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Veröffentlicht am 17.09.2020

Wieder neu

Geschichten mit Marianne
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Sie sind ein Paar in immer wieder neuen Situationen, er und Marianne. Sie sind alt, sie sind jung. Sie reisen, getrennt oder zusammen. Sie fahren mit dem Auto, er führt kleine Aufträge für sie aus. Sie ...

Sie sind ein Paar in immer wieder neuen Situationen, er und Marianne. Sie sind alt, sie sind jung. Sie reisen, getrennt oder zusammen. Sie fahren mit dem Auto, er führt kleine Aufträge für sie aus. Sie gehen in einen Swinger-Club. Oder sie sind vom Glück gesegnet auf einem Flohmarkt. Die Ausgangssituationen sind harmlos und sie könnten fast in jedem Leben stattfinden. Doch dann bekommen die Situationen eine Wendung, die wenigstens überraschend und mitunter skurril erscheint. Sie führen ein bewegtes Leben, das hin und wieder aus parallelen Universen kommen mag.

Das Wort Geschichten im Titel dieses Buches ist durchaus so gemeint, denn er und Marianne erleben nicht direkt ein gemeinsames Leben, sondern eher gemeinsame Geschichten, die so ausgehen können, dass es eigentlich nicht weitergehen kann. Doch immer wieder beginnt es von Neuen. Marianne und er geraten in ungewöhnliche, witzige oder auch aussichtslos Situationen. Sie können eigentlich nur der Phantasie wohl eher von ihm entsprungen sein. Die Erzählungen wirken so normal und doch so ungewöhnlich. Ist es das Leben, wie so normal wie es ist oder eher so aufregend, wie man es sich wünschen würde.

Marianne und er in Geschichten. Der Anfang dieses Buches ist in seinem Aberwitz beinahe genial. Im Weiteren wird schnell klar, dass es sich bei den Geschichten eben um kurze Erzählungen über ihn und Marianne handelt, denen die Brücke eines Zusammenhangs fehlt. So erwecken die kurzen Beschreibungen eher einer Sammlung aus Eindrücken, wie es zwischen ihm und Marianne sein könnte oder gewesen sein könnte. So darf man manchmal schmunzeln und manchmal fährt einem der Schreck in die Glieder. Man könnte auch an Traum- oder Albtraumsequenzen denken. Jedenfalls ist man wieder und wieder überrascht und fliegt nur so durch die Seiten.

Eine Geschichtensammlung, die mit ihrer Vielfältigkeit punktet und in ihrer Skurrilität oft überrascht.

Veröffentlicht am 15.09.2020

Arctic Henge

Kalmann
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In der nähe des Arctic Henge bei Raufarhöfn auf Island findet der fast 34jährige Kalmann eine Blutlache. Eigentlich will er das nicht an die große Glocke hängen, aber irgendwie rutscht es ihm doch raus. ...

In der nähe des Arctic Henge bei Raufarhöfn auf Island findet der fast 34jährige Kalmann eine Blutlache. Eigentlich will er das nicht an die große Glocke hängen, aber irgendwie rutscht es ihm doch raus. Das führt zu heller Aufregung im Dorf, denn kurz zuvor wurde Róbert McKenzie zuletzt gesehen. Handelt es sich bei der Blutlache um eine Spur? Der etwas zurückgebliebene Kalmann ist in heller Aufregung. Es sind viele Fremde im Ort, Polizei und Rettungskräfte. Auch Kalmann soll sich an der Suche beteiligen. Wie sehr fehlt im sein geliebter inzwischen im Seniorenheim lebender Großvater, der mit seiner Ruhe immer einen Zugang zu Kalmann fand.

Kalmann, der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn, ist eine spezielle Persönlichkeit. Zwar hat er mit einigen Einschränkungen zu kämpfen, aber er ist sehr naturverbunden und vor allem ist er nach seinem Großvater, der ihm so viel beigebracht hat, einer der letzten Grönlandhaifischer. Kalmanns Gammelhai ist der Beste Islands nach dem des Opas. Das Verschwinden des Dorfvorstehers ist schon eine seltsame Geschichte. Nach Meinung Kalmanns könnte Róbert auch von einem Eisbären verschleppt worden sein. Das will ihm aber keiner so recht glauben, auch nicht die Polizistin Birna, der er Rede und Antwort stehen muss.

Dieser Roman hat auch etwas von einem Krimi, zumindest würde das Blut und die vermisste Person dafür sprechen. Mit Kalmann gibt er Autor eine liebenswerte Beschreibung eines nach Aussage der Mutter bei der Geburt geschädigten etwas einfältigen jungen Mannes. In der Stadt würde Kalmann vielleicht untergehen, doch im Dorf unter den Fittichen seines Großvaters hat er seinen Platz gefunden. Dumm ist Kalmann nicht, er weiß viel über die Natur und er ist in der Lage den Gammelhai herzustellen. Seine Sicht auf die Dinge ist ein wenig anders manchmal, aber auch sehr geradlinig und unverstellt. Kalmann führt den Leser mit seiner besonderen Art in eine leicht andere Welt ein, von der man mit Staunen erfährt. Aber auch einiges an Hochachtung gewinnt man vor Kalmann, der leicht unterschätzt werden kann. Da wird eine Lanze gebrochen für Menschen, die es schwer haben. Ein spannender Roman mit Krimielementen und einem zauberhaften Helden.

Veröffentlicht am 14.09.2020

Ohne Moral

Nacht über dem Bayou
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Detective Dave Robicheaux wird beauftragt, sich einen alten Fall anzuschauen. Ein schwarzer Bürgerrechtlicher wurde vor langen Jahren umgebracht und der mutmaßliche Mörfer Aaron Crown verurteilt. Dieser ...

Detective Dave Robicheaux wird beauftragt, sich einen alten Fall anzuschauen. Ein schwarzer Bürgerrechtlicher wurde vor langen Jahren umgebracht und der mutmaßliche Mörfer Aaron Crown verurteilt. Dieser behauptet nun, er sei es nicht gewesen. Obwohl es kaum Hoffnung für eine Wiederaufrollung des Falles gibt, geht Dave einigen Hinweisen nach. Seltsam kommt ihm allerdings vor, dass sich der künftige Gouverneur Burford LaRose für die Sache interessiert. Und nicht lange danach wird ein Filmreporter tot aufgefunden. Irgendetwas geht da nicht mit rechten Dingen zu und Robicheaux wird herausfinden, wie die Dinge zusammenhängen.

Man könnte meinen, in New Iberia, wo Dave Robicheaux bei der Polizei tätig ist, habe sich sämtlicher white Trash aus ganz Louisiana versammelt. Und Dave bekommt im Laufe seiner Ermittlungen vermeintlich mit jedem davon zu tun. Und diese Leute haben keine Hemmungen, ihren Mitmenschen ganz absonderliche Dinge anzutun. Oder ihr Verhalten ist meist hinterhältig und gemein. Man kann Daves Wunsch, als Privatdetektiv in einer Nachbarstadt zu arbeiten, gut verstehen. Die Frage ist nur, ob es dort besser ist. Möglicherweise kennt er dort die Menschen nicht so gut. Aber ist nicht gerade das auch hilfreich bei den Ermittlungen? Wenn man sich gut auskennt, kann man die Menschen auch besser einschätzen.

Dieser Band ist der neunte Band in einer Reihe von bisher 23 Büchern. Zum einen sind die Bücher des Autors immer irgendwie gut, zum anderen allerdings wirkt es doch etwas aus dem Zusammenhang gerissen, wenn man einfach einen Band herausgreift. Auch führt der Autor immer wieder Personen ein, deren Namen einen Südstaaten-Klang haben und die sich damit so ähneln, dass man überlegt, wer war das nochmal. Der Bodensatz der Menschlichen Art, der sich hier trifft, sucht schon seinesgleichen. Dennoch ist das Buch spannend und auch, wenn man meint, gewisse Leute fallen immer auf die Füße, so gibt es doch eine ausgleichende Gerechtigkeit. Und Dave Robicheaux und seine Familie freuen sich auf Weihnachten.

Veröffentlicht am 13.09.2020

Zweifaltigkeit

Triceratops
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Die Verhältnisse im Elternhaus des Jungen sind schwierig. Der Vater hat für alles einen Bibelspruch zur Hand. Die Mutter ist häufiger wegen psychischer Probleme in der Klinik. Dann muss der Junge, dessen ...

Die Verhältnisse im Elternhaus des Jungen sind schwierig. Der Vater hat für alles einen Bibelspruch zur Hand. Die Mutter ist häufiger wegen psychischer Probleme in der Klinik. Dann muss der Junge, dessen Schwester noch nicht alt genug ist, um auf ihn aufzupassen, zur Tante oder zur Oma Aschenbach. Bei der Oma auf dem kleinen Bauernhof fühlt er sich wohl, denn die Oma kümmert sich um ihn, während er sich daheim des Öfteren um die Mutter kümmern muss. Eigentlich würde der Junge lieber malen und einfach nur Kind sein.

Es wundert einen nicht, dass der Junge von seiner Kindheit überfordert ist. Genau genommen hat er keine richtige Kindheit. So richtig auszudrücken wagt er es nicht, allerdings hat er schwerwiegende Hautprobleme, die der ärztlichen Behandlung bedürfen. Wenn man sich mit psychischen Erkrankungen nicht auskennt, könnte man auf die Idee kommen, die Eltern sollten sich besser um ihre Kinder kümmern, anstatt um sich selbst zu rotieren. Wahrscheinlich jedoch ist deren Wahlmöglichkeit eingeschränkt und wie eigentlich alle Eltern geben sie ihr Bestes, um den Kindern den Weg ins Erwachsenenleben zu ebnen. Es will ihnen nur nicht so recht gelingen. Der Vater flüchtet in die Bibel und wohl auch in den Alkohol, die Mutter flüchtet ins Krankenhaus. Die Oma scheint als Einzige relativ normal, auch wenn drei ihrer sechs Kinder früh gestorben sind und sie manchmal etwas viel vom Krieg redet.

Puh, so eine Familie möchte man nicht geschenkt. Man ist zum einen froh, dass es sich hoffentlich nur um einen Roman handelt und zum anderen ist man froh, dass es bei durchaus vorhandenen Schwierigkeiten in der eigenen Familie mehr Fröhlichkeit zu verteilen gab. In seiner Schwere hat der Roman durchaus einen Nachhall und die fehlende Gefälligkeit muss kein Nachteil sein. Die szenischen Beschreibungen entwerfen Bilder im Kopf. Doch manchmal fragt man sich, ob es der Tragödien nicht zu viele sind für ein kleines Leben. Immerhin der Junge ist stark und er steht seine Kindheit durch. Man fragt sich, ob man seine Stärke hätte oder ob man lieber auswandern würde.

Veröffentlicht am 12.09.2020

Der Dachboden

Herzfaden
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Im Haus der Augsburger Puppenkiste tritt ein 12jähriges Mädchen neugierig durch ein geheime Tür. Sie landet auf einem dunklen Dachboden und findet den Weg zurück nicht. Doch plötzlich hört sie Geräusche ...

Im Haus der Augsburger Puppenkiste tritt ein 12jähriges Mädchen neugierig durch ein geheime Tür. Sie landet auf einem dunklen Dachboden und findet den Weg zurück nicht. Doch plötzlich hört sie Geräusche und überrascht trifft sie auf Marionetten und sie selbst ist auf einmal so groß wie Urmel, Jim Knopf, Prinzessin Li Si und wie sie alle heißen. Ihre Geschichte und die des Theaters wird erzählt von Hatü, der Tochter des Gründers. Das Mädchen erfährt vom zweiten Weltkrieg und von Walter Oehmichen, der aus der Kriegsgefangenschaft mit der Idee des Puppentheaters heimkehrt.

Die Nazizeit und der Krieg haben Spuren hinterlassen, bei Walter Oehmichen, aber auch bei seiner Frau und den beiden Töchtern. Die Menschen brauchen etwas, das ihre kindliche Seele erreicht. Der Krieg und die Nazi-Gräuel können nicht ungeschehen gemacht werden und sie dürfen nicht vergessen werden. Doch vielleicht können die Menschen etwas wie Kultur wiederfinden. Hier möchte Oehmichen ein Angebot machen, zunächst um die Kinder zu erreichen. Doch bald gibt es auch Inszenierungen für Erwachsene. Seine Tochter Hannelore, die Hatü genannt wird, ist schon früh dabei. Noch als Jugendliche schnitzt sie ihre erste Marionette, einen Kasperl, der sie irgendwie ängstigt, so dass der Vater ihm freundlichere Züge geben will.

In der Nachkriegszeit als alles darniederlag, war es eine ungewöhnliche Idee, ein Marionetten-Theater zu gründen. Doch vielleicht brauchten die Menschen einfach etwas Positives und durch den Mund der Puppen kann man manchmal mehr sagen als man es als Mensch wagen würde. Die Zeiten waren schwer, aber mit den Jahren machte sich auch eine Aufbruchstimmung breit. Hatü erzählt von einer Zeit, wie sie das Mädchen nie erlebte. Die Entbehrungen, aber auch der Mut des Neubeginns. Die Geschichte der Puppen und einiger großartiger Inszenierungen, die die Augsburger Puppenkiste weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Aber auch die Geschichte des Kasperls, die die damalige Zeit so deutlich widerspiegelt. Man glaubt, beinahe selbst auf diesem fensterlosen Dachboden zu sitzen und Hatü zu lauschen. Man fühlt sich ein wenig am eigenen Herzfaden gezupft und ist froh, dass man sich von den Ereignissen auf diesem Dachboden berühren lassen durfte.