für das Kind unverständlichen Krankheitsphase. Es wird weder über die Krankheit mit ihr gesprochen, noch über den nahenden Tod. Dann ist er plötzlich da und das zuvor schwierige Verhältnis zur Mutter erkaltet vollständig. Die beiden reden vorher und nachher kaum miteinander.
Die junge Frau Franca beginnt ein Studium der Literaturwissenschaften und träumt davon ein Buch zu schreiben. Nachdem sie sich in der gesamten Kindheit in Geschichten geträumt hat, will sie selbst eine schreiben. Während des Studiums trifft sie Harry und die beiden freunden sich an. Franca findet Halt in dieser Freundschaft, aber als Harry mehr will, kann sie sich nicht weiter öffnen. Vielleicht eine Wurzel aus der Kindheit? Angst sich zu binden und jemanden zu verlieren?
Die beiden verlieren sich aus den Augen. Ein großer Verlust für Franca. Sie stürzt sich in eine Beziehung mit Andrew und bricht ihr Studium ab, um mit und zu ihm nach England zu ziehen. In diesem neuen Leben verliert sich Franca in Alkohol und Medienkonsum, bis zu dem tragischen Abend der Dinnerparty. Emotionen laufen wie Wellen durch all die Lebensabschnitte. Ebbe und Flut, Resignation und Wut. Wir werden durch all die Emotionen und Verluste Francas in den einzelnen Lebensphasen getragen. Wir fragen uns, was an dem Abend passiert ist und warum sie am Ende nach Berlin geht.
Die Geschichte Francas ist ein emotionaler Flächenbrand. Ich beschäftige mich mit Verwahrlosung und emotionalem Kindesmissbrauch, Alkoholismus, Sexismus, emotionalem und körperlichem Missbrauch einer Frau, Selbstaufgabe, Hilflosigkeit und Wut. Da ist so viel Wut, der sich in ekelerregenden Phantasien ein Ventil sucht. Erst bei weiterem Lesen erkenne ich, es ist zum Glück nur eine Phantasie. Dennoch bleibt bei vielen Ereignissen die Frage, ist es Phantasie. Was darf ich glauben? Was glaubt Franca und glaubt sie sich vielleicht selbst nicht mehr.
Das Ende hält einige Überraschungen bereit, die ich sehr gut fand. Tolle Wendungen und neue Perspektiven. Mir fehlt die Auflösung von einigen Themen, aber das ist mein eigener Wunsch und Bücher enden nicht immer, wie ich es mir wünsche. Das offene Ende begleitet mich vielleicht sogar ein wenig länger. Lässt mich über alle die angesprochenen Themen und sehr aktuellen Aspekte des Alltags nachdenken und mich noch einmal in Franca hineinempfinden.
Wie immer habe ich einige Zitate in diesem Buch, die mich sehr bewegt haben. Hier sind meine liebsten drei:
1) „Und ich habe zugelassen, dass ihr Schweigen sich in mir ausgebreitet hat, bis es für nichts und niemanden sonst mehr Platz gab. Seitdem hatte ich keine richtigen Freunde mehr.“ S. 88 Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter in einem Zitat.
2) „Doch eines habe ich inzwischen gelernt: Wenn etwas endet, wird es dadurch nicht unbedingt zu einem Fehler.“ S. 193 Das ist so ein zauberhaftes Zitat, dass ich es mir selbst auf eine Karte geschrieben habe, um mich immer wieder daran zu erinnern. So präzise und erfüllend.
3) „Du hast einmal gesagt, ich könne tun, was immer ich wolle. In jenem Moment war mir, als sprösse plötzlich ein Pflänzchen mit glänzenden Blättern und Blütenknospen in meiner Brust. Doch irgendwann in den vergangenen vier Jahren habe ich das Pflänzchen verwelken lassen. Nicht weil ich Fehler gemacht habe. Sondern weil ich gar nichts gemacht habe.“ S.280 Eine intensive Zusammenfassung all der Träume, die scheinbar zerplatzt sind, bis nur noch Seifenwasser übrig war. Wie das Erwachsenwerden.
Fazit
Die Dinnerparty von Viola van de Sandt war schon eine kleine Weile auf meiner Wunschliste und ich bin ganz dankbar, dass ich als Teil der lesejury ein Exemplar erhalten konnte. Das Buchcover hat mich bereits optisch sehr angesprochen, weil es modern und eine Szene mitten aus dem Leben ist. Als ich das Buch dann in den Händen hielt, habe ich mich noch mehr gefreut, weil es haptisch erlebbar ist. Ich liebe so dreidimensionale Erlebnisse.
Die Geschichte hat mich von der ersten Seite gepackt und ich habe ziemlich viele Emotionen mit und in Bezug auf Franca erlebt. Teilweise sind mir die Zusammenhänge etwas „simpel“, weil es stereotype Hintergründe sind, die zu bestimmten Handlungen oder Verhaltensweisen führen. Es ist manches Mal etwas „zu viel“, wenn neben der emotionalen Verwahrlosung der Alkoholismus kommt, aber natürlich sind das Zusammenhänge, die in unserem Alltag geschehen. In Teilen fehlt mir der Abschluss, d.h. ich wollte wissen, was ist passiert und wer hat was erlebt oder wer ist wann dazu gekommen, aber das ist mein Wunschdenken. Diese Geschichte steigert sich in Wellen immer wieder, findet eine unerwartete Wendung und endet mit einem positiven Ausblick. Eine durchweg gute Geschichte, die ich auch weiterempfehlen werde.