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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.10.2018

Die unglückliche Liebe zwischen einer Deutschen und einem britischen Besatzungssoldaten

Der englische Liebhaber
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Einen Namen hat sich die Autorin vor allem durch Kinder- und Jugendbücher gemacht, Unterhaltungsromane für Erwachsene folgten und jetzt dieser historische Roman, in dem sie die wahre Liebesgeschichte ihrer ...

Einen Namen hat sich die Autorin vor allem durch Kinder- und Jugendbücher gemacht, Unterhaltungsromane für Erwachsene folgten und jetzt dieser historische Roman, in dem sie die wahre Liebesgeschichte ihrer Tante verarbeitet.
Die deutsche Übersetzerin Anna und der verheiratete englische Spionageoffizier Jeremy lernen sich 1947 in Münster kennen und lieben. Zu der versprochenen Ehe kommt es nicht mehr, weil Jeremy in seine Heimat zurückgerufen wird und der Kontakt seither vollständig abbricht. Anna ist allerdings schwanger von ihm und zieht als unverheiratete und für die Deutschen verächtlich als Britenschlampe geltende Frau ihre unehelich geborene Tochter mit allen nur ersichtlichen Schwierigkeiten alleine groß. Erst ein Vierteljahrhundert später sucht sie wieder Kontakt zu dem damaligen Geliebten und die alte Liebe flammt erneut auf.
Der geschichtliche Hintergrund, in den diese Geschichte gebettet ist, gefällt mir wirklich gut. Wie Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs am Boden lag und in welchem Elend die Bevölkerung lebte, ist realistisch dargestellt. Interessant ist insbesondere der Aspekt, welche Rolle deutsche Frauen einnahmen, die sich mit „feindlichen“ Soldaten einließen. Das war mir bis dato gar nicht bewusst. Im Gegensatz dazu hat mich der unterhaltende Teil der Geschichte enttäuscht, er ist zu sehr überfrachtet mit Klischees. Am meisten habe ich mich daran gestoßen, dass eine doch gebildete junge Frau wie Anna sich naiv und urplötzlich in einen verheirateten Mann verliebt und nach Erkennen der Schwangerschaft nicht alle Hebel in Bewegung setzt, um diesen aufzuspüren. Das Tüpfelchen auf dem i ist dann gar, dass sie ihren Geliebten 25 Jahre lang nicht vergessen kann und gleich beim ersten Treffen erneut das Eheversprechen des wieder verheirateten Geliebten annimmt und dieser für die gemeinsame Tochter sofort der liebende„Daddy“ ist. Wirklich viel Handlung bietet das immerhin 358 Seiten umfassende Buch nicht auf.

Ein Buch, das man durchaus lesen kann, aber nicht muss.

Veröffentlicht am 26.09.2018

Ein zum Leben ermutigendes Buch

Ich komme mit
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Wer zu diesem Buch greift, sollte wissen, dass es sich nicht mal so eben zwischendurch lesen lässt, wozu man aufgrund seines geringen Umfangs von nur 209 Seiten vielleicht verleitet sein könnte. Denn es ...

Wer zu diesem Buch greift, sollte wissen, dass es sich nicht mal so eben zwischendurch lesen lässt, wozu man aufgrund seines geringen Umfangs von nur 209 Seiten vielleicht verleitet sein könnte. Denn es ist ein Buch, das es thematisch in sich hat – es geht um Krankheit, Tod, Alterseinsamkeit und immer wieder um die philosophische, zum Nachdenken anregende Frage, was Leben ist.

Der 20jährige Student Lazy und die verwitwete, vereinsamte Vita, Anfang 70, wohnen im selben Mehrfamilienhaus. Vita kennt Lazy schon von seiner Kindheit an und mochte ihn nie. Das ändert sich, als Lazy fast hoffnungslos an Leukämie erkrankt. Vita nimmt ihn bei sich auf. Sie freunden sich an, unternehmen eine gemeinsame Reise und beschließen den gemeinschaftlichen Freitod.

So besonders wie die Freundschaft zwischen einem jungen Mann und einer alten Frau ist, so ist auch das gesamte Buch. Die Autorin nimmt sich der ernsten Themen mit einer Art Galgenhumor an und lässt die beiden Protagonisten mit schönen Sprachspielen kommunizieren. Faszinierend ist auch das Spiel, das Lazy und Vita irgendwann aufnehmen. Sie tauschen immer wieder– philosophisch anmutende – Sätze darüber aus, was Leben für sie ist, z.B. „Leben ist Melodie erkennen im Summen des Kühlschranks“ oder „Leben ist lachen beim Kitzeln“.

Ein absolut lesenswertes Buch.

Veröffentlicht am 23.09.2018

Makabre Geschichte über fehlgeschlagene Suizidversuche

Man muss auch mal loslassen können
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Die Beschreibung des Buchs auf dem Buchrücken, in der der urkomische schwarze Humor der Geschichte in den Vordergrund gestellt wird, trifft so zwar nicht zu. Denn um eine satirische Abhandlung des ernsten ...

Die Beschreibung des Buchs auf dem Buchrücken, in der der urkomische schwarze Humor der Geschichte in den Vordergrund gestellt wird, trifft so zwar nicht zu. Denn um eine satirische Abhandlung des ernsten Themas Tod handelt es sich nicht. Eher würde ich sagen, dass auf makabre Weise über fehlgeschlagene Suizidversuche geschrieben wird. Von diesen gibt es in der Tat eine ganze Reihe, unternommen von den drei sich zufällig begegnenden Protagonistinnen Charlotte, Wilma und Jessy, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihres Lebens überdrüssig sind – Krankheit, berufliches Scheitern, Existenzangst, Liebeskummer. Sie treffen auf Ralle und Moritz, die aus einer Bierlaune heraus einen dilettantischen Raubüberfall begehen und derer sich die Frauen bedienen wollen, um ihr Ziel endlich zu erreichen.

Die Romanfiguren sind sehr unterschiedlich. Eine schöne charakterisierende Kurzbeschreibung ist auf dem Klappeninnendeckel zu finden. Nicht jede wird jedem Leser gleichermaßen gefallen. Ich für meinen Teil hatte etwa Schwierigkeiten, mit Jessy warm zu werden, deren „prollige“ Sprechweise gewöhnungsbedürftig ist. Und auch Moritz mit seinen „linken“ politischen Ansichten blieb mir eher fern. Weitaus näher standen mir da schon die bodenständigen Ralle und Wilma, die sich vor dem Aus ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlage sehen. Und dann gibt es noch die schöngeistige Charlotte. Alle Figuren vermitteln sehr schöne Lebensweisheiten und Ratschläge, über die sich wirklich nachzudenken lohnt. Daher würde ich das Buch auch nicht bloß als unterhaltende Lektüre für zwischendurch bezeichnen. Ins Buch eingearbeitete wunderbare Zitate sind noch einmal gesammelt mit Quellenangaben im Anhang zu finden, z.B. der mir am besten erinnerliche Satz „Man macht andere nur glücklich, wenn man selbst glücklich ist“. Dass die Geschichte mit einem Happy End schließt, versteht sich eigentlich von selbst.

Ein lesenswertes Buch.

Veröffentlicht am 18.09.2018

Suizid an einer Eliteuniversität

Ein Winter in Paris
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Der Lehrer und Schriftsteller Victor findet nach der Rückkehr aus dem Urlaub in seiner Post einen Brief, der ihn in seine Erinnerungen an einen Winter in Paris im Jahr 1984 eintauchen lässt. Damals studierte ...

Der Lehrer und Schriftsteller Victor findet nach der Rückkehr aus dem Urlaub in seiner Post einen Brief, der ihn in seine Erinnerungen an einen Winter in Paris im Jahr 1984 eintauchen lässt. Damals studierte er im zweiten Jahr in einer Vorbereitungsklasse einer Eliteuniversität. Aus der Provinz und aus einer unteren sozialen Schicht kommend, fristet er ein Außenseiterdasein neben seinen privilegierten Kommilitonen. Er ist ohne Freunde und sonstige soziale Kontakte und lebt ausschließlich für das Lernen, um den harten Anforderungen der Einrichtung zu genügen und im gnadenlosen Konkurrenzkampf zu bestehen. Er entschließt sich, zu seinem Geburtstag einen Kommilitonen (Mathieu) aus dem ersten Studienjahr ins Restaurant einzuladen, mit dem er neuerdings gelegentlich eine Zigarette raucht. Dazu kommt es jedoch nicht mehr, weil sich Mathieu in der Universität in den Tod stürzt, wovon Victor Zeuge wird. Dieses tragische Ereignis verändert Victors Leben. Auf einmal suchen seine Kommilitonen seinen Kontakt, ebenso wie Mathieus Vater, zu dem Victor eine seltsame Beziehung entwickelt.
Der Autor prangert in diesem Roman die unmenschlichen Bedingungen der elitären Vorbereitungsklassen an mit dem zwischen den Studenten bestehenden gnadenlosen Wettbewerb und selbstherrlichen, erniedrigenden Lehrern, die zukünftige elitäre Politiker und Journalisten heranziehen wollen. Daneben werden viele weitere Themen angesprochen: Die Beziehungen zur Familie, die Berührung mit einem anderen sozialen Milieu, der Wettbewerb an der Universität, Freundschaft. Die psychischen Befindlichkeiten von Victor und den anderen Personen seines Umfelds werden sehr schön in einer einfachen, doch wirkungsvollen Sprache beschrieben.
Ein sehr lesenswertes Buch.

Veröffentlicht am 16.09.2018

Typisch japanisch - handlungsarm, melancholisch

Zärtliche Klagen
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Die Kalligrafin Ruriko flüchtet aus Tokio in das im einsamen Wald gelegene Ferienhaus ihrer Eltern, wo sie einst glückliche Kindheitstage verlebt hat. Sie und ihre Nachbarn, der Cembalo-Bauer Nitta und ...

Die Kalligrafin Ruriko flüchtet aus Tokio in das im einsamen Wald gelegene Ferienhaus ihrer Eltern, wo sie einst glückliche Kindheitstage verlebt hat. Sie und ihre Nachbarn, der Cembalo-Bauer Nitta und seine junge Assistentin Kaoru, haben seelische Verletzungen aufzuarbeiten - Ruriko die Misshandlungen ihres untreuen Ehemannes, Nitta den Fehlschlag seiner Karriere als Pianist (er kann nicht vor Dritten spielen), Kaoru die Tötung ihres Verlobten. Ruriko verliebt sich in Nitta, kommt aber nicht gegen die tiefe Verbundenheit zwischen Nitta und Kaoru an.

Dieser Roman ist schon 1996 in Japan erschienen und ein früher Roman der Autorin. Er ist sehr handlungsarm und völlig unaufgeregt. Im Fokus stehen eher die Stimmungen der Romanfiguren, das Leben in der Stille, die Musik (Kaoru spielt immer wieder das titelgebende Stück "Les tendres plaintes" des Komponisten Rameau auf dem Cembalo; Ruriko will erreichen, dass Nitta es für sie spielt) und die Schrift (Ruriko transkripiert Auftragsarbeiten).

Für mich ein typischer japanischer, lesenswerter Roman.