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Veröffentlicht am 23.07.2021

Der Spezialist

Die Verlorenen
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Vor zehn Jahren verschwand der kleine Sohn des Polizisten Jonah Colley. Daran zerbrach seine Ehe und auch die Freundschaft zu seinem Kollegen Gavin. Umso überraschter ist Colley als Gavin in telefonisch ...

Vor zehn Jahren verschwand der kleine Sohn des Polizisten Jonah Colley. Daran zerbrach seine Ehe und auch die Freundschaft zu seinem Kollegen Gavin. Umso überraschter ist Colley als Gavin in telefonisch um Hilfe bittet. Am Treffpunkt angekommen, findet Jonah ein Schlachtfeld vor, auf dem etliche Tote zu beklagen sind. Obwohl er doch eigentlich ein Opfer ist gerät Jonah unter Verdacht, etwas mit den Todesfällen zu tun zu haben. Er hat nur eine Chance, er muss selbst herausfinden, was geschehen ist.

In diesem ersten Band um den Ermittler Jonah Colley geht es gleich dramatisch zu Sache. Colley, der sich eine Mitschuld am Verschwinden seines Sohnes gibt, kommt in eine unangenehme Lage, nachdem er die Toten gefunden hat. Die Spurenlage ist schlecht und die Polizei stürzt sich auf ihn, anstatt in alle Richtungen zu ermitteln. Und so muss Jonah nachweisen, dass er nichts mit der Tat zu tun hat. Gleichzeitig will er herausfinden, weshalb Gavin ihn kontaktiert hat. Vielleicht ergibt sich sogar eine Spur zu seinem Sohn Theo, dessen Leiche nie gefunden wurde.

Wenn es etwas Neues von Simon Beckett gibt, ist die Aufmerksamkeit sofort groß. als Anhänger der David Hunter Reihe ist man vom Autor allerdings verwöhnt, sodass man dem „Neuen“ etwas skeptisch, aber auch neugierig begegnet. Bei einem Reihenbeginn müssen die Rahmenbedingungen zunächst abgesteckt werden, doch ein depressiver von Selbstvorwürfen zernagter Polizist ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wenn dann auch noch die Kollegen gegen anstatt mit ihm ermitteln, fragt man sich, ob das so sein muss. Nichtsdestotrotz ist der Roman ausgesprochen spannend. Gebannt lauscht man beim Hörbuch dem akzentuierten Vortrag von Johannes Steck, der es ausgezeichnet versteht Sympathien zu wecken. Die Ermittlung gestatltet sich schwierig, weil Colley immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Wie er dem widersteht, nicht aufgibt und hartnäckig nach der Wahrheit sucht, ist fesselnd geschildert.

Auch wenn sich der Autor mit seiner Hunter-Reihe die Messlatte sehr hoch gelegt hat und er sie mit dem ersten Band um Jonah Colley ein klein wenig verfehlt, ist dieser Auftakt doch gelungen und macht Lust auf mehr.

Veröffentlicht am 22.07.2021

Osterferien 1978

Der Hochsitz
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Die beiden 11jährigen Mädchen Sanne und Ulrike haben den Ort im Blick. Von dem Hochsitz aus beobachten sie und damit wissen sie auch einiges, was sie eigentlich nichts angeht. Doch eigentlich wollen sie ...

Die beiden 11jährigen Mädchen Sanne und Ulrike haben den Ort im Blick. Von dem Hochsitz aus beobachten sie und damit wissen sie auch einiges, was sie eigentlich nichts angeht. Doch eigentlich wollen sie am Liebsten Bilder von Fußballern ergattern, denn im Sommer ist die WM. Dabei müssen sie sich ganz schön schlau anstellen, denn die Jungs geben ihnen nichts ab und von den Eltern gibt es kein zusätzliches Taschengeld. Aber die Bilder von den Fahndungsplakaten würden passen. Als in der Nähe ein Bankraub verübt wird, gibt es gleich einen Verdächtigen. Und ein geheimnisvoller Fremder bereist die Gegend.

Wie spannend sind Osterferien oder Ferien überhaupt für die Kinder. Mit ihrer Phantasie können sie aus allem etwas machen und sie sind gewitzt genug, um richtige Schlüsse zu ziehen. Und mit elf Jahren beginnen sie, sich dem Einfluss der Eltern zu entziehen. Nur Gefahren können sie noch nicht richtig einschätzen. Und geraten die Ferien zu einem richtigen Abenteuer. Die Mädchen versuchen an die Bilder zu kommen, wozu auch schon mal die Verstecke der Jungs gefunden werden müssen. Und sie bekommen mehr vom echten Leben mit als ihnen eigentlich guttut. In einem beschaulichen Dorf geschieht mitunter mehr als ein Außenstehender vermuten würde.

Ferien in den 1970ern, das Leben ist oberflächlich ruhig, doch die Jugend ist rebellisch. Manchmal äußert sich das im Drogenkonsum, manchmal geschehen tödliche Unfälle und das Thema Terrorismus ist in aller Munde. Der kleine Ort an der Grenze zu Luxemburg wirkt wie ein Abbild eines beliebigen Ortes zu dieser Zeit, wobei es der Autor hervorragend versteht aus einer Schilderung der Ferienerlebnisse einen tollen Spannungsroman zu machen. Der Art der Erzählweise ist dabei möglicherweise geschuldet, dass einige Dinge vage bleiben. Dennoch kann man sich gut in die beiden 11jährigen hineinversetzten, die langsam aufmüpfig werden, aber noch nicht damenhaft sein müssen. Frech und burschikos radeln sie durch die Gegen, wobei immer eine vorneweg ist. Was entspringt der Phantasie der Kinder, was landet auf dem Schreibtisch von Ortspolizist Reiter? Ein fesselndes Ferienbild, das Erinnerungen an die eigenen Ferien weckt.

Veröffentlicht am 20.07.2021

Stunden der Entscheidung

Dreieinhalb Stunden
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Fährt der Interzonenzug von München nach Berlin am 13.August 1961 zum letzten Mal? Viele der Fahrgäste wollen in ihre ostdeutsche Heimat. Doch das Gerücht läuft durch den Zug wie ein Lauffeuer. „Sie bauen ...

Fährt der Interzonenzug von München nach Berlin am 13.August 1961 zum letzten Mal? Viele der Fahrgäste wollen in ihre ostdeutsche Heimat. Doch das Gerücht läuft durch den Zug wie ein Lauffeuer. „Sie bauen eine Mauer.“ Sollte dies der Wahrheit entsprechen, wäre es die vorerst letzte Chance im Westen zu bleiben. Wie wäre das für das Ehepaar mit zwei Kindern? Oder für die Mitglieder einer Band, die im Osten nichtmal ihren eigentlichen Namen führen dürfen? Wie würde die Ostdeutsche Lokführerin entscheiden, die den Zug hinter der Grenze im Westen übernimmt, um nach Berlin weiterzufahren?

Verschiedenste Charaktere treffen in diesem Zug aufeinander. Jung und alt, gesetzt oder im Aufbruch. Risse gehen teilweise durch die Familien und es ist fraglich, ob man trotz der Risse zusammenhalten wird. Und man kann sich auch fragen, ob in der DDR wirklich alles schlechter ist. Möglicherweise ist der Sozialismus in einigen Bereichen fortschrittlicher als der Westen, der an althergebrachte Werte anknüpfte. Kann man also die Augen verschließen und auf die Freiheit verzichten, die im Einzelnen vielleicht garnicht so groß ist? Die Reisenden stehen unerwartet vor diesem Dilemma und sie haben nur wenig Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. In etwas über drei Stunden werden sie die Grenze erreichen und im Zug bleiben oder aussteigen.

Am 13.August jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum sechzigsten Mal. Aus diesem Anlass wird es einen TV-Film geben, der sich mit dieser Zugfahrt beschäftigt. Der Autor dieses Romans hat gemeinsam mit Beate Fraunholz auch das Drehbuch zu dem Film verfasst. Das erklärt vermutlich die szenischen Beschreibungen in kurzen Kapiteln, die dem Roman ein schnelles Tempo verleihen. Man ist dadurch auch sehr nah an den handelnden Personen, was einem einen eindringlichen Eindruck verschafft, wie diese Zugfahrt wohl abgelaufen sein könnte. Vielleicht kann man sich nicht in jeden gleich gut hineinversetzen, doch insgesamt ist man gepackt und berührt von den Schicksalen der Reisenden. Ein mitreißendes Buch, das sich relativ schnell inhalieren lässt und neugierig auf den Film macht.

Veröffentlicht am 18.07.2021

Ein Hoch auf die Freundschaft

Der Shelly Bay Ladies Schwimmclub
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Seit ihrer Jugend geht Marie täglich schwimmen. Schon seit fünf Jahren ist ihr Mann Norm tot. Marie merkt, dass ihr Leben ärmer wird. Doch als die junge Theresa am Strand auftaucht und fragt, ob sie gemeinsam ...

Seit ihrer Jugend geht Marie täglich schwimmen. Schon seit fünf Jahren ist ihr Mann Norm tot. Marie merkt, dass ihr Leben ärmer wird. Doch als die junge Theresa am Strand auftaucht und fragt, ob sie gemeinsam schwimmen wollen, ist Marie sehr erfreut. Zu ihren Treffen kommen bald auch Leanne und Elaine. Theresa nimmt sich diese morgendliche Zeit, obwohl sie mit ihren Kindern und ihrem Ehrenamt sehr eingespannt ist. Zum ersten Mal ins Meer wagt sich Leanne, die gerade erst schwimmen gelernt hat. Und Elaine ist gemeinsam mit ihrem Mann nach Australien gekommen, heimisch fühlt sie sich noch nicht.

Welch glückliche Fügung, dass diese vier unterschiedlichen Frauen ihr gemeinsame Liebe zum Schwimmen im Meer finden. Zunächst sind sie eher zurückhaltend und sie konzentrieren sich aufs Schwimmen. Doch nach und nach geben sie mehr von sich preis. Je mehr Vertrauen sie zueinander fassen, desto mehr ändert sich auch ihr Leben und das nicht nur in Bezug auf ihre aufblühende Freundschaft, sondern auch im Hinblick auf ihre Familien und Freunde. Ihre Zeit schweißt sie zusammen und öffnet sie für Neues. Natürlich ist nicht immer alles leicht, doch gemeinsam angegangen wird vieles leichter.

Ruhig beginnt dieser Roman, doch in der Ruhe liegt die Kraft. Man hat Zeit Marie, Theresa, Leanne und Elaine näher kennenzulernen. Und sie wachsen einem alle ans Herz mit ihren Problemen und ihrem Mut diese anzugehen. Nicht alle handelnden Personen sind sympathisch und manche wirken etwas oberflächlich, aber die vier Freundinnen reißen wirklich alles raus. Aus einer Phase des Innehaltens schaffen sie es, ihr Leben anzupacken und neu zu ordnen. Dabei sind sie warmherzig und einander zugewandt. Das macht die Lektüre zu einer berührenden Erfahrung. Solche Freundschaft wünscht man sich, die an den schlechten Tagen ebenso unterstützt wie an den guten.

Dieser schöne gefühlvolle Familienroman kann nur wärmstens empfohlen werden.

Veröffentlicht am 17.07.2021

Zwei wie Pech und Schwefel

Alte Sorten
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Liss hat sich allein auf dem Elternhof eingerichtet. Sie lebt bodenständig mit der harten Feldarbeit, wobei sie nicht jedes moderne Gerät nutzt. Sally dagegen ist jung und sie möchte nur ihre Ruhe haben. ...

Liss hat sich allein auf dem Elternhof eingerichtet. Sie lebt bodenständig mit der harten Feldarbeit, wobei sie nicht jedes moderne Gerät nutzt. Sally dagegen ist jung und sie möchte nur ihre Ruhe haben. Bei ihren Eltern findet sie kein Verständnis, sie wollen sie behandeln, damit sie normal ist. Deshalb ist Sally kurz vor dem Abitur abgehauen. Und so landet sie im Dorf von Liss. Diese hat im Weinberg ihren Anhänger festgefahren und sie bittet Sally um Hilfe. Diese will sich wehren wie immer, doch sie merkt, dass es einfach nur eine Frage war, aus der Situation heraus und weil sie gerade da war. Und Sally hilft.

So beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten. Liss scheint im Dorf nur bei wenigen Leuten beliebt zu sein. So wie sie links liegen gelassen wird, lässt sie die anderen auch links liegen. Gesellschaft ist sie nicht mehr gewöhnt. Mit ihrer verschlossenen Art schließt sie nicht leicht Bekanntschaften. Sally, die so genommen werden möchte wie sie ist, findet bei Liss genau das. Liss fragt nicht viel und Sally erzählt nicht viel. Die Arbeit auf dem Hof, die Maschinen, die Früchte der Erde, das ist es was Liss erklären kann und das ist es, was Sally förmlich aufsaugt.

Die Bücher von Ewald Arenz sind alle gut bis sehr gut. Er hat einfach eine tolle Art zu schreiben. Auch wenn es am Schluss etwas sehr dramatisch wird, was nicht ganz zum Rest des Buches passt, wie der Autor die ungewöhnliche Freundschaft zwischen diesen sehr unterschiedlichen Frauen beschreibt, ist einfach klasse. Das einfache und arbeitsreiche Leben auf dem Hof kann man sich sehr gut vorstellen. Und immer wieder wird fast beiläufig eingeworfen, wie sich das Leben der Beiden bis zu diesem Punkt entwickelt hat.

Es ist eines dieser Bücher, die man in die Hand nimmt und die man nicht mehr niederlegt bis man sie ausgelesen hat. Genau richtig für einen Sommertag im Garten zwischen alten Obstbäumen.