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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.12.2017

Ein formal sehr origineller, gesellschaftskritischer Roman

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
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Mit dem Verlust ihrer Festanstellung bei einer Zeitung hat der soziale Abstieg der Journalistin Sophie aus Lyon begonnen. Jetzt ist sie am Tiefpunkt angelangt – bezieht Sozialleistungen, hat nur noch 17,30 ...

Mit dem Verlust ihrer Festanstellung bei einer Zeitung hat der soziale Abstieg der Journalistin Sophie aus Lyon begonnen. Jetzt ist sie am Tiefpunkt angelangt – bezieht Sozialleistungen, hat nur noch 17,30 € auf dem Konto und weiß 10 Tage vor Monatsende nicht mehr, wovon sie Lebensmittel einkaufen soll. Das Allerschlimmste aber ist, nicht mehr gebraucht zu werden. Ihre ganze Misere verarbeitet Sophie zu einem Roman, dem vorliegenden.
Das Buch ist aufgrund seiner gehörigen Portion Gesellschaftskritik an dem Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit in einer Wohlstandsgesellschaft interessant zu lesen. Der Sprachwitz, mit dem das Ganze dargeboten wird, darf nicht über die so negative Folge hinwegtäuschen, dass, wer kein Geld hat, praktisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen ist. In formeller Hinsicht ist das Buch einfach nur originell. Die Autorin spielt graphisch mit Buchstaben, lässt etwa einige aus dem vorgegebenen Rahmen fallen, streut Ikons ein, fügt ein Kindermärchen oder erotische Passagen ein, streut Vorwürfe ihrer Mutter ein, eingeführt mit verballhornten Verben wie z.B. „seufzeterte meine Mutter“, häuft auf einer Seite Adjektive oder Metaphern an, macht seitenweise Aufzählungen wie z.B. über Konzerte, die sich Sophie nicht leisten kann oder über Männer, die sie nicht will.
Wer wie ich an besonderen Büchern seine Freude hat, sollte sich das vorliegende nicht entgehen lassen.

Veröffentlicht am 24.12.2017

Spannend, wenngleich manchmal episch breit

Woman in Cabin 10
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Um ihre Karriere zu befördern und Netzwerke zu knüpfen, nimmt die Reisejournalistin Lo an der Jungfernfahrt eines kleinen Luxuskreuzfahrtschiffes mit Kurs auf die norwegischen Fjorde teil. Am ersten Abend ...

Um ihre Karriere zu befördern und Netzwerke zu knüpfen, nimmt die Reisejournalistin Lo an der Jungfernfahrt eines kleinen Luxuskreuzfahrtschiffes mit Kurs auf die norwegischen Fjorde teil. Am ersten Abend borgt sie sich von einer mysteriösen Frau in der Nachbarkabine Schminke. Später in der Nacht hört sie von dort einen Schrei und das Geräusch eines Körpers, wie er ins Wasser geworfen wird. Auf der Reling vor der Nachbarkabine findet sie Blutspuren. Allerdings ist die Kabine unbelegt und jetzt komplett leer und passt die Beschreibung der Frau zu keiner anderen an Bord befindlichen Person. Lo glaubt im Gegensatz zu den anderen an einen Mord. Bildet sie in sich vielleicht wirklich nur ein? Immerhin hat sie viel Alkohol getrunken, nimmt seit Jahren Antidepressiva gegen Angstattacken und hat noch schwache Nerven wegen eines erst kürzlich stattgefundenen Einbruchs in ihre Wohnung.
Die Geschichte hat in ihrer modernen Version Ähnlichkeit mit einem klassischen Agatha Christie-Krimi. Auch vorliegend wird hinreichend Gelegenheit gegeben zum Spekulieren und Miträtseln. Wer der Beteiligten kann einen Mord begangen haben, wer hat ein Motiv, wer hat ein Alibi? Und immer wieder fragt man sich, ob tatsächlich alles so ist, wie es scheint. Interessant ist, dass der Leser durch eingestreute Emails von Los Freunden und Zeitungsartikel ein Mehr an Wissen zu einem Zeitpunkt erhält, als künftige Entwicklungen noch nicht bekannt sind. Etwas gestoßen habe ich mich indes daran, dass immer und immer wieder Los kreisende Gedanken um ihre Panikattacken, ihre Klaustrophobie und ihren exzessiven Alkoholgenuss in den Fokus gerückt werden. Verwirrend sind auch die vielen Romanfiguren, von denen ich einige nur schwer auseinanderhalten konnte. Hilfreich wäre vielleicht eine vorangestellte Passagier-/Besatzungsliste gewesen.
Ein durchaus lesenswerter und spannender Psychothriller, der aber mit den im Klappentext in Bezug genommenen Büchern von Agatha Christie oder dem „The girl on the train“ nicht mitkommt und von mir mit vier Sternen tendierend zu eher 3,5 bewertet wird.

Veröffentlicht am 15.12.2017

Über einen amerikanischen Traum

Rocket Boys. Roman einer Jugend.
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Eine Autobiografie, die jeden, ob jung oder alt, männlich oder weiblich, physikbegeistert oder nicht, faszinieren wird und, um es mit Elke Heidenreichs Worten auf dem Cover zu sagen, die Lesefreude in ...

Eine Autobiografie, die jeden, ob jung oder alt, männlich oder weiblich, physikbegeistert oder nicht, faszinieren wird und, um es mit Elke Heidenreichs Worten auf dem Cover zu sagen, die Lesefreude in den Himmel schießt.
Der Autor und Ich-Erzähler Homer (genannt Sonny) wächst in der Bergarbeiterstadt Coal Wood/West Virginia auf. Sein Vater ist Zechenleiter und Bergmann durch und durch, seine Mutter hasst den Bergbau. Sonny ist 14 Jahre alt, als die Russen 1957 den ersten Weltraumsatelliten Sputnik über die Stadt fliegen lassen, was sein ganzes künftiges Leben bestimmen wird. Orientiert an dem ihm zum Vorbild werdenden Raketeningenieur Wernher von Braun setzt Sonny seinen ganzen Ehrgeiz ein, um in Theorie und Praxis zu lernen, wie er und einige Freunde, die einen Raketenclub gründen, eine Rakete bauen können. Während seine Mutter ihn anspornt, damit er seinem Vater, der auch die Zukunft seines Sohnes auf der Zeche sieht, beweist, dass er jenseits des Bergbaus etwas kann, hat sein Vater kein Interesse oder gar Lob für ihn übrig. Während die erste selbst gebaute Rakete noch den Gartenzaun der Familie Hickam in die Luft sprengt, perfektionieren die Jungs nach und nach ihre Raketen, bis ihre 31. nach drei Jahren schließlich einige tausend Meter hoch fliegt.
Die Geschichte gibt einige Jugendjahre des Autors wider. Es ist aber nicht nur seine Geschichte, und es geht auch nicht nur um Raketen. Es geht um mannigfaltige Beziehungen – die zu Freunden, zu Lehrern, zu Brüdern, Eltern, Nachbarn. Auch die vom Niedergang betroffene Bergarbeiterstadt nimmt eine wichtige Rolle ein. So viel Interessantes über den amerikanischen Steinkohleabbau ist zu erfahren. Die Romanfiguren sind recht vielschichtig – die ehrgeizigen Raketenjungen, harte Footballspieler, Familien mit Problemen, profitorientierte Bergwerksgesellschafter, ganz gewöhnliche Bürger. Über Sonnys Raketenbau finden sie zusammen. Beeindruckt hat mich am meisten, wie sich die Jungs zu einer Zeit, als „googeln“ noch nicht möglich war, alles notwendige technische Wissen selbst beigebracht und sie es mit einfachen Mitteln in die Tat umgesetzt haben. Der Epilog gibt einen kurzen, schönen Ausblick auf Homers weitere Lebensjahrzehnte. Mein Fazit des Buches ist, dass sich für Jugendliche mit Ehrgeiz, harter Arbeit und Träumen ein Leben jenseits der an sich für sie vorgesehenen Pfade verwirklichen lässt.

Veröffentlicht am 09.12.2017

Angelehnt an wahre Begebenheiten

Eine von uns
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Der Debütroman der Autorin ist angesiedelt in einem kleinen englischen Dorf im Jahr 1984. Die Häuser der Dorfbewohner werden von einem Unbekannten heimgesucht, den sie den „Fox“ nennen. Es gibt Schmutzspuren, ...

Der Debütroman der Autorin ist angesiedelt in einem kleinen englischen Dorf im Jahr 1984. Die Häuser der Dorfbewohner werden von einem Unbekannten heimgesucht, den sie den „Fox“ nennen. Es gibt Schmutzspuren, kleine Dinge verschwinden, andere tauchen auf – kein großer Schaden, bis eine von ihnen verschwindet. Alle vermuten, dass die junge, beliebte, religiöse Anna vom Fox entführt wurde und machen sich auf ihre Suche. Schließlich misstraut jeder jedem.
Die Autorin hat sich bei diesem Roman von echten Ereignissen in den 80ern inspirieren lassen. Erzählen lässt sie die Geschichte von vier Dorfbewohnern, die Anna kannten – der jung verheirateten unglücklichen Ehefrau Deloris, dem Dorfpolizisten mit eigenen familiären Sorgen, dem Seelsorger Jim mit einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit und dem Supermarktangestellten Stan, der im Geheimen mit seiner eigenen Person kämpft. Nach und nach kommt zutage, dass es um die Dorfidylle nicht gut bestellt ist. Die Bewohner kennen sich eigentlich nicht wirklich. Jeder ist anders, als es zunächst scheint. Richtig gepackt hat mich das Buch leider nicht, obwohl ich die Leseprobe vielversprechend fand. Vieles erscheint mir zu umständlich erzählt und neue Abschnitte sind übergangslos aneinandergereiht. Ein wichtiger Hinweis an Leseinteressenten. Um einen typischen Krimi, wie es in der verlagsseitigen Buchvorstellung heißt, handelt es sich eher nicht. Von Interesse dürfte es eher sein für Leser, die Geschichten über verschiedenartige Charaktere mögen.

Veröffentlicht am 03.12.2017

Viele typische irische Elemente

Der Freund der Toten
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Der 26jährige Mahony – aufgewachsen in einem Waisenhaus – begibt sich in ein kleines irisches Dorf, wo er das Schicksal seiner ledigen, jungen Mutter im Jahr 1956 aufklären will. Mahony hat eine ungewöhnliche ...

Der 26jährige Mahony – aufgewachsen in einem Waisenhaus – begibt sich in ein kleines irisches Dorf, wo er das Schicksal seiner ledigen, jungen Mutter im Jahr 1956 aufklären will. Mahony hat eine ungewöhnliche Gabe – genau wie seine Mutter vor ihm kann er Tote sehen. Diese besondere Fähigkeit wird ihm von Nutzen sein. Die meisten Dorfbewohner begegnen ihm feindselig und verschweigen ihm, was sie wirklich wissen. Für sie war seine Mutter die Schande des Dorfes. Einige meinen, seine Mutter mit Koffer und Baby das Dorf verlassen gesehen zu haben, andere meinen, sie sei gewaltsam getötet worden. Mit Hilfe einer alternden Schauspielerin will er die Wahrheit herausfinden.
Das Buch lässt mich etwas zwiegespalten zurück. Der Teil der Geschichte, in der es um die detektivische Aufklärung des Schicksals von Mahonys Mutter geht, hat mir gut gefallen. Demgegenüber konnte ich mit den übernatürlichen Elementen nichts anfangen. Zudem gibt es zu viele, zudem skurrile Romanfiguren, die ich irgendwann nicht mehr einordnen konnte. Schließlich wird auch zu viel von der Aufklärung des Falles abgeschweift und auf unbedeutende Zwischenszenen eingegangen.