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Veröffentlicht am 12.04.2022

Die Sprachlosigkeit der Erwachsenen

Die Molche
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Der Debütroman von Volker Widmann wirbt mit einer Empfehlung von Ewald Arenz. Sein Roman "Der große Sommer" hat mir damals sehr gut gefallen und war einer meine Lese-Highlights 2021. Bei "Die Molche" habe ...

Der Debütroman von Volker Widmann wirbt mit einer Empfehlung von Ewald Arenz. Sein Roman "Der große Sommer" hat mir damals sehr gut gefallen und war einer meine Lese-Highlights 2021. Bei "Die Molche" habe ich einen ähnlichen Coming-of-Age Roman erwartet, jedoch hab ich etwas ganz anderes bekommen.

Ein Sommer in Bayern in der Nachkriegszeit. Max und seine Familie sind Zuzügler und noch nicht in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Der Vater arbeitet in der Stadt und kommt nur am Wochenende nach Hause. Seine vier Kinder sind ihm eher Last als Freude.
Der im Klappentext angekündige Angriff auf den kleinen Bruder von Max passiert bereits auf den ersten Seiten. Man wird damit direkt in die Geschichte geworfen ohne vorher die Figuren kennenzulernen. Nach dem Tod seines kleien Bruder wird Max noch mehr zum Außenseiter und ist der gewalttätigen Schülergruppe rund um "Tschernik" ausgeliefert, die die Dorfkinder terrorisieren und auch verantwortlich für den Tod von Max Bruder sind. Während die Erwachsenen denken, dieser wäre an seinem schwachen Herzen gestorben, wissen die Kinder die Wahrheit. Max kämpft deswegen mit seiner Schuld seinem Bruder nicht geholfen zu haben. Als ein weiterer Mitschüler von der Bande drangsaliert wird, stellt sich Heinz der Tschernik Bande gegenüber und Max stellt sich dazu. Daraus entsteht eine Freundschaft zu der auch Rudi dazustößt. Die drei Jungen nehmen sich zum Ziel die Tyrannei von Tschernik und seiner Clique zu beenden. Unterstützung bekommen sie von Charlotte und Marga....

Gewalt und Sprachlosigkeit sind zwei Komponenten, die der Krieg hinterlassen hat. Die Kinder dieser Zeit sind größtenteils sich selbst überlassen. Falls der Vater aus dem Krieg heimgekehrt ist, ist er meistens gewalttätig. Diese Gewalt spielt im Roman eine große Rolle. Die Nachkriegszeit wird vom Autor sehr plastisch dargestellt.
Als Gegensatz erleben wir die Spaziergänge von Max in die Natur. Der Junge liebt seine Streifzüge durch den Wald und entdeckt eines Tages Molche, die er liebevoll studiert. Ein verlassenes Bahnhofshäuschen wird zum Treffpunkt der Freunde und mit Ellie versucht er sich an den ersten verstohlenen Fummeleien und erfährt seine erste Erfahrungen.

Der Schreibstil ist etwas eigen. Volker Widmann schreibt teilweise sehr lange Schachtelsätze, die sich über sechs bis zehn Zeilen ziehen. Oftmals verliert man dadurch den Überblick. Trotzdem sind die Naturbeschreibungen absolut gelungen und lassen die Pflanzenwelt vor meinen inneren Auge entstehen. Für einen elfjährigen Jungen, der aus seiner Sicht erzählt, sind sie jedoch viel zu erwachsen und nicht passend. Die Atmosphäre im Roman ist meistens bedrückend und melancholisch, bringt aber die damalige Zeit sehr authentisch rüber. Auch das Schweigen der Erwachsenen und den Umstand, dass die Kinder nicht damit umgehen können, ist gut wiedergeggeben.

Nicht gefallen haben mir die plötzlichen Perspektivwechsel, die nicht angekündigt sind. Auch fand ich nach den poetischen Naturbeschreibungen die plötzlichen sexuellen Handlungen von Max wie eine kalte Dusche und auch nicht angemessen für sein Alter.
Gestört hat mich auch eine Szene in der Sinti und Roma recht stereotyp dargestellt werden. Das muss nicht sein!
Gefehlt hat mir auch eine eventuelle Zeitangabe. Man hat keinerlei Informationen, ob sich der Roman über einige Wochen, Monate oder Jahre zieht. Ich tendiere eher zu Wochen oder einen Sommer lang, aber leider fehlen jegliche Informationen.
So richtig überzeugt hat mich der Roman leider nicht.

Fazit:
Ein noch etwas unausgegorener Coming-of-Age Roman über eine Kindheit in der Nachkriegszeit, die mich nicht richtig überzeugen konnte. Da es ein Erstlingswerk ist vergebe ich noch 3 Sterne. Gefallen haben mir die Naturbeschreibungen. Die Atmosphäre der damaligen Zeit hat der Autor ebenfalls sehr gut dargestellt.

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Veröffentlicht am 11.04.2022

Mord im Tennisverein

Einstand
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Als der Immobilienmakler und notorische Frauenheld Alexander Baumann nach dem wöchentlichen Doppel mit seinen Tennisfreunden nicht zum gemeinsamen Abendessen im Club erscheint, macht sich noch keiner seiner ...

Als der Immobilienmakler und notorische Frauenheld Alexander Baumann nach dem wöchentlichen Doppel mit seinen Tennisfreunden nicht zum gemeinsamen Abendessen im Club erscheint, macht sich noch keiner seiner Freunde wirklich große Sorgen. Kurze Zeit später wird er jedoch mit mehreren Schusswunden tot in der Dusche des Tennisvereins gefunden.
Inspektor Felix Brunner ermittelt im Mordfall und entdeckt sehr schnell, dass der Tote, der zwar erfolgreich im Beruf war, viele Feinde hatte, die ein Mordmotiv hätten. Er recherchiert im privaten und im beruflichen Umfeld, jedoch scheinen alle ein Alibi zu haben oder kommen nach weiteren Ermittlungen nicht als Täter in Frage. Als ein zweiter Mord geschieht macht der Staatsanwalt Druck. Brunner soll endlich einen Täter präsentieren. Doch ihm fehlt ein richtiges Motiv für die Taten und ihm wird klar, dass auch die anderen Teilnehmer des wöchentlichen Herren-Doppels gefährdet sind....

Mit ihrem neuen Ermittler Felix Brunner hat Sonja Hauer einen interessanten Charakter geschaffen, auch wenn er anfangs etwas ruppig erscheint. Privat steckt er allerdings in einer Ehekrise, denn seine Frau ist kurzfristig ausgezogen und möchte eine Beziehunspause. Viel zum Nachdenken kommt er allerdings nicht, denn der Fall lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Zahlreiche Wendungen und falsche Fährten lassen den Leser fleißig mitraten. Verdächtige gibt es zuhauf, aber was ist das wirkliche Tatmotiv?

Der Krimi lässt sich flüssig lesen und hat einige typische österreichische Ausdrucksweisen, was mir als Österreicherin natürlich keine Probleme bereitet hat. Ich mag es, wenn man Lokalkolorit auch in der Sprache findet, denn hochdeutsche Dialoge, die in Österreich spielen, finde ich unglaubwürdig.

Der Spannungsbogen steigt permanent an und lädt zum Miträtseln ein. Die Charaktere sind facettenreich und authentisch. Der durchdachte Plot ist mit zahlreichen Wendungen gespickt und endet in einem grandiosen Finale. Das Ende ist gelungen und nachvollziehbar.

Nach "Zweitbesetzung" ist dies mein zweiter Krimi von Sonja Hauer und auch dieser hat mich wieder überzeugt. Gerne würde ich noch länger mit Felix Brunner ermitteln und hoffe auf eine Fortsetzung!

Fazit:
Ein spannender und kurzweiliger Krimi mit vielen Verdächtigen und unerwartenden Wendungen, die zum Miträtseln einladen. Sonja Hauer konnte mich auch mit "Einstand" wieder überzeugen. Ich hoffe auf baldigen Nachschub und empfehle diesen österreichischen Krimi gerne weiter!

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Veröffentlicht am 06.04.2022

Währt Schuld ewig?

Es ist schon fast halb zwölf
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Zdenka Becker ist eine niederöstereichische Autorin, geboren in der Slowakei, die nicht weit entfernt von mir wohnt. Ich bin sehr froh, dass ich sie vor einigen Jahren entdeckt habe und verfolge seitdem ...

Zdenka Becker ist eine niederöstereichische Autorin, geboren in der Slowakei, die nicht weit entfernt von mir wohnt. Ich bin sehr froh, dass ich sie vor einigen Jahren entdeckt habe und verfolge seitdem ihre Autorenkarriere. Ihr neuer Roman erzählt die Geschichte eines älteren Paares mit Rückblicken in Briefform.

Hilde und ihr dementer Mann Karl leben in ihrem Haus im fiktiven Fischbach in der Nähe der niederösterreichischen Landeshauptstadt. Der Großteil ihres Lebens ist vorüber und Hilde steht vor der Entscheidung, ob sie und ihr Mann ins Seniorenheim ziehen sollen, so wie es ihre Kinder vorgeschlagen haben. Noch hat sie einen netten Zivildiener, der ihr im Garten hilft und eine Nachbarin, die ihr im Haushalt zur Hand geht. Doch Hilde spürt ihre alten Knochen und Karl lebt bereits größtenteils in der Vergangenheit. Doch bevor sie ihr Haus verlassen, muss Hilde noch die Kiste mit den Briefen, die ein Geheimnis enthalten, finden. Die Schuld, die auf ihr lastet, darf nicht an die Öffentlichkeit dringen...
Bevor das Haus verkauft wird, möchte Hilde die Briefe nochmals lesen, die ihr Karl geschrieben hat, als sie frisch verlobt waren und er in den Krieg ziehen musste....

Die Idee zu diesem Roman hatte Zdenka Becker, als sie beim Umbau ihres Hauses auf dem Dachboden alte Briefe gefunden hat. Einige davon hat sie als Vorlage genommen und darumherum eine fiktive Geschichte gewebt. Wir begleiten Hilde, die mit ihrer Schwester und deren Tochter auf dem heimatlichen Hof schwer schuften mussten, während Hilde Verlobter Karl in den Krieg zieht. Wie viele andere Frauen sind sie auf sich selbst gestellt und müssen "ihren Mann stehen".
Zu Beginn steht Karl noch hinter dem Gedanken des NS-Regimes, während Hilde eher skeptisch ist. Als er in Berlin eingesetzt wird, versuchen sie durch den Briefwechsel ein kleines Stück Nähe und Verbundenheit zu erleben. Doch Karl arbeitet als Ingenieur im Flugzeugbetrieb und darf nichts über seinen genauen Aufenthalt oder seine Arbeit schreiben. So bleiben die Briefe oft emotionslos und wirken einseitig. Zu dieser Zeit wurde auch nicht wirklich viel über Gefühle gesprochen und der Krieg hat den Menschen zusätzlich einiges abverlangt. Die Briefe sind in einfachen Worten gehalten, passend zum schulischen Abschluss von Hedi. Trotzdem konnte ich nicht wirklich die Liebe zwischen den Beiden spüren....

Zdenka Becker erzählt in ihrem neuen Roman eine Geschichte, wie sie wohl viele Menschen während des Zweiten Weltkrieges erlebt haben: Trennung, Schmerz und Verlust. Dazu kommt noch die Darstellung der Rolle der Frau zu dieser Zeit, die sich nach dem Krieg wieder wandelte. Erschreckend waren für mich so einige Parallelen zum Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Krieg in der Gegegenwart.

Der Roman ist leise und eine Form von Briefroman - aber nicht nur. Gefallen hat mir der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Dem Geheimnis in der Vergangenheit kam ich ein kleines bisschen auf die Spur, allerdings nur einem Teil davon. Die Figuren sind authentisch, blieben mit allerdings in den Briefen zu emotionslos. In der Gegenwart konnte ich Hilde viel besser greifen. Hier wird auch sehr deutlich, wie es älteren Menschen geht, denen es schwer fällt loszulassen.
Die Zeit während des Krieges wurde sehr bildhaft dargestellt. Der Unterschied zwischen Stadt und Land war eklatant. Die Gefühle von Hilde, die kurze Zeit in Berlin bei ihrem Mann lebte und sich dort nicht heimisch fühlte, war für mich spürbar. Zerrissen zwischen ihrer Schwester, die ihre Hilfe auf dem Hof benötigte und dem Wunsch endlich ihren Verlobten zu heiraten und mit ihm gemeinsam in Berlin zu leben, reiste Hilde zwischen Fischbach und Berlin hin und her und war doch nicht glücklich. Mich erinnert einiges an die Situation einer Mutter in der Gegenwart, die sich oft zwischem ihrem Job und ihren Kindern aufreibt und immer das Gefühl hat, nicht genug gegeben zu haben.
Das Ende war berührend und hat mir gut gefallen.

Fazit:
Ein leiser Roman, der einen Einblick in eine ganz normale Familie gibt, die während des Zweiten Weltkrieges zu überleben versuchte. Dass es dabei auch ein kleines kriminelles Geheimnis gibt, erweckt die Neugier des Lesers. Ein Buch, das auf leise Art nachdenklich macht.

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Veröffentlicht am 31.03.2022

Story of my Life

It’s My Life
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Bon Jovi sind seit meinen Zwanzigern aus meiner alten CD Sammlung und aus meiner Playlist nicht mehr wegzudenken. In ewiger Erinnerung wird mir der Morgen meines Hochzeitstages bleiben, an dem ich "Livin* ...

Bon Jovi sind seit meinen Zwanzigern aus meiner alten CD Sammlung und aus meiner Playlist nicht mehr wegzudenken. In ewiger Erinnerung wird mir der Morgen meines Hochzeitstages bleiben, an dem ich "Livin* on a Prayer" in Dauerschleife zur Beruhigung gespielt habe. Manche werden nun etwas irritiert schauen, aber für mich war es einfach genau das perfekte Lied. So richtig entdeckt habe ich die Gruppe nämlich nicht in den Achzigern, sondern 1993, als sie mit "Keep the Faith" auf Tour gingen und ich in Wien live dabei war. Zwei weitere Konzerte später und nun gemeinsam mit meiner Tochter, die ich mit der Musik angesteckt hatte, sind wir dann 2013 - zwanzig Jahre nach meinem ersten Livekonzert - zusammen als Fanclub Mitglieder in der Krieau in Wien dabei gewesen. Danach wurde der Sound ein etwas anderer und konnte mich nicht mehr so packen.... Fan bin ich trotzdem geblieben. Und genau deshalb habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass ich diese Biografie lesen durfte.

Pünktlich zu Jon's 60. Geburtstag am 2. März bringt uns Musikjournalist und Autor Jürgen Seibold das Leben des US-Rockstars in dieser Biografie näher. Der Autor hat bereits 1991 die erste Biografie über Jon Bon Jovi geschrieben, was mich sehr überrascht hat.
"It's my life" beginnt mit den Kinder- und Teenagerjahren und Jon's erst langsam aufkeimender Liebe zur Musik. Sein Ehrgeiz und sein Wunsch ein Rockstar zu werden, hat der Autor sehr gut dargestellt und mit einigen lustigen Anekdoten versehen. Die Musikszene in New Jersey war äußerst lebendig. Bruce Springsteen trat in der Nachbarschaft auf und war für Jon ein absolutes Vorbild.
Fasziniert habe ich über den Aufstieg der Band gelesen. Vorallem die erste Hälfte der Biografie hat mich sofort gepackt und ich bin nur so durch die Seiten geflogen. In der Mitte findet man zusätzlich einige ausgewählte Farbfotos, die die Bandgeschichte, sowie Jon's Ausflüge zum Filmset dokumentieren.
Die zweite Hälte fand ich dann etwas schwächer. Vielleicht ist es aber auch der Tatache geschuldet, dass ich die meisten Fakten bereits kenne. Verglichen zur musikalischen Biografie "Mercury in München", die explizit über die Jahre von Freddie Mercury und Queen in der bayrischen Metropole erzählen, verliert Jon's Biografie etwas an Spirit. Nicola Bardola erzählt sehr viel genauer und gibt vorallem mehr Hintergrundwissen bekannt als Jürgen Seibold in dieser Biografie. Die Fakten über Jon in den 2000er Jahren finde ich auch größtenteils auf Wikipedia. Hier hätte ich mir mehr Einblicke hinter die Kulissen gewünscht. Trotzdem hat es der Autor geschafft, mir den Menschen Jon Bongiovi noch näher zu bringen. Sein Einsatz für Bedürftige, wie auch sein Ehrgeiz, seine Liebe zur Familie und die Musik als sein Lebensmittelpunkt machen den Rockstar zu einem außergewöhnlichen Menschen.

Im Anhang befindet sich eine Diskografie der Band, sowie der Solokarriere von Jon und der Filmografie mit allen Auftritten in Film und Fernsehen von Jon Bon Jovi.
Und nun werde ich mir mal meine CD holen und Musik von Bon Jovi aufdrehen

Fazit:
Für jeden Bon Jovi Fan ist diese Biografie ein MUSS, auch wenn ich keine 5 Sterne dafür vergeben kann. Vorallem die erste Hälfte fand ich großartig, danach sackte die Biografie (für mich) etwas ab. Trotzdem gehört dieses Buch in jedes Bücherregal eines Bon Jovi Fans.

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Veröffentlicht am 30.03.2022

Biografisches Sachbuch, das unter die Haut geht

Versteckt vor aller Augen
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Bei diesem Buch von Pieter van Os handelt es sich nicht um einen Roman, sondern um ein Sachbuch bzw. eine Biografie, die der Autor mit vielen weiteren Informationen und Quellen verbunden hat. Der Einstieg ...

Bei diesem Buch von Pieter van Os handelt es sich nicht um einen Roman, sondern um ein Sachbuch bzw. eine Biografie, die der Autor mit vielen weiteren Informationen und Quellen verbunden hat. Der Einstieg fiel mir etwas schwer, da ich doch eher eine Romanbiografie erwartet hatte. Die Lektüre benötigt höchste Konzentration und Aufmerksamkeit.

Die im Klappentext beschriebene Lebensgeschichte von Mala Rivka Kizel, deren Erinnerungen Pieter van Os akribisch recherchiert hat, bildet die Kerngeschichte.
Mala wurde in einer streng jüdisch-orthodoxen Familie in Warschau geboren. Sie erinnert sich zurück an ihre Familie, das Warschauer Ghetto, ihre Flucht und weitere Lebenstationen. Diese versuchte der Autor aufzufinden, was nicht immer einfach war. Die Erinneurngen von Mala decken sich nicht immer mit den von ihr angegeben Orten und Beschreibungen. Einige schwer zu findende Dörfer befinden sich an der polnisch- ukrainischen Grenze, wie auch in der Ukraine. Ihr weiterer Lebensweg führte Mala nach Magdeburg und zur erwähnten Familie, die Hitler und seiner Ideologie nahe stand. Wie es Mala gelang dort zu landen, müsst ihr selbst lesen.
Was man aber auf jeden Fall sagen kann ist, dass Mala wirklich großes Glück hatte. Dabei half ihr sicher auch ihr äußeres Erscheinungsbild (blond und blauäugig), wie auch ihr Charme und ihre Sprachkenntnisse.

Das Buch ist vollgepackt mit Fakten und politischen Zusammenhängen rund um die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Entsetzt hat mich die Haltung der Polen gegenüber den Juden. Diese spielt eine ganz besonders große Rolle. Gleich zu Beginn wird auch Mala vermittelt, dass es Polen und Juden gibt, aber keine polnische Juden. Der Hass und die Verleumdungen der polnischen Bevölkerung gegenüber den Juden hat mich entsetzt, vorallem weil normaler Weise nur Deutsche und Österreicher als Judenhasser bekannt sind und dies noch immer in der dritten und vierten Generation zu spüren bekommen. Die Polen werden dabei nicht erwähnt.
Diesen Hass findet man aber in Polen auch noch in der Nachkriegszeit. Überlebende aus den KZs wurden von der polnischen Bevölkerung wieder vertrieben.

Der Schreibstil ist sachlich und detailliert. Der Autor schweift immer wieder ab, um genannte Figuren oder Orte zu analysieren und näher zu beschreiben. Oftmals schließt sich wieder der Kreis zu Mala oder ihrer Familie. Der Autor vermittelt neben der Geschichte um Mala viel Fachwissen rund um den jüdischen Glauben, den Widerstandskämpfern oder verschiedene Lebensweisen, wie auch ein Blick auf Israel und die Entstehung des Staates. Dies fand ich besonders interessant, weil es mir, den bis heute andauernden Kampf zwischen Israel und Plästina, näher gebracht hat.
Am Anfang des Buches befindet sich eine Karte und ein Stammbaum

Erschreckend fand ich so einige Parallelen zum momentanen Ukraine-Krieg. Hitlers Strategien und seine ungerechtfertigte Kriegserklärung an Polen ähnelt auf schrecklicher Weise der von Putin. Auch die Ziele und Aussagen haben ein vergleichbares Muster und bereiten mir Angst.


Fazit:
Dieses biografische Sachbuch ist ein Stück Zeitgeschichte, das hervorragend recherchiert wurde und mir viele neue Einblicke geboten hat, obwohl ich schon sehr viel Lektüre zum Zweuien Weltkrieg und #gegendasvergessen gelesen habe. Ich hätte mir allerdings "etwas mehr Mala" gewünscht. Trotzdem empfehle ich dieses Buch auf jeden Fall an alle Interessierten zum Thema weiter.

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