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Veröffentlicht am 31.07.2022

Nah an der Realität

Der Geruch von Wut
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Die Familie von Alex war in einen schweren Unfall verwickelt, bei dem Alex' Vater starb und Alex selbst wochenlang im Koma lag. Nachdem er einigermaßen genesen ist, ist er voller Wut auf den Fahrer des ...

Die Familie von Alex war in einen schweren Unfall verwickelt, bei dem Alex' Vater starb und Alex selbst wochenlang im Koma lag. Nachdem er einigermaßen genesen ist, ist er voller Wut auf den Fahrer des anderen beteiligten Autos, den Alex für den Schuldigen hält. Er will sich an dem Mann, einen schwarzen Einwanderer, rächen und sucht in in der ganzen Stadt. Als er allein nicht weiter kommt, schließt er sich den "Black Boys" an, einer Gruppe, die den Schwarzhemden Mussolinis nacheifert und brutal gegen Einwanderer vorgeht. Alex rutsch nach und nach immer weiter in die Szene hinein, aber er fühlt sich nicht wohl dabei.
Das Buch ist in viele kurze Kapitel gegliedert und dadurch auch für Jugendliche sehr gut lesbar. Es ist spannend bis zum Schluss und das Ende hat mich sehr überrascht.
Ich halte es nicht für ein reines Jugendbuch, auch Erwachsenen erschließt sich die Welt der Jugendlichen durch diese Geschichte sehr gut. Die autoritären Strukturen einer rechten Gruppe werden deutlich, aber auch die Tatsache, dass man nicht aufgeben darf, um junge Menschen aus diesen Gruppen herauszuholen.
Lesenswert für junge und ältere Menschen!

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Veröffentlicht am 28.07.2022

Zwischen Krimi und Zeitgeschichte

Samson und Nadjeschda
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Der junge Samson hat bei einem Überfall von Rotarmisten im Kiew des Jahres 1919 sowohl seinen Vater als auch ein Ohr verloren. Das Ohr bewahrt er in einer Bonbondose auf und es entwickelt die wunderbare ...

Der junge Samson hat bei einem Überfall von Rotarmisten im Kiew des Jahres 1919 sowohl seinen Vater als auch ein Ohr verloren. Das Ohr bewahrt er in einer Bonbondose auf und es entwickelt die wunderbare Fähigkeit seinem ehemaligen Besitzer zuzuflüstern, was in der Umgebung des Ohres gesprochen wird, auch wenn es meilenweit entfernt ist.
Samson kommt durch Zufall zur Miliz, denn er hat eine schöne Schrift und kann sich gut ausdrücken. Eine Ausbildung erhält er bis auf ein kurzes Schießtraining nicht. Er soll halt alte Akten lesen. Zur gleichen Zeit lernt er Nadjescha kennen, die beim Statistikamt arbeitet und in die er sich verliebt.
Samsons erster Fall ist der Diebstahl von Silber und er kniet sich richtig hinein.
Das Buch ist manchmal lustig und skurril, manchmal tragisch und grausam, es lehnt sich dicht an die Zeitgeschichte aus der Oktoberrevolution an. Ist es Zufall, dass es in Kiew spielt? In diesem Roman wird deutlich, dass die Stadt schon lange ein Spielball russischer Interessen war, das ist nicht erst seit Putin so.
Das Buch empfand ich manchmal als langatmig und es ist nicht unbedingt ein Spannungsknüller, die Geschichte geht eher gemächlich voran. Das muss man mögen und sich darauf einlassen. Mir persönlich wäre etwas mehr Spannung lieber gewesen. Trotzdem hat mir der Schreibstil gefallen, aber da ist sicher noch Luft nach oben, wenn aus Samson der Held einer Krimireihe werden soll.

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Veröffentlicht am 19.07.2022

Nicht ganz überzeugend

Der Fremde
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Julia und Tony führen mit ihren beiden Kindern ein fast perfektes Leben, würde nicht Tony sich immer noch als der Beschützer seines jüngeren Halbbruders Nick fühlen, der bei Eltern aufwuchs, die mit der ...

Julia und Tony führen mit ihren beiden Kindern ein fast perfektes Leben, würde nicht Tony sich immer noch als der Beschützer seines jüngeren Halbbruders Nick fühlen, der bei Eltern aufwuchs, die mit der Erziehung eines Kindes vollkommen überfordert waren. Als der homosexuelle Nick von einem unbekannten Mann brutal vergewaltigt wird, hinterlässt der Vorfall Spuren in der Familie. Julia, die Anwältin ist, macht ihre Familie und auch die Leser mit dem amerikanischen Rechtssystem vertraut, bei dem es vor allem darauf ankomt, wer überzeugender ist. Als ein Verdächtiger verhaftet wird, ist das noch lange nicht das Ende der Geschichte, denn eine Schlammschlacht beginnt, die alle bis an die Grenzen des Erträglichen führt.

Das Buch greift eine für die oftmals prüde amerikanische Gesellschaft ungewöhnliche Konstellation auf. Ich habe zumindest bisher noch kein amerikanisches Buch über eine Vergewaltigung unter Männern gelesen. Die Autorin geht mit dem Thema sensibel um, Gewaltszenen bleiben den Lesern weitgehend erspart. Trotzdem ist das Thema natürlich immer präsent.

Ich fand das Buch etwas langatmig, das amerikanische Rechtssystem wird sehr ausführlich behandelt und oft geht es über lange Strecken nicht voran. Statt dessen gibt es viel Selbstbespiegelung auf Kosten der Spannung. Auch schienen mit die Charaktere nicht wirklich stimmig, besonders mit Tony hatte ich einige Probleme.

Insgesamt war das Buch aber gut zu lesen und das Thema interessant. Ein besonderes Lesehighlight war es aber nicht.

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Veröffentlicht am 19.07.2022

Typischer Schwedenkrimi

Sturmrot
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Das Buch mit dem blutroten Cover sticht gleich ins Auge. Ich mag dieses schlichte, aber auch zugleich raffinierte Cover.
Olof Hagström findet seinen Vater ermordet in dessen Dusche. Olof war seit vielen ...

Das Buch mit dem blutroten Cover sticht gleich ins Auge. Ich mag dieses schlichte, aber auch zugleich raffinierte Cover.
Olof Hagström findet seinen Vater ermordet in dessen Dusche. Olof war seit vielen Jahren nicht mehr in dem Dorf im Norden Schwedens, in dem er aufgewachsen war, denn er soll als Vierzehnjähriger ein Mädchen ermordet haben und wurde danach von seinen Eltern ins Heim geschickt.
Die junge Polizistin Eira Sjödin hilft bei den Ermittlungen zu dem Mord und findet Spuren in die Vergangenheit, denn sie kennt die Menschen hier gut und und ist sensibel genug, um die Menschen einschätzen zu können. Dann wird eine alte Leiche gefunden und das gibt den Ermittlungen eine ganz neue Richtung.
Das Buch ist gut und lesbar geschrieben und vor allem am Schluss sehr spannend. Tove Alsterdal kennt die Menschen und die Gegend, in der sie leben, sehr gut und das merkt man. Dadurch wird das Buch sehr authentisch. Manchmal geht das allerdings auch auf Kosten der Spannung.
Das Buch ist der Auftakt zu einer neuen Reihe um Eira Sjödin und ich habe es gern gelesen. Spannungsmäßig ist allerdings noch Luft nach oben.

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Veröffentlicht am 19.07.2022

Melancholische Familiengeschichte

Beifang
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Frank Zimmermann ist auf der Suche nach seinen Wurzeln. Dafür fährt er in seine alte Heimat Selm-Beifang am Nordrand des Ruhrgebiets, wo seine Eltern gerade ihr Haus verkauft haben und in eine Seniorenwohnung ...

Frank Zimmermann ist auf der Suche nach seinen Wurzeln. Dafür fährt er in seine alte Heimat Selm-Beifang am Nordrand des Ruhrgebiets, wo seine Eltern gerade ihr Haus verkauft haben und in eine Seniorenwohnung gezogen sind. Da Franks Vater wenig zu erzählen weiß über die Kindheit mit seinen 10 Geschwistern, der Enge einer 60-qm-Zechenwohnung und die gewalttätigen Eltern, sucht Frank nach und nach die Geschwister des Vaters auf, um von ihnen mehr zu erfahren. Dabei entfaltet sich ein Kaleidoskop von Lebensentwürfen. Alkoholkrank und bitter arm oder wohlhabend mit einem Porsche in der Garage - dazwischen gibt es in der Reihe der Geschwister alles. Aber alle haben unterschiedliche Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die von Schlägen und Hunger geprägt war.
Martin Simons entwickelt in seinem Buch ganz langsam die Geschichte einer Familie, wie es sie nach dem 2. Weltkrieg häufig gab. Es gab Familien, die durch das Raster des Wirtschaftswunders fielen und als "asozial" galten, man hielt sich besser von ihnen fern. Die Hintergründe wollte man nicht wissen.
Mich hat das Buch sehr berührt, denn diese Jahre waren auch meine Kindheit. Die Väter, die beschädigt aus dem Krieg heimkehrten und sich orientieren mussten, die Frauen, die ihre Fähigkeiten nicht ausleben konnten, sondern zum Hausfrauendasein zwischen Küche, Kirche und Kindern verdammt waren, Lehrer, die schlugen, aber auch die schönen Familienzusammenkünfte, bei denen es hoch herging, das alles gehörte dazu.
Simons bringt das alles wunderbar sensibel auf den Punkt. Besonders hat mich der Schluss berührt, ein Mann mit elf Kindern stirbt ganz allein im Krankenhaus.
Ein sehr gutes Buch über die Realität in den 1950er Jahren.

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