Profilbild von walli007

walli007

Lesejury Star
offline

walli007 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit walli007 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.07.2025

Tourist verschwunden

Vertrauen
0

Inspektor Avi Avraham ist nicht zufrieden mit seinem Job. Es muss doch noch mehr geben. Immer die gleichen elenden Fälle. Und so geht es weiter. Vor einem Krankenhaus wird ein neugeborenes Mädchen gefunden, ...

Inspektor Avi Avraham ist nicht zufrieden mit seinem Job. Es muss doch noch mehr geben. Immer die gleichen elenden Fälle. Und so geht es weiter. Vor einem Krankenhaus wird ein neugeborenes Mädchen gefunden, dass längst ins Krankenhaus hätte gebracht werden müssen. Aus einem Hotel ist ein Tourist verschwunden und Fremde, die behauptet haben ihn zu kennen, haben die Rechnung bezahlt und die Koffer mitgenommen. Den Tod seiner ehemaligen Vorgesetzten hat er auch noch nicht überwunden. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit der Bearbeitung des Normalen zu beginnen. Zunächst fährt Avi zu dem Hotel, aus dem der Tourist verschwunden ist.

In seinem vierten Fall hadert Inspektor Avi Avraham mit seiner Arbeit und sich selbst. Er ist jetzt Mitte vierzig und das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Wenigstens seine Ehe ist ein Halt, auch wenn sie nicht perfekt ist. Im Hotel merkt angekommen, gewinnt Avraham den Eindruck, dass dieses Verschwinden doch recht seltsam ist und er beginnt, den Hintergrund des Mannes zu erforschen. Auch das Auffinden des kleinen Mädchens stellt sich als eigenartiger heraus als gedacht. Die Kleine ist zu früh geboren und zunächst mal muss alles getan werden, um ihren Zustand zu stabilisieren. Dann gilt es herauszufinden, weshalb das Kind ausgesetzt wurde.

Ganz verzwickt sind die Fälle, mit denen es Avi Avraham zu tun bekommt. Langsam entwickelt sich ein Bild und der Spürsinn des Inspektors wird angefacht. Da muss doch etwas sein, so empfindet man es auch beim Lesen. Es gibt die oberflächlich Lösung und die richtige. Natürlich gibt Avraham nicht auf. Manchmal spielt ihm der Zufall in die Hände, manchmal ein kleines Puzzleteil, das er sich erarbeitet. Einiges erweist sich als anders als zunächst gedacht. Hin und wieder geht es etwas langsam voran und nicht immer hat man das Gefühl, alles verstanden zu haben, aber grundsätzlich gestaltet sich die Lektüre spannend und interessant in einem Setting, dass einem fremd, aber nicht so fremd ist. Der Roman wurde im Übrigen vor dem jetzigen Krieg geschrieben.

Veröffentlicht am 20.07.2025

Berliner Pflanze

Die Toten von Königsberg
0

Im Jahr 1924 geschieht im fernen Königsberg ein Mord an einem Firmenerben. Weil in der Nähe der Leiche hebräische Schriftzeichen gefunden werden, meint man, jemanden mit entsprechender Erfahrung zu benötigen. ...

Im Jahr 1924 geschieht im fernen Königsberg ein Mord an einem Firmenerben. Weil in der Nähe der Leiche hebräische Schriftzeichen gefunden werden, meint man, jemanden mit entsprechender Erfahrung zu benötigen. Kommissar Aaron Singer wird von Berlin, wo er das Glück hatte bei Ernst Gennats Mordkommission zu arbeiten, nach Königsberg beordert. Das kann eine Chance sein, es kann aber auch das Ende seiner Karriere bedeuten. In der Bank seines Vaters möchte Singer nicht arbeiten. In Königsberg hat er es erstmal nicht leicht. Die Kollegen denken, er sei ihnen vor die Nase gesetzt worden. Nur sein Kollege Heinrich Puschkat begegnet ihm einigermaßen unvoreingenommen.

In ihrem ersten gemeinsamen Fall ermitteln Singer und Puschkat in einem brisanten Fall. Der Tote war der Sohn des ersten Reeders vor Ort. Auf Edward Mayrhöfer ruhten alle Hoffnungen seines Vaters, er sollte der Nachfolger sein, der die Reeder gegen die Konkurrenz aus dem Kohlerevier Westdeutschlands zusammenhält. Und nun steht alles auf der Kippe. Besteht etwa die Möglichkeit, dass aus Reederkreisen jemand etwas gegen die erfolgreiche Durchführung dieses Vorhabens hatte? Da Singer selbst aus der gehobenen Gesellschaft stammt, ist er für diese Ermittlungen durchaus geeignet. Schnell ist klar, ein religiöses Motiv ist nicht erkennbar.

Dieser spannende historische Kriminalroman beleuchtet die Lage in der Mitte der 1920er Jahre. Deutschland hat mit den Folgen des Krieges zu kämpfen. Gerade der Zustand der Wirtschaft ist immer noch schlecht. In Königsberg ist eine leichte Erholung eingetreten, diese ist nun durch die Konkurrenz der Stinnes AG gefährdet. Reicht das als Motiv für einen Mord. Als Leser darf man diese Erklärung durchaus als zu einfach empfinden. Doch die Ermittlungen gehen nicht so forsch voran. Schon beginnt Aaron Singer zu spüren, dass er wegen seiner Religion, die für ihn nicht lebensbestimmend, anders behandelt wird. Auch werden die Nachforschungen bereits zu dieser Zeit durch die Rechten gestört. Natürlich kann man sich durch diese Grundumstände an Gereon Rath erinnert fühlen, doch der Autor kann der Thematik noch weitere Facetten zuordnen, gerade auch durch das Setting in Königsberg, das damals schon vom Rest des Landes abgetrennt war. Die Situation war früh schon beklemmend, auch wenn die Menschen noch nicht glauben konnten, dass diese tatsächlich an die Macht kommen könnten. Auch wenn der Fall eine eher normale Auflösung erfährt, ist der Roman wegen seiner präzisen Schilderungen sehr empfehlenswert.

Veröffentlicht am 20.07.2025

Nanny Caitlin

Eine falsche Lüge – Wird es ihre letzte sein?
0

Caitlin, die Nanny, heißt garnicht Caitlin, sondern Sloane. Krankenschwester ist sie übrigens auch nicht. Sloane war als Kind nicht so beliebt und sie hat gemerkt, wenn sie ein wenig flunkert, mehr zu ...

Caitlin, die Nanny, heißt garnicht Caitlin, sondern Sloane. Krankenschwester ist sie übrigens auch nicht. Sloane war als Kind nicht so beliebt und sie hat gemerkt, wenn sie ein wenig flunkert, mehr zu sein scheint als sie ist. Als sie der knapp fünfjährigen Harper helfen kann, wirkt es so als würde sich ihre Welt zum Guten ändern. Jay, der Vater der Kleinen ist dankbar. Kurz darauf lernt die vermeintliche Krankenschwester auch Violet des Kindes kennen. Bald macht Violet das Angebot, dass Caitlin als Harpers Nanny anfangen kann. Caitlin ist begeistert. Besonders auch, da sie Jay sehr sympathisch findet.

Wer erzählt hier was und warum? Hauptsächlich Sloane/Caitlin, Violet und Jay bilden eine Art Dreieck. Sloane mit ihrer nicht ganz glücklichen Vergangenheit, die sie geprägt hat und die auch zu Schwierigkeiten geführt hat, wenn sie erwischt wurde. Violet und Jay, das reiche, glücklich wirkende Paar, dessen heile Welt doch Risse zu haben scheint. Die kleine Harper, ein liebenswertes Kind, dessen Zukunft gesichert werden muss. Zunächst hat Sloane das Gefühl, es ist Fügung und es könnte kaum besser laufen. Doch langsam beginnt sie sich zu fragen, wie glücklich Jay und Violet wirklich sind. Eine Chance für sie oder ein Hinweis auf die nächsten Schwierigkeiten, in die sie sich selbst bringt.

In diesem Spannungsroman wird tatsächlich viel gelogen. Und der Leser und die Leserinnen wissen davon. Sloane beginnt ihre Geschichte zu erzählen und sie gibt auch zu, dass sie lügt. Manchmal rutscht es ihr einfach so raus und ihre dann doch wieder ehrliche Art den Lesenden gegenüber, macht sie sympathisch. Nach und nach erklärt sie das wieso und weshalb, macht ihr Handeln nachvollziehbar. Ob man die Hoffnungen, die sie sich Jay gegenüber macht, gut findet, ist so eine Sache. Im weiteren Verlauf stellt man überrascht fest, dass immer mehr Lügen auftauchen, die ein ganz anderes Bild ergeben. Dadurch werden die eigenen Gedankenspiele angeregt, man ist neugierig wo die Reise hingehen wird. Langsam fügt sich einiges, aber nicht so wie man gedacht hat. Das macht diesen Roman sehr fesselnd und auch unvorhersehbar.

Veröffentlicht am 16.07.2025

Vogelbeobachterin

Das Nest
0

Frans liebstes Hobby ist es, die Vögel zu beobachten. Sie hat sogar eine Beobachtungshütte errichten lassen. Nebenbei führt sie einen Wohnwagenpark für Urlauber und kümmert sich um ihren Mann und Sohn. ...

Frans liebstes Hobby ist es, die Vögel zu beobachten. Sie hat sogar eine Beobachtungshütte errichten lassen. Nebenbei führt sie einen Wohnwagenpark für Urlauber und kümmert sich um ihren Mann und Sohn. Ihre Schwester Rose und ihre Familie lässt sie umsonst in dem Park wohnen. Die Kinder Bruno und Sadie sind fast gleich alt und gehen gemeinsam zur Schule. Als eine Vertretungslehrerin an die Schule kommt, ändert sich vieles. Zuerst macht die junge Frau einen wirklich guten Eindruck, doch bald sind einige der Kinder und Eltern gegen sie aufgebracht. Auch zwischen den Schwestern Fran und Ros ist die Stimmung manchmal getrübt.

Spannungen zwischen zwei Familien, die durch die Schwestern Fran und Ros verbunden sind. Am Rande des Wohnwagenparks hat zudem noch eine Gruppe Roma ihre Wagen aufgestellt. Die Einheimischen sind misstrauisch gegenüber den Fremden. Nur die Kinder gegen unvoreingenommen auf die Neuen zu. Fran ist viel mit ihren Vogelbeobachtungen beschäftigt. Besonders ein Nest von Seeschwalben hat es ihr angetan. Dabei kommt ihr Sohn Bruno manchmal zu kurz. Ros sollte froh sein, dass sie im Park wohnen kann, doch so recht will ihr das nicht gelingen. Auch ihre Dankbarkeit hält sich in Grenzen, wer will schon gerne Almosen bekommen.

Die gedrückte und melancholische Grundstimmung des Romans erschließt sich den Leserinnen und Lesern schnell. Es ist kein fröhliches Urlaubscamp. Alle schlurfen irgendwie mit hängenden Schultern durch die Gegend. Hintergründig ist die Spannung, die durch die Gedanken von Fran und Tad, einem der Roma, erzeugt wird. Allerdings wird beim Lesen keine der handelnden Personen richtig sympathisch. Irgendwie in sich gekehrt, sprechen sie nichts richtig aus, stellen Vermutungen an und scheinen manchmal kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Selbst die Freundschaft der Kinder wirkt eher undurchdringlich. So vermag der Roman einen in große Anspannung zu versetzen, man spürt das drohende Unheil. Und doch fühlt man sich irgendwann selbst etwas niedergedrückt, wegen dieser depressiven Menschen, die unter ihrem Leben leiden. Ein Spannungsroman wie er im Buche steht.

Veröffentlicht am 15.07.2025

Der Mob

Lightseekers
0

Der Psychologe Dr. Philip Taiwo wird gebeten, den Tod von drei jungen Männern zu untersuchen, die von einem Mob grausam umgebracht wurden. Besonders der Vater eines der Opfer kann den Tod seines Sohnes ...

Der Psychologe Dr. Philip Taiwo wird gebeten, den Tod von drei jungen Männern zu untersuchen, die von einem Mob grausam umgebracht wurden. Besonders der Vater eines der Opfer kann den Tod seines Sohnes nicht verwinden. Er glaubt einfach nicht, dass sein Sohn das getan hat, wessen er verdächtigt wurde. Auch scheint die Polizei nicht in alle Richtungen ermittelt zu haben. Zwar wurden einige der vermeintlichen Täter angeklagt, doch ist die Anklage brüchig. Taiwo will den Auftrag eigentlich nicht annehmen. Zum einen weil sein Vater ihn darum bittet, zum anderen aber weil er aus gewissen Gründen auch mal von zu Hause raus muss, ändert er seine Meinung.

In seinem ersten Fall hat der Heimkehrer aus Amerika Dr. Philip Taiwo in seiner Heimat Nigeria einiges auszuhalten. Da er immer noch keine Festanstellung hat, nimmt er manchmal besondere Aufträge an. Bei der Suche nach der Wahrheit verschlägt es ihn in die Universitätsstadt Port Harcourt. Die Studenten wurden verdächtigt, Überfälle begangen zu haben. Als es dann so schien, es gäbe wieder einen Vorfall, bildet sich ein Mob, der drei junge Männer quasi zu Tode hetzt. Ein Vater kann das Ergebnis der polizeilichen Untersuchung nicht akzeptieren. Er hofft, dass durch Taiwos Hintergrund als Psychologe und dessen anderer Blickwinkel einen neuen Ansatz bringen.

Der Autor hat einen sehr menschlichen, aber auch hartnäckigen Ermittler geschaffen, der in seinem ersten Fall eben nicht die laufende Untersuchung begleitet, sondern im Nachhinein evaluiert, was schlecht oder auch gut gelaufen ist. Allerdings ist keiner richtig begeistert von Taiwos Auftauchen. Das kann richtig gefährlich werden. Es wird berichtet, wie eine eigentlich gute Sache sich im Laufe der Zeit genau ins Gegenteil verkehrt. Die Ideengeber sind nicht glücklich, aber der Zeitpunkt ist verpasst, ungute Entwicklungen einzuhegen. Wie Philip Taiwo immer mehr neue Tatsachen ausgräbt, das ist sehr packend geschildert. Vieles ergibt sich anders als zuerst vermutet. Zwar hinterlässt die Auflösungen einen etwas unfertigen Eindruck, dass schmälert aber kaum den Eindruck, dass man hier ein wirklich tolles Buch über ein fremdes Land hat, das ganz anders, aber doch ähnlich ist.