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Veröffentlicht am 22.03.2024

Unbekannte Fluchthelfer

Marseille 1940
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Schon vor dem zweiten Weltkrieg erlebt der amerikanische Journalist Varian Fry auf einer Reise nach Berlin das Naziregime in seiner Unverblümtheit hautnah. Als die Nazis im Krieg Frankreich überfallen, ...

Schon vor dem zweiten Weltkrieg erlebt der amerikanische Journalist Varian Fry auf einer Reise nach Berlin das Naziregime in seiner Unverblümtheit hautnah. Als die Nazis im Krieg Frankreich überfallen, ist ihm klar, dass die ehemalige Fluchtburg von Dissidenten nicht mehr lange Schutz bieten wird. Deshalb will er unbedingt zurück nach Europa, um möglichst vielen Flüchtlingen aus Frankreich hinaus in die USA oder in andere Länder zu helfen. Doch zunächst muss er eine Organisation gründen und das nötige Geld auftreiben. Und es wird eine Liste aufgestellt von Personen des kulturellen oder politischen Lebens, denen höchste Gefahr droht und die deshalb bevorzugt Einreisevisa erhalten sollen.

Schon lange verstehen sich die Vereinigten Staaten nicht mehr unbedingt als Einwanderungsland. Das bekommen auch Fry und seine Mitstreiter zu spüren, wenn sie darangehen die geforderten Papiere für ihre Schützlinge zu besorgen. Noch sehen manche der in Not geratenen Menschen ihre Situation etwas sorglos, schließlich hat ihren Frankreich lange als sicherer Unterschlupf gedient. Doch so langsam wird jedem klar, unter dem Nazi-Regime wird es irgendwann kein Entkommen mehr geben. Für Fry und sein Team geht es also nicht nur darum, gründlich zu arbeiten. Sie müssen auch schnell sein.

Die Geschichte dieser Fluchthilfe steht stellvertretend für weitere, die anderen Menschen geholfen haben. Zwar werden hier vornehmlich die Schicksale von eher auch aus heutiger Sicht prominenten Flüchtlingen behandelt, doch auch sie oder gerade sie schwebten in großer Gefahr. Wahrscheinlich kann die Welt dankbar sein, dass sich ein Amerikaner ihrer angenommen hat, der nimmermüde gegen alle Hindernisse um jedes Leben gekämpft hat. Nicht immer hatte er Erfolg. Dennoch ist ihm und seinem Team einiges zu verdanken. Und manche der Schilderungen sind geradezu mitreißend und sehr berührend. Bedrückend ist dagegen, wie die Helfer mitunter ausgebremst werden und wie wenige Länder sich bereit erklärten, die Flüchtigen aufzunehmen. Wie viele hätte man retten können, hätte es mehr Großzügigkeit gegeben. Hoffnung geben aber die, die gerettet wurden. Ein herausragendes wichtiges Buch, das auch als Mahnung dienen kann.

Veröffentlicht am 18.03.2024

Brief ohne Antwort

Das andere Mädchen
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Noch in ihren Kindheitstagen erfährt Annie, dass es noch eine Schwester gab. Sie hört, wie ihre Mutter darüber redet. Doch es ist das einzige Mal, dass sie Mutter darüber redet. Und nicht mit ihrer Tochter, ...

Noch in ihren Kindheitstagen erfährt Annie, dass es noch eine Schwester gab. Sie hört, wie ihre Mutter darüber redet. Doch es ist das einzige Mal, dass sie Mutter darüber redet. Und nicht mit ihrer Tochter, sondern mit einer Nachbarin. Und nun ist Annie kein Einzelkind mehr, dass sich gewiss war, etwas besonderes zu sein. Es gab eine Schwester, die bereits vor Annies Geburt gestorben ist. Nur sechs Jahre wurde sie bevor sie an Diphtherie starb. Annie fragt sich, ob sie nur ein Ersatzkind ist. Sie ist nicht die Liebe, sie ist die Intelligente.

Welch eine Nachricht für ein kleines Mädchen. Die Eltern verschweigen ihr, dass sie eine Schwester hatte. Nur ein Bild findet sie. Zunächst denkt sie, sie selbst sei auf dem Bild. Aber nein, es ist die unbekannte Schwester. Vielleicht hätte sie ihr ähnlich gesehen. Vielleicht wäre Annie die Liebe gewesen, wenn die andere ihr um Jahre voraus gewesen wäre und einen eigenen Kopf entwickelt hätte. So hat sie die Schwester überholt. Es gab keinen Vergleich. Annie musste sie selbst sein. Doch die Eltern schienen in der toten Schwester das Ideal zu sehen. Erst als Annie selbst schon ein gesetztes Alter erreicht hat, schreibt sie einen Brief an ihre Schwester, die sie nie gekannt hat.

Ein kleines Buch von 73 Seiten, ein langer Brief, das wurde hier zu einem besonderen Hörbuch vertont. Wenn Eltern etwas verschweigen, weiß man es ja nicht. Manchmal jedoch erfährt man es, wann und aus welchen Gründen auch immer. Und das verrückt vielleicht das ganze Bild, welches man von den Eltern hatte. Und es verrückt auch Annies Leben, für immer. Wenn man sich das vorstellt. Eine Schwester, die einige Jahre gelebt hat, mit der die Eltern ein inniges Verhältnis hatten. Und dann starb sie. Und Annie ist gar kein Einzelkind oder eine Art serielles Einzelkind. Was für ein Einschnitt. Über ihr ganzes Leben hinweg, versucht sie eine Beziehung zu der Schwester aufzubauen und sie besucht ihr Grab. Es wirkt, als hätte sie eine gewisse Sehnsucht gehabt, nach der Schwester, diese kennenzulernen. Sie hat etwas verloren, von die sie nicht wusste, dass sie es hätte haben können. Mit klaren und doch sanften Worten nähert sich Maren Kroymann den Gedanken und Gefühlen Annies für ihre unbekannte Schwester, die Annie versucht in einem Brief auszudrücken. Die Entscheidung, diesem Hörbuch den deutschen Hörbuchpreis 2024 für die beste Interpretin zu verleihen, lässt sich ausgesprochen gut nachvollziehen.

Veröffentlicht am 17.03.2024

Zauberkerzen

Die geheime Gesellschaft
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Lenna Wickes glaubt nicht an Geisterbeschwörungen. Und dennoch ist sie im Jahr 1873 nach Paris gereist, um bei der bekannten Spiritualistin Vaudeline D’Allaire eben diese Kunst zu lernen. Lennas Schwester ...

Lenna Wickes glaubt nicht an Geisterbeschwörungen. Und dennoch ist sie im Jahr 1873 nach Paris gereist, um bei der bekannten Spiritualistin Vaudeline D’Allaire eben diese Kunst zu lernen. Lennas Schwester Evie wurde im Garten der Familie tot aufgefunden und Lenna hat Schuldgefühle der Schwester gegenüber, mit der sie im Streit auseinander gegangen ist. Und Vaudeline verwendet ihre Begabung auch dafür, die Seele von Toten zu beschwören, um die Todesumstände zu klären. Obwohl Lenna nicht glaubt, auch Evies Worten nicht geglaubt hat, will sie die Kunst durchdringen und herausfinden wie Evie gestorben ist.

Als relativ unabhängige junge Frau ist Lenna Wickes nach Paris gereist, um die Ausbildung bei Vaudeline aufzunehmen. Die Spieritualiistin ist ebenfalls unabhängig in einem der wenigen Berufe, die Frauen selbstständig ausüben dürfen und ihre Reputation häufig besser ist als die der männlichen Kollegen. In ihrem Zusammenwirken stehen Vaudeline und Lenna eng beieinander, doch nicht alle Séancen bringen ein bedeutsames Ergebnis. Als Vaudeline nach London zurückgerufen wird, um eine Séance für ein weiteres Mordopfer abzuhalten, begleitet Lenna sie nicht ahnend, dass sie damit auch Evies Spuren folgt.

Dieser historische Kriminalroman hat einen ungewöhnlichen Ansatz, auch wenn der Spiritualismus damals nicht so unüblich war. In der prüden Viktorianischen Zeit bot er ein Möglichkeit, sie mit außergewöhnlichen Dingen zu beschäftigen. Der Autorin ist es gelungen ein spannendes Bild der Zeit zu zeichnen und wenn nur für einen relativ kleinen Teil der Gesellschaft, da sich hier die eher begüterten Menschen bewegten. Allerdings ist die Erzählung besonders zu Beginn etwas ausufernd ausgeführt. Zwar ist Lennas innere Unsicherheit und ihre wachsende Stimmigkeit mit sich selbst gut dargestellt, nimmt für Krimiliebende ein wenig zu viel Raum in Anspruch. Sobald es jedoch mehr um das Rätsel um Evies Ableben geht, wird die Geschichte interessant und lesenswert. Auch wenn einem selbst der Glaube fehlt, hat man doch einen packenden Kriminalroman um zwei außergewöhnliche Frauen, die viel einsetzen, um verzwickte Mordfälle zu klären.

Das Cover lohn einen genaueren Blick. Die Verbindung von viktorianischer Zeit und dem spiritualistischen Einschlag ist sehr gut gelungen. Eins der Bücher, die man gerne quer ins Regal stellt.

Veröffentlicht am 17.03.2024

Annaas Leben

Annas Lied
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Hannah ist noch klein als im Kopenhagen der 1930er die ersten Anzeichen auftauchen, dass das Leben der Familie Koppelman nicht immer so ruhig weitergehen wird. Doch zunächst wächst in Hannah der Wunsch ...

Hannah ist noch klein als im Kopenhagen der 1930er die ersten Anzeichen auftauchen, dass das Leben der Familie Koppelman nicht immer so ruhig weitergehen wird. Doch zunächst wächst in Hannah der Wunsch ein Instrument zu spielen. Ihre vier älteren Brüder sind der Musik ebenfalls sehr zugetan. Sie alle wollen ihre Mutter stolz machen, wobei die Jungen durchaus ihren eigenen Kopf haben und die jüdischen Traditionen nicht immer wunschgemäß befolgen. Trotz der Unstimmigkeiten hat Hannah eine glückliche Kindheit, Viel Zeit verbringt sie mit ihrer besten Freundin Elisabeth, die sie im jugendlichen Alter auch mal in die Freiheit einer Tanzveranstaltung entführt.

Die Erzählung eines Lebens entfaltet sich in diesem zeitgeschichtlichen Roman. Als jüdische Familie in Dänemark können die Koppelmans noch von Glück reden, dass sie vom Krieg relativ lange unbehelligt bleiben. Doch schon früher hatten sich die Eltern auf den Weg gemacht. Von Polen sollte es nach Amerika gehen, doch dafür reichte das Geld nicht. Und so hat sich Vater Yitzhak in Kopenhagen eine Schneiderwerkstatt aufgebaut, mit der er die Familie ernähren kann. Leider hält das glückliche und relativ sichere Leben nicht ewig und es kommen schwere Zeiten auf die Familie Koppelman zu. Hannah wird eine Entscheidung abverlangt, die eine so junge Frau eigentlich nicht treffen müssen sollte.

Als Leser oder Leserin begleitet man Hannahs bewegtes Leben. Ihr Traum von der Musik muss lange anderen Pflichten weichen. Überhaupt führt Hannah ein Leben der Pflichterfüllung. Manchmal ist es herzzerreißend, wenn man liest, wie Hannah sich selbst und ihre Wünsche hintenanstellt. Bis zu einem gewissen Punkt ist es verständlich, aber irgendwann waren Zeiten schon so, dass sich auch andere Möglichkeiten geboten hätten. Dann fragt man sich wieso. Dennoch ist Hannah eine tolle Persönlichkeit, die der Musik immer gewogen bleibt. Sie lebt ein verlustreiches, aber auch volles Leben. Nicht jede Einzelheit kann geschildert werden. Es sind die besonderen Episoden, die hervorgehoben werden. Ein bewegender Roman mit Bezug zur Wirklichkeit.

Mit dem Bildausschnitt auf dem Titelbild wird die innere Einsamkeit Hannahs, aber auch ihre Liebe zur Musik sehr gut ausgedrückt.

Veröffentlicht am 16.03.2024

Blutwissen

Das Schweigen des Wassers
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Im Jahr 1991 ist der Polizist Arno Groth aus Hamburg in seine Geburtsstadt in der ehemaligen DDR gezogen, um dort eine Stelle anzutreten. Eigentlich wäre er als Aufbauhelfer zu verstehen, doch wegen eines ...

Im Jahr 1991 ist der Polizist Arno Groth aus Hamburg in seine Geburtsstadt in der ehemaligen DDR gezogen, um dort eine Stelle anzutreten. Eigentlich wäre er als Aufbauhelfer zu verstehen, doch wegen eines Falles, in dem er falsche Schlüsse gezogen, ist sein Einsatz wohl eher endgültig. Eines Tages kommt ein Anwohner an Groths offenes Bürofenster und behauptet, er fühle sich verfolgt. Da der Mann etwas heruntergekommen aussieht, tut der Beamte die Sache ab. Doch nur wenig später wird der Mann tot im See gefunden. Wegen der Alkoholisierung wird die Sache als Unfall betrachtet. Jedoch hat Groth ein ungutes Gefühl.

So wie er sich damals im Westen zurechtfinden musste, muss sich Arno Groth nun auch im Osten zurechtfinden. Er kennt die alten Plätze noch, aber Menschen, die er von früher kennt, trifft er nur wenige. Wegen seiner Unachtsamkeit gegenüber der Anzeige des späteren Opfers, hat Groth ein schlechtes Gewissen. Unabhängig davon kann Groth wegen des engen zeitlichen Zusammenhangs nicht an einen Zufall glauben. Als es dann auch noch hinweise auf einen alten Mordfall gibt, ist Groth umso mehr überzeugt, dass es hier noch mehr zu ermitteln gibt. Seine Kollegen, die nicht unbedingt begeistert sind über die westliche Aufbauhilfe, unterstützen Groth nur wenig.

Dieser ungewöhnliche Kriminalroman greift einen alten Fall auf, der eigentlich als abgeschlossen galt. Ausgehend von dem vermeintlichen Unfall im Jahr 1991 führen die Spuren zurück in die 1980er Jahre der DDR. Als Leser nimmt man Teil an einer Ermittlung, bei der sich ein beinahe Wessi und ein Ossi zusammenraufen, um an die Wahrheit zu kommen. Gleichzeitig begleitet man Arno Groth auf seinem Weg zurück in die alte Heimat, wie er sich erst fremd fühlt, dann nach und nach ankommt. Immer mehr durchschaut er die Vorgehensweisen damals in der DDR und eben auch kurz nach der Wende. Dabei muss er durchaus feststellen, dass es Intrigen auch im Westen geben kann. Gebannt verfolgt man die Suche nach der Wahrheit, bei der er unerwartete Hilfe erhält, immer unsicher, ob es nicht immer noch Personen gibt, die verhindern wollen, dass eben jene Wahrheit ans Licht kommt. Ein toller atmosphärischer Kriminalroman, der aus seiner ruhigen Erzählweise eine bemerkenswerte Spannung generiert. Diesen Roman kann man kaum aus der Hand legen, wenn man einmal mit der Lektüre begonnen hat.

Das Cover ist etwas abstrakt gestaltet. Durch die Farbgebung ist es sehr auffällig und sollte verlocken, das Buch zur Hand zu nehmen.