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Veröffentlicht am 09.10.2025

Sehr bewegend und keine leichte Lektüre

Was man nicht sieht, ist doch da
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Dieser Roman um den erst zehnjährigen Hans, der 1954 ohne dem Wissen seiner Eltern von Gendarmen von der Schule geholt und in ein Erziehungsheim gesteckt wird, ist von der ersten Seite an erschütternd. ...

Dieser Roman um den erst zehnjährigen Hans, der 1954 ohne dem Wissen seiner Eltern von Gendarmen von der Schule geholt und in ein Erziehungsheim gesteckt wird, ist von der ersten Seite an erschütternd. Ich habe bei Lovelybooks in die Leseprobe gelesen und war sofort von dieser unglaublichen Geschichte gefesselt. Was Margit Weiss hier auf nur 160 Seiten erzählt, ist erschreckend und unglaublich.

Am Tag der Hochzeit seiner älteren Schwester wird Hans Dakosta einfach abgeholt und gemeinsam mit zwei Gendarmen in den Zug gesetzt. Er ist auf den Weg in ein Erziehungsheim für schwer erziehbare Kinder, weiß allerdings nicht warum. Die Eltern haben keine Ahnung und werden erst später davon in Kenntnis gesetzt. Sie sind Ladiner, eine Minderheit in Südtirol, die während des Zweiten Weltkrieges ins deutschsprachige Tirol nach Österreich geflohen sind. Doch 1954 scheint noch immer das Gedankengut des Nationalsozialismus in vielen Köpfen zu stecken. Bald wird klar, dass vor allem Kinder aus ärmlichen, zugezogenen Familien in Heime gesteckt werden, wo sie Misshandlungen und Gewalt erfahren. Irgendein Grund wird schon gefunden und wenn er noch so unglaubwürdig ist.
Auch Hans ist den kaltherzigen Erziehern ausgeliefert und verliert mit der Zeit die Hoffnung, dass ihn seine Familie abholen kommt. Diese kämpft gegen die Bürokratie, die den Zugezogenen noch immer droht. Ihre Hilflosigkeit gegen die Grausamkeit des Systems tut weh! Auch Hans findet in seiner Situation nur beim Gärtner des Heimes etwas Freundlichkeit und Fürsprache.

Was Margit Weiss auf den nur 160 Seiten eindrucksvoll erzählt, ist grausam und hat - trotz der eigentlich viel zu wenigen Seiten - eine emotionale Tiefe, die oft Geschichten mit 500 Seiten nicht erreichen.
Obwohl der Schreibstil eher nüchtern ist, passt er genau zur Handlung. Die Kapitel sind kurz und prägnant. Erzählt wird aus verschiedenen Sichtweisen. Interessant ist auch, dass die Erwachsenen keinen Namen haben. Als Kapitelüberschrift steht "Der Gärtner", "Der Vater", "Der Erzieher" oder "Die Schwester". Nur Hans, die Kinder im Heim und seine Schwester Kathi werden mit Namen angeführt. Trotzdem kann man zu allen Figuren eine Verbindung aufbauen und ich empfand die Emotionen und Ängste dadurch noch viel stärker. Ebenso erkennt man die immer noch unverarbeiteten Geschehnisse des Krieges im Handeln einzelner Figuren.

Die Lektüre ist alles andere als leicht, aber großartig erzählt. Nur das Ende empfand ich dann wirklich zu kurz abgehandelt und ich fühlte mich ein bisschen allein gelassen. Deshalb ziehe ich auch den halben Stern ab.


Fazit:
Ein aufwühlender Roman, der auf nur 160 Seiten wahnsinnig viel Inhalt und Emotionen versprüht. Die Lektüre ist schwer zu ertragen, aber sehr wichtig und empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Verstörend

Wer Verderben sät
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Puh, ich muss zugeben, dass ich mich mit dieser Rezension und der Bewertung dieses Thriller-Debüts der niederösterreichischen Autorin Veronika Bauer etwas schwer tu. "Wer Verderben sät" ist ein Psychothriller, ...

Puh, ich muss zugeben, dass ich mich mit dieser Rezension und der Bewertung dieses Thriller-Debüts der niederösterreichischen Autorin Veronika Bauer etwas schwer tu. "Wer Verderben sät" ist ein Psychothriller, der mir richtige Gänsehaut bereitet hat, mich aber auch oftmals den Kopf schütteln hat lassen.

Von Beginn an hat mich die Geschichte gefangen genommen. Mit der ungarischen Erntehelferin Elza lernen wir eine Frau kennen, die in einem kleinen Ort in Österreich lebt. Nach dem Tod des Vaters und der gefühlskalten Mutter, einer ebenso lieblosen Ehe und einem Kind, für das sie nicht sorgen kann, sucht sie als Erntehelferin in Österreich ihr Glück. Vor allem aber möchte sie ihrem Sohn ein besseres Leben bieten. Ihr Wunsch geht in Erfüllung, denn der eher wortkarge und stille Weinbauer Johan, bei dessen Bruder sie in den Weinbergen arbeitet, nimmt sie zur Frau. Es ist keine Liebesheirat, aber die Ehe ist für beide von nutzen. Elza wird jedoch von der Familie und der Dorfgemeinschaft nicht anerkannt und angefeindet. "Nestbeschmutzerin" und "Heiratsschwindlerin" sind die nettesten Bezeichnungen, die sie erhält. Als sie eines Tages neben ihren toten Ehemann aufwacht, weiß sie, dass sie als Erste des Mordes verdächtigt werden wird. Sie gerät in Panik und zögert den Anruf beim Arzt immer länger hinaus und vergräbt ihren Mann in der kommenden Nacht im Garten. Und das ist erst der Beginn des kommenden Alptraumes, denn irgend jemand schickt ihr Zettel mit der Nachricht "Ich weiß, was du getan hast" oder "Ich weiß, du wirst töten". Elza fühlt sich verfolgt und gerät immer mehr in Panik. Als es einen weiteren Toten gibt, zieht sich die Schlinge um Elza immer fester....

Der Thriller wird aus der Sicht von Elza erzählt und bereitet beim Lesen Herzklopfen. Die Atmosphäre ist beklemmend und düster. Die Autorin lässt uns tief in die menschlichen Abgründe blicken. Doch immer wieder fragt man sich, warum Elza so handelt, wie sie handelt. Sie wirkt irrational und ist ein sehr komplexer Charakter. Sie scheint das Unglück angezogen zu haben und stolpert von einem Katastrophe in die nächste. Die Toten verfolgen sie und so sucht sie Zuflucht beim querschnittgelähmten Nachbar Rupert, der ihr als Einziger zu glauben scheint. Mit Tabletten hält sich Elza in diesem Alptraum aufrecht und weiß bald selbst nicht mehr, was die Wahrheit ist und was nicht.
Veronika Bauer gelingt es Zweifel zu säen und Wahrheiten zu hinterfragen. Und als Leserin fragt man sich genauso: Ist Elza ist eine unzuverlässige Erzählerin? Zieht sie wirklich das Unglück an? Oder tötet sie selbst? Wer stalkt sie und möchte sie vernichten? Oder hat Elza eine gespaltene Persönlichkeit?

Veronika Bauer zeichnet mit Elza eine Figur, deren Zerrissenheit, die Schuldgefühle gegenüber ihren Sohn und ihren Ängsten auf jeder Seite spürbar ist. Auch als Leser hat man ein permanentes Gefühl der Bedrohung. Grandios umgesetzt von der Autorin! Genauso wie die beklemmende Atmosphäre hat die Autorin auch die Nebenfiguren sehr lebendig beschrieben.

Was mir weniger gefallen und wo mich Veronika Bauer ab der Hälfte etwas verloren hat, waren die Aktionen von Elza, die man einfach nicht nachvollziehen kann. Diese wirken oft etwas konstruiert und unglaubwürdig. Auch die Polizeiarbeit auf Seiten der österreichischen und der ungarischen Polizei wirkt nicht wirklich nachvollziehbar.
Am Ende nimmt der Psychothriller noch mehr Fahrt auf und endet in einem rasanten Showdown, der gut gelöst wird. Rückblickend und umso öfters ich darüber nachdenke, finde ich die Auflösung jedoch nicht wirklich nachvollziehbar...

Fazit:
Ein sehr verstörender Psychothriller, der mich von Beginn an begeistert hat. Tolle und beklemmende Atmosphäre und grandiose Figurenbildung. Ab der Hälfte hat mich der Psychothriller aber mehr und mehr verloren...

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Gekonnte Gesellschaftskritik

Aufsteiger
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Von Peter Huth habe ich bereits "Der Honigmann" gelesen, den ich wirklich gut fand. Vor allem die Gesellschaftskritik, die der Autor eingebaut hat, war großartig.
Diesmal beschäftigt er sich mit der Medienbranche ...

Von Peter Huth habe ich bereits "Der Honigmann" gelesen, den ich wirklich gut fand. Vor allem die Gesellschaftskritik, die der Autor eingebaut hat, war großartig.
Diesmal beschäftigt er sich mit der Medienbranche und dem schnelllebigen Social Media Erfolgen.

Spannend macht es Peter Huth auch durch seinen Prolog, denn auf den ersten Seiten wird eine Leiche gefunden. Man weiß nicht, wer es ist und wie es zum Mord kam. Danach wechselt der Autor in die Zeit kurz vor der Tat.
Felix Licht ist einer dieser Journalisten, die für ihren Job leben. Er steht kurz vor einer Beförderung zum Chefredakteur des Magazins, bei dem er schon seit Jahrzehnten arbeitet und auch die Übernahme durch den rechten Verleger Christian Berg überlebt hat. Der Champagner ist bereits kalt gestellt, seine Familie wird von seinem zukünftigen Erfolg in Kenntnis gesetzt und wer sollte sonst außer ihm in Frage kommen, wo er doch bereits alle Fäden in der Hand hält...
Doch der Schock ist groß, als ihm als Mann um die Vierzig, plötzlich eine farbige junge Frau als neue Chefin vor die Nase gesetzt wird. Außerdem kennt er seine neue Vorgesetzte etwas besser, als er sollte. Vor zwölf Jahren war sie Volontärin beim Magazin und hat ihm ordentlich den Kopf verdreht.
Doch das Magazin will sich neu orientieren und sich von alteingesessenen Meinungen, die viele alte weiße Männer vertreten, lossagen. Besonders die Ehefrau des Eigentümers möchte verstärkt Frauen und die links-woke Gesellschaft ansprechen. Sie möchte sich einer anderen Leserschaft zuwenden und vom rechten Hintergrund ihres Mannes ablenken. Licht fällt daraufhin in eine tiefe Depression, die ihm Ehe und Job kosten werden.....

Ausgehend von Felix Lichts tiefen Fall erleben wir eine Geschichte, die zeigt, wie eng Erfolg und Misserfolg beieinander liegen können.
Der Roman trifft den Zeitgeist und spricht viele Themen an, die auch in der Gegenwart präsent sind: das Zunehmen konservativer Kräfte, gendergerechte Sprache, Klimakleber, LGBTQ, Diskriminierung und einiges mehr. Außerdem geht es um Macht, Verrat, Blendung, Manipulation, Gewalt und Verlust. Trotz der 336 Seiten sind dies viele Themen, die jedoch gut eingebunden werden und beim Leser nicht das Gefühl aufkommen lässt, dass der Autor zu viel wollte.

Mit leicht satirischer und überspitzten Gesellschaftskritik kommt der Autor direkt auf dem Punkt. Seine Figuren sind oft gewollt stereotyp, aber sehr gut gezeichnet. Ihm ist es wieder eindrucksvoll gelungen, das moralische und gesellschaftliche Bild unserer Zeit wiederzugeben. Dabei schafft er es, die Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeigen und uns keine vorgefertigte Meinung aufzuzwingen. Das ist nicht selbstverständlich und macht für mich die Qualität des Buches aus.

Peter Huth hat auch wieder einige Plot-Twists eingebaut, die überraschen und der Geschichte eine krasse Wendung geben. Einen davon habe ich allerdings bald erraten oder erahnt....was sich jedoch nicht negativ ausgewirkt hat. Wieder ein sehr gutes Buch, auch wenn mir "Der Honigmann" eine Spur besser gefallen hat.

Fazit:
Der Autor trifft wieder gekonnt den Nerv der Zeit und verschafft uns einen Einblick in die Medienbranche. Obwohl leicht überspitzt erzählt und mit einem nicht kontinuierlichen Spannungslevel, konnte ich das Buch nur schwer aus der Hand legen. Die Gesellschaftskritik ist wieder einmalig erzählt und lässt einem nachdenklich zurück.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Leider eine Enttäuschung

Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
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Was für ein toller Klappentext, ein ansprechendes Cover und eine kleine Anspielung an die Krimis von Agathe Christie, die sofort Lust auf diesen Krimi machen. Auch ich hatte sofort das Gefühl, dass ich ...

Was für ein toller Klappentext, ein ansprechendes Cover und eine kleine Anspielung an die Krimis von Agathe Christie, die sofort Lust auf diesen Krimi machen. Auch ich hatte sofort das Gefühl, dass ich diesen "whodunit" Krimi lesen möchte. Gratulation an den Verlag und das Marketing!
Leider blieb nach dem Zuschlagen der letzten Seite von den positiven Gefühlen nur wenige zurück.

Ich liebe ja Krimis und Thriller, die an einem begrenzten Schauplatz (Hotel, Insel, Haus...) mit einer überschaubaren Anzahl an Personen spielen. Auch "Die Einladung - Mord nur für geladene Gäste" folgt diesem Schema.
Die 76jährige alleinstehende Rosemary "Mimi" MacLaine lebt zurückgezogen auf Mackinac Island in Michigan. Schon des Öfteren hat sie ihre berühmte Nachbarin Jane Ireland zu ihren legendären Parties eingeladen, doch Mimi möchte einfach nur ihre Ruhe haben. Als eine weitere Einladung zu einer Party im Stil der 1920iger Jahre bei ihr eintrudelt, muss Mimi jedoch annehmen. Der Einladungskarte lag ein Schreiben bei, in dem Jane ankündigt ihr dunkles Geheimnis zu verraten, wenn sie nicht erscheint. Mimi hat keine Wahl und bittet ihre Enkelin Addie sie zu begleiten. Die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin ist nicht die beste, doch Addie hat gerade eine Trennung hinter sich. Außerdem kämpft die Spieleentwicklerin um die Rechte ihres Spieles "Murderscape", welches ihr Exfreund als sein eigenes ausgibt. Deshalb sagt Addie zu mit Mimi die Party zu besuchen. Gemeinsam betreten sie die Villa der schillernden Gastgeberin, die kurze Zeit später tot aufgefunden wird. Neben Mimi hat Jane noch weitere sechs Gäste eingeladen, die nichts gemeinsam zu haben scheinen. Während draußen ein Schneesturm tobt und die Insel von der Außenwelt abgeschnitten ist, wird Mimi klar, dass ein Mörder unter ihnen sein muss....



Der Krimi, der zum Kammerspiel mutiert, beginnt spannend. Man lernt die geladenen Gäste und das Personal kennen und beginnt bald zu rätseln, wer von den Gästen der Mörder sein könnte. Leider blieben die Charaktere aber sehr blass und ich hatte lange Schwierigkeiten diese zuzuordnen. Geholfen hat dabei die toll gestaltete Innenklappe vorne und hinten.

Trotz der im Buch bildlich dargestellten Charaktere konnte ich sie oftmals nur schwer auseinander halten und sie wirkten richtig blass. Selbst zu den beiden Hauptprotagonistinnen Addie und Mimi konnte ich keine richtige Beziehung aufbauen.

Die Chemie zwischen den beiden war nicht richtig greifbar bzw. nicht vorhanden. Manche der Gäste wurden kaum näher beschrieben oder vorgestellt, andere hatten hingegen etwas mehr Präsenz.

Nach und nach erfährt man, dass alle geladenen Gäste erpresst wurden und ihre Taten werden nach und nach aufgezeigt.

Das dunkle Geheimnis von Mimi, welches auch Addie nicht kannte, wurde etwas beiläufig erzählt. Als Addie davon erfuhr, reagierte sie auch kaum darauf, was etwas verwunderte.

Der Schreibstil war hingegen angenehm zu lesen und man flog durch die Geschichte. Leider gab es aber einige Logikfehler, Namensverwechslungen und auch Übersetzungsfehler. Wörter, wie "behumpsen" (?) oder eine jaulende Katze, haben mich jedoch bereits in den ersten Kapiteln die Stirn runzeln lassen. Das zieht sich leider durch die ganzen 400 Seiten und hat mich ziemlich gestört.

Oftmals wurden auch Begriffe aus der Spielewelt verwendet, die mir nichts sagten. Darüber kann man zwar hinweglesen, haben aber trotzdem gestört. Besser erging es mir bei den erwähnten Schauspielern oder Filmen, die genannt wurden und ich wegen meines Alters teilweise kannte. Gestört hat mich auch die häufige Nennung von Marken und der starke Alkoholkonsum.

Die vielen Anspielungen auf Agathe Christie oder ihren ermittelnden Figuren, wie Hercule Poirot, sind zwar werbewirksam, aber konnten die Qualität des Krimis nicht verbessern.

Auch die Enthüllung am Ende war enttäuschend! Als Leser konnte man zwar mitraten, aber viele Informationen, die zum Schluss als Infodumping zur Überführung des Täters führten, blieben den Leser verborgen. Ich finde nicht, dass man beim Lesen des Buches wirklich die Chance hatte, selbst auf die Hintergründe zu kommen.....ein weiterer negativer Punkt.

Fazit:
Für mich war dieser Krimi, der an Anlehnung an Agathe Christie beworben wurde, ein Enttäuschung und tut mir für die unvergessene Krimiautorin leid.
Wer gerne Cosy Crime liest, sich nicht an den unlogischen Handlungen stört oder sich durch manche Übersetzung irritiert fühlt, kann nette Lesestunden mit diesem Krimi bekommen. Allen anderen würde ich "Die Einladung: Mord nur für geladene Gäste" nicht weiter empfehlen.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Das Leid der Verschickungskinder

Am Meer ist es schön
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"Am Meer ist es schön" zeigt ungeschönt die Geschichte vieler Verschickungskinder, die zwischen den 60iger bis hinein in die 80iger Jahre, auf Erholung geschickt wurden. Hört sich an, wie Urlaub und wurde ...

"Am Meer ist es schön" zeigt ungeschönt die Geschichte vieler Verschickungskinder, die zwischen den 60iger bis hinein in die 80iger Jahre, auf Erholung geschickt wurden. Hört sich an, wie Urlaub und wurde den Eltern und Kindern auch so vermittelt. Was jedoch viele in unterschiedlichen Heimen erlebt haben, ist einfach nur grausam.
Auch die achtjährige Susanne soll zur Erholung an die Nordsee fahren. Der Hausarzt findet sie zu dünn und zu klein, außerdem lispelt sie. Den Eltern wird der sechswöchige Aufenthalt schmackhaft gemacht und sie freuen sich für ihr jüngstes Kind. Im "Haus Morgentau" erwarten Susi jedoch harte Strafen, stundenlanges Stehen auf einen Sessel und Isolierung in einem dunklen Raum. Nachts darf nicht zur Toilette gegangen und der Teller muss immer leer gegessen werden. Die "Tanten" quälen die Kinder und setzen drakonische Strafen für die kleinsten Vergehen. Die Karten und Briefe, die die Kinder nach Hause schreiben dürfen, werden kontrolliert. Die Hoffnung, dass die Eltern Susi abholen kommen, wenn es ihr nicht gefällt, schwindet von Tag von Tag.
Als sie endlich nach Hause kommt, erzählt sie den Eltern von den schlimmsten Wochen ihres Lebens, doch ihr glaubt niemand. Die Folgen dieses Aufenthalts verfestigen sich in Alpträumen bis ins Erwachsenenalter.
Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden am Sterbebett von Susannes dementer 87-jährigen Mutter. Diese lebt im Seniorenheim und hat hin und wieder lichte Phasen. Eines Tages bricht sie bei Susis Besuch in Tränen aus und entschuldigt sich bei ihr. Tochter Julie möchte wissen, was die Großmutter damit meint und so beginnt Susanne von damals zu erzählen.....

Barbara Leciejweski erzählt mit viel Empathie und zeigt auf, wie es vielen Kindern damals ergangen ist. Unfassbar, dass keinem der Kinder geglaubt wurde und erst Jahrzehnte später diese Misshandlungen aufgedeckt wurden.
Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet. Leciejewski versteht es wunderbar, die kindliche Naivität, gepaart mit der Angst nicht mehr nach Hause zu dürfen, darzustellen. Man leidet mit Susanne und ihren Freunden Matti, Moni, Rüdiger und dem kleinen Holger mit. Unvorstellbar, dass bereits fünfjährige diesen Quälereien ausgesetzt wurden.

Neben dem Thema rund um die Verschickungskinder hat die Autorin auch noch ein paar Familiengeheimnisse eingebaut. Generell ist das Thema Familie ein Großes. Durch die Erlebnisse von Susanne im "Haus Morgentau", die sie am Bett der Mutter erzählt, kommen sich nach Jahren der Entfremdung auch die Geschwister wieder etwas näher. Dadurch erhält auch der Gegenwartsstrang etwas mehr Tiefe.

Dem fiktiven Roman liegen hunderte von ähnlichen Schicksalen zugrunde. Barbara Leciejewski hat mit ihrem Buch all diesen Kindern ein Sprachrohr gegeben. Vielen Dank!

Fazit:
Ein aufwühlender und sehr lesenswerter Roman. Dem Thema rund um die Kinderverschickungen sollte viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Barbara Leciejewski hat schon mal mit "Am Meer ist es schön" einen großartigen Anfang gemacht. Sie erzählt einfühlsam und mit großer Empathie über Kinderschicksale.

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