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Veröffentlicht am 29.09.2023

Kleine Stadt im Osten

Die Möglichkeit von Glück
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Stine wurde noch während der Existenz der DDR geboren, aber sie war erst ein paar Jahre als der Staat ihrer Eltern unterging. So richtig kann Stine das mit der Wende nicht verstehen. Liegt es an ihr, ...

Stine wurde noch während der Existenz der DDR geboren, aber sie war erst ein paar Jahre als der Staat ihrer Eltern unterging. So richtig kann Stine das mit der Wende nicht verstehen. Liegt es an ihr, dass sie sich überall falsch vorkommt? Erst Jahre später als sie schon in Berlin studiert und schon selbst Kinder hat, beginnt Stine nachzuforschen. Gerade in der Vergangenheit ihres geliebten Opas Paul scheint es einige Ungereimtheiten zu geben. Und ihre Eltern, die überzeugten Sozialisten? Bei ihrer Suche beginnt Stine nicht nur etwas über ihre Familie herauszufinden, sondern sie hinterfragt auch, wie sie ihr Selbst gebildet hat.

Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 ist dieses Erstlingswerk der Prosa einer jungen Autorin gelandet. Wie verarbeitet man so einen totalen Umbruch? Die Erfahrung von Diktatur und Bevormundung zur relativen Freiheit, in der auch nicht alles schön ist. Stines unterkühltes Elternhaus, die Eltern, die in der DDR schließlich auch ein gutes Leben hatten, sie haben sich ja nichts zu schulden kommen lassen. Und gerade ihr Halt, ihr Opa Paul hat nicht immer die Wahrheit gesagt, hat geschwiegen wie so viele andere auch. Was soll oder will Stine ihren Kindern weitergeben? Einiges wird sie jedoch bestimmt anders machen als ihre Mutter.

Hier hat die Buchpreisjury wirklich eine hervorragende Auswahl getroffen. Ohne diese Wahl hätte ich dieses Werk verpasst und das wäre schon ein Verlust gewesen. Wie das Leben in einem so bevormundenden Staat sei es nun im Nazi-Staat der 1930er und 1940er oder im Stasi-Staat der DDR nachwirkt, auch wenn diese Staaten untergegangen sind, ist ein packendes Thema. Konnten Eltern oder Großeltern mit ihren Erfahrungen überhaupt gute Eltern oder Großeltern sein? Wie fühlten sich die Kinder, die einem Weltbild entsprechen sollten, dass es nicht mehr gab. Können sie den Rucksack abschütteln, den ihnen die Geschichte und ihre schweigenden Eltern aufgebürdet haben? Beim Lesen des Buches fängt man an in eigenen Erinnerungen zu versinken, man erkennt sich wieder, auch wenn man einen anderen Hintergrund hat. Man muss auch mal absetzen und zu Atem kommen. Dennoch möchte man diese Leseerfahrung nicht missen. Es kann nicht alles bis ins Letzte geklärt werden und doch hat man die Chance etwas zu ändern.

4,5 Sterne

Veröffentlicht am 24.09.2023

Wiener Walzer

Tote tanzen keinen Walzer
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Frank und Bärbel heiraten, na endlich. Doch Loretta Luchs denkt, sie hört nicht richtig, auf Wunsch des glücklichen Paares soll ihre Clique von Freunden einen Tanzkurz besuchen. Ohne große Begeisterung, ...

Frank und Bärbel heiraten, na endlich. Doch Loretta Luchs denkt, sie hört nicht richtig, auf Wunsch des glücklichen Paares soll ihre Clique von Freunden einen Tanzkurz besuchen. Ohne große Begeisterung, um Bärbel und Frank nicht zu enttäuschen, macht Loretta mit. Und es kommt wie es bei Loretta kommen muss, vor aller Augen wird ein Kursteilnehmer erschossen. Das kann doch nicht wahr sein. Natürlich fangen Loretta, Dennis und Erwin an Fragen zu stellen. Der lebenslustige Christian und seine junge Lebensgefährtin Jenny wirkten einander zugetan. Wer sollte etwas, gegen den ehemaligen Unternehmer haben. Oder war jemand ganz anderes gemeint?

Ein letzter Fall für Loretta Luchs. An sich hatte der Tanzkurs ja einen schönen Anlass, auch wenn Loretta keine große Tanzmaus ist, war es ihr ein Anliegen Frank und Bärbel einen Gefallen zu tun. Und nun ist alles wie immer. Es gibt einen Toten und da Loretta nun direkte Zeugin ist, muss sie sich einfach eine eigene Meinung zu dem Geschehen bilden, ohne Kommissarin Küpper allzu sehr in die Quere zu kommen. Da Jenny durch ihren schweren Verlust keinen hat, an den sie sich wenden kann, nimmt Loretta sie erstmal unter ihre Fittiche. Ein guter Ansatz, um etwas herauszufinden, nicht?

Loretta, wie sie leibt und lebt, auch wenn sie selbst sagt, das es mal vorbei sein muss mit dem Ermitteln. Hier aber macht sie sich nochmal mit ihrer ganzen Routine und forschen Art ans Werk. Sie hat eine Menge gelernt in den letzten Jahren und Erwin, der pensionierte Polizist, hat immer gute Tipps für sie parat. Man freut sich für Bärbel und Frank, dass sie den Bund fürs Leben schließen. Und erlebt bei der Aufklärung des Falls ein paar Überraschungen. Das liest sich gut weg, doch ein wenig kann man verstehen, dass Loretta sich zu neuen Ufern aufmachen will. Die Reihe schließt so als wäre nichts besonderes. In diesem Punkt hätte man eine zündende Idee erwartet und nicht ein Hinausgleiten in den Abendhimmel. Immerhin kann man Loretta und Dennis alles Gute wünschen. Diese liebenswerten Charaktere wird man doch etwas vermissen.

Veröffentlicht am 22.09.2023

Jetzt ist sie weg

Die Erfindung des Lächelns
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Als die Sicherheitsleute im Louvre von einem Besucher darauf hingewiesen werden, dass die Mona Lisa nicht an ihrem Platz ist, reagieren sie erst sehr reserviert. Könnte ja sein, dass sie zum Fotografieren ...

Als die Sicherheitsleute im Louvre von einem Besucher darauf hingewiesen werden, dass die Mona Lisa nicht an ihrem Platz ist, reagieren sie erst sehr reserviert. Könnte ja sein, dass sie zum Fotografieren gebracht wurde. Doch als das Bild nach einiger Zeit immer noch nicht wieder da ist, wird man im Museum doch langsam nervös. Es ist das Jahr 1911 und die Mona Lisa, eine auf den ersten Blick eher unscheinbare Dame, wird zum berühmtesten Gemälde der Welt. Die Polizei beginnt fieberhaft zu ermitteln. Nebenbei werden dabei weitere Diebstähle entdeckt, Der Louvre scheint eine Art Selbstbedienungsladen zu sein.

Die Pariser Bohème im frühen 20. Jahrhundert spielt in diesem historischen Kriminalroman eine große Rolle. Etliche bekannte Persönlichkeiten haben ihren Auftritt und das nicht ohne Grund. Sie führten ein lockeres Leben und schreckten vor manchem Unsinn nicht zurück. Als Gegenpart dazu könnte man die Anarchisten sehen, die mit ihrer guten Sache schwere Verbrechen rechtfertigten. Kommissar Juhel Lenoir hat es ganz schön schwer mit seinen Ermittlungen, denn die Kollegen von der anderen Polizeieinheit halten nicht viel vom Bündeln der Kräfte. Und die Sicherheit im Museum war dermaßen vernachlässigt, dass es schon eher ein Wunder ist, dass überhaupt noch Kunstwerke vorhanden sind. Es gibt also reichlich Verdächtige und kaum Spuren.

Ein historischer Kriminalroman von einem Autor, der einem bisher von seiner Xavier Kieffer Reihe bekannt war. Mal etwas ganz anderes. Da war doch was, denkt man beim Lesen und stellt nach einer Befragung des www fest, dass da tatsächlich was war. Wenn ein Schriftsteller sich zum einen an historische Tatsachen hält, die keineswegs alle gesichert sind, und es doch versteht diese so auszuschmücken, dass ein lesenswerter Krimi dabei herauskommt, hat das. Auch wenn manchmal etwas sehr detailliert geschildert wird und man unsicher wird, wieso das gebraucht werd, so lebt der Roman nicht unerheblich, von den erhellenden Momenten, in denen man dahinter kommt, wie gewisse Züge zusammenhängen. Ein Füllhorn an Ideen, dass einem einen guten Einblick in die Pariser Künstlerkolonien vergangener Tage verschafft.

Veröffentlicht am 21.09.2023

Die Entführung

Kleine Gefallen
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Eine Schneeballschlacht sollte eigentlich ein lustiges Erlebnis für Harry Dresden, seine Elevin Molly und die ganze Familie Carpenter werden. Doch als die Lichter ausgehen, erfolgt ein Angriff ausgerechnet ...

Eine Schneeballschlacht sollte eigentlich ein lustiges Erlebnis für Harry Dresden, seine Elevin Molly und die ganze Familie Carpenter werden. Doch als die Lichter ausgehen, erfolgt ein Angriff ausgerechnet von Feen. Auf der Suche nach dem Grund für den Angriff findet Harry heraus, dass der Gangsterboss John Marcone verschwunden ist. Damit nicht genug die Königin des Winterhofs bittet oder besser verlangt einen Gefallen, den Harry ihr schuldet. Mal wieder geht es in Harrys Leben drunter und drüber und er tut alles, um seine Freunde zu schützen. Karrin Murphy und sein Bruder Thomas helfen so gut sie können und das ist ziemlich gut.

Auch im zehnten Band der dunklen Fälle des Harry Dresden gilt es wieder etliche Gefahren zu bestehen. Zum Glück ist ein Magier weniger kaputtbar als ein normaler Mensch. Dennoch wird es wieder heikel für Harry. Werziegen, Feen, der verschwundene Marcone - eigentlich kann es kaum schlimmer kommen. Doch nicht lange dauert es, da steht Harry wirklich den übelsten Widersachern gegenüber. Deren Ziel ist etwas, an das Dresden gar nicht denken darf. Sollte es gelingen, wäre es fast so als würde die Welt zum Stillstand kommen.

Mal wieder beginnt ein Fall leicht und locker, nur um dann wirklich brisant zu werden und spannend. Nicht zum ersten Mal stellt man fest, dass es gut ist, dass die nächsten Bände der Reihe in relativ kurzen Abständen erscheinen. So ist einem die Handlung noch gegenwärtig und man ist gleich im Bilde, wenn alte Bekannte, über deren Auftauchen man sich manchmal freut, deren Auftauchen aber manchmal auch Furcht und Schrecken auslöst. Immer mehr bekommt man den Eindruck, dass der Autor einen Plan hat. Harry Dresden entwickelt sich weiter sowohl in seinen Fähigkeiten als Magier als auch menschlich. Und so bleibt man an die Reihe gefesselt und verfolgt gebannt die Verwicklungen, die in diesem Bann einen Schritt weiter führen und freut sich auf den nächsten Band, der schon bereitliegt.

Veröffentlicht am 20.09.2023

Großelternurlaub

Doppler
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Auf diese Art bei den Großeltern anzukommen, hat der Junge nicht gedacht. Auf einer Autofahrt verliert sein Vater die Kontrolle über den Wagen. Und die Familienmitglieder landen im Krankenhaus. Der Junge ...

Auf diese Art bei den Großeltern anzukommen, hat der Junge nicht gedacht. Auf einer Autofahrt verliert sein Vater die Kontrolle über den Wagen. Und die Familienmitglieder landen im Krankenhaus. Der Junge ist kaum verletzt und es wird entschieden, dass er den Sommer 1970 bei den Großeltern verbringen soll. Was für eine fremde Welt ist dieses Frankenhayn. So richtig scheint die heutige Zeit noch keinen Einzug gehalten zu haben. Doch irgendwie will man sich eingewöhnen. Die Großeltern werden von allen Mutter und Vater genannt. Die beiden Cousins sind echte Rabauken, die mit ihren Späßen manchmal recht weit gehen. Doch so langsam beginnt der Junge den Geschichten zu lauschen.

Damals gab es noch nicht so ausgiebige Besuchszeiten in den Krankenhäusern und den Kindern wurde auch nicht viel erklärt. Und so wird der Junge in die Welt der Großeltern geworfen. Sie reden nicht viel, dafür arbeiten sie viel und sprechen auch viel dem Wein zu. Sie besitzen einen Weinberg und der will gehegt und gepflegt werden. Abgefüllt wird er irgendwann in Zweiliterflaschen, die Doppler genannt werden. Auch der Junge darf probieren, verkosten nennt man das. Meist ist er auf sich allein gestellt, aber ins Dorfleben eingefügt als wäre er schon immer da gewesen. Manche Dinge sind einfach so und werden auch so genommen wie sie sind.

Auf den Listen der Nominierten zu den Buchpreisen lässt sich immer etwas entdecken. Und wenn es dann ein Autor sowohl auf die Shortlist Debüt des Österreichischen Buchpreises 2023 als auch auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2023 geschafft hat, dann spricht das schon für sich. Es ist eine Schilderung eines Ausschnitts einer Kindheit, die in Erinnerung bleibt. So ein Sommer prägt sicher, der zeitweilige Verlust der Eltern, die Begegnung mit etlichen ersten Malen bei den Großeltern und die Unsicherheit, wie lange der Aufenthalt dauern wird. Vielleicht hätte doch eine Erklärung zu den Unfallfolgen gutgetan und nicht immer wird ganz klar, wie der Junge an einige Geschichten gekommen sein soll. Und doch ist es beeindruckend, wie die Lektüre auch eigene Erinnerungen wachruft und wie viel Zeitgeschichte in den Roman hinein geschrieben wurde. Die Welt der Großeltern ist eine Welt, die auch an die Welt der eigenen Großeltern erinnert, mit dem, was einfach hingenommen wurde, über das nicht groß geredet wurde und in der man doch klarkam. Ein sehr beeindruckendes Erstlingswerk, das gerne gelesen wird.