Sehr bewegend und keine leichte Lektüre
Was man nicht sieht, ist doch daDieser Roman um den erst zehnjährigen Hans, der 1954 ohne dem Wissen seiner Eltern von Gendarmen von der Schule geholt und in ein Erziehungsheim gesteckt wird, ist von der ersten Seite an erschütternd. ...
Dieser Roman um den erst zehnjährigen Hans, der 1954 ohne dem Wissen seiner Eltern von Gendarmen von der Schule geholt und in ein Erziehungsheim gesteckt wird, ist von der ersten Seite an erschütternd. Ich habe bei Lovelybooks in die Leseprobe gelesen und war sofort von dieser unglaublichen Geschichte gefesselt. Was Margit Weiss hier auf nur 160 Seiten erzählt, ist erschreckend und unglaublich.
Am Tag der Hochzeit seiner älteren Schwester wird Hans Dakosta einfach abgeholt und gemeinsam mit zwei Gendarmen in den Zug gesetzt. Er ist auf den Weg in ein Erziehungsheim für schwer erziehbare Kinder, weiß allerdings nicht warum. Die Eltern haben keine Ahnung und werden erst später davon in Kenntnis gesetzt. Sie sind Ladiner, eine Minderheit in Südtirol, die während des Zweiten Weltkrieges ins deutschsprachige Tirol nach Österreich geflohen sind. Doch 1954 scheint noch immer das Gedankengut des Nationalsozialismus in vielen Köpfen zu stecken. Bald wird klar, dass vor allem Kinder aus ärmlichen, zugezogenen Familien in Heime gesteckt werden, wo sie Misshandlungen und Gewalt erfahren. Irgendein Grund wird schon gefunden und wenn er noch so unglaubwürdig ist.
Auch Hans ist den kaltherzigen Erziehern ausgeliefert und verliert mit der Zeit die Hoffnung, dass ihn seine Familie abholen kommt. Diese kämpft gegen die Bürokratie, die den Zugezogenen noch immer droht. Ihre Hilflosigkeit gegen die Grausamkeit des Systems tut weh! Auch Hans findet in seiner Situation nur beim Gärtner des Heimes etwas Freundlichkeit und Fürsprache.
Was Margit Weiss auf den nur 160 Seiten eindrucksvoll erzählt, ist grausam und hat - trotz der eigentlich viel zu wenigen Seiten - eine emotionale Tiefe, die oft Geschichten mit 500 Seiten nicht erreichen.
Obwohl der Schreibstil eher nüchtern ist, passt er genau zur Handlung. Die Kapitel sind kurz und prägnant. Erzählt wird aus verschiedenen Sichtweisen. Interessant ist auch, dass die Erwachsenen keinen Namen haben. Als Kapitelüberschrift steht "Der Gärtner", "Der Vater", "Der Erzieher" oder "Die Schwester". Nur Hans, die Kinder im Heim und seine Schwester Kathi werden mit Namen angeführt. Trotzdem kann man zu allen Figuren eine Verbindung aufbauen und ich empfand die Emotionen und Ängste dadurch noch viel stärker. Ebenso erkennt man die immer noch unverarbeiteten Geschehnisse des Krieges im Handeln einzelner Figuren.
Die Lektüre ist alles andere als leicht, aber großartig erzählt. Nur das Ende empfand ich dann wirklich zu kurz abgehandelt und ich fühlte mich ein bisschen allein gelassen. Deshalb ziehe ich auch den halben Stern ab.
Fazit:
Ein aufwühlender Roman, der auf nur 160 Seiten wahnsinnig viel Inhalt und Emotionen versprüht. Die Lektüre ist schwer zu ertragen, aber sehr wichtig und empfehlenswert!