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Veröffentlicht am 02.07.2025

Tod eines Künstlers

Perspektiven
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Anfang des Jahres 1557 wird der Maler Jacopo da Pontormo in Florenz erstochen aufgefunden. Er war seit Jahren mit einem Fresko beschäftigt, welches, wie festgestellt wird, teilweise übermalt wurde. Gleichzeitig ...

Anfang des Jahres 1557 wird der Maler Jacopo da Pontormo in Florenz erstochen aufgefunden. Er war seit Jahren mit einem Fresko beschäftigt, welches, wie festgestellt wird, teilweise übermalt wurde. Gleichzeitig wird ein Gemälde vermisst, dass die Tochter des Herzogs Cosimo de Medici zeigen soll. Eine unangenehme Situation für den Herzog, denn die weibliche Person auf dem Bild ist nicht bekleidet. Pontormo war im Auftrag des Herzogs tätig. Hat die Sache mit dem Bild etwa mit dem unnatürlichen Ableben des Künstlers zu tun? Es entspinnt sich ein reger Briefverkehr, mit dem die Beteiligten ihre Gedanken zu den Vorgängen teilen.

Briefromane kommen eher selten vor. In der Renaissance gab es jedoch hauptsächlich die Möglichkeit, sich persönlich zu treffen, oder wenn die Entfernung zu groß war, eben zu schreiben oder einen Boten zu schicken. Zur Aufhellung des Geschehens dienen die Briefe, die die verschiedenen Personen austauschen. Dabei entwickelt sich auch ein Bild der Machtstrukturen in Florenz und auch der persönlichen Gefüge zwischen den verschiedenen Menschen. So ist Cosimo nicht nur Herzog, sondern auch Vater. Seine Tochter Maria soll verheiratet werden. Wundert sich der Vater, dass sie davon nicht begeistert ist. Ihr ein Mitspracherecht zuzugestehen wäre im 16. Jahrhundert wohl zu viel erwartet, oder?

Diese Hörbuchproduktion wird zur Verfügung gestellt durch die ARD-Audiothek als szenische Lesung, was sie soweit feststellbar von dem normalen Hörbuch unterscheidet: Jeder Briefeschreiber liest seine Briefe „selbst“ vor, hat also einen eigenen Sprecher. Das macht das Zuhören sehr abwechslungsreich und man kommt teilweise soweit, dass man einige der Schreiber wiedererkennt. Das ist echt klasse. Hoffentlich wird diese Produktion noch über weitere Kanäle zur Verfügung gestellt. Ob die geringfügige Kürzung durch die Art des Vortrags bedingt ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Die Vorleser der Briefe werden im letzten Abschnitt mit ihrer Rollenbezeichnung genannt, was sehr angenehm ist.

Auch inhaltlich überzeugt dieser Roman, besonders auch, wenn man feststellt, dass es sich bei etlichen der handelnden Personen um historische Persönlichkeiten handelt, über die man im www nachlesen kann. Sehr geschickt hat der Autor die Wirklichkeit als Rahmen für seine fiktionalen Gedanken verwendet. Die Aufklärung des Mordes wird zu einer verwickelten Geschichte, in der es zu dem ein oder anderen Schelmenstreich kommt. Doch auch tragische Momente hat man als Leser oder Leserin zu überstehen. Und mitunter sind Todesfälle unerwartet und durchaus von Gewalt bestimmt. Und während kleiner Augenblicke hätte man sich gewünscht, der Autor hätte die Wirklichkeit außen vor gelassen. Aber alles in allen hat man einen herausragenden historischen Kriminalroman, der sowohl durch Inhalt als auch Darstellung besticht.

Veröffentlicht am 30.06.2025

Die Konkurrentin

Totholz
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Polizist Loe Kreuthner ist sauer, sein florierendes Geschäft mit dem Schwarzgebrannten floriert nicht mehr. Seine Konkurrentin Pippa Trautmann macht ihm echt sein Auskommen madig. Da muss was unternommen ...

Polizist Loe Kreuthner ist sauer, sein florierendes Geschäft mit dem Schwarzgebrannten floriert nicht mehr. Seine Konkurrentin Pippa Trautmann macht ihm echt sein Auskommen madig. Da muss was unternommen werden. Gemeinsam mit einigen anderen, dem 93jährigen Manfred Wallner und der Kanone aus dem 18. Jahrhundert macht er sich auf den Weg, um Pippa einen Denkzettel zu verpassen. Das läuft irgendwie ein wenig aus dem Ruder und Pippas Schwarzbrennerei fliegt in die Luft. Zum Glück kommen keine Menschen zu schaden. Aber es gab eine Überwachungskamera und damit steckt Kreuther in der Klemme. Allerdings wird Pippa zunächst wegen einer anderen Sache vernommen.

Bereits zum elften Mal kann man sich über Kreuthners Rechtsauffassung Gedanken machen. Wundern sollte man sich nicht, man kennt ihn ja. Wie er sich aus dieser Situation herauswinden will, ist erstmal rätselhaft. Derweil bekommt Wallner einen Hinweis auf eine Leiche, die wohl vor längerem im Wald versteckt wurde. Wallner weiß nicht, ob er den Hinweisen glauben soll, aber als Kommissar ist er verpflichtet, dem nachzugehen. Es entwickelt sich ein Fall, der vielschichtiger ist als man zunächst hätte annehmen können. Um seinen Großvater Manfred macht Wallner sich auch Sorgen, der wird ja nicht jünger einerseits, aber andererseits soll Manfred auch am Leben teilnehmen. Nur diese blöden Situationen, in denen man nicht weiß, ob man die Augen verdrehen oder lachen soll….

Leo Kreuthner und Clemens Wallner sind ein ungewöhnliches Team. Leo, der Haudegen, der sie Gesetze nur braucht, wenn er sie für seine eigenen Zwecke ausnutzen kann, und Clemens, der korrekte und akribische Ermittler. Und natürlich Großvater Manfred, der es mit seinem Gehwagen immer wieder schafft, das Feld von hinten aufzurollen. Ein paar Lacher sind beim Lesen dieser Krimireihe immer garantiert. Trotzdem geht es auch kriminalistisch immer wieder hart zur Sache. Auch hier ist alles drin, Mord, Entführung, Diebstahl und als Leser möchte man die Zusammenhänge entschlüsseln. Nur eine Sache ist dabei recht offensichtlich. Ansonsten ein spannender Fall aus einer Reihe, die mit Skurrilität und Witz erfreut.

Veröffentlicht am 29.06.2025

Liebeseiche

Der Mordclub von Shaftesbury – Die Tote fällt nicht weit vom Stamm
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Nach ihrer Hochzeit sind Penelope und Sam zusammengezogen. Sie haben Sams Tierarztpraxis eingerichtet und wollen nun weitere Renovierungen durchführen, um ein paar Zimmer vermieten zu können. Penelope ...

Nach ihrer Hochzeit sind Penelope und Sam zusammengezogen. Sie haben Sams Tierarztpraxis eingerichtet und wollen nun weitere Renovierungen durchführen, um ein paar Zimmer vermieten zu können. Penelope betreibt weiterhin ihre Partnervermittlungsagentur. Auch Sams Tochter Lily führt sich in der neuen Umgebung wohl. Es könnte alles so schön sein, wenn nicht eine Dorfbewohnerin tot am Fuße der Liebeseiche läge. Gerade die, welche mit schöner Regelmäßigkeit den Wettbewerb um den schönsten Liebesbrief gewinnt. Wettbewerb? Ehe Penelope es sich versieht, hat sie den Vorsitz über die Jury übernommen. Doch wieso wurde die Leiter manipuliert, die an dem Baum lehnte?

Zum vierten Mal bekommt es Penelope St. James in Shaftesbury mit einem ungeklärten Todesfall zu tun. Seit ihrem Umzug ist einiges geschehen, was letztlich zu ihrer Hochzeit geführt hat. Nie hätte sie gedacht, dass sie als Städterin mal auf dem Land wohnt, einen Tierarzt heiratet und auch noch glücklich ist. Sie hätte sich auch nie vorstellen können, für was man alle seinen Wettbewerb durchführen kann. Nun also Liebesbriefe. Sollte da jemand neidisch gewesen sein, weil die Verstorbene zu Lebzeiten auf den Sieg abonniert war? Oder ist das zu einfach gedacht? Penelope beginnt Nachforschungen anzustellen.

Es ist schön zu lesen, wie gut Penelope St. James sich in Shaftesbury eingerichtet hat. Sie ist angekommen, die Bewohner des Ortes haben sie quasi adoptiert. Dadurch geht natürlich der Witz des Anfangs ein wenig verloren. Man vermisst ein ermittlerisches Chaos. Dafür hat man die niedliche Menagerie von Tieren, die für Penelope noch eine gewisse Herausforderung bedeuten. Wegen des Wettbewerb vermitteln sich potentielle Partner sich gewissermaßen selbst. So hat man eher eine Beschreibung eines idyllischen Ortes mit seinen liebenswerten und manchmal etwas skurrilen Bewohnern. Das liest sich sehr angenehm, auch wegen der Hauptpersonen, die einem mit jedem Buch mehr ans Herz gewachsen sind.

Veröffentlicht am 28.06.2025

Das Mädchen

Kräheninsel
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Polizist Luca arbeitet auf der kleinen Insel Hitra. Er trauert um seine Frau, die seine große Liebe war. Die Wache ist nur an ein paar Tagen pro Woche besetzt. Doch als die sechszehnjährige Jessica auf ...

Polizist Luca arbeitet auf der kleinen Insel Hitra. Er trauert um seine Frau, die seine große Liebe war. Die Wache ist nur an ein paar Tagen pro Woche besetzt. Doch als die sechszehnjährige Jessica auf einem Boot tot aufgefunden wird, ist das ruhige Inselleben erstmal vorbei. Mia Krüger, die eigentlich nicht mehr bei der Osloer Polizei ist, nimmt sich des Falles als Beraterin an. Ihr ehemaliger Kollege Holger Munch wird auch zu dem Fall beordert und gemeinsam mit anderen Beamten bilden sie eine Sonderkommission. Nachdem sich Hinweise auf den achtjährigen Jonathan finden, der vor drei Jahren verschwand, gestalten sich die Ermittlungen noch fieberhafter.

In diesem Fall ermitteln Mia Krüger und Holger Munch zum fünften Mal gemeinsam. Nachdem Mia die letzten Fälle doch sehr zugesetzt haben, geht sie nun einigermaßen erholt ans Werk. Das Schicksal des kleinen Jonathan lässt ihr keine Ruhe. Natürlich müssen sie auch herausfinden, wer Jessica getötet hat. Die junge Frau hatte es nicht ganz leicht, sie musste schnell erwachsen werden. Dennoch wollte sie mit ihren Freundinnen Spaß haben. Ist ihr etwa die Party kurz vor ihrem Ableben zum Verhängnis geworden? Krüger und Munch stehen vor einem Rätsel.

Wenn man die Reihe ein wenig aus den Augen verloren hat, kann man hier gut den Wiedereinstieg wagen. Allerdings gehen die Nachforschungen etwas sehr langsam voran und manchmal ist es auch recht schwierig Mias Eingebungen zu folgen. Im Verlauf wird es zum Glück spannender, wenn man sich mittig auch mal fragt, ob es einen Bruch gibt, der überrascht und nachher ein wenig in der Luft hängt. Die Lösung ist dann überraschend und wirkt leicht abwegig. Dagegen werden Spuren aufgebaut, die dann im Sande verlaufen. Das ist zwar normal, aber wenn ihnen so viel Raum gewährt wird, erstaunt es doch. Alles in allem eine kurzweilige Lektüre, die gut für ein Sommerwochenende geeignet ist.

Veröffentlicht am 27.06.2025

Die Mauer

Der Tunnelbauer
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Im Jahr 1961 lebt es sich in der DDR auch nicht so schlecht. Der Staat sorgt für alles, die Familien halten zusammen und die Jugend-Cliquen auch. Von Ost-Berlin kommt man noch nach West-Berlin. Wenn man ...

Im Jahr 1961 lebt es sich in der DDR auch nicht so schlecht. Der Staat sorgt für alles, die Familien halten zusammen und die Jugend-Cliquen auch. Von Ost-Berlin kommt man noch nach West-Berlin. Wenn man Geld hat kann man dort einkaufen und man kann auch in West-Berlin arbeiten oder studieren. Jedoch verschwinden immer mehr Bürger aus der DDR, gerade die gut ausgebildeten. Nach dem Schulabschluss machen Achim und seine Freunde einen letzten gemeinsamen Urlaub an der See. Ein einschneidendes Ereignis dort lässt auch in Achim den Entschluss reifen zu fliehen. Er schafft es so gerade raus und dann kommt die Nachricht, dass über Nacht eine Mauer gebaut wurde.

Wie lebten die Menschen Anfang der 1960er in der DDR? In den Jahren nach dem Krieg haben sie sich schon ein wenig eingerichtet. Einige glauben an den real existierenden Sozialismus. Viele leben ihr Leben. Und doch sind einige unzufrieden. Solange es noch ein paar Schlupflöcher in der Grenze gibt, ist alles nicht so schlecht. Auch nicht für Achim, jedenfalls bis zu jenem Urlaub. Danach kommen die Jugendlichen zum ersten Mal in Kontakt mit der Staatsmacht. Danach beginnt Achim wirklich sich zu fragen, ob das für immer sein Land sein kann. Und er macht sich auch den Weg nach drüben.

Das Buch wird für Jugendliche ab dreizehn Jahren empfohlen, es ist aber auch für Erwachsene empfehlenswert. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und dadurch liest man die Erzählung mit noch größerer Aufmerksamkeit. Man empfindet die wachsende Beklemmung, die größere Einengung des Lebens und die Bedrohung von Menschen, die nur geringfügig abweichen, durch den Staat. So lösen sich die, die sich damit nicht abfinden können und wollen, langsam von dem, was ihre Heimat sein sollte. Spannend und beeindruckend auch der Teil des Romans, in dem Achim viel riskiert, um weiteren Menschen zur Flucht zu verhelfen. Immer gefährlicher und schwieriger wurde es Fremde und Freunde rauszuholen. Irgendwann war die Grenze so abgeschottet, dass es kaum mehr möglich war. Gefesselt kann man kaum von dem Buch lassen, wenn man einmal angefangen hat. Einige Informationen am Ende des Buches erzählen von den echten Tunnelbauern, deren Mut und Zielstrebigkeit heute noch beeindruckend ist.