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Veröffentlicht am 30.08.2025

Nur eine Stunde

Der Vater eines Mörders
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Der vierzehnjährige Schüler Franz Kien hat im Mai 1928 nicht viel Lust auf den Unterricht. Warum weiß er nicht so genau. Wahrscheinlich könnte er, wenn er wollte. Er weiß allerdings nicht, was er will. ...

Der vierzehnjährige Schüler Franz Kien hat im Mai 1928 nicht viel Lust auf den Unterricht. Warum weiß er nicht so genau. Wahrscheinlich könnte er, wenn er wollte. Er weiß allerdings nicht, was er will. Schriftsteller werden will er, das weiß er dann doch. Als der Schuldirektor Himmler eine Griechischstunde inspiziert, betrifft das Franz erst nicht sehr. Der Rektor scheint das häufiger zu machen. Zuerst nimmt er sich den Lehrer vor, der vornehmlich um seine Stelle besorgt scheint. Irgendwann kommt einer der besten Schüler dran, der es sich leisten kann Widerworte zu geben. Meint er. Als Franz meint, der Kelch ist so eben an ihm vorbeigegangen, muss er sein Nichtwissen doch noch zeigen.

Der Schriftsteller Alfred Andersch kehrt in die Zeit seiner Jugend zurück. Sein alter ego Franz Kien erlebt eine Unterrichtsstunde, die wohl kein Schüler so erleben möchte. Er meint zu verstehen, wieso Jung-Himmler sich mit Alt-Himmler überworfen hat. Aber ist aus Jung-Himmler deshalb ein Vernichter vieler Menschen geworden? Franz Kien bekommt jedenfalls mit, wie der Rektor einen Schüler von der Schule verbannt, wie er sich aufführt, wie ein Herrscher über sein kleines Schulreich. Als Kien dann selbst noch drankommt, von Himmler bloßgestellt, ist er fast schon froh, von der Schule zu fliegen. Nur um seinen Vater sorgt er sich.

Man empfindet schon Beklemmungen, wenn man sich diesen Unterricht vorstellt, wenn man sich diesen Rektor vorstellt. Natürlich weiß man heute, was aus Jung-Himmler wurde. Das führt schon irgendwie zu der Frage, wenn der Vater menschen- oder schülerfreundlicher gewesen wäre, ob dann aus seinem Sohn etwas anderes geworden wäre. Dieser Schuldirektor löst Widerwillen aus. Er nutzt seine Machtposition perfide aus. Er scheint nicht zum Wohle der Schüler tätig zu sein, sondern eher, um seine eigenen wie auch immer gearteten Bedürfnisse zu befriedigen und Menschen gegeneinander auszuspielen. Keine angenehme Lektüre, aber eine, die sehr nachdenklich stimmt.

Veröffentlicht am 29.08.2025

Herz an Herz

Im Herzen der Katze
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Entsetzt liest Jina vom Tod der jungen Jina Mahsa Amiri, die in Teheran ermordet wurde. Die Verstorbene trug den selben Namen wie Jina, die immer dachte, ihr Name sei einzigartig. Sofort ruft Jina ihre ...

Entsetzt liest Jina vom Tod der jungen Jina Mahsa Amiri, die in Teheran ermordet wurde. Die Verstorbene trug den selben Namen wie Jina, die immer dachte, ihr Name sei einzigartig. Sofort ruft Jina ihre Mutter an und berichtet von den Ereignissen. Amiris Tod löst einen Aufruhr der Frauen im Iran aus. Und Jina, die in Deutschland aufgewachsen inzwischen in Südfrankreich lebt, erinnert sich an ihre Reisen in das Land, das ihr Vater verlassen hatte. Dort haben die Tanten ihr von der Familie erzählt und ihr warmherzige Gastfreundschaft zuteil werden lassen, dort hat sie mit ihrer Schwester eine Reise durch das Land unternommen, dort ist sie selbst in die Proteste geraten.

Die Erzählerin Jina erzählt von ihrem Land, das sie eigentlich nicht so gut kannte, in dem sie sich gleichzeitig fremd und heimisch fühlte. Ihre Verwandten empfangen sie mit offenen Armen und offenen Herzen. Die Offenheit findet allerdings hinter verschlossenen Türen statt, innerhalb der Familie kann man sich vertrauen. Draußen wird das Leben besonders der Frauen durch den Staat in eines der Einschränkungen und Verborte verwandelt wird. Jederzeit kann man denunziert oder gleich verhaftet werden. Und nur unter Vertrauten kann man sich ehrlich austauschen. Doch es gab auch mal einen anderen Iran, der nicht vergessen ist.

Mal ein Experiment das Hörbuch im gleichen Zeitraum zu hören, wie man das Buch liest. Von Pegah Feridony sehr lebendig vorgetragen, verschafft einem die Leserin einen authentischen Einblick von der Lebhaftigkeit der Menschen, der Fülle der Sprache und auch deren Klangfärbung. Im Buch dagegen bekommt man eben auch mit, was häufig im Hörbuch fehlt, die Schreibweise der Namen. Die Sätze in Farsi sind in Lautschrift dargestellt, was im Zusammenklang mit dem Gehörten einen guten Eindruck verschafft. Gut ist das geschriebene Wort auch, wenn man vergleichen oder nochmal zurückblättern möchte, auch kann man sein eigenes Tempo wählen und sich auch ein wenig abschotten, wenn die Schilderungen die Tragik der Frauen sehr deutlich beschreiben. Eindringlicher sind die gesprochenen Worte. Und doch war es eine sehr gute Idee, das Experiment zu wagen.

Dieser Debütroman beeindruckt mit seinen deutlichen Worten, die Unterschiede verstehen lassen, Mitgefühl erregen, mit ein wenig Sehnsucht auf die Herzenswärme blicken blicken lassen, die hier mitunter nicht so deutlich aus den Gesichtern strahlt und die doch klarmachen, dass man sich selbst in einem weitgehend freien wenn auch kühlerem Land wohler fühlt und dass man die Freiheit jeden Tag schätzen sollte, an dem man sie hat. Es wäre zu wünschen, dass sich die Träume der Frauen im Iran erfüllen.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Das Boot

Nachtschein
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Rubens Freundin Iva ist verschwunden, nachdem sie sich zum letzten Mal am See getroffen haben. In Verdacht gerät Ruben, weil er mit auf dem Boot war bevor es nach einem Brand gesunken ist. Rosa Zambrano ...

Rubens Freundin Iva ist verschwunden, nachdem sie sich zum letzten Mal am See getroffen haben. In Verdacht gerät Ruben, weil er mit auf dem Boot war bevor es nach einem Brand gesunken ist. Rosa Zambrano von der Seepolizei und ihre Kollegen ermitteln in der Sache. Dabei ist erstmal wenig klar, weder wieso es gebrannt hat noch um wen es sich bei der Toten handelt. Besonders schwer fällt es Rosa Ivas Mutter darauf vorzubereiten, dass es sich bei der Toten möglicherweise um ihre Tochter handelt. Man hofft ja immer, das Schlimmste könnte abgewendet werden. Leider gibt es für Ivas Mutter diesen Ausweg nicht.

Dies ist der zweite Band einer Reihe um die Seepolizei Zürich. Rosa Zambrano ist so eine Art Streifenpolizistin auf dem Wasser. Eigentlich soll sie ihre Kompetenzen anders nutzen, aber sie ist sehr gewieft und sie kann sich in die Fälle hineindenken. Dadurch werden auch andere Stellen auf sie aufmerksam. Rosa bekommt ein Jobangebot, dass sie verlockend findet. Es würde auch ihren privaten Plänen entgegenkommen. Mit ihrem Ex-Freund Leo hat sie nicht mehr gerechnet und doch ist er wieder aufgetaucht.

Wenn man den Titel im Regal sieht, denkt man, oh Zurich, das gibt es nicht so häufig. Das entführt einen an einen unbekannten Ort, der aber erreichbar ist. Per Bahn mit Umsteigen an der Grenze. Allerdings kann es passieren, dass einen dieser Krimi nicht so hundertprozentig packt. Der Streß im Privatleben erscheint zwar durchaus verständlich, manchmal jedoch auch ein wenig übertrieben. Der Fall erscheint sehr verschlungen. Wenn es manchmal nicht so recht vorangeht, wird die Zeit mit einem Sprung überbrückt. Wenn das doch im wahren Leben auch hin und wieder geben würde. Im Krimi könnte es wie ein Bruch wirken, je nach dem wie lang die Lücke ist. Die Lösung kommt dann fast wie von selbst und man ahnt es schon. Es kann sein, dass man sich etwas mehr versprochen hat, dennoch war dieser Kriminalroman ein unterhaltsamer Zeitvertreib.

Veröffentlicht am 21.08.2025

Partnerinnen

Tote schweigen nie
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Cassie Raven arbeitet als Sektionsassistentin in London. Sie ist ein Ass in ihrem Beruf und manchmal meint sie, die Toten sprächen zu ihr. Allerdings meint man das nicht unbedingt, wenn man sie in ihrer ...

Cassie Raven arbeitet als Sektionsassistentin in London. Sie ist ein Ass in ihrem Beruf und manchmal meint sie, die Toten sprächen zu ihr. Allerdings meint man das nicht unbedingt, wenn man sie in ihrer Gothic Aufmachung sieht. Sie hat eine professionelle Distanz zu ihren Kunden entwickelt und ist trotzdem zugewandt. Jedoch als eines Tages ihre Lieblingslehrerin vor ihr liegt, kann sie es kaum fassen. So ein dummer Unfall, wie kann das sein. Cassie hat das Gefühl, dass ihre Mrs. Edwards ihr noch etwas sagen will. Sie beginnt, obwohl sie dazu.nicht befugt, Nachforschungen anzustellen. Dabei trifft sie mit der Polizistin Phylida Fliyte zusammen.

Cassie Raven und Philida Flyte sind in diesem ersten Band der Reihe ein eher ungleiches Paar. DS Flyte eher unterkühlt lässt sich normalerweise nicht in die Karten schauen. Cassie Raven mit ihrem ungewöhnlichen Aussehen und ihrer ungewöhnlichen Denkweise hatte schon mal Kontakt zur Polizei und sie möchte den keinesfalls wiederholen. Und so fällt es Cassie zu Beginn schwer DS Flyte überhaupt dazuzubringen, den Todesfall ihrer Lehrerin zu untersuchen. Erst als Cassie akribische Untersuchungen zu einem unerwarteten Ergebnis führen, beginnt zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen eine gewisse Zusammenarbeit.

Dieses Hörbuch wird sehr schön vorgetragen von Sandra Voss, die Szenen und Personen etwas besonders gibt. Da hört man gerne weiter.

Flyte und Raven sind ein Team, das erstmal kein Team ist. Doch beide sind starke und eigene Persönlichkeiten, die einem schnell sympathisch werden. Auch der Fall um die verstorbene Lehrerin gestaltet sich überraschend und ungewöhnlich. Dabei bietet Cassie einiges ihres Wissens über die Forensik auf und auch ihr tolles Gespür spielt eine tragende Rolle. DS Flyte dagegen erscheint zunächst etwas widerwillig und manchmal auch sehr in sich gekehrt. Und doch fesselt es mitzuerleben, wie sich die beiden Frauen annähern und dabei die verschiedenen Untersuchungen nicht aus den Augen verlieren. Die Story ist tatsächlich so einprägsam, das eine kleine den Umständen geschuldete Hörpause nichts ausmacht, weil die Neugier erhalten bleibt.

Veröffentlicht am 19.08.2025

Das Nichts

Dr. No
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Der Mathematiker Prof. Wala Kitu lehrt an der Brown Universität in Amerika. Mit seinem Hund Trigo, der nur ein Bein hat, lebt er alleine. Auf dem Gelände der Brown trifft er manchmal seine Kollegin Eigen ...

Der Mathematiker Prof. Wala Kitu lehrt an der Brown Universität in Amerika. Mit seinem Hund Trigo, der nur ein Bein hat, lebt er alleine. Auf dem Gelände der Brown trifft er manchmal seine Kollegin Eigen Vector, eine ebenfalls lehrende Topologin. Als der Milliardär John Sill an Wala herantritt, um ihn als Berater für das Nichts zu engagieren, ist er einigermaßen erstaunt. Sill sieht sich selbst als Schurken an. Er will Fort Knox überfallen. Dort soll das Nichts gebunkert sein und mit Kitus Hilfe will er das Nichts, dass doch ein Etwas sein könnte, für seine wahren Zwecke nutzen.

In diesem Schurkenroman kann man vielleicht schon einige Anklänge an James Bond finden. Was will John Sill? Er hat doch eigentlich alles und viel ererbtes Geld noch dazu. Und was ist mit dem Wissenschaftler Prof. Wala Kitu? Er hat alles gelesen, was er in die Finger bekommen konnte. Aber ist er wirklich so ein genialer Mathematiker? Vielleicht ist er auch eher ein Philosoph mit seinen Überlegungen zum Nichts und ob das Nichts nicht doch irgendwo sein kann. Dr. Eigen Vector ist wie elektrisiert von John Sill, sie will endlich leben und sie will böse werden.

Dieser Roman, der im Original im Jahr 2022 erschienen ist, will wahrscheinlich nicht eingeordnet werden. Das er ein wenig an einen James Bond Film erinnern könnte, wird schon im Klappentext angedeutet und ist damit wohl auch gewollt. Zwingend im Bond-Universum muss man sich nicht auskennen. Die Überlegungen zum Nichts und zu mathematischen, philosophischen oder anderen Problem kann man schon als komplex empfinden. Offensichtlich hat sich der Autor mit vielen dieser Themen beschäftigt. Auch wenn der Roman dadurch manchmal nicht so leicht zu lesen ist, fixt er einen doch sehr an. Sill, als Schwarzer, ist hier der wohlhabende, der weißen Bediensteten Anweisungen erteilt. Er scheut sich nicht, für sein Geld auch Gegenleistungen einzufordern. Sympathischer sind Wala Kitu, der sich zu fragen beginnt, ob er in eine Falle getappt ist, und auch Eigen Vector, die man sich gut als Bond Girl vorstellen könnte, obwohl sie nicht so auftritt. Sie ist eine ausgesprochen intelligente Frau, die wie von John Sill geblendet wirkt. Dieser Roman ist auf intelligente Weise sehr unterhaltsam und stimmt manchmal durchaus nachdenklich.

Das Cover ist an das amerikanische Cover angelehnt und in seiner Farbgestaltung sehr auffällig, so dass es die Blicke auf sich ziehen wird.