Roman | Wenn ein kurzer Moment alles verändert. Ein Roman mit Sogkraft über Grenzen, Wut und Selbstbefreiung
Heike Reissig (Übersetzer)
»Ich erinnere mich an alles, was in diesen drei Minuten zu Beginn des Abends geschah, an ihn und mich in der Küche. Das und das, was am Ende geschah: das Messer und was ich damit gemacht habe.«
Franca zieht Andrew zuliebe von Utrecht nach England, doch das Idyll beginnt schnell zu bröckeln. Als sie auf seinen Wunsch eine Dinnerparty für seine Kollegen ausrichtet - mitten in einer flirrenden Hitzewelle, der Kühlschrank streikt, der Alkohol fließt - spitzen sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem Abend zu, der alles verändert. Als lang verdrängte Wut in ihr aufsteigt, verliert Franca die Kontrolle ...
Franca, die Protagonistin in Viola van de Sandts Roman ‘Die Dinner Party‘, ist eine junge Frau, die bereits mit zwölf Jahren nach dem Tod ihres Vaters, der stets ihre einzige Bezugsperson war, den Halt ...
Franca, die Protagonistin in Viola van de Sandts Roman ‘Die Dinner Party‘, ist eine junge Frau, die bereits mit zwölf Jahren nach dem Tod ihres Vaters, der stets ihre einzige Bezugsperson war, den Halt unter den Füßen verliert. Das Schwiegen der Mutter führt sie in eine Isolation, die sie erst während ihres Studiums in Utrecht teilweise überwinden kann, als sie Harry kennenlernt. Ihre Beziehung bleibt allerdings nicht unbelastet. Als sie sich viele Jahre später in England bei einer kleinen Dinner Party im Haus ihres Verlobten wieder treffen, kommt es zu dramatischen Auseinandersetzungen.
Die Schriftstellerin gibt uns einen Einblick in das Seelenleben von Franca, die ihre traumatischen Erlebnisse mit Hilfe einer Psychologin versucht aufzuarbeiten. Dabei gewährt sie uns Einsichten in die Vergangenheit, die sie mit der Verarbeitung in der Gegenwart koppelt. Die Geschichte entwickelt sich langsam und spitzt sich immer weiter zu. Themen wie häusliche Gewalt, Trauer, Entfremdung, Isolation aber auch Alkoholsucht und Depression sind starke Trigger, die ihre Wirkung auf den Leser durch die schonungslose Offenheit haben können.
Ein Romandebüt, das herausfordert in seiner Intensität der Handlung.
Das Buch wird aus der Perspektive der Protagonistin erzählt, aber in einer interessanten Mischung aus Gesprächen mit ihrer Therapeutin, Erinnerungen an die Dinner Party und therapeutischen Briefen an Harry, ...
Das Buch wird aus der Perspektive der Protagonistin erzählt, aber in einer interessanten Mischung aus Gesprächen mit ihrer Therapeutin, Erinnerungen an die Dinner Party und therapeutischen Briefen an Harry, eine alte Studienbekanntschaft. Man erfährt die Familien- und Lebensgeschichte von Franca und erlebt ihre Einsamkeit, ihre Selbstaufgabe in der Beziehung mit Andrew sowie ihre Anpassung an den bequemen Lebensstil der Reichen, aber auch sein unreflektiertes, übergriffiges Verhalten. Mir hat sehr gut gefallen, wie sie sich ihre Erinnerung an die Dinner Party langsam zurückholt und dessen Ablauf geschildert wird. Ein Höhepunkt war für mich, wie sie als Vegetarierin ein Fleischgericht für die Gäste zubereitet, darin zeigt sich so symptomatisch, wie sie sich bis zur Selbstaufgabe in diese Rolle der repräsentativen Partnerin verloren hatte. Lange erfährt der Leser nicht, was auf dieser Party mit dem Messer passiert ist, so ist die Geschichte zugleich spannend und psychologisch dicht. Die Autorin spielt mit der Wahrnehmung des Lesers und dem, was man meint zu verstehen oder so sieht, wie man es sehen will. Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, ich empfehle ihn gerne weiter.
"Die Dinner Party" ist ein Buch, das ich nach dem Zuklappen erst einmal habe sacken lassen müssen. Es entwickelt sich nämlich ganz anders als gedacht und behandelt Themen, die ich anhand des Klappentextes ...
"Die Dinner Party" ist ein Buch, das ich nach dem Zuklappen erst einmal habe sacken lassen müssen. Es entwickelt sich nämlich ganz anders als gedacht und behandelt Themen, die ich anhand des Klappentextes so nicht erwartet habe.
Es beginnt ganz harmlos: Andrew bittet seine Verlobte Franca, ein Abendessen für die Geschäftsfreunde auszurichten. Doch statt eines entspannten Sommerabends eskaliert die Situation, die Anspannung zwischen den Gästen kocht hoch und dann: ein Messer wird gezückt!
Zwei Jahre später versucht Franca immernoch, diesen Abend mithilfe einer Therapeutin zu verarbeiten. Dazu soll sie einen Brief schreiben, den wir nun in Form dieses Buches in Händen halten.
Die Autorin wechselt dabei zwischen drei Zeitebenen: dem Dinnerabend, dem Danach und der Vorgeschichte. Das macht das Lesen teilweise etwas anspruchsvoll, spiegelt aber Francas Auseinandersetzung mit dem Abend sehr gut wieder.
Ich muss ein wenig wage bleiben, um nicht zu spoilern, aber das zentrale Thema ist eines, das leider viele Frauen im Laufe ihres Lebens einmal betrifft. Auf jeden Fall keine leichte Kost!
Zu Ende gab es noch einen Twist, der mich total überrascht hat und mich einen Teil der Geschichte noch einmal in einem anderen Licht sehen hat lassen.
Fazit: ein sehr starker Debütroman! Ich hoffe, schon ganz bald noch mehr von Viola van de Sandt lesen zu dürfen!
Franca studiert in Utrecht Literaturwissenschaften. Sie ist eher ein unsicherer Mensch, der mit sich hadert und sich eher klein macht. Das Verhältnis zur Mutter ist kalt und distanziert, sie ist in zweiter ...
Franca studiert in Utrecht Literaturwissenschaften. Sie ist eher ein unsicherer Mensch, der mit sich hadert und sich eher klein macht. Das Verhältnis zur Mutter ist kalt und distanziert, sie ist in zweiter Ehe verheiratet. Der Vater ist bereits verstorben. Mit Harry, einem Mitstudenten, verbringt sie viel Zeit. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, lesen Bücher und diskutieren sie. Als Harry und auch Francas Mutter plötzlich das Land verlassen, ist Franca verletzt und traurig. Sie vernachlässigt ihr Studium, trinkt zu viel und weiß nicht so recht, was sie ohne Harry anfangen soll. Dann trifft sie Andrew, und gemeinsam gehen sie nach London. Doch in der fremden Stadt findet Franca keinen Halt und verliert zunehmend den Zugang zu sich selbst. Sie unterdrückt ihre Gefühle und verwechselt Liebe mit gesellschaftlichem Druck und Erwartungen. So beginnt für sie ein täglicher Kampf um Selbstachtung und Selbstbestimmung, der ihr nach und nach alle Kraft raubt.
Viola van de Sandt hat mit ihrem Debutroman eine Geschichte erschaffen, die unter die Haut geht. Mit viel Einfühlungsvermögen und einer Sprache, die den Kern der Gefühle trifft, ohne je aufdringlich zu wirken. Jedes Wort scheint mit Bedacht gewählt und genau richtig gesetzt. Das Buch überzeugt durch einen gelungen aufgebauten Spannungsbogen, der sich langsam entwickelt und den Leser bis zum Schluss fesselt. Die Geschichte entfaltet sich schrittweise und lebt besonders von den zwischenmenschlichen Konflikten, die sich im Verlauf des Abends immer weiter zuspitzen.
Die Figuren wirken authentisch und vielschichtig. Ihre Gedanken, Reaktionen und Beziehungen sind manchmal nachvollziehbar, manchmal nicht, aber genau diese Ambivalenz, macht das Buch interessant und trägt entscheidend zur Intensität der Handlung bei. Das zentrale Thema des Buches – menschliche Abgründe, soziale Masken und unausgesprochene Spannungen – wird überzeugend umgesetzt. Die Autorin zeigt, wie schnell scheinbare Harmonie in Konflikt umschlagen kann, und regt dabei zum Nachdenken über zwischenmenschliche Dynamiken an. Die Nutzung unterschiedlicher Zeitebenen sorgt dafür, dass die Geschichte facettenreich und vielschichtig wirkt.
Das Buch ist wunderschön und sehr hochwertig gestaltet. Das Cover selbst ist bedruckt, was ich aus Umwelttechnischen Gründen sehr gut finde. Obwohl es nicht viel aussagt, macht gerade das neugierig auf die Geschichte. Eine Frau macht sich für „Die Dinner Party“ zurecht. Sie steht mit dem Rücken zu uns, man kann nicht erkennen, ist sie freudig, traurig, ängstlich oder gar nichts von all dem. Es lässt viele Raum für Spekulationen.
Abschließend lässt sich sagen, dass „Die Dinner Party“ durch seine dichte Atmosphäre und die glaubwürdigen Figuren überzeugt. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie schnell scheinbar harmlose Situationen eskalieren können und wie viel hinter der Fassade menschlicher Beziehungen verborgen bleibt. Besonders die gelungene Verbindung aus Spannung, Einfühlungsvermögen und präzisem Schreibstil macht das Buch lesenswert. Insgesamt bietet das Werk nicht nur Unterhaltung, sondern regt auch zum Nachdenken über zwischenmenschliche Dynamiken und gesellschaftliche Rollen an.
Einzig das Ende des Buches bleibt offen, was für mich einerseits spannend ist und die Fantasie des Lesers anregt, andererseits aber auch ein Gefühl der Unvollständigkeit hinterlässt. Man wird zum Nachdenken und Spekulieren eingeladen, was das Lesen im Nachhinein interessant macht, doch gleichzeitig bleibt ein kleiner Wunsch nach mehr Klarheit. Es bleibt offen, wie Franca mit den Folgen umgeht – hier hätte ich mir einen tieferen Einblick in ihr weiteres Leben gewünscht. Nichtsdestotrotz ein tolles Buch, von mir eine klare Leseempfehlung!