Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.09.2018

Aus dem Leben einer besonderen Patientin Freuds

Ida
0

Die Autorin verarbeitet in diesem Roman ihre eigene Familiengeschichte, nämlich die ihrer Urgroßmutter und ihres Urgroßonkels. Sie ist die berühmte Patientin Ida Adler-Bauer des Psychoanalytikers Sigmund ...

Die Autorin verarbeitet in diesem Roman ihre eigene Familiengeschichte, nämlich die ihrer Urgroßmutter und ihres Urgroßonkels. Sie ist die berühmte Patientin Ida Adler-Bauer des Psychoanalytikers Sigmund Freud und er der bekannte österreichische Sozialdemokrat Otto Bauer.
Der für mich interessanteste Teil der Geschichte sind Idas Sitzungen bei Freud. Zu ihm wird sie von ihrem Vater im Jahr 1900 wegen diverser körperlicher Zipperlein zur Behandlung geschickt. Freud behandelt sie mit einer neuen Methode – sechsmal pro Woche lässt er sie auf der Couch von sich erzählen, bis Ida die Behandlung schließlich nach drei Monaten eigenmächtig abbricht. Hier gibt es schöne verbale Schlagabtausche zwischen Freud und Ida. Er interpretiert in ihre Beschwerden einen sexuellen Hintergrund, dem sie sich partout widersetzt und dem sie mit dem ihr eigenen Selbstbewusstsein entgegenhält. Überhaupt ist Ida eine starke Frau ihrer Zeit.
Sehr viel breiteren Raum nehmen dann aber doch die Schilderungen aus Idas weiterem Leben ein – ihre Jugend als Tochter eines wohlhabenden, fremd gehenden jüdischen Textilfabrikanten, ihre Ehe mit einem erfolglosen Komponisten, ihre Flucht aus Wien in die USA vor den Nationalsozialisten. Leider geht die Autorin dabei nicht chronologisch vor, sondern springt in der Zeit, was das Lesen etwas erschwert. Die schließlich auch immer wieder thematisierte aufkeimende österreichische Sozialdemokratie ist mir als aus Deutschland stammender Leserin schwer verständlich, weil mir die namentlich benannten vielen Funktionsträger nicht geläufig sind. Insofern hat mich gerade der Mittelteil des Buchs nicht fesseln können.
Amüsiert hat mich der antiquiert wirkende Sprachstil, der der Epoche des ausgehenden 19. Und des beginnenden 20. Jahrhunderts angepasst ist.

Ein lesenswerter, gut recherchierter historischer Roman.

Veröffentlicht am 30.08.2018

Schöner Südstaatenroman

Alligatoren
0

Der auf mich eher negativ wirkende Buchtitel sollte nicht von der Lektüre dieses Buches abhalten. Denn es ist wirklich ein schöner Südstaatenroman, wenngleich auch ohne die Romantik, die ähnlichen Büchern ...

Der auf mich eher negativ wirkende Buchtitel sollte nicht von der Lektüre dieses Buches abhalten. Denn es ist wirklich ein schöner Südstaatenroman, wenngleich auch ohne die Romantik, die ähnlichen Büchern oft innewohnt, und ohne die sonst typische Thematik der Unterdrückung der Farbigen zu behandeln.
Angesiedelt ist die Geschichte in den 1920er Jahren in Alabama. Die Region leidet unter den Folgen der Baumwollkäferplage, die die Wirtschaft stark beeinträchtigt hat. Drei Frauen werden in den Fokus gerückt und sie erzählen abwechselnd von ihren individuellen schweren Schicksalen. Gertrude, eine Weiße aus ärmlichen Verhältnissen, mit vier Töchtern leidet Hunger sowie unter den Misshandlungen ihres trunksüchtigen Ehemannes. Die Schwarze Retta, deren Mutter noch eine Sklavin war, arbeitet immer noch für die frühere Besitzerfamilie, die Plantageneigentümer Coles. Über den frühen Tod ihrer einzigen Tochter kommt sie bis ins Alter nicht weg. Auch Annie Coles hat den Selbstmord ihres Sohnes im Kindesalter nie verwunden und findet im Alter den Grund heraus. Die Geschichte jeder einzelnen Frau könnte auch alleine gelesen werden. Die drei treffen zusammen. Sie erweisen sich als starke, unkonventionelle Frauen, die sich gegen erlittene Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen. Der Leser nimmt teil an ihren Ängsten und Verletzungen .Der Text liest sich einfach, insbesondere weil ja Gertrude und Retta aus schlichten Verhältnissen kommen und sie Umgangssprache einfließen lassen.

Ein beeindruckender Roman.

Veröffentlicht am 26.08.2018

Das traurige Schicksal einer Jüdin

Zwischen uns ein ganzes Leben
0

Am Sterbebett gibt Jacobina ihrem jüdischen Vater das Versprechen, seine ihr bis dahin verschwiegene weitere Tochter Judith zu suchen. Diese und deren Mutter hatte er in den 30er Jahren in Paris verlassen, ...

Am Sterbebett gibt Jacobina ihrem jüdischen Vater das Versprechen, seine ihr bis dahin verschwiegene weitere Tochter Judith zu suchen. Diese und deren Mutter hatte er in den 30er Jahren in Paris verlassen, um in seine rumänische Heimat zurückzukehren. Doch erst im Jahr 2006, als Jacobina selbst alt und krank ist, besinnt sie sich ihres Versprechens und erhält Hilfe bei der Suche nach der Halbschwester von der Pariserin Béatrice, die sich ehrenamtlich um Jacobina kümmert. Deren Recherchen ergeben nach und nach, wie es Judith als Jüdin in dem von Deutschen besetzten Paris ergangen ist. Abwechselnd wird in die Zeit um 1940 in Paris zurückgeblendet, aus der Judith als Ich-Erzählerin schildert, und in die Gegenwart des Jahres 2006, in der von Béatrice Bemühungen erzählt wird sowie auch von ihrem problembelasteten Berufs- und Privatleben.

Die Autorin verarbeitet in diesem Roman einen Teil der Familiengeschichte ihres Mannes. Er ist sehr lehrreich, bringt er uns doch ein düsteres Kapitel der deutschen Geschichte während des Nationalsozialismus nahe, das manchem vielleicht gar nicht so bewusst war – auch in dem von Deutschen besetzten Frankreich gingen die Besatzer und ihre Kollaborateure erbarmungslos gegen die jüdische Bevölkerung vor. Sprachlich lässt sich der Geschichte gut folgen, und dass abwechselnd auf zwei Zeitebenen erzählt wird, macht alles umso interessanter. Die Autorin hat gut recherchiert. Ich hatte bis dato gar keine Vorstellung davon, wie viele Möglichkeiten es doch gibt, das Schicksal von deportierten und vermutlich in Konzentrationslagern umgekommenen Juden aufzuklären. Als interessanten Aspekt sehe ich es, dass die eine Protagonistin Béatrice als Pressereferentin bei der Weltbank in Washington tätig ist und auf diese Weise Kenntnisse über diese Institution vermittelt werden. Nicht ganz so überzeugend fand ich, dass es doch zu viele glückliche Fügungen und Zufälle bei der Suche nach Judith gibt. Auch das Liebesleben von Béatrice war zu dick aufgetragen.

Auf jeden Fall ein lesenswertes Buch und ein wichtiger Beitrag, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten.

Veröffentlicht am 22.08.2018

Irgendwie märchenhaft

Königskinder
0

Dieser Roman zeugt von viel Fantasie des Autors. Eigentlich sind in ihm zwei Geschichten enthalten. In der Gegenwart bleibt das Ehepaar Max und Tina im Auto hoch oben in den Schweizer Bergen im Schnee ...

Dieser Roman zeugt von viel Fantasie des Autors. Eigentlich sind in ihm zwei Geschichten enthalten. In der Gegenwart bleibt das Ehepaar Max und Tina im Auto hoch oben in den Schweizer Bergen im Schnee stecken. Um einander die Zeit bis zum Eintreffen der Schneefräse am nächsten Morgen zu vertreiben, erzählt seiner Frau die Geschichte vom armen Kuhhirten Jakob und seiner Liebsten, der Bauerstochter Marie, aus dem Greyerzerland in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts. Der Vater ist gegen die Heirat und Jakob verdingt sich zunächst beim Militär und dann als Kuhhirte bei der Schwester Ludwig des XVI auf Schloss Versailles, wohin Jakob schließlich Marie nachholen darf.
Die Geschichte von Jakob und Marie klingt erfunden und trotzdem irgendwie wahr, da Jakob ihren Wahrheitsgehalt auch immer wieder seiner Tina zu beweisen versucht. Sie ist so fantasievoll erzählt, dass es ein Vergnügen macht sie zu lesen. Das eigentlich Faszinierende ist, dass sie zeitlich in das Geschehen rund um die Französische Revolution eingebettet ist und so manch interessanter historischer Aspekt über diese eingeflochten ist, wie etwa der Aufstand der Pariser Marktweiber.
Die Geschichte betreffend Max und Tina ist ebenfalls wunderbar. Sie führen herrlich kontroverse Dialoge um Kleinigkeiten. Dennoch lässt sich aus jedem Satz herauslesen, dass es sich um ein altes Ehepaar handelt, welches einander noch immer sehr zugetan ist.
Ein tolles Buch. Schade nur, dass es relativ dünn ist.

Veröffentlicht am 09.08.2018

Neues von den Hausbesetzern

Alle für einen
0

Es handelt sich nach „Allein kann ja jeder“ und „Zusammen ist (k)ein Zuckerschlecken“ um den dritten Band rund um die atypischen, völlig inhomogenen Hausbesetzer einer alten Villa – die unkonventionelle ...

Es handelt sich nach „Allein kann ja jeder“ und „Zusammen ist (k)ein Zuckerschlecken“ um den dritten Band rund um die atypischen, völlig inhomogenen Hausbesetzer einer alten Villa – die unkonventionelle Rentnerin Rosa, ihre allein erziehende Tochter und Heftchenschreiberin Ellen mit pubertierender Tochter Kim, dem ehemaligen und deshalb gerne kommandierenden Soldaten Hans sowie dem hausfraulich bewanderten ehemaligen Betrüger Konrad. Neue und alte Herausforderungen sind zu meistern. Die Villa soll endlich von ihnen gekauft werden können, Konrad möchte den Kontakt zu seiner Tochter herstellen, Rosa organisiert eine Benefizauktion, Ellen beginnt eine Karriere als Romanautorin, Kims Freund Tarik muss von dem Verdacht eines Verbrechens befreit werden.

Es ist ein schöner Mehrgenerationenroman, der Leser aller Altersgruppen ansprechen wird. Auch wer die Vorgängerbände nicht kennt, findet gut in die Geschichte hinein, da auf frühere Geschehnisse immer wieder eingegangen wird. Gute Unterhaltung ist auf jeden Fall vorprogrammiert. Dafür sorgen schon die teilweise schrägen Romanfiguren mit ihrem individuellen persönlichen background. Auch an sich ernste Themen werden witzig aufgearbeitet. Positiv hervorzuheben ist die Liebe zum Detail. Gefallen hat mir, dass Ellen gerade den ersten Romanband als Roman verfasst. Das Ende geht für alle gut aus, wie es sich für einen Unterhaltungsroman gehört. Es lässt auf jeden Fall Raum für eine Fortsetzung.

Eine schöne, sich gut lesende Lektüre.